Manfred Hohensinner, Gründer von Frutura Obst & Gemüse, spricht Klartext. Über Versäumnisse der heimischen Landwirtschaft, die Zukunft der Lebensmittelproduktion und warum der Kampf gegen die „alten Systeme“ ein zäher sein wird.

Einst bekämpft, heute bestätigt: Jahrelang liefen Gegner Sturm gegen sein Gewächshausprojekt nahe Bad Blumau. „Man wollte uns vernichten“, betont Frutura-Boss Manfred Hohensinner. Spätestens seit Corona im österreichischen Alltag einschlug und internationale Lieferketten auf eine harte Probe gestellt sind, kann sich der oststeirische Visionär eines großen Rückhalts in der Bevölkerung sicher sein. „Nicht nur wir sind froh, dass wir trotz aller Widerstände durchgehalten haben, ich bin sicher, dass viele Menschen in Österreich darüber froh sind und die Bedeutung heimischer Lebensmittelproduktion jetzt erkennen.“ In modernsten, mit Thermalwasser beheizten Gewächshäusern und Tunneln reifen bei Frutura auf rund 260.000 m2 Fläche jährlich rund 9.000 Tonnen Fruchtgemüse heran – vor allem Tomaten, Gurken und Paprika. Eine Produktion ausschließlich für die heimische Bevölkerung bzw. exklusiv für SPAR. „Kein einziges Kilogramm Blumauer Fruchtgemüse wird exportiert“, betont Hohensinner im großen Interview mit SPIRIT Online, in dem er nicht mit Kritik am System der heimischen Landwirtschaft spart.

Es heißt, nach der Corona-Krise wird nichts so sein, wie es war. Was hat sich Ihrer Ansicht nach bereits geändert?

Manfred Hohensinner: Ich würde es in einem Bild beschreiben: Vor Corona war Österreich eine gut gefüllte Badewanne. Die Menschen haben sich vergnügt und unbeschwert auf der Wasseroberfläche bewegt, ohne in die Tiefe zu sehen. Doch auf einmal wurde der Stöpsel gezogen und wir müssen erkennen, auf wie wenigen Säulen die Lebensmittelversorgung in Österreich ruht. Für viele war das ein Schock. Erst in der Krise sieht man, wie viel unsere Produzenten und Vermarkter im Hintergrund leisten. Das wird oft als selbstverständlich angesehen. Wer hätte sich vor wenigen Wochen noch gedacht, dass es in Österreich einmal zu Hamsterkäufen kommen könnte? Die Ereignisse vor zwei Wochen waren auch für uns eine große Herausforderung. Wir sind im Drei-Schicht-Betrieb gefahren und mussten alle Ressourcen aktivieren, um die Nachfrage zu befriedigen. Es war der Wahnsinn, fast so, als wäre die Hungersnot ausgebrochen. Danach hat sich die Lage aber wieder weitgehend stabilisiert.

Wie ist die aktuelle Situation? Die größte Herausforderung derzeit?

Manfred Hohensinner: Unsere Thermal-Gemüsewelt ist der einzige steirische Betrieb, der in großem Stil Fruchtgemüse produziert, und einer der wichtigsten Produzenten in Österreich. Die Importe aus klassischen Herkunftsländern wie Spanien oder Italien werden immer schwieriger und sind von Unsicherheiten geprägt, sowohl in der Logistik als auch in der Produktion, denn auch in Südeuropa fehlen Erntehelfer. Umso wichtiger ist die regionale Versorgung. Daher laufen wir im Vollbetrieb. Wir arbeiten Tag und Nacht für die Versorgung von Millionen Österreichern. Denn gerade im Bereich von Fruchtgemüse ist der österreichische Eigenanteil sehr gering, bei Gemüse beträgt er rund 50 Prozent, bei Tomaten gerade einmal 20 Prozent. Unsere größte Herausforderung derzeit betrifft die Frage, wie wir unsere ungarischen Mitarbeiter weiter sicher beschäftigen können. Dazu kommen noch die wichtigen Schutzmaßnahmen für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Krisenplanumsetzungen und vieles mehr, um die Produktion aufrecht zu erhalten.

Sie haben Mitarbeiter in Hotels einquartiert. Eine Zwischenlösung?

Manfred Hohensinner: Durch die Grenzschließungen haben wir die Sorge, dass Mitarbeiter nicht mehr einreisen dürfen. Daher haben wir schon früh reagiert und rund 160 Mitarbeiter aus Ungarn in mehreren Hotels in der Region einquartiert – zumindest bis Ende April. Für eine langfristige Lösung braucht es Rechtssicherheit und ein bilaterales Abkommen. Das scheint nun gelungen und ist auch dringend notwendig, um den Betrieb am Laufen zu halten und zu verhindern, dass die Ware verdirbt. Denn ohne Lebensmittel und ohne Essen haben wir alle ein Problem. Zudem wollen wir auch bewusst an unseren ungarischen bzw. slowenischen Mitarbeitern festhalten. Die Leute stehen zur Firma und wir stehen zu ihnen und lassen sie nicht im Regen stehen. Diese sind vielfach von Anfang an dabei und haben zu einer Zeit bei uns begonnen, wo noch viele Österreicher die Nase über uns gerümpft haben. Viele haben ein völlig falsches Bild von unserer Arbeit. Wir sind ein hoch professioneller Betrieb mit viel Hightech und beschäftigen keine Erntehelfer, sondern ausgebildete Spezialisten, die auf dem österreichischen Arbeitsmarkt kurzfristig gar nicht so einfach zu bekommen wären.

Gibt es Pläne für weitere Projekte nach dem Vorbild der Thermal-Gemüsewelt?

Manfred Hohensinner: Solche Projekte braucht es dringend. Und wir denken auch schon weiter. Nicht am Standort Blumau, aber in anderen Regionen. Aber es ist noch zu früh, um konkret darüber zu sprechen.

Was sind die Lehren für die heimische Landwirtschaft aus der Coronona-Krise?

Manfred Hohensinner: Für mich ist klar, dass es einen Strukturwandel in der Landwirtschaft braucht. Aber es sind viele beharrende Kräfte am Werk, daher bin in ich dieser Frage nicht sehr optimistisch. Für einen echten Paradigmenwechsel müssten wir die gesamte Förderpolitik der EU radikal neu gestalten. Derzeit bekommen die Bauern mit den größten Flächen und den meisten Mengen nach dem Gießkannenprinzip das meiste Geld. Das führt dazu, dass wir zu viele Produkte haben, die keiner braucht – siehe den heimischen Apfel, der zu 60 Prozent in den Export geht. Das heißt, die alten Systeme sind eigentlich schon lange tot – bis sich die neuen etablieren, wird es aber wohl noch Jahre dauern. Ein neues System der Landwirtschaft braucht Professionalität, Innovation und vor allem Kostenwahrheit. Ein Lebensmittel ist ein Mittel zum Leben und hat einen Wert, der sich auch im Preis wiederfinden muss. Daher darf es keine „billigen“ Lebensmittel geben. Ich frage mich: Warum ist es in den vergangenen Jahren nicht gelungen, den Stellenwert der Lebensmittel auf ein Niveau zu heben, der höhere Arbeitskosten und damit vernünftige Preise erlaubt? Das hängt auch damit zusammen, dass die Kommunikation zwischen den Produzenten der Lebensmittel und den Konsumenten praktisch unterbinden wurde. Die Corona-Krise bietet auch die Chance zu einer Umkehr. Es muss auch endlich Schluss sein mit dem Klein gegen Groß, sondern wir brauchen einen Schulterschluss. Und die Landwirtschaft muss auch endlich verstehen, dass die Freiland-Produktion künftig aufgrund der erwartbaren Wetterkapriolen immer schwieriger wird. In vielen Bereichen wird es mehr geschützte Produktion brauchen.

So gesehen bietet die Krise auch große Chancen?

Manfred Hohensinner: Sie bietet große Chancen, aber sie birgt auch eine Gefahr – nämlich folgende: Schon jetzt zeichnet sich ab, dass die Corona-Krise enorme wirtschaftliche Auswirkungen mit sich bringen wird. Ich bin sicher, diese werden jahrelang zu spüren sein. Nach dem ersten Schock befürchte ich, dass sich die Haltung breit machen könnte: Jetzt müssen wir die Wirtschaft wieder in Gang bringen und daher dürfen die Lebensmittel nichts bzw. möglichst wenig kosten. Das wäre genau der falsche Weg und darf keinesfalls passieren! Eine Riesenchance bietet die Krise dennoch. Wenn wir die richtigen Lehren ziehen, sehe ich große Chancen für die Umwelt bzw. das Klima, weil man plötzlich sieht, dass man ja doch effektiven Klimaschutz betreiben kann, wenn man wirklich will. Und zum zweiten – wie erwähnt – lebt die Chance auf einen neuen Fokus auf regionale Lebensmittelproduktion. Dazu müssen wir aus dem kleinkarierten Denken heraus. In den letzten Jahren wurde viel verschlafen. Der Systemwechsel ist machbar. Wann, wenn nicht jetzt, wäre die Zeit dafür?

9.000 Tonnen Fruchtgemüse liefert die Thermal-Gemüsewelt jährlich (c) Rene Strasser

Die aktuellen Diskussionen über die Versorgungssicherheit Österreichs sind auch eine Bestätigung für Ihren Weg. Eine Genugtuung für Sie?

Manfred Hohensinner: Jeder, der unsere Geschichte verfolgt hat, weiß: Wir waren schwersten Anfeindungen ausgesetzt, man wollte uns vernichten. Die Corona-Krise ist sicher auch eine Bestätigung dafür, dass unser Weg der richtige war – auf jeden Fall. Nicht nur wir sind froh, dass wir das Ganze überlebt haben, ich glaube, heute sind auch viele Österreicher froh, dass es uns gibt. Ich bin überzeugt, wir sind mit der Thermal-Gemüsewelt hier ein Vorzeigemodell für ganz Europa. Ich hoffe, dass andere unserem Beispiel folgen.

Das Logistikzentrum von Frutura in Hartl vermarktet Obst und Gemüse aus rund 40 Ländern. Rechnen Sie mit Störungen der Lieferketten aus Übersee?

Manfred Hohensinner: Ich war früher ja nicht nur Landwirt, sondern auch jahrelang als LKW-Fahrer international unterwegs. Da habe ich gesehen, wie die Logistik läuft und weiß, dass man dabei nichts dem Zufall überlassen darf. Daher freue ich mich, dass wir mit unserer hervorragenden Mannschaft die gesamte Logistikkette von Hartl aus seit Jahren selbst organisieren – bis zurück zum Urproduzenten in Übersee. Das erfordert viel Know-how und vorausschauende Arbeit, hier sind wir wirklich äußerst professionell aufgestellt. Übrigens auch unsere Partner und Produzenten in Übersee. Diese arbeiten mit einer Professionalität, von der einige Betriebe hierzulande noch etwas lernen können. Aber generell gilt natürlich auch hier mein Appell: Nur das importieren, was wirklich nötig ist. Und all das zuhause produzieren, das wir zuhause produzieren können.

 

Frutura Thermal-Gemüsewelt

Blumauer Cherry Tomaten
Foto: Rene Strasser

In hoch modernen, thermischen beheizten Gewächshäusern erzeugen rund 300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf 260.000 m2 das ganze Jahr über frisches Fruchtgemüse. 9.000 Tonnen Tomaten, Gurken, Paprika und Radieschen werden in diesem Jahr geerntet – ausschließlich für die heimische Bevölkerung bzw. exklusiv für SPAR.

Die Frutura Thermal-Gemüsewelt ist Teil der Frutura Obst & Gemüse Kompetenzzentrum mit Sitz in Hartl bei Kaindorf, einem bedeutenden Anbieter und Dienstleister im Obst- und Gemüsebereich. Jährlich werden 150.000 Tonnen Obst & Gemüse vermarktet. Mit rund 620 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie eigener Bananen- und Exotenreifung sowie Packanlage ist Frutura im Frische- und Trockenfrüchtebereich täglich im Einsatz. Über 1.000 Produzenten und Erzeugergruppierungen aus 40 Ländern sind Partner von Frutura.

http://frutura.com/thermal-gemuesewelt/

Text: Wolfgang Schober