„Krise als Chance? Vielfach zynisch, aber wahr.“ Der selbstständige Unternehmensberater Jürgen Götzenauer im Interview über die Frage der Handlungsfähigkeit nach der Schockstarre, ein mögliches Triage-System für die heimische Wirtschaft, die Folgen des aktuellen Digitalisierungsschubs und wie sich die Phasen des unternehmerischen Umbruchs anhand eines Modells aus der Psychiatrie erklären lassen.

„Nichts scheint mehr sicher, das einzig Sichere ist die Unsicherheit.“ Stimmt der Befund in der aktuellen Situation? Und was kann man Unternehmen in Zeiten größtmöglicher Unsicherheit raten?

Die COVID-19 Pandemie und der darauffolgende Shutdown haben ein wirtschaftliches und gesellschaftliches Erdbeben nach sich gezogen. Die damit einhergehenden Unsicherheiten auf lokaler und globaler Ebene sind in dieser Form sicherlich einzigartig und halten auch noch an. Insofern stimmt dieser Befund. Daher kann es hier auch keine Patentrezepte geben. Worum es aber geht, ist schnellstmöglich wieder handlungsfähig zu werden. Mittlerweile sind fünf Wochen vergangen und wir haben nun eine ziemlich gute Vorstellung davon, in welchem Rahmen sich das Ganze abspielen kann. Was wir jedoch noch nicht wissen ist, wie lange diese Situation noch andauern wird. Konkret würde ich Unternehmen folgende vier Punkte ans Herz legen: 1. Definieren sie ein Krisenteam mit klarer Aufgabenverteilung und machen sie regelmäßige Abstimmungsmeetings. In der ersten Phase täglich, danach je nach Bedarf. Das geht auch virtuell ganz gut. 2. Binden Sie ihre Mitarbeiter, Kunden und Lieferanten frühzeitig ein und sorgen Sie für eine möglichst klare Kommunikation. 3. Setzen Sie einen klaren Fokus auf die Sicherstellung der Supply Chain. Eine Explosion der Lieferzeiten und etwaige Totalausfälle bringen hier produzierende Unternehmen unter enormen Druck. 4. Sobald Sie den Kopf halbwegs über Wasser haben, arbeiten Sie an Szenarien für die kurz- und mittelfristige Zukunft. Richten Sie ihren Blick so schnell wie möglich wieder nach vorne.

Gibt es überhaupt existierende Management- und Beratungskonzepte, die sich für eine Anwendung in dieser historisch erstmaligen Situation eignen?

Ja, die gibt es. Zusätzlich zum klassischen Krisenmanagement, das sich als Grundlage für die Unternehmenskommunikation gut eignet, bieten sich vor allem die sogenannten Agilen Methoden in einer solchen Situation als Management-Werkzeug an. Das Fehlen von Sicherheit und Stabilität lässt ein längerfristiges Planen ja schlichtweg nicht zu. Daher muss man sich mit einem Maximum an Flexibilität und Geschwindigkeit in kleinen Schritten vorarbeiten. Die Basis dafür ist schon recht alt. William Deming hat die Grundlagen für ein solch iterativ-inkrementelles Vorgehen schon in den 1980er Jahren gelegt. Er hat das damals kurz und prägnant als „Plan-Do-Check-Act“ zusammengefasst. Es geht also darum, in kleinen Schritten zu planen, umzusetzen, das Ergebnis zu überprüfen und die Handlungsweisen gegebenenfalls anzupassen. Seit damals hat sich hier viel getan. Aktuell sehr erfolgreiche Konzepte, die auf diesen Prinzipien aufbauen sind etwa Scrum oder Holacracy.

Luftfahrt, Hotellerie, Event-Business & Co.: Was kann ein Innovationsmanager und Unternehmensberater ausrichten, wenn ein Markt komplett wegbricht?

Viele Unternehmen stehen aufgrund der Krise unter enormem Druck und müssen in kürzester Zeit schwerwiegende Entscheidungen treffen. Für einige Unternehmer bedeutet das leider wirklich, dass von heute auf morgen die komplette Unternehmensgrundlage weggebrochen ist und das aktuelle Geschäftsmodell nicht mehr funktioniert. Das ist eine enorme Belastung und bringt die handelnden Personen an ihre Grenzen und oftmals auch darüber hinaus. Ich habe viele Unternehmer und Entscheidungsträger in meinem Freundes- und Bekanntenkreis, die aufgrund der aktuellen Situation schon seit Wochen kaum mehr schlafen. Gerade die angesprochenen Branchen stehen da massiv unter Druck. Eine solche emotionale Ausnahmesituation führt oft dazu, dass man den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht. Natürlich kann auch ein Unternehmensberater hier keine Wunder wirken, aber er kann dabei helfen, die enorme Komplexität der Themen zu strukturieren, mit Methodenkompetenz zu unterstützen und die Last von schwerwiegenden Entscheidungen gemeinsam zu schultern. Gerade dabei kann ein externer und oft vielleicht auch nüchternerer Blick von außen sicher helfen.

Wenn sich ein radikaler Umbruch, wie wir ihn gerade erleben, in mehrere Phasen unterteilen lässt, in welcher Phase befinden wir uns gerade?

Um das zu beurteilen, bietet sich das Modell der Psychiaterin Elisabeth Kübler-Ross an. Dieses Modell kommt ursprünglich aus der Sterbeforschung, hat sich aber schon seit langem auch im unternehmerischen Veränderungsmanagement als sehr praktikabel erwiesen. Es beschreibt im Wesentlichen den emotionalen Zustand von Personen als Reaktion auf ein schwerwiegendes Ereignis, wie es sicher auch die aktuelle COVID-19 Pandemie darstellt. Die erste Phase ist dabei die Phase des „Nicht-Wahrhaben-Wollens“, also ein Verdrängen und Verleugnen der Realität. Die zweite Phase ist die Aggression, also eine Emotion nach außen, wie z.B. Protest, Ärger, Beschimpfungen. Die dritte Phase ist dann die Resignation, also die Emotion nach innen, wie z.B. Depression, Selbstmitleid, Hilflosigkeit. Diese Phase ist auch als das „Tal der Tränen“ bekannt. Danach kommt dann die Phase der Lösungssuche und Neuausrichtung. Die neuen Rahmenbedingungen werden akzeptiert und es werden Strategien und Handlungsmuster entwickelt, die einen Neustart ermöglichen. Interessant dabei ist, dass diese Phasen unterschiedlich schnell durchlaufen werden. Das hängt vom jeweiligen Individuum ab, egal ob einzelner Mensch oder soziale Gruppen, wie z.B. Unternehmen. Die meisten überschätzen sich jedoch. Für Unternehmen ist es dabei absolut erfolgsentscheidend, wie schnell sie und ihre Mitarbeiter dieses „Tal der Tränen“ durchschreiten und wieder in die aktive Handlungsfähigkeit kommen. Hier ist auch die Regierung absolut gefragt. Denn je schneller Kurz und Co. stabile Planungshorizonte für die heimischen Unternehmen liefern, desto schneller kommen diese wieder von der passiven „Schockstarre“ hin zu einer aktiven Gestaltung der eigenen unternehmerischen Zukunft.

Apropos Regierung. „Wir lassen niemanden im Regen stehen“ heißt es da mantraartig von Regierungsvertretern. Ein Vollkasko-Versprechen mit Realitätssinn? 

Ich denke, dass die reale Umsetzbarkeit dieses „Wir lassen niemanden zurück, koste es was es wolle“ stark davon abhängt, wie lange die Maßnahmen in dieser Form aufrechterhalten werden müssen. Es gibt viele Unternehmen in unterschiedlicher Größe, die keinen Monat mehr durchhalten. Andere haben vielleicht noch etwas mehr Reserven. Aber eines ist klar: Sollten aus wenigen Wochen mehrere Monate werden, wird auch ein 38 Milliarden Euro Paket nicht mehr ausreichen. Es wird Branchen geben, deren unternehmerische Grundlage sich auf absehbare Zeit nicht mehr erholen wird. Diese kann man vielleicht kurzfristig finanziell stützen, langfristig wird man hier aber von der nüchternen betriebswirtschaftlichen Realität eingeholt werden. Sollte sich die Krise in dieser Form also noch über Monate hinziehen, wird es auch in der Wirtschaft harte Regeln geben müssen, welche Unternehmen subventioniert werden und welche nicht. Es hat schon Persönlichkeiten in Österreich gegeben, die ein Triage-System für die heimische Wirtschaft gefordert haben und die für diese Aussagen massiv kritisiert worden sind. Der eingeschlagene Weg, hier so gut wie möglich über Steuergeld zu subventionieren ist sicher richtig, aber es ist eben eine Frage der Zeit, denn auch diese Mittel haben ein natürliches Ende. Und man muss schon bei aller wirtschaftlichen Relevanz für Österreich auch kritisch hinterfragen dürfen, ob man mehrere hundert Millionen Euro Steuergeld zur Rettung eines einzigen Unternehmens wie der AUA einsetzen will. Die Frage ist, ob man sich damit ausreichend Zeit erkaufen kann, um dem Unternehmen eine langfristige Zukunft zu ermöglichen, oder ob man das Geld nicht lieber anderswo investiert. Hier gibt es sicher kein eindeutiges Richtig und Falsch, trotzdem muss die Regierung mit ihren Beratern auch hier zu einem bestmöglichen Regelwerk kommen.

Oft spricht man von Krise als Chance. Inwiefern gilt die alte Wirtschaftsweisheit auch in der aktuellen Situation? Und: Wie lassen sich Chancen nutzen?

Ich denke, dass man mit dieser Aussage in der aktuellen Situation sehr vorsichtig umgehen muss, damit man damit nicht zynisch wirkt. Vielen Unternehmern steht das Wasser bis zum Hals. Die wissen nicht mehr, wie sie ausreichend Liquidität auf die Beine stellen sollen, um ihre laufenden Forderungen zu begleichen. Das Gleiche gilt auch für viele Privatpersonen. Die Arbeitslosenzahlen sprechen Bände. Unternehmern, die vor den Trümmern ihres Lebenswerkes stehen und Menschen, die nicht mehr wissen, wie sie ihre Kredite zahlen sollen, zu sagen, sie sollen die Krise als Chance sehen, ist nicht besonders hilfreich und wohl für die meisten in dieser Situation auch schwer zu verstehen. Trotzdem liegt auch viel Wahrheit in diesem Spruch. Wenn es nämlich gelingt, sich so früh wie möglich wieder auf die Beine zu bringen, entstandene Lücken zu erkennen, erfolgreich zu besetzen und daraus wirtschaftlichen Erfolg zu generieren. Auch das hat mit Agilität, Flexibilität und Geschwindigkeit zu tun. Wenn man sich zum Beispiel anschaut, wie viele Unternehmen es gibt, die ursprünglich aus der Kosmetikbranche kommen und ihre Produktionskapazitäten nun dazu nutzen, um Desinfektionsmittel herzustellen. Technologieunternehmen haben in wenigen Tagen ganze Beatmungsgeräte entwickelt oder liefern Bauteile dafür. Viele KMUs haben es irrsinnig schnell geschafft, ihre Waren und Dienstleistungen auch über das Internet anzubieten, um dadurch zumindest einen Teil ihres Umsatzes erwirtschaften zu können. Vieles davon hat mit einem konsequenten Ressourcendenken zu tun. Unternehmen, die das beherrschen, können sicher auch in Krisen Chancen erkennen und Erfolge erzielen.

Wir erleben einen Boom an Home-Office, Videokommunikation und E-Commerce. Sorgt die COVID-Krise für einen Digitalisierungsschub? Bzw. ist dieser nachhaltig?

Dass die COVID-19 Pandemie und die dazugehörigen Maßnahmen für einen geradezu unglaublichen Digitalisierungsschub gesorgt haben, ist unbestritten. Was für viele globalisierte Unternehmen schon seit Jahrzehnten zum täglichen Arbeitsalltag gehört, hat nun nicht nur in den meisten anderen Unternehmen, sondern durch das Homeschooling auch in den Wohnzimmern, Küchen und Kinderzimmern Österreichs Einzug gehalten. Mit allen Vor- und Nachteilen, die damit verbunden sind. Vielen Unternehmen ermöglicht die damit verbundene Technologie ein Erschließen von bisher ungenützten Kanälen. Bei den meisten Firmen wird das aber wohl nicht ausreichen, um den vorhandenen Umsatzausfall ausreichend kompensieren zu können. Es wird sicher Unternehmen geben, die auch dezentral und virtuell erfolgreich arbeiten können und das wahrscheinlich auch schon vor COVID-19 getan haben. Für die meisten wird es aber langfristig eine ziemliche Herausforderung darstellen. Gerade für Familien, in denen die Eltern im Home-Office arbeiten und die Kinder gleichzeitig über Homeschooling lernen sollen, stellt die aktuelle Situation eine enorme Belastung dar. Daher glaube ich, dass viele Menschen froh sein werden, wenn sie wieder zurück an ihre Arbeitsplätze dürfen. Im Nachhinein wird dieser erzwungene Digitalisierungsschub aber sicher als einer der positivsten Effekte dieser Krise bewertet werden.

 

ZUR PERSON: Jürgen Götzenauer

Über 20 Jahre Erfahrung in unterschiedlichen Managementpositionen, etwa als Technical Manager, Projekt Leader, Director Technology und CTO in internationalen Konzernen und Unternehmen wie IGT, NXP, BearingPoint oder Dewetron. Seit 2019 arbeitet Götzenauer als selbstständiger Unternehmensberater mit den Schwerpunkten Strategie, Organisation und Innovation. Auf diesen Eckpfeilern fußt sein Beratungsansatz „TRIANGEL PRINZIP ®“ über das „Management für die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts“.

www.goetzenauer.com

 

ZITATE

„Man muss schon bei aller wirtschaftlichen Relevanz für Österreich auch kritisch hinterfragen dürfen, ob man mehrere hundert Millionen Euro Steuergeld zur Rettung eines einzigen Unternehmens wie der AUA einsetzen will.“

„Für Unternehmen ist es dabei absolut erfolgsentscheidend, wie schnell sie und ihre Mitarbeiter dieses „Tal der Tränen“ durchschreiten und wieder in die aktive Handlungsfähigkeit kommen.“

„Im Nachhinein wird dieser erzwungene Digitalisierungsschub aber sicher als einer der positivsten Effekte dieser Krise bewertet werden.“

 

INTERVIEW: Wolfgang Schober
FOTOS: Stephan Friesinger