„Wir geben alles, um die Produktion so gut wie möglich aufrecht zu erhalten!“ Firmenchef Michael Winkelbauer vom Maschinenbaubetrieb Winkelbauer aus Anger bei Weiz über die systemrelevante Bedeutung des produzierenden Gewerbes, die Sorgen seiner Beschäftigten und die möglichen Lehren aus der Krise.

Ihr Unternehmen ist ein klassisches steirisches Familienunternehmen aus dem Bereich des produzierenden Gewerbes. Wie geht es Ihnen derzeit?

Michael Winkelbauer: Ähnlich wie den meisten Unternehmen, es herrscht große Unsicherheit. Die gesamtwirtschaftliche Entwicklung bereitet uns Sorge, ebenso wie die Entwicklung der Auftragslage. Derzeit halten sich die Rückgänge noch in Grenzen, aber in den nächsten Wochen rechnen wir mit einem Auftragsminus von 30 bis 35 Prozent – ein Einbruch von einem Drittel binnen kurzer Zeit. Als Ausrüster von Baumaschinen sind wir unmittelbar von der Baukonjunktur abhängig, der Stopp vieler Infrastrukturprojekte bzw. von Projekten im touristischen Bereich trifft uns schwer. Zudem haben einige Großkunden ihre Produktion derzeit komplett runtergefahren. Zum Glück beliefern wir auch Kunden in anderen Branchen wie im Maschinenbau, wo es derzeit noch besser aussieht. Auch wir produzieren Teile, die systemrelevant sind, etwa Komponenten für die Abfallentsorgung- und -verwertung. Wenn wir Ersatzteile für Geräte und Maschinen der Abfallbranche nicht mehr liefern könnten, hätte das schlimme Folgen. Daher tun wir alles, um die Produktion so gut wie möglich aufrecht zu erhalten.

Wie gehen Sie als Firmenchef mit der angespannten Situation im Betrieb um?

Michael Winkelbauer: Es ist eine große Herausforderung für mich und alle unsere Mitarbeiter – sowohl organisatorisch als auch in der Kommunikation. Organisatorisch haben wir sehr rasch reagiert und innerhalb kürzester Zeit einen Zwei-Schicht-Betrieb mit einer strikten Trennung zwischen den Teams eingeführt. Das derzeit viel beschworene Home-Office ist in vielen Bereichen der Wirtschaft schön und gut – und wird auch bei uns in der Verwaltung praktiziert –, aber für das produzierenden Gewerbe ist das natürlich untauglich. Das Schweißen von Baggerschaufeln geht nicht im Home-Office. Daher haben wir im Betrieb Schutzvorkehrungen getroffen und schon zu Beginn eine Zwei-Meter-Abstand-Regel eingeführt – in Fällen, wo die Einhaltung schwierig ist, gibt es eine Maskenpflicht.

Worauf kommt es nun bei der Kommunikation mit den Mitarbeitern an?

Michael Winkelbauer: Ich bin froh, dass alle Führungskräfte beim Krisenmanagement an einem Strang ziehen. Denn die Ängste bei den Mitarbeitern sind groß – aber die meisten fürchten sich weniger vor einer Ansteckung als vor einer möglichen Arbeitslosigkeit. Vielen machen die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise mehr Kopfzerbrechen als die gesundheitliche Gefahr. Auch ich bin nicht ohne Sorge, gleichzeitig versuche ich gemeinsam mit meinem Team, die bestmöglichen Entscheidungen zu treffen und das Unternehmen mit kühlem Kopf durch die Krise zu führen. Dazu braucht es viele persönliche Gespräche – die jetzt mit gebotenem Abstand stattfinden. Offene, ehrliche Kommunikation ist wichtiger denn je, auch wenn es unerfreuliche Nachrichten betrifft. Wir mussten einige Mitarbeiter beim AMS anmelden, ab Mai werden wir für weitere Mitarbeiter Kurzarbeit in Anspruch nehmen. Das Wichtigste ist jetzt, so gut wie möglich zu motivieren: „Die Lage ist ernst, aber wir werden das überleben und es wird uns auch in Zukunft geben!“

Die internationalen Logistikketten sind derzeit auf eine harte Probe gestellt. Auch Sie beziehen Vorprodukte, vor allem Stahl, aus dem Ausland. Wie gut funktioniert die Logistik? 

Michael Winkelbauer: Wir sind froh, dass wir auf keine Materialien aus China angewiesen sind, sonst wäre es mit Sicherheit schon zu Engpässen gekommen. Unsere Zulieferer sind zu 100 Prozent europäisch. Eine Philosophie, die uns in dieser Krise Recht gibt. Selbst innerhalb von Europa ist die Versorgungskette derzeit angespannt – auch wir beziehen aus Italien. Bislang ist es aber zu keinen Ausfällen ausgekommen. Zudem sind unsere Lager gut gefüllt.

Wie bewerten Sie Maßnahmen des Staates im Umgang mit der Krise?

Michael Winkelbauer: Wir stehen grundsätzlich hinter den Maßnahmen der Regierung. Sie waren wichtig, um Horrorszenarien abzuwenden. Ich denke aber auch, dass das österreichische Gesundheitssystem generell besser aufgestellt ist als in anderen Ländern und wir besser gerüstet waren. Der Zustand ist vor allem deshalb so gut, weil viel Geld ins System fließt und wir in den vergangenen Jahren zunehmend die Grenze der Finanzierbarkeit erreicht haben. Daher gebe ich zu bedenken, dass ein wirtschaftlicher Einbruch, wie er nun zu erwarten ist, die weitere Finanzierbarkeit in Frage stellt. Nur eine gesunde Wirtschaft kann ein Gesundheitssystem auf hohem Niveau aufrechterhalten. Eine Wirtschaft im Shutdown ist dazu auf Dauer nicht in der Lage.

Kommen die Hilfspakete der Regierung an?

Michael Winkelbauer: Alle Maßnahmen sind gut gemeint, aber in der Umsetzung gibt es Probleme. Die Kurzarbeit in der ersten Fassung war für uns nicht annehmbar, nach den Änderungen sehe ich sie nunmehr als probates Mittel. Aber immer noch liegen viele Tücken im Detail und ich kann nur hoffen, dass es in der Zukunft bei GPLA-Prüfungen nicht zu Beanstandungen und juristischen Nachspielen kommen wird.
Die Notfallkredite sind für viele Unternehmen überlebenswichtig, aber wirken nur, wenn sie tatsächlich ankommen. Und da höre ich von vielen Unternehmerkollegen nichts Gutes. Die Bereitschaft der Banken, Kredite zu vergeben, ist endenwollend. Durch Regularien und strenge Eigenkapitalregeln sind Banken sehr unflexibel. Wenn man jetzt beispielsweise bei einem Kreditansuchen von Bankenseite um einen Business-Plan für die nächsten zwei Jahre gefragt wird, klingt das wie ein schlechter Witz. Die Wahrheit ist, dass viele Betriebe – völlig unverschuldet – nicht wissen, wie sie die nächsten Monate überleben werden und gar nicht wissen können, was in einem halben Jahr sein wird. Hier kann ich nur an Banken und staatlichen Stellen appellieren, so viel Augenmaß wie möglich und so wenig Bürokratie wie nötig walten zu lassen. Die Banken sollten sich daran erinnern, dass wir Steuerzahler sie in der Finanzkrise 2008 gerettet haben und dass sie jetzt die Chance haben, etwas davon an uns zurückzugeben – nicht als Geschenk, sondern im Sinne einer fairen Partnerschaft.

Es ist wohl noch zu früh, um Lehren aus der Krise zu ziehen. Wagen Sie dennoch eine Prognose?

Michael Winkelbauer: In der Tat stecken wir noch mitten drin – oder erst am Anfang, wir wissen es nicht. Wir wissen auch noch nicht, wie die Wirtschaft das Ganze überstehen wird. Aber à la longue werden wir sicher auch positive Aspekte finden können. Ich bin sicher, bei der globalen Zulieferstruktur wird es ein Umdenken geben, internationale Warenströme werden neu überdacht werden. Im privaten Bereich wird es zu einem Rückbesinnen auf Regionalität kommen, weg von Amazon und Zalando, hin zum Geschäft im eigenem Ort! Das wäre eine wichtige Stärkung der regionalen Kaufkraft und dient letztendlich der Sicherung von heimischen Arbeitsplätzen. Gleichzeitig liegt es aber immer auch am Konsumenten, da er mit seinem Verhalten den Preisdruck auf Unternehmen maßgeblich beeinflusst. Ich bin mir sicher, Billigflüge in ferne Destinationen wird es künftig nicht mehr geben. Darin sehe ich eine Chance für mehr Qualität im Tourismus, letztlich könnte Österreich gerade davon profitieren.

Abschließend: Was wünschen Sie sich?

Michael Winkelbauer: Ich wünsche mir, dass wir die große Bedeutung des produzierenden Sektors für die Volkswirtschaft nicht vergessen – Gewerbe, Industrie und auch die Bauwirtschaft erhalten derzeit mit enormem Einsatz die Produktion aufrecht und sind in vielerlei Hinsicht systemrelevant. Im produzierenden Sektor passiert die größte Wertschöpfung und hier sind auch die meisten Menschen beschäftigt. Der Fokus der medialen Berichterstattung liegt derzeit fast ausschließlich auf anderen Branchen, wie etwa dem Handel – und hier vor allem auf dem Lebensmittelhandel. Ich finde, die großen Ketten haben zuletzt mit ihrem breiten Warenagebot auf Kosten anderer ausgesprochen unlauter agiert – das finde ich beschämend und unsolidarisch. Wir erleben gerade eine wirklich große Krise – und das heißt für mich: Solidarität ist mehr denn je gefordert, damit aus der Krise keine Katastrophe wird. Das gilt für Gesellschaft, Wirtschaft und Politik.

Firma Winkelbauer GmbH ist ein Maschinenbaubetrieb mit Firmensitz im steirischen Anger/Weiz

Baumaschinen-Ausrüster und Komponenten-Fertiger Winkelbauer im steirischen Anger/Weiz

 

Winkelbauer GmbH

Maschinenbaubetrieb mit Firmensitz im steirischen Anger/Weiz. Auf einer Produktionsfläche von rund 10.000 m² verarbeiten rund 120 hochqualifizierte Mitarbeiter mehr als 4.000 Tonnen Stahl im Jahr zu hochwertigen Arbeitswerkzeugen und Ausrüstungen für Baumaschinen. www.winkelbauer.com

 

 

“Der Fokus der medialen Berichterstattung liegt derzeit fast ausschließlich auf dem Handel. Wir dürfen aber die große Bedeutung des produzierenden Sektors für die Volkswirtschaft nicht vergessen – Gewerbe, Industrie und die Bauwirtschaft erhalten mit enormem Einsatz die Produktion aufrecht und sind in vielerlei Hinsicht systemrelevant.” Michael Winkelbauer

“Nur eine gesunde Wirtschaft kann ein Gesundheitssystem auf hohem Niveau aufrechterhalten. Eine Wirtschaft im Shutdown ist dazu auf Dauer nicht in der Lage.” Michael Winkelbauer

“Die Banken sollten sich daran erinnern, dass wir Steuerzahler sie in der Finanzkrise 2008 gerettet haben und dass sie jetzt die Chance haben, etwas davon an uns zurückzugeben – nicht als Geschenk, sondern im Sinne einer fairen Partnerschaft.” Michael Winkelbauer