Das Austrian Centre of Industrial Biotechnology (acib) gilt als Österreichs Hoffnungsträger in der Covid-19-Krise und entwickelt gemeinsam mit internationalen Partnern Lösungsansätze gegen das Virus. acib-CEO Mathias Drexler im Interview mit SPIRIT Online über die Potenziale der Biopharmazie, Forschung im Home Office und warum es für die Gesundheit von Mensch und Umwelt eine verstärkte Forschungsförderung und Zusammenarbeit zwischen Politik, Industrie und Wissenschaft braucht – nicht nur in Krisenzeiten.

Ihr Kompetenzzentrum ist als führendes Biotechnologiezentrum Österreichs auf unterschiedlichsten Gebieten der Life Sciences tätig, auch im Bereich Covid-19. Wie erleben Sie die Krise?

Mathias Drexler: Auch uns überraschte Krise, keine Frage. Wir als internationales Forschungszentrum, das auch in der Pharmazieforschung tätig sind, sind es gewohnt, auf neue Herausforderungen rasch zu reagieren. Insofern haben wir sofort gehandelt und das Thema von wissenschaftlicher Seite her mit den uns verfügbaren Ressourcen aufgegriffen. Dazu war es notwendig, Projekte sowie unsere Arbeitsweise teilweise neu zu strukturieren. Auch, um die von der Regierung verordneten, sicheren Arbeitsbedingungen zu schaffen. Ich werde oft gefragt, wie wir die Gefahren in der täglichen Arbeit einschätzen, und muss sagen, dass es nirgendwo so sicher ist wie in einem unserer Labors. Dank unseres starken Netzwerks und der großartigen Zusammenarbeit mit unseren Universitäts- und Industriepartnern sind und bleiben wir optimistisch, gut aus der Krise zu kommen, und setzen alles daran, unseren Beitrag zu leisten.

An welchen Projekten, unter anderem zu Covid-19, forschen Sie derzeit?

Mathias Drexler: Der Bereich Biopharmazie, unter den auch unsere Covid-19 Forschung fällt, ist derzeit einer unserer Hauptschwerpunkte. Im Projekt FASTCURE, das vom Grazer Start-up Innophore geleitet wird, sind wir daran beteiligt, mithilfe von Algorithmen, Big Data und einer Datenbank mehrere Milliarden Enzyme und Wirkstoffe am Computer zu screenen und im Labor auf ihre Wirksamkeit gegen SARS-CoV-2 zu testen. In weiteren Projekten entwickeln wir Plattformtechnologien, um die Produktion möglicher Wirkstoffe zu beschleunigen oder aussagekräftigere Antikörpertests zu entwickeln.

Mathias Drexler, Geschäftsführer des Kompetenzzentrums acib mit Sitz in Graz

Lässt sich Forschung auch im Homeoffice betreiben?

Mathias Drexler: Da haben wir als österreichweites Zentrum mit mehreren Standorten in ganz Österreich den großen Startvorteil, dass wir bisher schon Systeme für die entfernte Zusammenarbeit entwickeln mussten. Auch wir machen die Erfahrung, dass persönliche Meetings mitunter sehr wichtig sind, um die Zusammenarbeit zu fördern. Es zeichnet sich in den letzten Wochen immer stärker ab, dass man sehr viel mehr über Webkonferenzen und über Online-Zusammenarbeiten abwickeln kann als viele gedacht haben. Das wird mittelfristig zum Teil Reisekosten sparen, die man dann wieder in Forschungen zu Covid-19 investieren kann. Was für uns neu ist, ist die andere, veränderte Organisationsstruktur der Arbeit. Vor allem, wenn es wieder erlaubt ist, in den Sicherheitslaborbetrieb einsteigen zu können, dass vielleicht in Schichtarbeitsmodellen man einen Teil der Arbeiten und Projekte geblockt absolviert und Auswertungen und Bürotätigkeiten zuhause in Telearbeit absolviert. Es ist also eine andere zeitliche Strukturierung des Arbeitens notwendig. Das könnte langfristig auch durchaus Vorteile mit sich bringen, was zum Beispiel die Verträglichkeit von Arbeit und Familie oder Unterstützung von Familienmitgliedern betrifft.

Als eines von fünf K2-Zentren in Österreich wird das acib über europäische Gelder und Auftragsforschung seitens der Industrie finanziert. Die Wirtschaft ist derzeit auf eine harte Probe gestellt. Viele Projekte liegen auf Eis oder wurden zur Gänze eingestellt. Wie erlebt die Wissenschaft diese Ausnahmesituation?

Mathias Drexler: Was wir sehen ist, dass in der Krise die Leute zusammenstehen und gerade die österreichischen Bundesländer ergänzen die Maßnahmen des Bundes in der Forschung in vorbildlicher Weise. Es gibt an unseren Standorten sowohl in der Steiermark, als auch in Wien oder Niederosterreich Förderungen für die Wissenschaft. Die Landesförderstellen, darunter die Steirische Wirtschaftsförderungsgesellschaft SFG erkundigen sich, wie es uns geht und wie sie uns unterstützen können. Da läuft die Kommunikation fantastisch. Wenn man sich jedoch etwas wünschen dürfte, dann, dass auf Bundesebene hier auf jeden Fall Konzepte für eine nachhaltige Förderung der Grundlagenwissenschaft und der angewandten Wissenschaft im spezifischen Bereich benötigt werden. Die beiden Emergency Calls des Bundes – der erste mit einer und der zweite mit über 20 Millionen Euro – waren wichtige Initiativen. Es wird meines Erachtens hier im Life Science Sektor noch mehr Förderung auf nationaler Ebene gebraucht, damit man die Kompetenzen im Land bündeln und übergreifend mit einer österreichischen Marke sozusagen am Standort Österreich vereinen kann. Eine Rolle, die das acib in den letzten zehn Jahren mit Erfolg und großer internationaler Sichtbarkeit vorgelebt hat.

Sie sprechen von der Steiermark als internationaler Life Science Hotspot?

Mathias Drexler: Die pharmakologische und biopharmazeutische Forschung ist in der Steiermark und in ganz Österreich traditionell sehr stark. Wir erwarten aber, dass es in diesen Bereichen zu einer Intensivierung kommen wird. Wir sehen, dass Kooperationen mit österreichischen Universitäten wie der Universität Graz, der Technischen Universität Graz, der BOKU Wien oder der Universität Innsbruck, um ein paar zu nennen, verstärkt werden. Wir sind im Begriff, auch neue Projekte mit der Pharmaindustrie zu starten. Das wird sich im Sinne der neuen Unabhängigkeit sicher den Wirtschaftsstandort Österreich in diesem Bereich festigen, auch wenn vor allem die internationale Zusammenarbeit im acib stark wächst. Schließlich werden wir dadurch international sichtbarer.

Rückt das Virus die Wichtigkeit der Medizinforschung stärker ins Bewusstsein?

Mathias Drexler: Die Krise zeigt uns allen, dass das Thema nicht nur ein abstraktes ist, sondern dass Gesundheit das wichtigste Gut ist. Nur wird in Zukunft unsere eigene Gesundheit auch stark von jener unserer Umwelt abhängen. Daher sind wir im Bereich der Umweltbiotechnologie sehr aktiv. Wir haben im acib nicht zuletzt ein Lighthouseprojekt zu CO2-Verwertung in der Abfallwirtschaft oder zur Energiegewinnung. Die Life Sciences haben das Potenzial, Maßnahmen gegen Umweltverschmutzung, Ressourcenknappheit oder den Klimawandel zu setzen. Themen und Bereiche, die uns auch in Zukunft noch stark beschäftigen und vor große Herausforderungen stellen werden.  Und uns als Menschheit betreffen.

Noch ist die Krise nicht vorbei und es womöglich etwas verfrüht, ein Fazit zu ziehen. Würden sie sich jedoch als Krisengewinner bezeichnen?

Mathias Drexler: In einer Krise gewinnt niemand. Wenn wir und unsere Partner jedoch gute Arbeit leisten, dann gewinnen wir alle und können als Gesellschaft von verbesserten Medikamenten, umweltschonenderen Verfahren und nachhaltigen Lösungen profitieren.

Foto: Acib