Corona als Katalysator der Digitalisierung? Der digitale Wandel legt durch die Folgen der Pandemie rasant an Tempo zu. „SPIRIT of Styria“ gibt Einblick in die Transformation unterschiedlicher Branchen und präsentiert Enabler und Anwender der Digitalisierung. Über Robotics im Rechnungswesen, digitale Terrassenplaner, intelligente Pflaster zur Covid-Früherkennung und smarte Mülltonnen von morgen.

Smart Production, Industrie 4.0, Internet of Things, Automatisierung, Künstliche Intelligenz, Big Data, Smart-Home, Virtual Reality, Cloud Computing oder Autonomes Fahren – Digitalisierung kennt viele Begriffe und kommt heute in vielerlei Ausprägungen und mit einem bunten Werkzeugkoffer daher. Welche Begriffe und Tools die Transformation der analogen Welt in die Sphäre des Digitalen am akkuratesten beschreiben, mag umstritten sein – außer Frage steht die hohe Geschwindigkeit, mit der sich der Wandel vollzieht. Und dass sich das Tempo weiter beschleunigt. Corona und der Lockdown als Katalysatoren der Digitalisierung? „SPIRIT of Styria“ holt steirische Enabler und Anwender der Digitalisierung vor den Vorhang und präsentiert steirische Innovations-Highlights aus dem Digital Valley.

Künstliche Intelligenz im Rechnungswesen

Die „Digitale Kanzlei“ ist längst keine Utopie mehr. „Steuerberatungskanzleien setzen heute bereits auf einen weitgehend papierlosen Informations- und Datenaustausch mit den Klienten“, erklärt Friedrich Möstl, Präsident der Kammer der Steuerberater und Wirtschaftsprüfer in der Steiermark. „Der digitale Reifegrad ist freilich immer abhängig von der Offenheit der Kunden für das Thema. Als Steuerberater sehen wir unsere Aufgabe aber auch darin, Vorreiter der Digitalisierung zu sein, und die Unternehmerschaft beim digitalen Wandel zu begleiten.“ Schließlich bringe ein höherer Digitalisierungsgrad im Rechnungswesen Arbeitserleichterungen, Effizienzsteigerungen sowie eine verbesserte Datensicherheit. „Die Coronakrise mit ihren eingeschränkten Kontaktmöglichkeiten war sicher ein beschleunigender Faktor, denn in dieser Zeit konnte ja niemand mit den Ordnern unter dem Arm in die Kanzlei kommen“, betont Friedrich Möstl, Partner bei Deloitte Steiermark. Die digitale Abwicklung zieht sich heute durch das gesamte Rechnungswesen – vom elektronischen Lohnzettel bis zur E-Rechnung, von automatisierten Zahlungsvorschlägen bis zur offenen Postenverwaltung mit integriertem Mahnwesen. „Das geht bis zur Erstellung des Jahresabschlusses und der Präsentation der Bilanz auf dem Tablet, statt sie in ausgedruckter Form durchzublättern“, so Möstl. „Dadurch gewinnt auch das Thema Datensicherheit und Cyber-Security eine zunehmende Bedeutung.“

„Auf dem Weg zur papierlosen Kanzlei“: Friedrich Möstl, Präsident der Kammer der Steuerberater und Wirtschaftsprüfer

Die Schnittstelle zwischen Klienten und Kanzlei bilden spezialisierte Business-Software-Lösungen, die einen sicheren und effizienten Datenaustausch erlauben. Möstl: „Zudem verwenden immer mehr Kanzleien eigene Plattformlösungen, die die Kommunikation erleichtern und den gesamten Workflow zwischen Kanzlei und Kunden abbilden.“ Auch Künstliche Intelligenz kommt in der „Digitalen Kanzlei“ verstärkt zum Einsatz. „Belegerkennung sowie Buchungen werden heute automatisiert von Robotics-Programmen ausgeführt. Damit wird der Buchhalter immer mehr zum Digital Accountant“, erklärt Möstl. „Das bedeutet aber nicht, dass der Buchhalter ausstirbt“, betont der Kammerpräsident. „Im Gegenteil: Buchhalter und Lohnverrechner werden derzeit dringend gesucht. Aber ihr Berufsbild wandelt sich. Diese Mitarbeiter werden immer mehr zu kontrollierenden Qualitätsmanagern des Rechnungswesens, während wiederkehrende Routinetätigkeiten von Maschinen übernommen werden. Natürliche Intelligenz ist Künstlicher Intelligenz immer noch überlegen.“ Das gelte umso mehr für den Bereich komplexer Beratungsleistungen in der Steuerberatung. „Je anspruchsvoller die Steuerthematik, desto wichtiger ist die Kreativität und der Gestaltungsspielraum des Beraters – eine Denkleistung, die nicht von Algorithmen ersetzt werden kann“, sieht Möstl hier die Grenzen digitaler Systeme. Zudem sehen sich Steuerberater zunehmend als Schnittstelle zwischen Recht, Betriebswirtschaft und IT. „Drei Bereiche, die immer weiter zusammenwachsen und für die es Übersetzungskompetenz braucht. Steuerberater, die offen für IT-Themen sind, können diese Dolmetscherfunktion sehr gut erfüllen.“ Daher setzt auch die Kammer der Steuerberater und Wirtschaftsprüfung verstärkt auf Weiterbildung und Qualifizierung im IT-Bereich, etwa in der Ausbildung zum „Digital Accountant“. Ebenso wichtig: der regelmäßige Austausch zwischen Kanzleien, Banken und Software-Entwicklern. „Die Entwicklung qualifizierter Software ist einer der Schlüssel für die Digitalisierung in unserem Bereich. Daher setzen wir auf eine enge Zusammenarbeit mit den IT-Anbietern, um die Weiterentwicklung voranzutreiben. Dabei wollen wir unser steuerrechtliches Know-how einfließen lassen.“

Digitalpartner des Silicon Valley

Ein kreativer Hotspot der Digitalisierung pulsiert am Rande des Grazer Volkgartens, dem Sitz der Softwareexperten von Parkside. Beste Connections ins Silicon Valley, technische Exzellenz und die sprichwörtlich gewordene „Parkside-Culture“, eine ungezwungen-lässige Unternehmenskultur, bilden die DNA des Digitalspezialisten. Sowohl internationale als auch regional Kunden tragen seit Jahren zum Wachstum des Unternehmens bei, das sich auf Entwicklung und Design kundenspezifischer Software spezialisierte und in den Bereichen UX/UI-Design, Webtechnologien, Softwareentwicklung sowie Technologieberatung tätig ist. Mittlerweile verteilen sich nicht weniger als 80 Mitarbeiter aus mehr als zwanzig verschiedenen Nationen über zwei Stockwerke im Parkside-Headquarter im Grazer Rondo – darunter zertifizierte Google Developer Experts sowie Experten im Bereich UX-Design.

Mitbegründer der Austrian Digital Alliance: Parkside-CEO Ralph Harreiter

 

Parkside: Know-how aus dem Silicon Valley dank Top-Kunden wie Linkedin

„Unsere internationalen Kunden und die anspruchsvollen Projekte machen uns attraktiv für die besten Köpfe, die uns wiederum namhafte Kunden und Projekte bringen“, erklärt CEO Ralph Harreiter die Erfolgsformel. So ist das Grazer Unternehmen seit Jahren Entwicklungspartner des weltgrößten Karrierenetzwerks LinkedIn, für das Parkside etwa die App zur mobilen Learning-Plattform mitentwickelt hat. Mit PicMonkey, einem führenden Online-Bildbearbeitungsanbieter, zählt ein weiterer Player aus den USA zu den Auftraggebern. „In den vergangenen Jahren konnten wir aber auch auf dem Heimmarkt spannende Kunden gewinnen“, freut sich Harreiter. Darunter: Raiffeisen Bank International, BearingPoint, Energie Steiermark, Rolling Pin und „Vier Pfoten“. Dass auch KMU ideale Digitalanwender sein können, beweist das Beispiel „Meyer Parkett“ aus Kalsdorf. Parkside entwickelte einen digitalen Terrassenplaner für die Website des Traditionsunternehmens, das sich seither deutlicher Umsatzzuwächse erfreut. Die aktuelle Krise sieht der Unternehmer ambivalent. „Es gibt viele Anfragen, die Nachfrage nach Digitalleistungen war noch nie so groß, da die Firmen wissen, dass sie ihre Geschäftsmodelle künftig so gut wie möglich digitalisieren müssen. Gleichzeitig sehen wir – wie wohl die meisten Branchen derzeit – eine gewisse Zurückhaltung bei den Investitionsentscheidungen. Eine paradoxe Situation“, so Harreiter. Daher entschied sich Parkside gemeinsam mit weiteren Digitalspezialisten zur Gründung einer gemeinsamen Plattform, der Austrian Digital Alliance. Gemeinsam zählt die Allianz, der sich zuletzt auch das Consultingunternehmen BDO anschloss, mehr als 150 Design- und Softwareentwickler. „Die Allianz bietet unterschiedliche digitale Pakete und Dienstleistungen im Einsteigerbereich an, die den Kunden schon für vergleichsweise geringen Mitteleinsatz eine effektive Verbesserung bringen, ohne gleich die ganz großen Ressourcen aufwenden zu müssen. Der optimale Einstieg für den digitalen Wandel und das Geschäftsmodell von morgen.“

Digitales Zukunftsfeld E-Mobility

Ebenso als bedeutender Enabler der Digitalisierung in der Steiermark gilt die Firma DCCS, angesiedelt am Grazer Sternäckerweg. Das IT-Unternehmen, einst hervorgegangen aus dem Daimler-Konzern, zählt mit 250 Mitarbeitern an fünf Standorten – davon 150 am Firmensitz in Graz – zu den Big Playern seiner Branche. Großkunden aus der Industrie, darunter namhafter deutsche Automobilkonzerne, gehören zu den Auftraggebern der DCCS, die sich auf maßgeschneiderte Business Solutions, digitale Plattformen sowie Business Analytics spezialisierte hat. Neben dem Segment Automotive zählen auch Industrieunternehmen aus anderen Branchen und Konzerne wie ams AG, Merkur, Grazer Wechselseitige oder E-Control sowie der öffentliche Bereich und Bildungseinrichtungen zu den Kunden. „In Zeiten, in denen die Automobilindustrie mit deutlichen Umsatzrückgängen konfrontiert ist, sind wir froh, uns in den vergangenen Jahren auf Kundenseite diversifiziert zu haben“, bestätigt Thomas Dietinger, Geschäftsführer von DCCS. „Eine Entwicklung, die wir weiter vorantreiben wollen, um die Auswirkungen zu kompensieren.“ Denn nun sei das große Sparen in den Konzernzentralen angesagt, bestätigt Dietinger. „Gleichzeitig bedeutet Spardruck immer auch die Notwendigkeit zu automatisieren und zu digitalisieren. Daher sehe ich in diesem Segment auch weiterhin gute Chancen.“ Zudem erlebe die Automobilbranche derzeit mannigfache Umbrüche, die in vielen Bereichen neue Lösungen erfordern, so Dietinger. „Siehe vor allem die Transformation Richtung E-Mobility, für die es grundlegend neue Prozesse, vielfach digitaler Natur, braucht. E-Mobility wird sicherlich ein Treiber der Digitalisierung.“ Ein aktuelles Projekt dazu realisierte DCCS im Auftrag der E-Mobility Services eines Premium Sportwagenherstellers. „Dabei geht es darum, für ein neues Elektro-Sportwagenmodell den Support rund um die Ladeinfrastruktur zu optimieren. Von predictive Maintenance bis zum Hinlotsen zur nächsten freien Ladestation reicht hier das Spektrum“, erklärt Dietinger. „Dienstleistungen spielen in der gesamten Welt der Mobilität von morgen eine zunehmend wichtige Rolle. Menschen wollen künftig nicht primär ein Auto besitzen, sondern von A nach B kommen. Mobilitätsdienstleister, die einen Mehrwert bieten, sind daher gefragt – darin sehen ich ein riesiges Zukunftsfeld für Digitalisierungsspezialisten.“

DCCS-Geschäftsführer Thomas Dietinger: „Die vergangenen Monate haben uns, was die Digitalisierung betrifft, Jahre in die Zukunft katapultiert.“

Zuversichtlich stimmt den IT-Manager die Entwicklung, die der Corona-bedingte Lockdown als Kollateralnutzen mit sich gebracht hat. „Ich bin sicher, die vergangenen Monate haben uns, was die Digitalisierung betrifft, einige Jahre in die Zukunft katapultiert. Auch wenn der Umgang mit digitalen Medien notgedrungen passiert ist, halte ich die Auswirkungen für nachhaltig.“ Der Mindset in der Bevölkerung habe sich durch die Beschäftigung mit digitalen Tools massiv verändert. „Von Jung bis Alt, ob beruflich oder privat, ob beim Homeschooling, im Job oder im Seniorenheim – sämtliche Bevölkerungsgruppen mussten sich mit dem Thema auseinandersetzen. Damit haben sehr viele Menschen Fertigkeiten entwickelt und Gewohnheiten internalisiert, die nicht mehr verloren gehen. Vor allem das Verständnis und die Offenheit für Digitalisierung ist enorm gestiegen – für Gesellschaft und Wirtschaft ergeben sich dadurch große Chancen in der Zukunft. In dieser neuen Normalität gehört die Digitalisierung einfach dazu!“

Digitale Cluster-Offensive

Besonders spürbar wird der aktuelle Digitalisierungsschub auch in den Mitgliedsbetrieben der steirischen Cluster und Netzwerke. Viele Unternehmen sind selbst Treiber der Transformation oder entwickeln Geschäftsmodelle, denen digitale Prozesse oder Werkzeuge zugrunde liegen. Der Bogen spannt sich vom ACstyria Mobilitätscluster, der mit dem Thema Autonomes Fahren eine Killerapplikation der Zukunft besetzt, bis zu den Betrieben des Holzclusters Steiermark. Dort setzen Unternehmen der Forst- und Sägeindustrie auf modernste Robotiksysteme, während sich Holzbaufirmen verstärkt des Zukunftstools „Building Information Modelling“ (BIM) bedienen. Nicht minder folgenreich vollzieht sich der Wandel für Unternehmen des Healthtech- und des Green-Tech-Sektors. Betriebe des Silicon Alps Cluster liefern mit ihren neuen Technologien ohnehin die technische Grundlage für die Digitalisierung. Und auch die Mitgliedsbetriebe der Creative Industries Styria sind wichtige Enabler der Transformation, da sie vielfach die geistigen Ressourcen und kreativen Tools – von Augmented Reality bis UX Design – als unterstützende Dienstleister der Digitalisierung schaffen. Besonders groß ist das Potenzial digitaler Anwendungen im Bereich Life Sciences bzw. Healthtech. Die Palette reicht von Prozesssimulationen in der Medikamentenentwicklung (RCPE), der KI-gestützten Suche nach Proteinen und Wirkstoffen (Innophore) über Anwendungen im Bereich Telemedizin und Telecare – wie die All-in-one-Lösung DigniSense in der Pflege oder das sprachgesteuerte Assistenzsystem E-nnovation – bis zu ilvi, dem universellen Tool zur Einbindung von Soft- und Hardware im klinischen Bereich. Gerade die Corona-Pandemie hat vielen Geschäftsmodellen Thermik verliehen – speziell auf dem Gebiet der Telemedizin. „Der erfolgreiche Einsatz von telemedizinischen Anwendungen während der Covid-19-Krise wie etwa Telekonsultation und eMedikation hat bewiesen, dass Telemedizin eine sinnvolle Weiterentwicklung des Gesundheitssystems darstellen kann“, erklärt Johann Harer, Geschäftsführer des steirischen Humantechnologie-Clusters hts. „Dazu müssen allerdings überholte Leistungsmodelle angepasst und das Gesundheitspersonal mit der Nutzung dieser Anwendungen vertraut gemacht werden.“

Pflaster zur Covid-Früherkennung

Ein gelungenes Beispiel, wie die Corona-Krise in eine Chance transformiert werden kann, liefert das Grazer Heahltech-Startup SteadySense. Bekannt wurde das Unternehmen mit der Entwicklung eines Temperatursensors, der in einem Pflaster integriert auf den Körper geklebt wird, um die Körpertemperatur kontinuierlich zu messen. Die Temperaturwerte können mit jedem NFC-fähigen Smartphone ausgelesen werden. Die Hauptanwendung betraf bislang das Thema Fruchtbarkeits-Tracking in Form von zwei Produkten – „femSense Kinderwunsch“ ist als zugelassenes Medizinprodukt seit März 2019 auf dem Markt, die Markteinführung von „femSense Verhütung“ ist für Mitte 2021 geplant. Darüber hinaus soll der Sensor-Patch künftig die Temperaturmessung von stationären Patienten im Krankenhaus unterstützen.

Vom Kinderwunsch zur Covid-Früherkennung: der innovative Sensor-Patch des Grazer Startups SteadySense

„Die Temperaturkurve wird vor allem als zusätzliche Entscheidungshilfe bei der Diagnose verwendet, denn der Temperaturverlauf von verschiedenen Krankheiten unterscheidet sich massiv voneinander“, erklärt COO Peter Gasteiner. Dasselbe Prinzip ist nun Grundlage der neuesten Anwendung „SteadyTemp“, die in den vergangenen drei Monaten aus Anlass der Epidemie entwickelt wurde, um eine Früherkennung von potenziellen Corona-Infektionen zu ermöglichen. „Denn einer der häufigsten Symptome von Covid-19 ist eine erhöhte Temperatur, auch bei einem milden Verlauf“, betont Gasteiner. „Das Potenzial ist – leider – enorm, da eine weitere Welle der Pandemie wohl nicht zu vermeiden ist.“ Zielgruppe für den Patch sind Personen, die viel Kontakt mit potenziell infizierten Menschen haben und zudem viele Stunden pro Tag arbeiten oder in Schichtarbeit tätig sind. Dazu gehören Einsatzteams wie Rettung, Feuerwehr, Polizei, Ärzte und Pfleger, aber auch Mitarbeiter in gefährdeten Betrieben wie etwa Schlachtbetriebe oder Personen in Quarantäne. „Das Produkt ist fertig entwickelt. Wir beginnen gerade mit der Klinischen Studie, um im August, spätestens September 2020 die Zulassung zu bekommen und mit dem Verkauf starten zu können.“

Smarte Mülltonnen sparen CO2

Auch in der Energie- und Umwelttechnik ist Digitalisierung seit Jahren ein zentraler Enabler für neue Prozesse sowie neue Produkte und Dienstleistungen. „Derzeit erlebt die Entwicklung – gleich der Corona-Kurve vom März 2020 – einen massiven Schub“, bestätigt Green-Tech-Cluster-Geschäftsführer Bernhard Puttinger. „Die Kernaufgabe von vielen steirischen Green Tech Unternehmen mit ihren Produkten wie Biomassekesseln, Wasserkraftgeneratoren oder Recyclingmaschinen sind digitale Services, die das Kundenbedürfnis nach sauberer Energie und recycelten Materialien besser lösen. Digitale Geschäftsmodelle drehen sich um Skalierung bis hin zur Schaffung von Plattformen.“ Mit dem Einsatz von Hightech-Sensoren zur Optimierung der Stoffströme lässt das steirische Recyclingunternehmen Saubermacher aufhorchen. Der „Wertstoffscanner“, eine im Müllsammel-Fahrzeug integrierte Technologie, analysiert die materielle Zusammensetzung des Abfalls und gibt Bürgern per SMS oder via App eine direkte Rückmeldung über die Trennqualität. Der Scanner wird derzeit im Zuge eines Großprojekts in niederösterreichischen Gemeinden getestet.

Neue Plattform und Innovativer Sensor für mehr Effizienz und Nachhaltigkeit: Die smarte Mülltonne von Saubermacher

Zudem startete Saubermacher ebenfalls in Niederösterreich – im Bezirk Horn – soeben einen großflächigen Test für den Einsatz einer neuen digitalen Plattform rund um die effizientere Entleerung von Glasbehältern. Bislang bestimmen fixe Touren der Entsorgungsfahrzeuge den Abholrhythmus von Müllsammelstellen – mit der Folge, dass teils halbleere, teils überfüllte Container angefahren werden. Ein unbefriedigender Zustand, den die neue Müllsammelplattform entscheidend verbessern soll. Wesentlicher Bestandteil dabei ist der Hightech-Sensor ANDI, der in Kooperation mit dem Startup SLOC entwickelt wurde. Der Sensor an der Deckelinnenseite der Tonne misst den Füllstand der Container und übermittelt die Messdaten an ein Portal in der Cloud. Ein Algorithmus bündelt die Live-Daten des Sensors mit Daten wie Verfügbarkeit von Fahrzeugen, Einsatzzeiten und Ladegewicht und ermittelt eine effiziente bedarfsgerechte Tour. Damit werden Mülltonnen nicht mehr nach einem festen Zeitplan, sondern mittels individueller Abholintervalle geleert. Die automatisierten Abläufe sparen Zeit, Kosten, Verkehr und CO 2 -Emissionen. Die digital unterstützte Entsorgung sichert damit höhere Effizienz und mehr Nachhaltigkeit.

 

„Hochauslastung in den F&E-Teams“

David Johannes Tatschl, Geschäftsführer Silicon Alps Cluster

Welche Auswirkungen hat die Corona-Krise auf die Mikroelektronikbranche?

Tatschl: Bereiche wie die Automobil- oder die Flugzeugindustrie, wo besonders viel Elektronik zum Einsatz kommt, hat es schwer getroffen. Auch die Einbußen von Sektoren wie der Tourismusbranche wirken sich mittelfristig auf den Umsatz in der Elektronikindustrie aus. Insbesondere im produzierenden Bereich, wo zu Beginn des Lockdowns noch laufende Aufträge abgearbeitet werden konnten, müssen nun die Produktionen zurückgefahren werden. Unsere Partner versuchen die Zeit für die Umsetzung von Investitionsvorhaben, Struktur-, Prozess- und Organisationsoptimierungen zu nutzen. In den Forschungs- und Entwicklungsteams gibt es im Gegensatz dazu Hochauslastung. Es wird in die Entwicklung neuer Produktgenerationen und Technologien investiert. Für den Wiederhochlauf der Wirtschaft will man mit aktuellen Produkten auf dem stark wachsenden Markt der Digitalisierung punkten.

Welche Maßnahmen setzt der Cluster?

Tatschl: Wir haben auf den Lockdown sehr rasch reagiert und innerhalb weniger Tage das Programm „Partner helfen Partnern“ gestartet. Dabei wurden innerhalb des Silicon Alps und auch des Silicon Europe Netzwerks Best-Practices im Umgang mit der Pandemie ausgetauscht. In Kooperation mit anderen ClusterOrganisationen haben wir die „Cross Cluster“-Initiative gestartet, wodurch wir unsere Partner noch schneller informieren konnten.

Welche Trends sind darüber hinaus derzeit bestimmend?

Tatschl: Unsere Branche der EBS sieht sich als Lösungsanbieter zu vielen Querschnittsbereichen. So bieten wir Lösungen für die Umsetzung smarter grüner Technologien und arbeiten schon an den Trends von morgen. Ob Smart Health, Smart Living, Smart Mobility, Smart City, Smart Production, Künstliche Intelligenz oder Cyber Security – unsere Systeme kommen überall zum Einsatz und werden mehr gebraucht als je zuvor. Die Pandemie hat deutlich gezeigt, wie wichtig digitale vernetzte Systeme sind. Die Bahn ist freier denn je für den breiten Einsatz digitaler Technologien und automatisierter Prozesse.

 

12 

Im Digitalisierungsindex 2019 liegt Österreich auf dem 12. Platz und damit weltweit im Spitzenfeld, europaweit allerdings bloß im Mittelfeld. Der Index, erhoben von den Kreditversicherern Acredia und Euler Hermes, untersucht die Digitalisierungskompetenz von 115 Ländern und sieht die USA, Deutschland und Dänemark an der Spitze

 

Text: Wolfgang Schober
Fotos: Oliver Wolf, beigestellt, www.istockphoto.com