Die große Unsicherheit und die Frage der Liquiditätsplanung: Christian Braunig, Geschäftsführer der CONFIDA Graz, im Interview über die entscheidenden Schritte zur Sicherung der Liquidität und die Herausforderungen bei der Umsetzung der Hilfsmaßnahmen.

Steuerberater sind derzeit massiv gefordert Im Gegensatz zu anderen Branchen geht Ihnen die Arbeit im Moment wohl nicht aus?

Christian Braunig: Niemand sieht sich gerne als „Profiteur der Krise“, aber natürlich sind wir derzeit mehr als ausgelastet. Wer in unserer Branche jetzt über Arbeitsmangel klagt, hat etwas falsch gemacht. Wir arbeiten derzeit permanent daran, unsere Kunden gut durch die Krise zu begleiten und versuchen auf diese Weise, Unternehmen, Arbeitsplätze und damit die Existenz unserer Klienten abzusichern. Vor allem die ersten zwei Wochen der Krise waren geprägt von großer Unsicherheit. Unsere Rolle ist die eines Stabilisators oder Moderators. Wir moderieren zwischen Gesetzgebung und Unternehmen, erklären die Maßnahmen in Richtung unserer Klienten und kanalisieren die Probleme bei der Umsetzung.

Die unternehmerischen Nöte sind vielfältig. Wo drückt der Schuh am meisten?

Christian Braunig: Das Thema dieser Tage ist bei fast allen Unternehmen die Frage der Liquiditätssicherung. Die kurzfristige Liquiditätsplanung hat daher oberste Priorität. Wir prüfen sämtliche organisatorischen Maßnahmen im Unternehmen, um Liquidität für die nächsten Monate sicherzustellen. Sollten diese nicht ausreichen, greifen wir auf externe Quellen der Förderung und Finanzierung zurück. Mit den Hilfspaketen der Bundesregierung stehen hier ja einige neue Instrumente zur Verfügung.

Diese Hilfsmaßnahmen werden grundsätzlich begrüßt, die Umsetzung stößt aber immer wieder auf Kritik. Ihre Erfahrungen?

Christian Braunig: Die Herausforderung besteht darin, dass alle diese Maßnahmen in kürzester Zeit implementiert wurden – ohne Erfahrungswerte und vielfach ohne eingespielte Prozesse. Die Maßnahmen selbst erachte ich als richtig, alle Beteiligten sind guten Willens, aber in der Umsetzung kommt es immer wieder zu Verzögerungen, da in der Eile oft nicht die gesamte Komplexität einer Maßnahme erfasst werden konnte. Wir erleben eine Ausnahmesituation für die Legislative und die ausführenden Behörden. In der Praxis ist es so, dass sich die Erstversion einer Maßnahme häufig als nicht optimal erweist und dass Maßnahmen dann nachgebessert und abgeändert werden müssen – siehe das Beispiel der Kurzarbeit, die in der konkreten Ausgestaltung mehrfach geändert wurde. Ähnlich auch beim Härtefonds. Das entspricht einer Operation am offenen Herzen. Zudem darf man nicht vergessen, dass manche Betriebe auch schon vor der Krise nicht ausreichend kapitalisiert waren. Gerade die Vergabe der aws-Kredite ist kein Selbstläufer. Die Banken sind durch die Regulative gezwungen, die Kreditvergaben wie in „Normalzeiten“ zu prüfen. Das ist keine Schikane, sondern entspricht den gesetzlichen Vorgaben. Dadurch kann es zu Verzögerungen kommen. Auch hier wird es Nachbesserungen geben.

Wie gehen die Unternehmen damit um?

Christian Braunig: Unterschiedlich. Generell muss man verstehen, dass Unternehmen stark verunsichert sind, wenn ihnen der Umsatz über Nacht wegbricht und viele nicht wissen, wie es weitergeht. Gar keine Umsätze zu erzielen und dann – sagen wir – zwei Monate die Gehälter vorzufinanzieren, das kann auch grundsätzlich liquide Unternehmen extrem unter Druck bringen. Dazu kommt, dass einige der Instrumente für viele Unternehmen neu waren, wie die Kurzarbeit. Die Industrie ist damit seit Jahren vertraut, aber für KMU ist das Neuland. Auch ein Grund, warum viele Betriebe sich erst für Kündigungen entschieden, manche später aber doch zum Modell Kurzarbeit wechselten. Auch die frühere Refundierung der Dienstgeberanteile an den Lohnnebenkosten machte das Modell attraktiver, ebenso die Möglichkeit, die AMS-Zusage bei der Bank als Besicherung geltend zu machen. Erschwerend hinzu kommt für viele Unternehmen, dass einfach so viele teils widersprüchliche Meldungen kursieren – auch unter Branchenkollegen. Das hat die Unsicherheit in den vergangenen Tagen oft noch verstärkt. Aber meiner Meinung nach legt sich diese Unsicherheit nun schrittweise.

Werden alle Betriebe zu retten sein oder wird es – frei nach Nationalbank-Gouverneur Robert Holzmann – in der Krise zu einer Marktbereinigung kommen?

Christian Braunig: Da muss man differenzieren. Auch der österreichische Staat hat kein unbegrenztes Füllhorn, daher muss man so ehrlich sein, dass man nicht jedem Unternehmen helfen wird können. Ob es dadurch aber zu einer Bereinigung am Markt kommen wird, wie von Holzmann angedeutet, wird man erst sehen. Es ist klar, dass Unternehmen, die sich schon in guten Zeiten am Markt schwertun, dann in wirtschaftlich schwierigen Situationen erst recht Probleme bekommen werden. Umgekehrt tut man sich mit einem finanziellen Polster in jeder Krise leichter. Es kann im Einzelfall aber auch umgekehrt sein: Ein Unternehmen, das soeben noch schwer angeschlagen war, schafft in der Krise den Weg auf die Erfolgsstraße. Ich denke an Textilfirmen, die jetzt auf die Maskenproduktion umsteigen und plötzlich neue Absatzchancen vorfinden. In der Regel wird es aber so sein, dass nach der Krise jedes Unternehmen sein Geschäftsmodell neu zu bewerten haben wird.

Heute wird im Nationalrat der Corona-Krisenfonds beschlossen. Was genau ist geplant?

Christian Braunig: Wir sind selbst gespannt, welche Maßnahmen konkret umgesetzt werden und gehen davon aus, dass im Gegensatz zu den Haftungen für Überbrückungskredite, die speziell auf KMU ausgelegt sind, die Direkthilfen des Corona-Krisenfonds breiter angelegt sind und einem größeren Bezieherkreis offen stehen werden, also auch größeren Unternehmen. In erster Linie werden Unternehmen, die durch die Folgen von Betriebsschließungen betroffen waren, unterstützt – im ersten Schritt wohl durch Darlehen, die später in Zuschüsse umgewandelt werden können. Das betrifft Betriebe aus Handel, Gastronomie und Tourismus, aber auch Unternehmen aus anderen Branchen mit großen Umsatzeinbußen. Es wird jedenfalls ein sehr umfangreiches Paket mit 15 Milliarden Euro.

Grundsätzlich: Wie kann man sich Steuerberatung aus dem Home office vorstellen? Geht es auch ohne persönlichen Kontakt?

Christian Braunig: Natürlich ist der persönliche Kontakt im Consulting-Bereich enorm wichtig und dauerhaft nicht zu ersetzen. Aber eine Zeit lang geht es auch ohne direkte Begegnung dank der Unterstützung digitaler Hilfsmittel. Wir von der CONFIDA haben schon seit geraumer Zeit alle Abläufe digitalisiert und unsere Klienten gut an unsere Systeme angebunden. Das ermöglicht auch in „Normalzeiten“ remote von zuhause aus zu arbeiten und kommt uns in der aktuellen Situation sehr zu gute. Aber ich denke, wir freuen uns alle wieder auf zwischenmenschliche Begegnungen – mit Kolleginnen und Kollegen sowie mit Kundinnen und Kunden.

 

Über CONFIDA

CONFIDA besteht in Graz seit 1992 und betreut Unternehmen aus sämtlichen Branchen im Bereich der Steuerberatung, Wirtschaftsprüfung und der allgemeinen Betriebsberatung mit den Schwerpunkten Förderberatung und steuerliche Forschungsprämie. Die enge Anbindung an die CONFIDA-Gruppe in Südost-Europa und an das internationale Netzwerk INAA ermöglicht der Kanzlei die Begleitung ihrer Klienten auf internationale Märkte.

Christian Braunig ist seit Abschluss seines Studiums der Betriebswirtschaftslehre mit der Spezialisierung auf Unternehmensrechnung und Revision an der Karl-Franzens-Universität Graz für die CONFIDA-Gruppe tätig. Seit 2008 ist er erfolgreich am Standort Belgrad im Einsatz. Im Juni 2010 wurde er zum Steuerberater bestellt und ist seit November 2010 auch in der CONFIDA Graz als Geschäftsführer tätig. Seine Tätigkeitsschwerpunkte liegen in der klassischen Steuerberatung und der länderübergreifenden Steuerplanung und Beratung. Er ist insbesondere in den Bereichen der steuerlichen Optimierung von M&A Transaktionen, Unternehmensrestrukturierungen, Umgründungen von Unternehmen, Doppelbesteuerungsabkommen und Transfer Pricing beratend tätig.

www.confida.at

 

ZITATE

„In der Praxis erleben wir, dass sich die Erstversion einer Maßnahme häufig als nicht optimal erweist und dass Maßnahmen dann nachgebessert und abgeändert werden müssen – siehe das Beispiel der Kurzarbeit.“

„Nach dieser Krise wird wohl jedes Unternehmen sein Geschäftsmodell neu zu bewerten haben.“

 

INTERVIEW: Wolfgang Schober