Eine Branche zwischen Existenzangst und leiser Zuversicht: Welche Chancen hat der steirische Tourismus in der „neuen Normalität“? Und mit welchen Strategien rüsten sich heimische Hoteliers für die Zukunft? Unser „Talk am Ring“ als virtueller Round-Table über touristische Perspektiven für die Steiermark.

Die fünf Teilnehmerinnen und Teilnehmer:

1 Erich Neuhold, Geschäftsführer Steiermark Tourismus

2 Andrea Sajben, MAS Marketing Consulting Andrea Sajben

3 Alfred Pierer, Almwellness Hotel Pierer

4 Gerhard Höflehner, Natur und Wellnesshotel Höflehner

5 Dieter Hardt-Stremayr, Geschäftsführer Graz Tourismus

Ende Mai dürfen Hotels und Beherbergungsbetriebe wieder ihre Pforten öffnen. Mit welchen Gefühlen blicken Sie dem Re-Start entgegen?

Höflehner: Die Situation trifft jeden, aber in unterschiedlichen Ausprägungen. Unser Betrieb hat noch Glück im Unglück. Nach einer ausgezeichneten Wintersaison ist der Shutdown wie eine Lawine über uns hereingebrochen – von einem Tag auf den anderen sind die Anfragen auf Null zurückgegangen. Die Sommersaison wird sicher eine Herausforderung. Entscheidend ist das Vertrauen und die Stimmung in der Bevölkerung und da sehe jetzt mit den Lockerungen eine deutliche Besserung. Plötzlich kommen wieder Anfragen herein und wir merken, dass die Gäste auf Werbemaßnahmen reagieren. Ich bin zuversichtlich, dass wir den Ausfall deutscher Urlaubsgäste durch heimische Urlauber zumindest abfedern können, ganz ausgleichen wird schwierig – bei uns macht dieser Anteil rund ein Drittel aus. Naturnahe Angebote werden im Sommer gefragt sein, daher sind wir aufgrund unserer Lage am Berg bevorzugt. Das gesamte Thema Urlaub in der Natur wird ein Zugpferd sein. Meine Wunschvorstellung für den Tourismus insgesamt wäre, dass es gelingt, den Österreich-Anteil zu steigern und dass die Menschen loyal zur Steiermark sind – dann können wir insgesamt Schadensbegrenzung betreiben. Natürlich schwebt das Damoklesschwert einer zweiten Welle über uns. Die große Frage wäre dann, wie sich die Politik verhalten würde, falls es wieder zu vermehrten Neuinfektionen kommt. Das ist die große Unbekannte.

Pierer: Die Bekanntgabe des Öffnungstermins war eine große Erleichterung für uns, da wir so rechtzeitig mit der Vorbereitung der neuen Maßnahmen starten können. Es ist nun unsere Aufgabe, die Sicherheitsregelungen umzusetzen und gleichzeitig das Urlaubserlebnis jedes einzelnen Gastes nicht zu reduzieren – ein herausfordernder und kreativer Prozess, bei dem ein Umdenken nötig ist. Die neuen Verhaltensvorgaben dürfen nicht zu Einschränkungen werden. Wir haben beispielsweise unser Aktivprogramm ausgeweitet und bieten viele Kurse, wie etwa Yoga, im Freien an. Als Almwellnesshotel haben wir den großen Vorteil, dass unser Haus von jeher eingebettet in die Natur liegt und sehr weitläufig ist. Dadurch haben unsere Gäste viele individuelle Rückzugsmöglichkeiten und Raum zur Entfaltung. Darüber hinaus ist die aktive Kommunikation mit dem Gast essenziell. Die Gäste wollen sich in ihrem Urlaub sicher und wohlfühlen. Es herrscht viel Unklarheit, da hilft es nur, miteinander zu reden. Ein weiterer Punkt ist, dass wir unsere Mitarbeiter nun wieder rechtzeitig ins Hotel holen und im Hinblick auf die neue Situation einschulen können. Gerade auf der persönlichen Ebene ist es uns ganz wichtig, dass alle Maßnahmen genauesten eingehalten werden, die Gäste aber weiterhin das Gefühl von Geborgenheit und Wärme haben.

Wie entwickelt sich die Buchungslage?

Pierer: Zu unserer großen Freude sehr gut. Unsere Gäste kommen zum größten Teil aus Österreich. Da viele ihre Sommerurlaube im Ausland nun stornieren, bekommen wir zurzeit sogar noch mehr Anfragen. Im Juni ist es noch ruhiger, aber gerade der Juli und August sind schon sehr gut gebucht. Sehr erfreulich ist, dass viele ihren Haupturlaub bei uns verbringen werden und längere Aufenthalte buchen. In den vergangenen Jahren war es meist so, dass Österreich-Reisen eher als Zweiturlaub bzw. als kurze Auszeit genutzt wurden. Jetzt nehmen sich die Menschen mehr Zeit. Jetzt zeigt sich auch, dass sich unsere Investitionen in infrastrukturelle Erweiterungen ausgezahlt haben. Dank des Umbaus im vergangenen Jahr haben unsere Gäste noch mehr Platz zur Entfaltung. Egal ob im Infinitypool, dem Almstrand oder in den erweiterten Ruheräumen: bei uns kann jeder entsprechend seiner Wünsche individuell urlauben. Die Schließung war aber natürlich ein harter Schlag für uns als Unternehmer, Gast- und Arbeitgeber sowie als Partner vieler regionaler Betriebe und Produzenten. Wenn man trotz sehr guter Buchungslage die Türen schließen muss, ist das schon ein Schock. Als Familie sind wir aber der Überzeugung, dass jede Zeit auch ihre guten Seiten hat, genauso wie man aus jeder Herausforderung für sich etwas mitnehmen kann und so werden wir auch aus Corona gestärkt Richtung Zukunft gehen.

Wie ist die Situation im Tourismus über alle steirischen Regionen?

Neuhold: Die Ausgangslage ist sehr unterschiedlich. Im Thermen- und Vulkanland macht die Zeit um Ostern etwa zehn Prozent des Jahresumsatzes aus. Der Frühling als Jahreszeit ist auch für die Süd- und Weststeiermark außerordentlich wichtig, dementsprechend dramatisch sind die Einbußen dort. Daher sind wir mehr als froh, nun endlich einen konkreten Fahrplan für die Gastronomie und die Beherbergungsbetriebe zu haben. Die Betriebe können sich darauf einstellen und wir werden alles tun, um sie bestmöglich zu unterstützen. Für uns ist es wichtig, dass wir in dieser Phase auch werblich sehr präsent sind. Wir bereiten gerade Kampagnen vor, mit denen wir Mitte, Ende Mai hinausgehen werden. Unser großes Ziel ist, dass wir die gute Position am Inlandsmarkt, die die Steiermark innehat, halten oder sogar ausbauen können. Wir sind mit Abstand Marktführer am Inlandsmarkt. Zudem haben wir einen sehr hohen Stammgästeanteil. Das sind Faktoren, die uns in dieser Phase zum Vorteil gereichen.

Die Steiermark verbucht derzeit zwei Drittel der Nächtigungen mit Gästen aus dem Inland. Anders als gesamt Österreich, wo drei Viertel der Nächtigungen auf ausländische Gäste entfallen. Kündigt sich nun ein verschärfter innerösterreichischer Wettbewerb um den heimischen Urlaubsgast an?

Neuhold: Davon ist mit Sicherheit auszugehen. Die westlichen Bundesländer trifft es ja besonders, einerseits kämpfen Tiroler Orte durch die Vorfälle Ende der Wintersaison mit einem Imageproblem, andererseits ist der Anteil von Gästen aus dem Ausland viel höher als bei uns. Wenn der Auslandsmarkt komplett wegbrechen sollte, werden die Nächtigungen aus dem Inlandsmarkt den Rückgang nicht wettmachen werden können. Dieser Illusion geben wir uns auch in der Steiermark nicht hin. Aber wir werden alles tun, um den Anteil zu halten, und sehen gute Chancen, den einen oder anderen Strandurlauber zu motivieren, heuer einen Urlaub am See oder in den Bergen zu buchen. Ich bin sicher, viele Menschen werden sich heuer bewusst für einen Urlaub in Österreich entscheiden. Selbst wenn die Grenzen wieder offen sind, wollen viele nicht zu weit wegfahren und lieber im sicheren Österreich bleiben. Der Begriff Heimatverbundenheit wird eine neue Bedeutung bekommen und ich bin zuversichtlich, dass viele Österreicherinnen und Österreicher in der schwierigen Zeit bewusst heimische Betriebe unterstützen wollen.

Sehen Sie die Gefahr eines Preiswettbewerbs?

Neuhold: Es wird eine Initiative der Österreich Werbung mit allen Landestourismusorganisationen geben, um eine gemeinsame Inlandskampagne zu lancieren – das wird eine große, breit angelegte Kampagne, die ich sehr begrüße. Darüber hinaus wird jedes Bundesland für sich danach trachten, Gäste anzusprechen, um gut durch diese Zeit zu kommen. Die einzelnen Bundesländer werden den Werbedruck am Inlandsmarkt massiv erhöhen, teils auch mit anderen budgetären Möglichkeiten als wir. Aber das Schlimmste, was dadurch eintreten könnte, wäre eine Preisdumping-Spirale nach unten. Die Preisgestaltung ist natürlich den Betrieben selbst überlassen, aber eine Entwicklung in diese Richtung wünsche ich mir nicht – das wäre letztlich schädlich für alle Betroffenen.

Sajben: Dem kann ich nur zustimmen! Es wäre völlig verfehlt, nun mit Rabattschlachten und Gratis-Nächtigungen auf Kundenfang zu gehen. Mein Unternehmen betreut derzeit ungefähr 60 Betriebe und ich denke, dass diese allesamt verstanden haben, dass es jetzt mehr denn je auf die Qualität der Angebote und auf intelligente Zusatzleistungen ankommt. Wir sehen ja, dass die Gesundheitsorientierung bei den Menschen weiter steigt, Erholungsqualität und die Sehnsucht nach Natürlichkeit werden immer wichtiger – und sollten als Werte kommuniziert werden. Luxus bekommt eine neue Bedeutung, nämlich als gemeinsame, wertvolle Zeit mit der Familie. Wie von Erich Neuhold angesprochen: Die Steiermark hat ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis – im Vergleich mit Salzburg und Tirol fast ein zu gutes. Das freut den Gast, ist aber für die Betriebe nicht so toll. Deshalb plädiere ich ganz stark dafür, nicht an der Preisschraube nach unten zu drehen. Und den Punkt von Alfred Pierer kann ich nur unterschreiben: Die Steiermark ist traditionell stark bei Kurzurlauben. Daher sehe ich für unsere Betriebe die große Chance, künftig Gästen vermehrt Alternativen zu ihren gewohnten Destinationen wie Italien oder Kroatien aufzuzeigen. Wir müssen das Bild vermitteln, dass sich die Steiermark auch für längere Aufenthalte wunderbar eignet. Es wäre das Comeback der klassischen Sommerfrische – darin sehe ich viel Potenzial.

Pierer: Wir wissen aus langjähriger Erfahrung, was sich die Österreicherinnen und Österreicher in ihrem Urlaub wünschen und worauf sie besonders Wert legen – auf ein Rundum-Wohlfühlerlebnis und eine Destination, die keine Wünsche offen lässt. Als Familienbetrieb sind bei uns seit jeher Themen wie Gesundheit, Individualität, Nachhaltigkeit und Regionalität zentral. Anstelle von Preisdumping setzen wir daher auf Qualität und Einzigartigkeit. Natürlich werden nun viele ausländische Gäste wegfallen, was insbesondere in Regionen, in denen der Anteil deutscher oder italienischer Gäste hoch war, zu einem verstärkten Buhlen um inländische Gäste führen wird. Auf der anderen Seite konkurriert die Steiermark im Hinblick auf österreichische Gäste erstmals mit den anderen Bundesländern. Hier werden jene Betriebe als Gewinner hervorgehen, die sich mit den Trends auseinandersetzen und ihr Angebot immer weiter ausbauen.

Höflehner: Gäste reagieren generell sehr preissensibel. Daher stehen wir immer vor der Gratwanderung, das gute Preis-Leistungs-Verhältnis zu untermauern, gleichzeitig aber die Preise geschickt in Leistungen zu verpacken, damit die Rechnung nicht zu Lasten des Cashflows geht. Die Hosen runterzulassen mit minus 20 oder 30 % Aktionen, das wäre völlig kontraproduktiv. Vielmehr braucht es ein intelligentes Preismanagement, das die Leistung ins Zentrum rückt und dem Gast bewusst oder unbewusst klar macht, dass das Angebot viel mehr enthält als nur unsere gute Luft. Dazu kommt, dass der Tourismus ein sehr dienstleistungsintensives Geschäft ist  – schon in Normalzeiten. Diverse Auflagen könnten dazu führen, dass wir noch mehr Mitarbeiter benötigen. Gleichzeitig können wir das Hotel nicht voll belegen und eventuell weniger Gäste aufnehmen, wenn wir das Abstand-Halten ernstnehmen. In der Situation auch noch Preise zu senken, wäre betriebswirtschaftlich schwierig. Stattdessen sollten wir den Gästen die hohe Qualität des Aufenthalts kommunizieren – nach dem Motto: „Lieber Gast, Sie haben heuer einen besonderen Status! Jeder von Ihnen ist ein VIP-Gast.“

Welche werblichen Maßnahmen wird der Steiermark Tourismus setzen?

Neuhold: Wir haben unsere Strategie überarbeitet, weil es nun eine andere Form von Marketing braucht. Ich bin sicher, dieses „Schneller höher weiter“ der vergangenen Jahre wird nicht mehr gefragt sein, dafür bekommen Werte, Qualität und Sicherheit einen noch höheren Stellenwert. Zudem haben wir unsere Budgets umgeschichtet – weg von Märkten, wo wir derzeit kein Potenzial sehen, gezielt in Richtung Inlandsmarkt. Dennoch wollen wir Reserven im Hintergrund behalten – für den Fall, dass gewisse Märkte doch noch aufmachen. Grundsätzlich ist es für alle eine herausfordernde Situation. Denn viele Betriebe haben jetzt andere Sorgen als die Frage, wo sie mehr Marktingbudget einsetzen können – für diese wollen wir in die Bresche springen und das Bestmögliche erreichen.

Massiv getroffen sind Tourismus und Hotellerie in der Stadt. Wie ist die Situation in Graz?

Hardt-Stremayr: Die Stadt hat es zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt mit voller Wucht erwischt. Während in den Skigebieten die Wintersaison ja bereits im Ausklingen war, sollte es in der Stadt mit Kongressen, Messen und Veranstaltungen erst so richtig losgehen. Wir mussten also mitten im Steigflug die Schubumkehr einlegen und sind hart auf dem Boden aufgeprallt. Von einem Tag auf den anderen standen wir ohne Geschäft da. Viele merken erst jetzt, was an Kongressen und Veranstaltungen noch alles dranhängt. Gar nicht zu reden vom Handel und der Gastronomie in der Stadt – und natürlich von der Hotellerie, die jetzt ungeduldig in den Startlöchern scharrt und mit Verunsicherung zu kämpfen hat. Denn Geschäfte aufsperren und ein Geschäft machen sind zwei unterschiedliche Dinge. Eine Erkenntnis lässt sich bereits jetzt ableiten: Wir sehen nun, wie wichtig die Gastronomie für den Handel ist – die Stadt braucht das Gesamterlebnis und dieses gewisse Gespür, dass sich etwas bewegt.

Welche Maßnahmen kann die Stadt nun setzen?

Dieter Hardt Stremayr: Das Wichtigste ist, dass wir wieder zu leben beginnen. Wir selber müssen uns wieder in den öffentlichen Raum trauen, in die Geschäfte und Gastgärten. Weil das, was wir immer nach außen tragen, nämlich dieses Flair für die Stadt, das wird zu einem großen Teil von den Einheimischen geliefert. Und erst wenn dieses Leben wieder hochfährt und spürbar wird, dann wird es auch wieder attraktiv für Besucher und Gäste. Was die Veranstaltungen betrifft, liegt vieles noch im Nebel. Die ersten realistischen Termine, an denen wir wieder von Veranstaltungen sprechen können, liegen im September. Events wie das Aufsteirern, der Graz-Marathon & Co. – so sehr wir uns wünschen, dass sie stattfinden, aber das letzte Wort ist hier noch nicht gesprochen. Alle Veranstalter sind natürlich in einer ganz misslichen Lage. Daher reden wir ja alle nicht vom Absagen, sondern vom Verschieben.

Sajben: Das gilt generell für den gesamten Convention-Bereich. Bis September finden vorerst keine Veranstaltungen statt, es wurde alles nach hinten geschoben. Dadurch rechnen wir mit einem sehr intensiven Herbst. Internationale Foren, Messen, Workshops etc. sollen nun in den Herbstmonaten stattfinden. Gleichzeitig sehen wir vor allem bei kleineren Seminarhotels, dass sie sehr wohl auch jetzt Anfragen hereinbekommen. Dabei geht es um Themen wie Meetings auf der Alm, Seminare mit Picknick-Rucksack und Ähnliches. Man sieht: Es tun sich auch neue Angebotsmöglichkeiten für die Betriebe auf.

Werden wir im Herbst einen dicht gedrängten Veranstaltungsmarathon erleben?

Hardt-Stremayr: Eine gute Frage. Wie das physisch und räumlich alles funktionieren wird, ist mir auch noch ein Rätsel. Weil so viel Platz kann es im September gar nicht geben, was da gerade an Veranstaltungen hin verschoben wird. Möglicherweise wird die Situation dadurch entschärft, dass einige Kongresse und Events ihre Veranstaltungen, was die Teilnehmerzahlen, im Vergleich zu den ursprünglichen Plänen redimensionieren. Generell gilt aber: Je internationaler die Teilnehmerschaft einer Veranstaltung, umso schwieriger wird es werden.

Neuhold: Eine Frage, die sehr oft gestellt wird, ist: Kann man das wieder aufholen? Einfache Antwort: Nein, kann man nicht aufholen. Weil das Bett ist eine begrenzte Ressource. Ich kann das Bett später nicht zweimal belegen, um das wieder wettzumachen. Das ist eine Illusion. Man kann nur versuchen, es nur so gut wie möglich wegzustecken, und dann wieder neu durchstarten.

Sajben: Das Gleiche gilt auch für die Konferenz- und Seminarräumlichkeiten – auch diese sind begrenzt. Es gibt jetzt parallel so wahnsinnig viele Anfragen für kleinere und größere Events für die Monate September, Oktober und November und die Räumlichkeiten lassen sich nicht unendlich oft vergeben. Also aus diesem Grund heraus ist jedenfalls mit einem größeren Minus zu rechnen.

Ein Blick in die weitere Zukunft: Welche Lehren können Tourismus und Hotelellerie aus der Krise ziehen?

Höflehner: Ich denke wir haben schon viel gelernt und werden noch viel lernen in den nächsten Monaten, sodass uns künftige Pandemien möglicherweise gar nicht mehr so hart treffen. Die Politik ist weiterhin voll gefordert. Siehe die Kurzarbeit, wo es bei den Auszahlungen hapert, und die hohen Arbeitslosenzahlen, die erst einmal bewältigt werden müssen. Wir reden von 7 bis 10 % Wirtschaftsabschwung, die Auswirkungen werden wir alle spüren. Aus diesen Erfahrungen werden wir überhaupt erst lernen, ob es aus Sicht des Staats sinnvoll ist, das nächste Mal wieder alles so hinunterzufahren. Das war jetzt quasi die Probe aufs Exempel. Was jetzt alles passiert, wird ein Fall für die Lehrbücher. Daraus werden wir die Lehren ziehen und schauen, was man beim nächsten Mal vielleicht besser machen kann. Ich finde es schlimm, dass es auf der einen Seite Krisengewinnler gibt und andererseits so viele schwere Schicksale. Ich hoffe, dass die Politik genug Maßnahmen setzt, um das Leid ein wenig zu mildern. Und ich hoffe, dass der Staat mit seiner Bürokratie jetzt nicht noch stärker wird und dass er sich nicht als Almosenverteiler sieht, sondern erkennt, dass das, was jetzt verteilt wird, erst von der Wirtschaft eingehoben wurde – von den Leistungen aller Unternehmer der letzten Jahre. Ich würde mir wünschen, dass das auch in den Vordergrund gestellt wird.

Hardt-Stremayr: Ich bin in Wahrheit froh, dass es auch das schwedische Modell gibt. Dieses schaut zumindest von außen betrachtet aus, als ob es auch ein gangbarer Weg sein könnte – im Falle einer neuerlichen Welle oder neuen Pandemie. Das wird die große Frage sein, wie man sich als Gesellschaft künftig entscheiden wird in der Abwägung komplexer Fragen wie der Verhinderung eines Kollaps des Gesundheitssystems, dem Schutz der Risikogruppen und den wirtschaftlichen bzw. gesellschaftlichen Folgen. Denn wir wissen in Wahrheit nach all diesen Wochen immer noch so wenig über das Virus, dass es künftig nur besser gehen kann.

Ihre Lehren und Erkenntnisse für die Zukunft des Tourismus und der Freizeitwirtschaft?

Sajben: Ich bin sicher, im Business Tourismus wird es große Veränderungen geben. Viele Firmen werden hinterfragen, ob es notwendig ist, für ein oder zwei Tage nach Frankfurt, München oder wohin auch immer für ein kurzes Meeting zu fliegen. Wir haben ja gesehen, wie gut auch virtuelle Konferenz-Lösungen funktionieren können. Das ist keine gute Nachricht für die Fliegerei, auch nicht für viele Business-Hotels – ebenso für das gesamte Convention-Geschäft an sich, so offen und ehrlich muss man sein. Eine zweite unmittelbare Folge, die ich sehe, betrifft die Mitarbeitersituation in der Touristik-Branche. In den letzten Jahren hat sich immer mehr abgezeichnet, dass sich ja die Betriebe bei Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bewerben mussten, aufgrund der angespannten Situation am Arbeitsmarkt – das könnte sich nun wieder umkehren. Ich kann mir gut vorstellen, dass Hotellerie und Gastronomie künftig als Arbeitgeber doch wieder interessanter werden und wir als Branche beweisen können, dass wir Stabilität, Sicherheit und Loyalität anzubieten haben.

Neuhold: Das ist eine spannende Frage, ob und was sich langfristig verändern wird. Ich glaube, dass wir uns im Kern nicht ändern werden. Aber ich könnte mir gut vorstellen, dass sich Werte ändern. Dass wir Dinge, die uns so selbstverständlich waren, vielleicht wieder mehr schätzen lernen und wir wieder mehr den Augenblick genießen. Darauf müssen wir auch in der Kommunikation eingehen, weil der Gast solche Erlebnisse sucht. Es wird wichtig sein, dass er sich behütet und willkommen fühlt. Wie man ihm das vermitteln kann, wird eine Herausforderung.

Hardt-Stremayr: Einiges lernen wir gerade neu und wird hoffentlich auch bleiben, etwa die durchaus vernünftige Verwendung von Mundschutz, die uns Asiaten seit Langem vorleben und auch hierzulande zu einer neuen Selbstverständlichkeit im Umgang mit Hygieniemaßnahmen werden könnte – das hoffe ich in Hinblick auf die nächste Grippewelle. Ansonsten vertraue ich – ehrlich gestanden – eher der menschlichen Vergessenskurve, die mindestens so wirksam ist wie die Lernkurve der Menschheit. Seit die Menschen wie damals im alten Griechenland Theater bauen, hat es unzählige Pandemien gegeben – und jedes Mal sind danach Treffpunkte wie Theater und Konzertsäle oder Gasthäuser und Lokale wiederauferstanden, weil der gemeinsame Genuss von Kultur bzw. Kulinarik einfach einem menschlichen Grundbedürfnis entspricht. Ähnlich verhält es sich mit dem Reisen, das ein mein Wiener Kollege Norbert Kettner gerne als „zivilisatorische Errungenschaft“ bezeichnet. Bei aller Heimatliebe – die Neugierde für Internationales und für fremde Kulturen wird nicht erlöschen, sondern erhalten bleiben. Aber ich fürchte, es wird dauern und die Städte werden einige Jahren zu kämpfen haben. Je internationaler das Portfolio, umso schwieriger wird es, dass der Tourismus wieder in die Gänge kommt. Froh sein können wir allerdings, wenn die aktuelle Entwicklung das Ende unsinniger 19,90 Euro Flugreisen bedeuten wird.

Pierer: Die Tendenzen haben sich bereits in den vergangenen zwei, drei Jahren abgezeichnet. Aufgrund des immer schnelleren Alltags, der Flut an neuen Technologien gab es einen generellen Gegentrend hin zu Regionalität und einer Reduktion auf das Wesentliche und die Sehnsucht nach dem Ursprünglichen, Ehrlichen und Natürlichen nahm zu. Durch Corona wurden diese neuen Trends schlagartig noch präsenter. In der Zeit danach wird es eine stärkere Rückbesinnung auf lokale Strukturen, die Familie und kleine Gemeinschaften geben. Regionale Erzeugnisse, wie etwa das Gemüse vom Bauern nebenan, werden wertvoller denn je. Umweltorientierung und Wir-Kultur werden ebenso zentrale Bedeutung erlangen wie die Gesundheit, die ihren Wert als wichtigstes Gut wieder einmal bewiesen hat. Genau diese Trends werden sich auch im Tourismus manifestieren. Das ist eine Herausforderung, aber auch eine große Chance!

„Unser großes Ziel ist, dass die Steiermark die hervorragende Position am Inlandsmarkt, die wir innehaben, halten oder sogar ausbauen kann.“

Erich Neuhold, Geschäftsführer Steiermark Tourismus

 

 

„Städte werden wohl einige Jahren zu kämpfen haben, aber die Neugierde für das Reisen und für Internationales wird bleiben.“

Dieter Hardt-Stremayr, Geschäftsführer Graz Tourismus

 

 

„Die Steiermark hat schon ein sehr gutes Preis-Leistungs-Verhältnis. Daher sollten die Betriebe Qualität in den Vordergrund stellen und keine Rabattaktionen.“

Andrea Sajben, MAS Marketing Consulting Andrea Sajben

 

„Urlaub in der Natur wird ein Zugpferd sein. Daher bin ich zuversichtlich, dass wir den Ausfall deutscher Urlaubsgäste durch heimische Urlauber gut abfedern können.“

Gerhard Höflehner, Natur und Wellnesshotel Höflehner

 

„Der Trend zu Regionalität und zu einer Reduktion auf das Wesentliche wird sich durch Corona noch verstärken.“

Alfred Pierer, Almwellness Hotel Pierer

 

 

 

Steiermark-Tourismus in Zahlen

13,227 Millionen Nächtigungen zählten steirische Tourismusbetriebe im Jahr 2019 (ein plus von 1,6 %). Rund 5,9 Millionen Nächtigungen in der Wintersaison 2018/19 und 7,4 Mio. in der Sommersaison 2019.

Davon entfielen knapp 59 % auf inländische Gäste, 41 % auf Gäste aus dem Ausland. Damit ist die Steiermark Spitzenreiter bei Urlaubsgästen aus Österreich.

Zum Vergleich: Der Anteil heimischer Gäste in der gesamtösterreichischen Statistik betrug 2019 nur rund 26 %.

 Die Steiermark zählte im Jahr 2019 4,3 Millionen Gästeankünfte.

 

PROTOKOLL: Wolfgang Schober

FOTOS: Steiermark Tourismus/Schiffer, Oliver Wolf, Harald Eisenberger, Rene Strasser