Sicher durch den Maßnahmen-Dschungel: Steuerberater Klaus Gaedke von der Gaedke & Angeringer Steuerberatung GmbH im großen Interview mit „SPIRIT of Styria“ über das Dickicht der Corona-Hilfspakete, die späte Einbindung der Praktiker und die Zukunft der Steuerreform.

Die COVID-Krise hat auch den Kanzleibetrieb von Steuerberatern auf eine harte Probe gestellt. Wie sah der Alltag in Ihrer Kanzlei in den vergangenen Wochen aus?

Klaus Gaedke: Wir haben Mitte März, zeitgleich mit dem Shutdown, auf Homeoffice umgestellt. Rund 90 Prozent der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben von Zuhause aus gearbeitet, ein Teil tut es noch heute – es hat alles gut funktioniert. Dabei haben wir natürlich versucht, auf die jeweilige familiäre Situation einzugehen. ‪Wir haben auch auf das Instrument Kurzarbeit zurückgegriffen, da in einzelnen Bereichen wie Buchhaltung weniger Arbeitsanfall bestand und seit Krisenbeginn natürlich auch die Kliententermine abgenommen haben. Mit Anfang Mai haben wir dann begonnen, die Bürotätigkeit wieder sukzessive hochzufahren – in einem Ausmaß, dass alle nötigen Sicherheitsmaßnahmen eingehalten werden können. Auch bei Klienten-Terminen sind wir vorsichtig und werden diese so gut wie möglich online abwickeln.

Eine Aussendung der Kammer der Steuerberater und Wirtschaftsprüfer (KSW) vom 20. März kündigte an, dass die Umsetzung der Maßnahmen aus den Hilfspaketen der Bundesregierung „eine Herkules-Arbeit für Steuerberater“ werden würde. Ist das eingetreten?

Klaus Gaedke: Absolut. Wir hatten vor allem zu Beginn alle Hände voll zu tun, um die Anfragen der Unternehmer rund um die verschiedenen Hilfsfonds zu bearbeiten. Ganz besonders betroffen war die Personalabrechnung, denn die Fragen und Unsicherheiten bei der Kurzarbeit waren massiv. Vor allem am Anfang kamen jeden Tag neue Richtlinien und Formulare zu den Maßnahmen heraus, es war ein bürokratischer Wahnsinn mit permanenten Änderungen und Neuerungen. Mittlerweile hat es sich eingespielt.

Welche Hürden gab bzw. gibt es bei der Kurzarbeit?

Klaus Gaedke: Es begann schon bei der Antragstellung. Um die monatliche Abrechnung der Kurzarbeit beim AMS einzureichen, braucht es ein eAMS-Konto, über das die meisten Unternehmer zum Zeitpunkt der Krise aber noch nicht verfügten. Leider war es auch nicht möglich, uns Steuerberater mit dieser Aufgabe zu bevollmächtigen. Das hat für erhebliche Verzögerungen und für entsprechenden Mehraufwand gesorgt. So auch in der nächsten Phase – denn lange wussten wir nicht, wie die Löhne für März und April in der Kurzarbeit abzurechnen sind, sodass wir nur eine vorläufige Abrechnung für diese beiden Monate machen konnten. Das bedeutet, dass wir dann im Nachhinein wieder alles aufrollen müssen. Ein riesiger Aufwand, der natürlich zu einer Belastung der Unternehmen führt, weil ja auch wir den Mehraufwand verrechnen müssen. Das ist nur eine von vielen über lange Zeit offenen Fragen, zeitweise waren es 200 ungeklärte Punkte – vom Urlaubsanspruch über Sachbezüge bis zum Familienbonus. Ich will den Experten im AMS und im BMF den guten Willen nicht absprechen – aber offensichtlich brachten sie hier keine rasche Einigung zustande.

Zudem trifft es viele Unternehmen hart, die die Löhne aus der Kurzarbeit vorstrecken müssen. Wie lange müssen Betriebe auf das Geld warten?

Klaus Gaedke: Manche Unternehmen erhielten den positiven Bescheid vom AMS erst nach zwei oder drei Wochen. Das Problem: Die Banken erklärten sich zwar bereit, die Zwischenfinanzierung der Gehälter zu tätigen, konnten das aber erst bei Vorliegen der Bescheide tun. Vorher konnten die Überweisung nicht stattfinden. In der Praxis ist es so, dass es sechs bis acht Wochen dauert, bis das Geld vom AMS beim Unternehmen ankommt. Das heißt, vor Ende Mai haben die Firmen das Geld für März nicht am Konto. Man darf nicht vergessen: Die Unternehmen haben ja nicht nur Personalkosten. Ein Handelsbetrieb mit Null Einnahmen tut sich einfach schwer, zwei Monate vorzufinanzieren. Und Ende Mai sind auch noch Sonderzahlungen wie das Urlaubsgeld bei vielen Betrieben fällig. Daher ist zu befürchten, dass schon bald eine Kündigungswelle auf die Wirtschaft zukommt. Vor allem dort, wo die Hilfsmaßnahmen beim Unternehmen nicht zeitgerecht ankommen.

Wie wirksam sind die angekündigten Garantien und Haftungen?

Klaus Gaedke: Die aws-Garantien sind grundsätzlich ein gutes Instrument, sie garantieren die Übernahme von Haftungen zwischen 80 und 100 Prozent – sofern die Voraussetzungen gegeben sind. Wenn bestimmte Kennzahlen nicht erreicht werden, können Unternehmen leicht durch die Finger schauen. Hilfreich kann es in diesen Fällen sein, eine aktuelle Bilanz aus dem Jahr 2019 nachzubringen. Wir versuchen, diese schnellstmöglich nachzureichen. Bei den Garantiehöhen gibt es mehrere Modelle parallel. Das Problem bei den 80 % Garantien war, dass bei diesem Modell viele Unternehmen die erforderlichen aws-Kriterien wie 8 % Eigenkapital-Quote und eine Schuldentilgungsdauer von unter 15 Jahren nicht schafften. Abgesehen davon, dass die Hausbank noch gesondert prüft, da ihr das Risiko für die verbleibenden 20 Prozent im Insolvenzfall bleibt. Daher wurde der Rahmen auf 100 % Garantiesumme erhöht, für diese Kredite gelten andere, weniger strenge Kennzahlen. Allerdings sind die Garantien hier nach oben gedeckelt.

Prüfen Banken zu streng, wie es oft aus Unternehmerkreisen verlautet?

Klaus Gaedke: Meiner Erfahrung nach pflegt jede Bank ihre eigene Vorgehensweise. Alle Anträge müssen geprüft sowie aktuelle Bilanzen vorgelegt werden. Dabei werden die Regularien ja nach Bank aber unterschiedlich ausgelegt. Grundsätzlich sehe ich ein großes Bemühen zu helfen, aber es gibt sicher Fälle, wo es sich spießt und wo man sich fragen könnte, wozu es diese 100-%-Garantie gibt, wenn Banken ihre eigenen Regularien zur Anwendung bringen. Zumindest Business-Pläne dürfen jetzt keine mehr verlangt werden, aber der Liquiditätsbedarf muss plausibel gemacht werden.

Wären statt der Kredite nicht direkte Zuschüsse wie etwa in Deutschland oder der Schweiz zielführender gewesen?

Klaus Gaedke: Im Nachhinein ist man immer gescheiter. Bei den Maßnahmen sehe ich etwa den Faktor Zeit sehr kritisch, vor allem, wenn man bedenkt, dass Unternehmen einen Großteil ihrer Ausgaben ein oder zwei Monate vorfinanzieren müssen. In diesen Fällen hätte ein Direktzuschuss in Höhe eines gewissen Prozentsatzes der Personalkosten wohl mehr geholfen.

Inwieweit waren Praktiker wie Steuerberater bei der Ausgestaltung der Hilfspakete eingebunden?

Klaus Gaedke: Eine berechtigte Frage. Denn vor allem bei der Kurzarbeit und beim Härtefonds hätten wir uns gewünscht, dass die KSW mit ihrer Expertise früher ins Boot geholt worden wäre. Dabei ist sicher viel schief gegangen. Erst in einer späteren Phase wurde die Kammer stärker eingebunden. Eine vorzeitige Einbindung hätte geholfen, die leichte Durchführbarkeit zu gewährleisten und Extrarunden und damit Mehrkosten für die Unternehmen zu sparen.

Welche Erwartungshaltung haben Klienten in der Krise gegenüber ihrem Steuerberater?

Klaus Gaedke: Aufgrund des bestehenden Maßnahmen-Dschungels ist die Lage für den Einzelnen oft nicht überschaubar. Viele wissen dann einfach nicht mehr, was für sie das Beste ist. Daher werden wir tagtäglich mit Fragen konfrontiert, für welche Hilfsmaßnahmen ein Unternehmen ansuchen soll. Es gibt eine Vielzahl unterschiedlicher Maßnahmen aus unterschiedlichen Töpfen – in diesem Dickicht können wir eine gute Hilfestellung leisten und eine Kompass-Funktion als Krisen-Navigator bieten. Zudem erwarten sich die Klienten überwiegend unsere Expertise in der Frage Sichererstellung von Liquidität und Unterstützung in der Finanzierungsberatung.

Ihre wichtigste Empfehlung?

Klaus Gaedke: Ein Unternehmen sollte wohl überlegt vorgehen und sich genau anschauen, was für einen spezifisch das beste Instrumentarium darstellt. Denn vielfach werden die verschiedenen Mittel ohnehin gegenverrechnet. Daher ist es manchmal günstiger abzuwarten, als sofort einen Antrag zu stellen. Man sollte sich für eine gesamtheitliche Betrachtung Zeit lassen. Besonders hart trifft es aber sicherlich Kleinstunternehmen, EPUs, Jungunternehmer und Künstler, vor allem, wenn sie Verluste in der Vergangenheit hatten. Hier müsste man sich überlegen, inwieweit es eine Unterstützung von anderen Stellen geben sollte.

Müssen wir uns auf einen „heißen Herbst“ einstellen? Rechnen Sie mit einer Insolvenzwelle?

Klaus Gaedke: Wir erleben nach dem großen Shutdown erste Schritte der Öffnung. Das Wichtigste ist nun, dass die Wirtschaft wieder anspringt. Es ist zu hoffen, dass die Menschen nicht zu verunsichert sind und ihre Konsummöglichkeiten nutzen. Dazu müssen wir erst einmal genügend Leute auf die Straße bekommen, die Rückkehr zu Gewohntem wird sicher noch eine Weile dauern. Dabei ist zu befürchten, dass vor allem Unternehmen, die schon vor COVID in der Krise waren, möglicherweise nicht überleben werden. Aber vieles hängt von den Rahmenbedingungen ab und der Frage, wie sich der Konsum entwickelt. Wenn Unternehmen zwar wieder offen haben, aber ihre Geschäfte leer bleiben bei gleichzeitig hohen Kosten, weil ja auch keine Mietreduktion mehr möglich ist, dann wird es kritisch.

Stichwort Digitalisierung: Wird Telearbeit in Ihrer Branche künftig verstärkt eingesetzt werden?

Klaus Gaedke: Das Thema Digitalisierung beschäftigt unsere Branche schon lange. Die meisten Kanzleien sind so gut aufgestellt, dass der Umstieg auf Homeoffice kein großes Problem darstellte. Aber in der Wirtschaft insgesamt sehe ich noch viel Aufholbedarf – zuletzt gab es eine begrüßenswerte Aktion der SFG und AK für die Förderung von Telearbeitsplätzen, damit Mitarbeiter von zuhause arbeiten können. Wenn wir von Digitalisierung sprechen, dann meinen wir damit nicht nur, dass wir Papier durch elektronische Dokumente ersetzen, sondern wir sprechen gleichzeitig von Automatisierung. Mein Eindruck ist, dass viele Unternehmen angesichts der Krise gesehen haben, dass das Thema Digitalisierung im Betrieb noch nicht ganz so durchdrungen ist wie angenommen. Das sehe ich als große Chance für die Wirtschaft. Wir müssen zukünftig massiv in die Digitalisierung und Automatisierung investieren und einen großen Schritt nach vorne machen. Dabei denke ich auch an die Schulen! E-Learning wurde bisher untergeordnet behandelt und plötzlich nach wenigen Wochen Homeschooling hat sich mehr getan als in den letzten zehn Jahren. Das kann man jedenfalls als positive Erkenntnis aus der Krise ziehen.

Bei Antritt der neuen Bundesregierung wurde die ökologische Umsteuerung des Steuersystems angekündigt. Wird die Öko-Steuerreform nun ein Corona-Opfer?

Klaus Gaedke: Fakt ist, dass all die COVID-Hilfsmaßnahmen immens viel Geld kosten. Daher wird sich die Regierung, wenn die Gesundheitskrise einigermaßen im Griff ist, überlegen müssen, wie sie diese enormen Ausgaben gegenfinanzieren wird. Dabei wird sicher das eine oder andere angekündigte Projekt auf der Stecke bleiben, davon bin ich überzeugt. Ökologische Maßnahmen, die zu Steuereinnahmen führen, werden – so denke ich – zwar weiterhin forciert, aber ob es viele neue Förderungen im Umweltbereich geben wird, bezweifle ich.

Auch eine Diskussion um Vermögens- und Erbschaftsteuer wurde bereits losgetreten. Ihre Einschätzung?

Klaus Gaedke: Bei Vermögenssteuern bin ich skeptisch. Seriöse Berechnungen ergeben, dass dabei einfach zu wenig Steueraufkommen lukriert werden kann – vor allem im Verhältnis zum Aufwand. Und die Erbschaftssteuer ist derzeit ein psychologisch heikles Thema. Jemanden noch etwas wegzunehmen, der in der Krise schon einiges verloren hat, ist problematisch. Daher bin ich überzeugt, dass eine gut gemachte Verwaltungs- und Ausgabenreform mit echten Effizienzsteigerungen viel mehr Geld bringen würde. Klar ist jedenfalls, dass diese Milliarden kaum in wenigen Jahre wieder hereingeholt werden können, die Bewältigung dieser Krise wird wohl ein Thema der nächsten 10 bis 20 Jahre werden.

 

Klaus Gaedke. Geschäftsführer bei Gaedke & Angeringer Steuerberatung GmbH

Klaus Gaedke, Geschäftsführer bei Gaedke & Angeringer Steuerberatung GmbH

Gaedke & Angeringer Steuerberatung GmbH

Standorte in Graz, Köflach und Wien

Klaus Gaedke ist Betriebswirt. Seit 2007 ist er Steuerberater, seit 2015 gerichtlich zertifizierter Sachverständiger und Lektor an der Karl-Franzens-Universität.

Unternehmensgründer und Seniorpartner ist Prof. Gerhard Gaedke. Seit 2014 leitet Klaus Gaedke gemeinsam mit seinem Kanzleipartner Ronald Angeringer, der die Kanzlei in Köflach führt, das Unternehmen. Insgesamt sind 8 SteuerberaterInnen, 1 Wirtschaftsprüferin sowie 40 weitere MitarbeiterInnen im Unternehmen beschäftigt.

Klaus Gaedke ist auch Vizepräsident der Kammer der Steuerberater und Wirtschaftsprüfer Landesstelle Steiermark (KSW)

Gaedke & Angeringer Steuerberatung GmbH ist Mitglied von GGI, einem der zehn führenden Zusammenschlüsse internationaler Prüfungs-, Beratungs- und Rechtsanwaltsgesellschaften

www.gaedke.co.at

 

„Aufgrund des bestehenden Maßnahmen-Dschungels ist die Lage für den Einzelnen oft nicht überschaubar.“
Klaus Gaedke, Gaedke & Angeringer Steuerberatung

„Die Bewältigung dieser Krise wird wohl ein Thema der nächsten 10 bis 20 Jahre werden.“
Klaus Gaedke, Gaedke & Angeringer Steuerberatung

 

Bild oben: Steuerberater Klaus Gaedke in den Räumlichkeiten seiner Kanzlei Gaedke & Angeringer Steuerberatung

 

INTERVIEW: Wolfgang Schober