Ermöglicher der Industrie 4.0 und Hoffnungsbranche für die Post-Corona-Wirtschaftswelt: Für die Stärkung des Produktionsstandorts Europa kommt der Branche der Automatisierungstechnik eine Schlüsselrolle zu. Eine enorme Chance für steirische Unternehmen der Industrieautomation, die technologisch seit Jahren zur Weltspitze zählen und gerade in der Corona-Krise ihre Schlagkraft beweisen.

Sie galt schon bisher als heimliches Stärkefeld der Steiermark: die Branche der Automatisierungstechnik und Industrieautomation. Hohe Wachstumsraten, überdurchschnittliche Exportquoten und außergewöhnliche Innovationskraft – die heimischen Unternehmen der Industrieautomatisierung stärken seit Jahren die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Steiermark. Die Corona-Pandemie könnte der Branche nun den nächsten Evolutionsschritt bescheren und sie endgültig aus dem Windschatten klassischer steirischer Stärkefelder hervortreten lassen – als Schlüsselbranche für das Vorantreiben der Industrie 4.0 und als Katalysator für die Stärkung des Industriestandorts Europa.

„Automatisierung und Digitalisierung haben durch die Corona-Krise zweifellos einen zusätzlichen Schub bekommen. Wenn Europa die Stärkung der Industrie und  Rückverlagerung von Produktionen erreichen will, dann führt an Automatisierung kein Weg vorbei. Eine Entwicklung, die gerade der Steiermark mit seinen leistungsfähigen Unternehmen enorme Chancen bietet“, erklärt Herbert Ritter, Vorsitzender der von ihm ins Leben gerufenen Plattform Automatisierungstechnik Steiermark. Darin vernetzen sich knapp 90 Unternehmen, Forschungs- und Bildungseinrichtungen rund um Leitbetriebe wie PIA Automation, Knapp AG und SSI Schäfer, um Synergien zu nutzen und die Sichtbarkeit der Branche zu erhöhen.

Hightech-Anlagen aus Obdach

Mit welcher Schlagzahl die Branche in der Lage ist, binnen kürzester Zeit neue Produkte zu entwickeln und automatisiert in hoher Stückzahl herzustellen – etwa im Bereich Medizintechnik und dringend benötigter Schutzausrüstung –, bewiesen zahlreiche Betriebe in den vergangenen Wochen. Allen voran der Sondermaschinenbauer Hage aus Obdach. In der Rekordzeit von zwei Wochen gelang es dem Unternehmen am Höhepunkt der Corona-Pandemie, gemeinsam mit der Med Uni Graz ein voll einsatzfähiges druckkontrolliertes Beatmungsgerät für Covid-19-Patienten zur Serienreife zu entwickeln. Zahlreiche Medien berichteten, prompt erhielt Hage vom Wirtschaftsministerium auch den Lead in der Krisen-Taskforce zur Entwicklung von Notfall-Beatmungsgeräten.

Peter Freigassner, Geschäftsführer des Sondermaschinenbauers Hage

Peter Freigassner, Geschäftsführer des Sondermaschinenbauers Hage

„Die Idee dazu entstand aus dem spontanen Impuls, auf eine Notlage – nämlich den drohenden Engpass bei Beatmungsgeräten – zu reagieren“, erklärt Hage-Geschäftsführer und Mastermind des Projekts Peter Freigassner rückblickend. „Aber es war nie unser Ziel, zu einem Hersteller für Beatmungsgeräte zu werden, geschweige denn von der Krise durch Produktion dringend benötigter Geräte zu profitieren.“

Nachdem der medizinische Notfall im befürchteten Ausmaß bekanntlich ausblieb, bemühte sich das Unternehmen auch nicht weiter um die Erteilung einer entsprechenden Notfall-Zulassung. Freigassner: „Noch nie in der Firmengeschichte waren wir so froh, Geräte nicht produzieren zu müssen und Aufträge nicht zu bekommen.“ Dennoch habe es unzählige Anfragen aus dem Ausland gegeben. „Darunter waren sowohl seriöse als auch unseriöse Kontakte – bis hin zu einer Anfrage für 5.000 Geräte aus Ghana. Letztlich haben wir alle Bestellungen abgelehnt, ohne entsprechende Zulassungen können wir keine Exporte verantworten. Das wäre reine Geschäftemacherei und im Widerspruch zu unseren ethischen Standards.“ Versanden lassen möchte Hage das technologische Erfolgsprojekt dennoch nicht – derzeit ist eine Fortführung als Forschungsprojekt unter dem Lead der TU Graz geplant. Auch darüber hinaus hat das Projekt dem Unternehmen viel Prestige und Anerkennung eingebracht. „Viele namhafte Industriebetriebe haben sich bei uns gemeldet, die bereit waren, sich an dem Projekt zu beteiligen. Das sehe ich absolut positiv für die zukünftige Entwicklung unseres Unternehmens.“

Auch darüber hinaus schätzt Freigassner die wirtschaftlichen Vorzeichen für das Unternehmen trotz Krise gut ein. „Vor allem durch die Reisebeschränkungen, die Inbetriebnahmen und Montagen von Anlagen verunmöglichten, haben uns schwer getroffen. Aber langsam nähern wir uns wieder dem Regelbetrieb und uneingeschränkter Tätigkeit aller 130 Mitarbeiter. „Ein echtes Back to normal sehen wir aber erst dann, wenn der angefallene Rückstau, bedingt durch die Ausfälle in der Pandemie, wieder abgearbeitet sind – das wird uns bis Ende des Jahres beschäftigen“, so Freigassner.

Im Trend: Anlagen für das innovative Rührreibschweißen

Im Trend: Anlagen für das innovative Verfahren des Rührreibschweißens

Das Wichtigste: Die Auftragslage entwickle sich zufriedenstellend. „Wir merken zwar eine gewisse Investitionsscheu, der Grund dafür liegt aber auch daran, dass Investitionsentscheidungen in großen Unternehmen aufgrund der Home-Office-Situation  länger brauchen als gewohnt. Aber es liegen viele Anfragen am Tisch“, bestätigt Freigassner. „Soeben konnten wir einen Großauftrag eines Neukunden an Land ziehen – und das rein über virtuelle Anbahnung, ohne ein einziges physisches Treffen.“ Der Auftrag beinhaltet eine Anlage für ein Automobilwerk in Serbien. Ein Folgeauftrag steht bereits im Raum. „Einen regelrechten Boom erleben zur Zeit Werke für die Fertigung von Batteriewannen für E-Autos. In diesem Bereich gibt es laufend Aufträge“, so der Hage-Geschäftsführer. Auch Maschinen für die Fertigung von Crashbox-Systemen in Fahrzeugen würden stark nachgefragt. „Steigende Nachfrage erleben wir auch bei Anlagen zum Rührreibschweißen – eine Technologie, die das Schweißen dickwandiger Bleche erlaubt.“ Dazu kommt der Bereich Raumfahrt, in dem Hage seit Jahren erfolgreich tätig ist. Das Unternehmen lieferte bereits vor Jahren Anlagen für die Produktion von Tankverschlussklappen für die Ariane 6 nach Deutschland. „„Ein Nachfolgeprojekt steht nun vor dem Abschluss. Zudem führen wir Gespräche mit Vertretern der russischen und auch der indischen Raumfahrt“, bestätigt Freigassner, der trotz derzeit angespannter Lage am Arbeitsmarkt keine Linderung des Fachkräftemangel erwartet: „Wir suchen aktuell Mechatroniker, Programmierer und Elektrotechniker zur langfristigen Verstärkung unseres Teams.“

Ein Paradoxon, das auch Helmut Röck, Geschäftsführer der ARGE Plattform Automatisierungstechnik Steiermark AT Styria bestätigt: „Für unsere Branche hat sich der Fachkräftemangel trotz Rekordarbeitslosigkeit nicht entschärft. Die von der Branche gesuchten Fachkräfte sind in allen ihren Unternehmen Schlüsselfachkräfte und werden daher in der Regel auch in der Krise nicht freigesetzt. Wir hoffen, dass sich dank dieser Arbeitsplatzsicherheit in der Automatisierungstechnik künftig mehr Berufsein- und auch -umsteiger für unserer Branche entscheiden.“

Boom durch E-Mobility und Typenvielfalt

Keine allzu dramatischen Auswirkungen der Krise erwartet auch Michael Kolb, Geschäftsführer und Gesellschafter des Automatisierungsspezialisten Pentanova mit Sitz in Gleisdorf und Niederlassungen in Osteuropa, Nordamerika und China. Das Unternehmen mit weltweit 250 Mitarbeitern – 50 davon am steirischen Standort – plant und realisiert elektrotechnische Anlagen für die Industrie, vorwiegend für den Bereich Automotive. Pentanova liefert Lösungen für Fahrzeugendmontagen, Lackierstraßen und Fördertechniksysteme an die Crème de lá Crème der deutschen Automobilhersteller – VW, Audi, BMW, Daimler und Porsche zählen zu den Auftraggebern. Auch für den amerikanischen E-Mobility-Vorreiter Tesla hat das Gleisdorfer Unternehmen bereits Aufträge umgesetzt. Ebenso zählt Magna-Steyr, zuletzt mit einem neuen Werk in Maribor, zu den Kunden. „Wir rechnen in den kommenden ein, zwei Jahren mit Einbrüchen am Markt und damit, dass Investitionen zurückgehen. Dennoch bin ich zuversichtlich, dass wir die Krise gut übertauchen werden.“ Seine Zuversicht befeuern sowohl betriebliche Faktoren als auch allgemeine Markttrends. „Industrie 4.0 erfordert einen immer höheren Automatisierungsgrad. Der Trend geht bei unseren Auftraggebern seit Jahren klar in diese Richtung und wird durch die Krise noch verstärkt“, erklärt Kolb. „Wir sehen, dass Produktionen in Hochlohnländern wieder forciert werden. Automatisierung und der Einsatz von Robotik reduzieren manuelle Tätigkeiten und damit die Lohnkosten.“

Pentanova-Geschäftsführer Michael Kolb

Pentanova-Geschäftsführer Michael Kolb

Einen weiteren Grund für positive Ausblicke sieht der Oststeirer in der zunehmenden Modell- und Typen-Vielfalt in der Automobilindustrie. „Diese Vielfalt spiegelt sich auch in immer komplexeren Anlagen mit zunehmender Flexibilität wider – das spielt uns in die Hände“, so der Unternehmer. „Je mehr Modelle auf einer Fertigungslinie produziert werden, desto höher die Anforderungen.“ Auch der Trend in Richtung E-Mobilität trägt zu einem höheren Investitionsbedarf bei den OEMs bei. So lieferte Pentanova in den vergangenen Jahren für den VW-Konzern Anlagen für die Endmontage des neuen, mit Spannung erwarteten ID.3 des E-Mobility-Werks in Zwickau, wo der revolutionäre modulare E-Antriebsbaukasten (MEB) zum Einsatz kommt. „Auf unseren Anlagen findet die Hochzeit statt, also die Vereinigung von Fahrwerk und Chassis – das Herzstück der Endmontage“, erzählt Kolb nicht ohne Stolz. Auch der Auftrag für weitere Anlagen in einer neuen Produktionshalle in Zwickau wurde bereits fixiert. Zudem läuft gerade die Ausschreibung für ein E-Mobilitätswerk von Volkswagen in Emden – auch daran wird Pentanova teilnehmen. Chancen für einen neue Großauftrag rechnet sich Kolb auch beim geplanten Tesla-Werk in Berlin aus. „Insgesamt ist die Auftragslage derzeit durchaus zufriedenstellend“, fasst Kolb zusammen. „Einerseits arbeiten wir bestehende Aufträge ab, zum anderen kommen neue herein bzw. befinden wir uns laufend in Verhandlungen.“ Allein die Preisentwicklung mache ihm Sorgen. „Diese sind derzeit im Keller, das muss man ehrlich sagen. Wir sind froh, dass wir als vorsichtige Kaufleute in den vergangenen Jahren einen gewissen Polster erwirtschaftet haben.“ Ein Liquiditätspuffer, der in Zeiten der Krise Sicherheit gibt. Kolb: „Wer nicht vorgesorgt hat, für den könnte es in den kommenden Jahren eng werden. Ich denke, wir werden in der Branche eine gewisse Marktbereinigung erleben.“

Elektrotechnische Anlagen für Automobilwerke auf der ganzen Welt liefert der Gleisdorfer Automatisierungsspezialist Pentanova

Elektrotechnische Anlagen für Automobilwerke auf der ganzen Welt liefert der Gleisdorfer Automatisierungsspezialist Pentanova

Branchenvielfalt als Krisenprophylaxe

Traditionell ebenfalls einen Schwerpunkt im Bereich Automotive hat das steirische Ingenieurbüro Sallegger Technologies mit Sitz in Fürstenfeld. „Seit einiger Zeit sehen wir die Branche allerdings im Abschwung, der sich durch die Corona-Krise noch verstärkte“, so Gründer und Geschäftsführer Hubert Sallegger. „Daher sind wir seit Jahren bestrebt, unsere Standbeine auszuweiten – was uns zum Glück gut gelungen ist.“ Mittlerweile arbeitet der Maschinenbaukonstrukteur für Auftraggeber aus einem breiten Branchenspektrum, zu dem neben der Automobilindustrie auch Unternehmen aus der Konsumgüter- und Elektronikindustrie, der Pharma- und Tabakindustrie, der Agrar- und Umwelttechnik sowie dem Bereich Maschinen- und Anlagenbau zählen. Kernkompetenz des oststeirischen Unternehmens ist das Engineering automatisierter Industrieanlagen. Montageautomation, Prüf- und Messtechnik sowie Roboterzellen von Sallegger erhöhen die Schlagzahl der Auftraggeber in der Fertigung. „Wir arbeiten für sehr renommierte Konzerne und verfügen über schöne Referenzprojekte, die wir aber nicht öffentlich nennen dürfen“, so Sallegger. „Sie können aber davon ausgehen, dass wir direkt und indirekt für namhafte europäische Marken tätig sind.“ Eine Vielzahl der Anlagen plant das Unternehmen gemeinsam mit ematric, einem im selben Haus angesiedelten Automatisierungsspezialisten im Bereich Software und Elektroplanung. „Wir ergänzen uns perfekt. Gemeinsam sind noch größere Projekte im Engineering für den Anlagen- und Sondermaschinenbau möglich“, so der Unternehmer. Beste Geschäftsbeziehungen bestehen auch mit einem anderen Nachbarn, dem Kühlkompressorenhersteller Nidec, der als Auftraggeber auf die Dienstleistungen von Sallegger setzt.

Industrieautomation im großen Stil sowie innovativer 3D-Druck für die Serie: Hubert Sallegger vom Ingenieurbüro Sallegger in Fürstenfeld

Industrieautomation im großen Stil sowie innovativer 3D-Druck für die Serie: Hubert Sallegger vom Ingenieurbüro Sallegger Technologies in Fürstenfeld

Zuletzt freute sich der Fürstenfelder Engineering-Spezialist über einen Großauftrag aus der Tabakindustrie. Für den Fürstenfelder Standort eines internationalen Konzerns konzipierte Sallegger eine neuartige Verpackungsmaschine. Insgesamt sieht Hubert Sallegger in der Krise auch positive Signale für die europäische Industrie. „Derzeit überwiegt das Tal der Tränen, aber wenn die Unternehmen ihre Ankündigungen ernst nehmen und die Globalisierung zurückschrauben möchten, sehe ich große Chancen für neue Produktionen und damit für unsere Branche. Dazu braucht es allerdings dringend staatliche Investitionsanreize.“

Sein Unternehmen sieht er für die Zukunft gut gerüstet. „Dank eines schlagkräftigen Teams von 35 Mitarbeitern können wir auch große Projekte stemmen. Das zweite große Asset bildet das branchenübergreifende Know-how, das uns einen Wettbewerbsvorteil verschafft.“ Eine Investition in die Zukunft tätigte Sallegger zuletzt mit 3D-Druckern, die neben dem Engineering auch in der Produktentwicklung und Lohnfertigung für Prototypen und Serien eingesetzt werden. „Damit können wir auch sehr komplexe Geometrien für unsere Kunden kostengünstig drucken und sehen enormes Potenzial in dieser neuen Fertigungstechnologie. Auch größere Serien bis zu 10.000 Stück sind damit bereits wirtschaftlich möglich.“ Bewiesen hat Sallegger dies zuletzt in der Corona-Krise, als er kurzerhand zwei Produkte konstruierte und mittels 3D-Druck produzierte: einen Türöffner, der das Öffnen von Türgriffen ohne Berührung ermöglicht, und ein Gesichtsvisier als Ersatz für Mundschutzmasken. Sallegger: „Mit beiden Innovationen konnten wir das Potenzial des 3D-Drucks eindrucksvoll bestätigen.“

Abfüllanlage für Desinfektionsmittel in Rekordzeit

Stefan Knöbl, Geschäftsführer von Maschinenbau Brunner aus dem burgendländischen Wolfau

Stefan Knöbl, Geschäftsführer von Maschinenbau Brunner aus dem burgendländischen Wolfau

Wer schnell hilft, hilft bekanntlich doppelt. Ein Best-Practise-Beispiel aus der Kategorie Highspeed & Highperformance lieferte die im burgendländischen Wolfau angesiedelte Maschinenbau Brunner GmbH. In der Rekordzeit von zehn Tagen entwickelt und realisierte das Unternehmen im Auftrag des Hartberger Naturkosmetikanbieters Ringana eine leistungsfähige Abfüllanlage für Desinfektionsmittel. Nicht weniger als 3.000 Fläschchen schafft die Anlage am Tag – eine Schlagzahl, die Ringana am Höhepunkt der Pandemie ermöglichte, den hohen Bedarf seiner Kunden zu befriedigen. Darüber hinaus ist Brunner in unterschiedlichen Branchen als Maschinenbau- und Automatisierungsunternehmen tätig. „Das Spektrum reicht von Automotive bis zur Baustoff- und Lebensmittelindustrie“, erklärt Geschäftsführer Stefan Knöbl. „Gerade in unsicheren Zeiten schätzen wir es, auf mehreren Standbeinen zu stehen“, so Knöbl, der sein Unternehmen künftig noch stärker im Bereich Automatisierung positionieren möchte. „Wir wollen in Zukunft vermehrt als Komplettanbieter auftreten und alles aus einer Hand anbieten.“ Wie reagieren die Kunden auf die Krise? „Die Anfragen sind da. Wir sehen, dass viele Unternehmen während des Shutdowns Zeit hatten, um über Prozesse in ihrem Unternehmen nachzudenken. Die Frage ist nun aber, ob diese dann auch bereit sein werden zu investieren. Es wird also ein spannender Herbst.“

In Rekordzeit baute Brunner diese Desinfektionsmittel-Abfüllanlage für den Naturkosmetikanbieter Ringana

In Rekordzeit baute Brunner diese Desinfektionsmittel-Abfüllanlage für den Naturkosmetikanbieter Ringana

Crashtests für Mensch und Maschine

Zu den wichtigsten Werkzeugen der Automatisierung zählen Roboter. Intelligente Maschinen schweißen, bohren, heben und sortieren – vermehrt in unmittelbarer Arbeitsumgebung von menschlichen Arbeitskräften. Mensch und Maschine drohen in der Welt 4.0 buchstäblich aneinander zu geraten – mit potenziell gefährlichen Folgen für die vulnerable Gruppe Mensch. Sicherheitsaspekten in automatisierten Arbeitswelten kommt daher eine Schlüsselrolle zu. Doch wie sicher ist sicher? Und wer bestimmt, welche Maßnahmen ausreichend sicher sind? Damit gewinnen Zertifizierungen für Robotiksicherheit an Bedeutung. Für internationales Aufsehen sorgt nun das ROBOTICS Evaluation Lab vom Institut für Robotik und Mechatronik der JOANNEUM RESEARCH. Als erste und einzige Prüfstelle in Europa erlangte das Institut die Akkreditierung zur validen Messung der potenziellen Krafteinwirkung in der Mensch-Roboter-Kollaboration.

Crashtest zwischen Mensch und Maschine: Michael Rathmair (r.), Prüfstellenleiter des ROBOTICS Evaluation Lab von JOANNEUM RESEARCH

Crashtest zwischen Mensch und Maschine: Michael Rathmair (r.), Prüfstellenleiter des ROBOTICS Evaluation Lab von JOANNEUM RESEARCH

Das ROBOTICS Prüflabor, angesiedelt im Klagenfurter Lakeside Science & Technology Park, bietet fundierte Sicherheitsbewertungen von kollaborativen Roboteranwendungen für Kunden aus Wirtschaft und Industrie. „Die Abschätzung der Gefährdungssituation erfordert quasi Crash-Tests mit Robotern, um die Sicherheitsmaßnahmen messtechnisch zu evaluieren. Dabei werden Kontaktsituationen für potenziell betroffene Körperregion des Menschen nachgestellt“, erklärt Prüfstellenleiter Michael Rathmair. Dabei müssen definierte Grenzwerte für die Krafteinwirkung der Roboteranwendungen eingehalten werden. Die Prüfung erfolgt entweder vor Ort beim Kunden oder im Prüflaboratorium in Kärnten. Industriebetriebe aller Branchen sowie Systemintegratoren zählen zu den Kunden des ROBOTICS Evaluation Lab, das neben seiner Hauptdienstleistung als Prüfstelle sein Know-how künftig verstärkt als „Safety as a Service“ anbietet. Damit stehen die Experten des Lab ihren Kunden auch als Berater in allen Fragen der Risikobeurteilung neuer roboterbasierter Automatisierungslösungen zur Verfügung und begleiten von der Projektidee bis zur Abnahme. Auch bei Schulungen und Trainings unterstützt das Labor. „Ein besonderer Schwerpunkt besteht darin, unseren Industriepartnern Know-how für das Prüfen und Messen zu vermitteln, sodass diese künftig in der Lage sind, selbst Messungen, die höchsten Qualitätsstandards entsprechen, vorzunehmen.“

Automatisierte Umwelttechnik als Zukunftsfeld

Für Automatisierungslösungen in der Zukunftsbranche Umwelttechnik steht der steirische Technologieführer Komptech, ein international tätiger Anbieter von Maschinen und Systemen für die mechanische und biologische Behandlung fester Abfälle und für die Aufbereitung holziger Biomasse als erneuerbarer Energieträger. „Komptech ist international hoch vernetzt, sowohl auf der Zulieferseite als auch bei den Abnehmern – wir haben einen Exportanteil von 95%. Dementsprechend sind die Auswirkungen der Pandemie deutlich zu spüren“, erklärt Komptech-CEO Heinz Leitner. Durch vorausschauende Disposition sei es allerding gut gelungen, die Beeinträchtigungen zu minimieren. „Wir waren stets in der Lage zu produzieren und auch die Ersatzteilversorgung, die in solchen Situationen extrem wichtig ist, sicherzustellen“, so Leitner. „Unsere Produkte sind in praktisch allen Ländern als systemrelevant eingestuft, da die Müllaufbereitung, die Kompostierung und Biomasseaufbereitung trotz Pandemie weiterlaufen muss.“

Komptech-CEO Heinz Leitner. Der Umwelttechnikspezialist setzt bei seinen Recycling-Anlagen auf E-Antriebe.

Komptech-CEO Heinz Leitner. Der Umwelttechnikspezialist setzt bei seinen Recycling-Anlagen auf E-Antriebe.

Anders sei die Situation auf der Auftragsseite. „Durch den völligen Reisestopp und den Lock-down in vielen Ländern war es die letzten Monate nicht möglich, normale Vertriebsarbeit zu leisten, Kundenprojekte voranzutreiben und Anlagen in Betrieb zu nehmen. Viele Kunden versuchen in der Krise naturgemäß, die bestehenden Maschinen länger zu betreiben und Neumaschineninvestitionen zu verschieben.“ Die Verunsicherung und das Zögern der Kunden spüre man daher im reduzierten Auftragseingang. „Dies wird wohl auch die nächsten Monate noch anhalten. Für Komptech ist es wichtig, dass die Pandemie in den wichtigsten Märkten wie USA, Europa, Japan und Australien unter Kontrolle gebracht wird und die Reisebeschränkungen aufgehoben werden. Wir rechnen mit einer ersten Erholung gegen Ende des Jahres.“

Die langfristigen Perspektiven sieht Leitner deutlich positiver. „Die Energiewende, der Klimawandel und die wachsende Weltbevölkerung sind Megatrends, die sich auch durch Corona nicht verändern“, so Leitner. „Komptech liefert wesentliche Beiträge, um die CO2-Emissionen zu reduzieren, Materialen nachhaltig zu nutzen und das wichtige Ziel der Kreislaufwirtschaft zu erreichen. Der Einsatz von holziger Biomasse in der stofflichen und thermischen Verwertung trägt wesentlich zur Energiewende hin zu erneuerbarer Energie bei. Dieser Trend wird sich weiter verstärken. Zudem hoffen wir, dass im Rahmen der vielen geplanten staatlichen Konjunkturpakete der „Green Deal“ mitberücksichtigt wird – dies würde uns Rückenwind geben. Für das Unternehmen ergeben sich mittelfristig viele neue Chance, daher blicken wir sehr zuversichtlich in die Zeit nach der Krise.“ Auch die Digitalisierung sei ein wesentlicher Schlüssel für das Wachstum. Ebenso wird die Elektrifizierung laufend vorangetrieben. Nachdem Komptech im Mobilbereich für viele Stern- und Trommelsiebe bereits einen elektrischen Antrieb einsetzt, wurde nun als jüngste Innovation auch im Bereich der Zerkleinerungstechnik nachgerüstet. Jetzt sind auch die Maschinen „Terminator“ und „Crambo“ elektrifiziert und „E-Mobile“ einsatzbereit.

 

INTERVIEW

„Automatisierung hilft dem Klimaschutz“

Udo Traussnigg Udo Traussnigg
Studiengangsleiter Automatisierungstechnik der FH CAMPUS 02 sowie stellvertretender Vorsitzender der Plattform Automatisierungstechnik Steiermark

 

 

 

 Welche Auswirkungen hat die Corona-Pandemie auf die steirische Automatisierungsbranche? 

Nachdem die Branche sehr international tätig ist, geht es kurzfristig darum, zum Stillstand gekommene Projekte wieder aufzugreifen und zu Ende zu bringen. Daher ist vor allem das Thema Reisebeschränkungen inklusive der Corona-Testungen ausschlaggebend. Andererseits gilt es abzuklären, inwieweit benötigte Materialien vor Ort geliefert werden können. Mittelfristig geht es darum, neue Aufträge zu akquirieren – wie schnell sich die Investitionsfreudigkeit der Auftraggeber auf Vor-Corona-Niveau entwickelt, wird man erst sehen.

Deglobalisierung und Rückverlagerung von Produktionen nach Europa – eine Chance für die Automatisierungsbranche?

Absolut. Die Abhängigkeit der heimischen Industrie vor allem vom asiatischen Raum wurde deutlich sichtbar. Händeringend hat man sich in der Krisenzeit gewünscht, auf europäischer Ebene auf Lieferengpässe reagieren zu können. Klar ist: Produktion in Europa kann nur mit entsprechend hohem Automatisierungsgrad funktionieren. Es bleibt allerdings abzuwarten, ob das „Ja“ zum regionalen Standort mehr bedeutet als ein kurzfristiges Lippenbekenntnis. Persönlich hoffe ich, dass es zu dieser Rückverlagerung kommt, fürchte aber, dass nach Normalisierung der Wirtschaftslage wieder verstärkt „alte“ unternehmerische Entscheidungen Platz greifen.

Wo sehen Sie künftig die größten Potenziale?

Große Potentiale sehe ich vor allem im Bereich der Nachhaltigkeit in der Kombination aus Automatisierung und Energieoptimierung. Auch wenn der Klimaschutz durch die Pandemie in der Sichtbarkeit zurückgedrängt wurde, ist und bleibt es ein Thema der Zukunft, wofür es gerade aus der Steiermark Lösungen mit weltweitem Potential gibt. Dabei geht es einerseits natürlich um neue Verfahren und Technologien, aber vor allem auch um die Optimierung durch den Einsatz energieeffizienterer Komponenten und deren automatisiertes Zusammenwirken.

Automatisierer gelten aus die Ermöglicher der Industrie 4.0. Ist die Branche nun Arbeitsplatz-Vernichter oder Job-Generator?

Die Frage ist wohl so alt wie die Automatisierung selbst. Um sie zu beantworten, muss man unterschiedliche Perspektiven einnehmen. Einmal die Perspektive der Arbeitnehmer, deren manuelle und vielfach belastende sowie einseitige Tätigkeit automatisiert wird. Hier gibt es nichts zu diskutieren, diese wird entweder reduziert oder komplett entfallen. Gleichzeitig entstehen jedoch Tätigkeiten, die allerdings bestimmte Qualifikationen erfordern, die durch mehr oder weniger umfangreiche Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen erreicht werden können. Die zweite Perspektive bezieht sich auf das Unternehmen als Ganzheit. Studien zeigen, dass die Anzahl der Beschäftigten in Unternehmen mit hohem Automatisierungsgrad durchaus steigt. Dazu muss man sich vorstellen, dass in solchen Unternehmen zwar Produktionsabläufe automatisiert werden, was zu einer enormen Steigerung von Stückzahlen führt – dies wiederum hat zur Folge, dass z.B. ein höherer Personalaufwand bei der Rohstoffanlieferung und bei der Logistik und der internen Verwaltung notwendig wird. In Summe kann man also generell sagen, dass Automatisierung Jobs ermöglicht – auch wenn es sich teilweise um andere, qualifiziertere Jobs handelt. Wenn man dann als dritte Perspektive noch die Branche der Automatisierung selbst betrachtet, also alle Tätigkeiten, die notwendig sind, um etwas zu automatisieren und auch diese Wertschöpfung, gerade bei einer Rückverlagerung der Produktion nach Europa, auch in Europa passiert, dann sind wir nicht nur Job-Bewahrer, sondern Job-Gestalter. Kritikern sind zu guter Letzt auch noch die negativen Folgen einer Verweigerung von Automatisierung vor Augen zu führen: Heimische Unternehmen wandern in Billiglohnländer ab, Arbeitsplätze gehen erst recht verloren. Die beste Alternative dagegen ist immer noch, zu automatisieren und über Ausbildungs- und Qualifikationsangebote in Österreich dafür zu sorgen, dass Standorte zukunftsfit werden und es auch bleiben. Ein Land wie Österreich sollte sich dessen bewusst sein, dass sich langfristiger Erfolg vor allem über die Bildung sichern lässt. Also ist die Job-Gesamtbilanz der Automatisierung gegenüber den Alternativen immer positiv.

 

INFO-Box:

ARGE Plattform Automatisierungstechnik Steiermark

Als Netzwerk im Jahr 2008 ins Leben gerufen auf Initiative von Herbert Ritter, Neugründung als Plattform 2016.

Derzeit 86 Mitglieder, davon 64 Unternehmen unterschiedlicher Größe aus den Bereichen Maschinenbau/Mechatronik, Elektrotechnik/Elektronik und Informatik, 15 Bildungs – und Forschungseinrichtungen wie die FH CAMPUS 02 sowie 7 Verbände aus der WKO wie die Sparte Industrie der Wirtschaftskammer Steiermark, die Fachgruppen der Ingenieurbüros, der Metalltechnischen Industrie und der UBIT sowie die Innungen der Elektrotechniker, der Mechatroniker und der Metalltechniker

Die Mitglieder repräsentieren knapp 33.000 Beschäftigte

Zu den Mitgliedern zählen Leitbetriebe ebenso wie KMU.

Ziele: Branchenspezifisches Netzwerk, Kommunikation nach innen und außen,

Gemeinsamer Erwerb und Austausch von Know-how, Management von Über- und Unterkapazitäten, Internationalisierung und Export-Kooperationen, Optimierung bei Förderung

Die Mitglieder der Plattform Automatisierungstechnik kommen aus Forschung, Bildung, Planung, Produktion und Dienstleistung und werden als starkes Netzwerk sichtbar gemacht.

Dazu gehören unter anderem alle facheinschlägigen HTLs und Berufsschulen, Hochschulen und Forschungseinrichtungen wie TU Graz, Montan Uni Leoben, FH Campus 02 und Joanneum Research sowie Firmen wie Rosendahl Nextrom, Axtesys, Evon, Charisma Tec, Meister², SVI, AT&S, Vescon, Zultner, DAM und viele mehr.

www.at-styria.at

 

Text: Wolfgang Schober
Fotos: Hage/Lichtmeister Foto- und Filmproduktionen, Sallegger/Bernhard Bergmann, JR/Manuela Schwarzl, Oliver Wolf