Management by Aschenputtel, Rumpelstilzchen oder Rapunzel? Klingt wie ein Märchen, hat aber Methode. In ihrem aktuellen Buch vermitteln die Grazer Unternehmensberaterinnen Olivia de Fontana und Sabine Pelzmann Aspekte moderner Führungsrollen anhand bekannter Figuren von Grimms Märchen.

Führung und Macht sind untrennbar miteinander verbunden. Dies ist auch in der COVID-19 Situation nur allzu deutlich bewusst geworden. Es nutzt weder den Mitarbeitenden noch dem Unternehmen, wenn die Führungskraft die eigene Positionsmacht verleugnet. Wirkungsvolle Führung bedeutet auch, sich mit den dunklen Seiten der Macht auseinanderzusetzen, die mit jeder Führungsposition verbunden ist.

In den Märchen der Gebrüder Grimm treten verschiedene Führungs- und Machtaspekte mit einer ungeschönten Härte und Klarheit zutage. In den meisten Märchen geht es um persönliche Reifewege, es geht darum, vom Prinzen zum König, von der Prinzessin zur Königin zu werden. Es geht um Entwicklungsprozesse, die notwendig sind, um sich selbst und das „eigene Königreich“ gut zu führen.

Die Konflikte, die in vielen der Märchen auftreten, können als gleichzeitig existierende Polaritäten mit großem Spannungspotential wahrgenommen werden, wie sie auch im Unternehmenskontext immer wieder auftreten.

Im Märchen „Aschenputtel“ werden zwei Familien zusammengeführt – es geht um Mergerprozesse und Vertrauenskultur. In diesem Märchen wird anhand der Zusammenführung zweier Familien gezeigt, dass die Fusion von zwei Systemen – ob es nun zwei Familien oder zwei Unternehmen sind – misslingt, wenn nicht in Augenhöhe zwischen den Systemen kommuniziert und die Reihenfolge der Systemmitglieder geachtet und respektiert wird.  Natürlich ist Aschenputtel auch ein Märchen darüber, was es heißt, lange Zeit im Verborgenen zu stehen. Ein Märchen über ungehobene Schätze, die man von außen nicht sieht. Fähigkeiten, die von einer Führungskraft vielleicht nicht gefördert werden und die das neue Management nicht sieht.

Im Märchen „Die vier kunstreichen Brüder“ geht es um Teamführung und Teamentwicklung. Teamarbeit ist für viele komplexen Aufgaben nötig und in einer volatilen Welt nicht mehr wegzudenken. Die Frage, wie sich das eigene Führungsverhalten auf die Teamleistung auswirkt, sollte sich jede Führungskraft stellen. In diesem Märchen geht es auch um Honorierung von Team- und Einzelleistungen.

„Das tapfere Schneiderlein“ zeigt die Bedeutung von Selbstmarketing auf. Selbstmarketing gehört zu Unternehmen wie zu Führungskräften. Ohne ein bestimmtes Maß an attraktiver Vermarktung der eigenen Vorzüge gibt es kaum Chancen, die Führungsleiter aufzusteigen oder eine breitere Menge an Kooperationspartnerinnen und Kooperationspartner zu erreichen. Wie weit darf Selbstmarketing gehen? Ist es die Aufgabe von Führungskräften, die Form der Selbstdarstellung von Mitarbeitenden zu hinterfragen?

Es ist interessant, kaum jemand mag das tapfere Schneiderlein und trotzdem schafft es dieser geschickte Kerl mit List an die Spitze: er bekommt das halbe Königreich und die Königstochter noch dazu. Das tapfere Schneiderlein erarbeitet sich einen einzigartigen Ruf mit dem Slogan „Sieben auf einen Streich“ und schafft es damit, den alten König zu täuschen.

Im „König Drosselbart“ geht es um die Persönlichkeitsentwicklung einer jungen Nachwuchsführungskraft und es wird aufgezeigt, wo die Grenzen von Talentemanagement liegen.

Die Märchen der Gebrüder Grimm sind voll von Geschichten mit dem Umgang mit Macht, von Machtverlust, von Königreichen und Menschen, die die Gnade von Königinnen und Königen verlieren. In den Märchen wird immer wieder thematisiert, dass es Aufgabe der Führung ist, auf das Ganze zu schauen und zu Gedeihen des Ganzen beizutragen, auch wenn dazu immer wieder einmal schwierige und unpopuläre Entscheidungen notwendig sind.

Das Buch zeigt, dass es keine einfachen und immer gültigen Rezepte für gute Führung gibt.Olivia de Fontana und Sabine Pelzmann bieten in ihrem neuen Buch „Führung und Macht. Aspekte moderner Führungsrollen – gesehen in Figuren der Grimm´schen Märchen“, das gerade im Schäffer-Poeschel Verlag erschienen ist, eine ungewöhnliche Auseinandersetzung mit der Führungsrolle, den Aufgaben und Herausforderungen von Führung. Anhand von zehn ausgewählten bekannten und auch eher unbekannten Märchen der Gebrüder Grimm geben die Autorinnen in dialogischer Form einen interdisziplinären Zugang, fernab von mechanistischen Managementmodellen.

 

„Wirkungsvolle Führung bedeutet auch, sich mit den dunklen Seiten der Macht auseinanderzusetzen, die mit jeder Führungsposition verbunden ist. Wer wirklich führt, bekennt sich zur eigenen Macht.“
Sabine Pelzmann, Integrative Organisationsentwicklung

 

Olivia de Fontana und Sabine Pelzmann

Olivia de Fontana und Sabine Pelzmann (r.)

Führung und Macht
Aspekte moderner Führungsrollen – gesehen in Figuren der Grimm´schen Märchen
Von Olivia de Fontana und Sabine Pelzmann, Schäffer-Poeschel Verlag