Leerstände, Corona-Krise und der Strukturwandel im Handel: Welche Maßnahmen braucht die Grazer Innenstadt, um ihre Attraktivität nachhaltig zu sichern? „SPIRIT of Styria“ lud Grazer Unternehmerinnen und Unternehmer zum Talk über Strategien und Szenarien für die City.

Die TeilnehmerInnen:
Julia Pengg, Mangolds, Veggie-Restaurant & Shop, Griesgasse
Leonore Höfler, MuR Modernes und Raritäten, Enge Gasse
Erwin Sacher, Vorstand „Echt Graz – Gemeinschaftsaktion Innenstadt“
Hans Schullin, Juwelier Schullin, Herrengasse, Tourismusverband Graz

Gibt es ein Patentrezept für die Attraktivierung der City oder braucht es eine Summe von Einzelmaßnahmen?

Schullin: Das Wichtigste wäre aus meiner Sicht, einen ungehinderten Zugang zur Innenstadt zu schaffen. Die Anbindung muss perfekt gelöst sein – egal für welches Verkehrsmittel. Für Autofahrer sollte es einen direkten Zugang zu konkreten Parkzielen geben, die Innenstadt selbst sollte aber möglichst verkehrsberuhigt sein – in jeder Hinsicht. Schon Fredi Sewera, legendärer Stoffhändler in der Herrengasse, sagte immer: „Solange Straßenbahnen durch die Herrengasse rauschen und Mütter ihre Kinder nicht frei herumlaufen lassen können, ist das keine Fußgängerzone.“ Ähnliches gilt für eine von Radfahrern durchrauschte Schmiedgasse. Darüber hinaus ist ein attraktiver Mix unterschiedlicher Geschäfte und Gastrobetriebe zen-tral. Es müsste gelingen, den Kern so aufzuwerten, dass die Herrengasse wie ein Magnet wirkt und als „Prachtstraße“ wahrgenommen wird, ähnlich wie der lustergeschmückte Graben in Wien zur Weihnachtszeit. Nur Bedauern über die Leerstände zu äußern hilft niemandem. Wobei man ehrlicherweise sagen muss, dass das eine Entwicklung ist, die nicht allein Graz trifft. Fast alle Mittelstädte sind betroffen, in Corona-Zeiten aufgrund der ausbleibenden Touristen auch die Metropolen. Wir sollten uns darauf konzentrieren, was wir selber tun können, um die Innenstadt so attraktiv wie möglich zu machen. Aber natürlich muss auch die Stadtverwaltung ihren Beitrag leisten.

Pengg: Trotz mancher Leerstände möchte ich betonen: Die Grazer Innenstadt ist großartig und sollte nicht schlecht geredet werden. Graz hat einen der größten Altstadtkerne Mitteleuropas und ist nicht umsonst Weltkulturerbe. Die Architektur, das Stadtbild und die Gassen, die zum Bummeln einladen das alles können wir mit Stolz hochhalten. Die Gäste lieben das einzigartige Flair. Was die Leerstände betrifft, muss man sagen, dass die Innenstadt in den vergangenen Jahren ja auch gewachsen ist – auf der rechten Murseite sind mit dem Kreativviertel rund ums Kunsthaus viele neue Flächen und Geschäfte dazugekommen. Die Situation für viele Unternehmen ist derzeit sicher kritisch und es braucht Ideen in vielen Bereichen. Der Branchenmix ist natürlich wichtig gleichzeitig könnte man dort und da Themen schwerpunktmäßig besetzen. So könnte man die – künftig fahrradfreie – Schmiedgasse als Gasse für Familien und Kinder mit entsprechenden Angeboten positionieren, eine Zielgruppe, für die derzeit in der Innenstadt viel zu wenig getan wird. Oder wir könnten den Bereich der oberen Griesgasse Richtung Kunsthaus als Green Village mit viel Grün nach außen tragen. Wenn wir solche Themen besetzen, tun wir uns auch in der Vermarktung leichter. Zudem bin ich überzeugt, dass wir den Handel künftig stärker digital denken müssen und neue Technologien als Chance begreifen sollten.

Grazer Innenstadt, quo vadis? Foto: Steiermark Tourismus/Schiffer

Grazer Innenstadt, quo vadis? Foto: Steiermark Tourismus/Schiffer

Sacher: Unser Verein „Echt Graz“ besteht mittlerweile aus fast 100 Unternehmen und ist deshalb so erfolgreich, weil wir es geschafft haben, das Gemeinsame in den Vordergrund zu stellen. Genau das wollen wir noch stärker ausbauen. Die Grazer Innenstadt ist ein erstklassiger Erlebnisort – mit unglaublich großer Vielfalt. Wir haben eine Einkaufsvielfalt und eine Vielfalt an Gastronomie – es gibt immer wieder Neues zu entdecken. Die Stadt bietet auch viel Freiraum, gerade jetzt, wo in den Shopping-Centern Abstandsregeln nicht so leicht eingehalten werden können, haben die Menschen mit unserem Freiluftangebot die Chance, sicher shoppen zu können. Der Umsatzanteil der Innenstadt, der von Kunden außerhalb von Graz getätigt wird, beträgt rund 40 Prozent. Daher ist es für uns essenziell, dass wir die drei großen A, nämlich Anfahrbarkeit, Ambiente und Angebot, gewährleisten können. Das Wesentliche ist, dass die Stadt für alle erreichbar bleibt – ob Radfahrer, Öffis, Fußgänger oder Autofahrer – und dass wir nicht nach dem Motto „Vorsicht Kunde“ vorgehen. Daher schauen wir uns auch sehr genau an, was die Stadtverwaltung konkret für uns macht. Vermarktet sie die Stadt oder vermarktet sie auch den Handels -und Gastronomiestandort Grazer Innenstadt? Und wenn das City Management nun in die Holding verlagert werden soll, so kann ich nur hoffen, dass es dort ausreichend Experten mit Erfahrung gibt, die wissen, was die Unternehmen in der Innenstadt benötigen.

Höfler: Mein Vorschlag, die Grazer Innenstadt zu attraktivieren, wäre im Grunde sehr naheliegend: Ich finde, wir sollten die bekannte Vielfalt der Qualitäten von Graz – von Genusshauptstadt über Kulturhauptstadt bis City of Design etc. – als Chance nutzen und die verschiedenen Kräfte und Ressourcen zusammenführen. Das käme mir sehr reizvoll vor. Graz ist nicht entweder-oder, entweder Handel oder Gastro, entweder Kultur oder Kulinarik – sondern vieles in einem. Es lohnt sich, diese Potenziale zu clustern. Das Erscheinungsbild der Grazer Innenstadt nach außen sollte so bunt sein wie die Häuser, die wir haben. Ganz wesentlich für das Erscheinungsbild der City sind die unternehmergeführten Geschäfte in der Innenstadt. Daher hoffe ich, dass sich die Mieten tatsächlich etwas nach unten bewegen. Diese unternehmergeführten Geschäfte sind es, die eine Stadt bunt machen. Es trifft uns doppelt, wenn einzelne Vertreter zusperren wie zuletzt Schediwy. Das Individuelle macht es aus. Entscheidend ist auch die Verweildauer in der Stadt, daher würde ich auch beim Thema Verkehr – Herrengasse und Schmiedgasse wurden schon genannt – ansetzen und Maßnahmen begrüßen, die die Verweildauer erhöhen, indem wir Plätze schaffen, an denen man konsumationsfrei sitzen und verkehrsentschleunigt möglichst viel Grün genießen kann.

Kann die Corona-Krise eine Chance sein, Entwicklungen positiv zu beschleunigen?

Höfler: Ich habe das Wieder-Aufsperren als sehr positiv erlebt, da wir von unseren Kunden sehr herzlich willkommen geheißen wurden, wie mir auch Händlerkollegen bestätigt haben. Die Kunden haben wirklich Anteil genommen – im Sinne von „Schön, dass ihr wieder da seid!“ Auch die Umsätze waren gut. Im Herbst wird es sicher noch einmal herausfordernd – unser aller Geschäftsjahr wird im November und Dezember entschieden. Ob ich Corona Positives abgewinnen kann? Ich meine, viele Dinge sind jetzt so akut am Tisch, dass sie einfach zur Sprache kommen und gelöst werden müssen das fi nde ich gut. Jetzt sind wir auch unbekümmert genug, um zu sagen: Gehen wir es einfach an!

Wo sehen Sie beim Thema Innenstadt die Stadtverwaltung gefordert?

Sacher: Grundsätzlich haben wir eine sehr gute Gesprächsbasis mit allen öffentlichen Stellen, allen voran mit dem Bürgermeister. Das Problem sehe ich derzeit in der Vielzahl zuständiger Stellen, vom City Management über die diversen Abteilungen der Stadt Graz bis hin zu deren Beteiligungsgesellschaften – da weiß die eine Hand oft nicht, was die andere tut. Wir erhoffen uns hier künftig eine bessere Koordination und Kommunikation. Es bräuchte einen zentralen Ansprechpartner, der mit entsprechenden Kompetenzen ausgestattet ist und ähnlich wie ein Manager in einem Einkaufszentrum alles koordiniert. Zudem bin ich der Meinung, man sollte die Unternehmer stärker einbinden und wichtige Fragen – siehe das Thema „Autofreie Stadt“ – mit ihnen im Vorfeld diskutieren, bevor man mit Ankündigungen hinausgeht. Es gibt so tolle Unternehmen in der Innenstadt wie kaum irgendwo, daher kann es nur im Sinne aller sein, wenn man sich stärker dieser Ressource bedient. Wir dürfen nicht vergessen, dass wir durch Corona in einer der schwersten Krisen seit Jahrzehnten sind. Daher wäre es so wichtig, dass wir jetzt für die Innenstadtwirtschaft etwas machen und nicht erst im Herbst, wo viele Betriebe möglicherweise große Probleme bekommen werden.

 

„Die Grazer Innenstadt hat tolle Unternehmer und ein riesiges Potential – das müssen wir gemeinsam heben. Mit Herzblut und Verstand.“ Erwin Sacher, Vorstand „Echt Graz“

Ihre konkrete Forderung?

Sacher: Wir haben eine tolle Innenstadt, aber wir müssen diese auch vermarkten. Wir müssen den Leuten sagen, wie gut wir sind und sie einladen zu kommen. Und wir müssen sagen, dass wir genügend Parkplätze haben – wir verfügen im Innenstadtbereich über rund 8.000 Tiefgaragenplätze. Nur weiß das fast niemand. Wir fordern seit Jahren ein entsprechendes Parkleitsystem sowie ein Fußgängerleitsystem, das die Nutzung erleichtern würde. Auch der Ausbau von Park& Ride wäre gerade im Bereich Graz-Nord wichtig. Die kostenlose Altstadt-Bim, quasi die „Rolltreppe der Innenstadt“, ist ein Erfolgsmodell. Wenn man will, dass die Menschen auch verstärkt mit der S-Bahn via Hauptbahnhof zu uns kommen, dann wäre eine kostenfreie Benutzung der Straßenbahn vom Hauptbahnhof in die Innenstadt wünschenswert. Mit Kastner & Öhler haben wir einen absoluten Magnet-Leitbetrieb in der Innenstadt, der einen Gutteil des gesamten Umsatzes ausmacht – die Tiefgarage ist ein besonders wichtiger Faktor, der sehr positiv auf die fußläufige Erreichbarkeit der Innenstadt wirkt.

Schullin: Ich denke, dass der Stadtpolitik in den vergangenen Jahren einiges gelungen ist. Nicht alle Ideen finden freilich eine Mehrheit im Gemeinderat – siehe die an sich spannende Idee der Bienenstock-Garage Am Eisernen Tor. Ich halte auch die Murgondel nach wie vor für eine verfolgenswerte Idee, wenn sie gut gemacht ist und die “Convenience” passt – vom Norden der Stadt bis in den Süden bzw. bis zum Flughafen zu gondeln mit Haltestellen im Zentrum, das wäre aus meiner Sicht touristisch und verkehrstechnisch eine smarte Lösung. Schade, dass die Idee derzeit nicht auf der Agenda ist. Ansonsten empfehle ich einen Blick über den Tellerrand: In München werden etwa im Zentrum leerstehende Geschäftsflächen vom Magistrat ausschließlich an heimische Handwerksbetriebe vergeben, um das autochthone Handwerk zu fördern. Eine ähnliche Initiative könnte man auch in der Stadt Graz andenken. Alles nur den Markt regeln zu lassen, scheint nicht zu funktionieren.

Pengg: Ich denke auch, dass viel passiert ist – siehe der Ausbau der Radwege oder die Pflasterung der Fußgängerzone rund ums Rathaus. Wichtig wäre, dass vermehrt Bäume in die Innenstadt Einzug halten. Die Schmiedgasse endlich radfrei und damit zu einer echten Fußgängerzone zu machen, ging aus meiner Sicht ganz easy. Und das nächste große Ziel ist auch schon in Planung: die Straßenbahnumleitung über die Belgiergasse mit der neuen Brücke das wird ein großer Schritt, um die Innenstadt auseinanderzuziehen und den Takt in der Herrengasse zu reduzieren. Insgesamt wäre es wichtig, Radwege zu verbessern, Fußgängerzonen zu erweitern, aber zugleich auch offen zu sein für Autos.

Höfler: Insgesamt habe ich das Gefühl, dass die Einkaufszentren künftig mehr Probleme bekommen werden als die gewachsenen Innenstädte, die ja von Haus aus etwas Lebendiges sind. In den Medien wird fast immer nur über die Krise der Innenstadt berichtet, aber ich bin sicher, die Leerstände werden gerade auch in den Shopping-Centern zunehmen.

Sacher: Bei der Vielfalt geht es für mich um das Nicht-Austauschbare. Die Filialketten gibt es ohnehin überall. Aber das Typische, nicht Austauschbare, die Qualität in Verbindung mit der Stimmung in der Stadt macht es aus. Dazu braucht es freilich auch die Qualität der Touristen. Und gerade zu Weihnachten sind unsere Betriebe nicht sehr glücklich mit dieser Qualität. Vielfach kommen die Gäste busweise, steigen mit ihrem Plastiksackerl und der Jause drin aus, spazieren durch die Stadt und konsumieren kaum etwas, wie uns immer wieder berichtet wird.

Manche meinen, Graz fehle es an einem USP, einem Alleinstellungsmerkmal?

Schullin: Im Tourismusverband haben wir lange darum gerungen, einen USP zu finden und das Einzigartige der Stadt Graz aus der Vielfalt seiner Qualitäten von der Kultur- bis zur Genusshauptstadt hervorzukehren. Ich muss sagen, wir haben lange gesucht und ihn bis heute nicht gefunden. Graz ist nicht Linz, wo man sagen kann, einst Schwermetall, heute Elektronik-Stadt. Oder Salzburg, deren USP sich klar aus der Geburtsstadt Mozarts und der Stadt der Festspiele ergibt.

 

„Der Handel steckt mitten in einer Transformation. Künftig wird er wohl nur in der Kombination aus digital und stationärer Shop bestehen.“ Julia Pengg, Mangolds

Pengg: Das eine große Merkmal, das Graz auszeichnet, ist tatsächlich schwer zu benennen. Vielleicht ist es einfach doch das südliche Flair, auf das wir setzen müssen. Immer, wennn man eine Botschaft selbst nicht mehr hören kann, kommt sie beim anderen gerade erst an. Ein wesentlicher Punkt ist sicher die Altstadt und die bunte Vielfalt der Häuser. Dazu gehören auch die Menschen, diese typisch steirische Seele, die das Erleben charmant und locker macht. Es geht um Emotionen, die sich idealerweise auf drei Kernpunkte zusammenfassen lassen sollten. Und diese Punkte müssten von der Stadt permanent mitgetragen werden. Meines Erachtens haben wir im Moment zu viele Begriffe und zu viele Mascherln, die nicht auf den Kern unserer steirischen Grazer Kultur und der Innenstadt fokussiert sind. Ich glaube nicht, dass man den Handel einer Stadt vermarkten kann, aber wir können das Wesen einer Stadt und das Besondere vermarkten. Daher macht es unser Verein „Echt Graz“ völlig richtig, indem er die Gesichter und die Menschen hinter den Geschäften zeigt. Damit lässt sich das Flair und die Emotion einer Stadt am besten vermitteln.

Der Handel ist nicht erst seit Corona im Wandel. Wie kann sich die Innenstadt gegen Amazon & Co. behaupten?

Pengg: Der Handel rumpelt in der Tat gewaltig und steckt mitten in einer Transformation. Künftig wird er wohl nur in der Kombination aus digital und stationären Shops bestehen. Der Trend geht in Richtung Showroom und Inszenierung, Kunden erwarten sich ein Erlebnis und breites Sortiment. Das Käuferverhalten hat sich total gewandelt, gerade die junge Generation denkt ganz anders und geht immer zuerst ins Internet – umso wichtiger sind Showrooms und Erlebnisse, die sie ins Geschäft ziehen und zum Kauf motivieren, physisch im Geschäft oder digital im Webshop. Der Handel wird sich diesen Herausforderungen stellen müssen.

Höfler: Gleichzeitig müssen Händler darauf achten, nicht das Schicksal der Fotohändler zu erleiden, die ihre Kunden bekanntlich hochqualifiziert beraten haben, nur haben viele dieser Kunden dann bestens geschult Online eingekauft. Diese Gefahr besteht immer, aber grundsätzlich stimmt es: Wir sind im Erleben unserer Angebote nicht ersetzbar. Die Kunden wollen die Ware anschauen, angreifen und darüber reden – quer durch alle Schichten, von Jung bis Alt. Gerade die Jungen sind extrem aufmerksam auch wenn diese nicht gleich Käufe tätigen, entsteht eine Bindung zum Geschäft. Jahre später kommen sie dann wieder, um ihre ersten Dinge zu kaufen. Diese Art von Beziehungen wird der stationäre Handel immer am besten aufbauen können.

„Wir könnten auch darüber nachdenken, die Straßenbahn vom Jakominiplatz bis zur Mur unter die Erde zu verlegen.“ Hans Schullin, Juwelier Schullin

Schullin: Ich erinnere an die Worte von Joseph Schumpeter, des großen Altmeisters der Nationalökonomie, der auf die Frage nach dem Sterben der Geschäfte einst meinte: „Ich bedaure, Ihnen sagen zu müssen, dass noch nicht genügend Betriebe kaputt gegangen sind, um den Humus für etwas wirklich Neues und Konstruktives aufzubereiten.“ Vielleicht sind wir auch ein bisschen auf dem Weg in diese Richtung, die Kraft der schöpferischen Zerstörung birgt auch viele neue Möglichkeiten. Man hat es ja während der Corona-Krise gesehen: Viele haben auf Online umgesattelt und ihre Webshops stark ausgebaut. Das Omni-Channel Marketing sollte heute für jeden schon Standard sein.

Was braucht das Herzstück der Innenstadt, die Herrengasse?

Schullin: Generell müssen wir aufpassen, dass die Herrengase nicht zu sehr kommerzialisiert und den Ketten von Konzernen überlassen wird. Kreativität ist gefragt. Für den leerstehenden Generali-Spitz könnte man etwa einen Gastronomen suchen, einen jungen Kreativen mit einem coolen Café und Restaurant. Was den Verkehr betrifft, könnten wir zumindest darüber nachdenken, die Straßenbahn eines Tages unter der Erde vom Jakominiplatz bis zur Schlossbergbahn zu führen und somit eine echte Fußgängerzone zu schaffen. Zudem hoffe ich auch, dass die Mieten weiter sinken, damit sich mehr Betriebe eine Ansiedlung leisten können. Aber ich sehe auch ein, dass das aus Sicht der Eigentümer nicht so einfach zu lösen ist. Es ist auch eine Frage des sinkenden Immobilienwerts in den Bilanzen, wenn die Mietpreise fallen. Was die Herrengasse aus meiner Sicht dringend bräuchte, wäre ein großer Elektromarkt in Richtung Jakominiplatz – dann hätten wir zu beiden Seiten der Herrengasse große Magnete, auf der einen Seite den Kastner, auf der anderen Seite einen Saturn oder MediaMarkt und dazwischen sind die Boutiquen und individuellen Anbieter, entlang derer wir flanieren können.

Sacher: Diese Idee kann ich nur voll und ganz unterstützen – die Herrengasse braucht zwei Frequenzbastionen zu beiden Seiten. Zudem wissen wir aus Mitgliederbefragungen sehr gut, was sich die Unternehmer wünschen. Oft kommt der Wunsch nach mehr Grün statt Betonwüste und vermehrten Sitzgelegenheiten, die zum Verweilen einladen und damit die Aufenthaltsqualität steigern. Und noch ein Punkt: Die Qualität der öffentlichen Toiletten in Graz ist zum Großteil beschämend. Das sind vielleicht Kleinigkeiten, aber Dinge, die dazugehören, um die Sympathie für eine Stadt wie Graz zu heben.

Pengg: Die Herrengasse ist sicher die größte Herausforderung. Die kleineren Geschäfte, die keine großen Budgets haben, oder die Handwerksbetriebe mit besonderem Sortiment suchen sich ihre kleinen Flächen in den Seitengassen. Da passiert ohnehin viel. Aber diese Geschäfte werden sich nicht auf große Flächen setzen. Daher sollte die Stadt eine Art Ansiedelungsprojekt starten, wie es z.B. Hartberg schafft, das ausgesuchten Firmen aktiv einen Teppich ausrollt. Denn die Herrengasse braucht große Namen. Daher sollte die Stadt hinausgehen auf den Handelsmarkt und potenzielle Firmen aktiv ansprechen. Idealerweise kommen dann die Modernsten, die den Mix aus Showroom und digital bereits schaffen.

Auch Events sorgen für Erlebnisse in der Stadt. Die Palette reicht von Aufsteirern bis zur Styriarte. Gilt auch hier das Prinzip Vielfalt oder sollte man sich noch stärker spezialisieren?

Schullin: Bei Events denke ich immer gleich ans Oktoberfest – und so etwas wäre für Graz nicht stimmig. Das hielte ich für ebenso entbehrlich wie den Grazer Faschingsumzug. Events diese Art bringen nur denen etwas, die sie veranstalten bzw. teilweise der Gastronomie, aber das war es auch schon. Festivals wie die Styriarte sind etwas anderes, wobei ich auch hier sagen muss, dass mir da zu viel im regionalen Gäste-Repertoire abläuft und es touristisch noch Luft nach oben gibt. Aber alles, was authentisch und besonders ist und der Stadt nachhaltig etwas bringt, ist natürlich interessant. Da gibt es zum Glück einige Beispiele wie La Strada, die Diagonale oder auch junge, alternative Formate wie Elevate oder fifteenseconds.

„Essenziell für Innenstadt sind die unternehmergeführten Geschäfte. Daher hoffe ich, dass sich die Mieten wieder etwas nach unten bewegen.“ Leonore Höfler, MuR Modernes und Raritäten

Höfler: La Strada macht das perfekt. Das belebt die Innenstadt und lässt die Verweildauer erhöhen. Großveranstaltungen hingegen – da bin ich ganz Ihrer Meinung – sind sehr schwierig für unsere Geschäfte Ich denke mir, dass zu Graz individuelle Lösung passen. Könnte man zum Beispiel zur Zeit der Styriarte die Musiker nicht auch an Grazer Plätze in die Innenstadt holen, eventuell von der Stadt Graz gestützt? Mit dieser wunderbaren „Straßenmusik“ könnte man die Stadt sicher noch mehr beleben. Auch die Fotoausstellung, die wir letztes Jahr hatten, geht in diese Richtung. Diese Ausstellung hat die ganze Stadt in eine Galerie verwandelt, viele Schaufenster haben mitgemacht. Diese kleinen feinen Formate und Festivals machen für mich den Unterschied. Denn der große Platzregen platscht runter und ist schnell wieder weg, aber ein sanfter Landregen dringt tiefer in die Stadt ein und bringt sie zum Leben.

Wofür steht „Echt Graz“ und was würde Sie sich in der Zusammenarbeit mit der Stadt wünschen?

Sacher: Der Verein „ Echt Graz – Gemeinschaftsaktion Innenstadt“ steht für eine nachhaltige Stärkung der Grazer-Innenstadtwirtschaft. Gemeinschaftlich können wir Projekte realisieren, die einzelne Betriebe nicht alleine tragen könnten – ob gemeinsame Vertriebsaktionen, übergreifende Systeme zur Geschäftsentwicklung oder Verbesserungen der allgemeinen Rahmenbedingungen. Die Marke „Echt Graz“ soll Besucher begeistern und das Flair der Grazer Innenstadt stärken. Was wir uns wünschen? Wie erwähnt: Wir hoffen, dass das City Management mit entsprechenden Kompetenzen ausgestattet wird und für uns weiterhin zentraler Ansprechpartner sein wird. Wir arbeiten sehr gut zusammen. Aber wichtig wäre, dass wir künftig insgesamt noch viel stärker mit allen Akteuren der Innenstadt gemeinsam Dinge auf den Weg bringen. Dazu ist es notwendig eine Clearing-Stelle einzurichten, die alles koordiniert. Dem Bündeln der Kräfte sollte eine besondere Priorität seitens der Stadt zukommen. Wir können durchaus ein bisschen stolz sagen, dass wir es sind, die die Ideen einbringen. Aber im Grunde sollten Ideen auch von der Stadt kommen. Derzeit nimmt die Stadt Graz viel Geld in die Hand, um großflächig „Summer in the City“ zu bewerben. Dabei frage ich mich schon, ob mit dieser Art der Bewerbung eine entsprechende Wirkung für die Innenstadtwirtschaft ausgelöst werden kann. Auch hier zeigt sich, dass es im Interesse aller Beteiligten sinnvoll wäre, im Vorfeld auch Vertreter aus der Wirtschaft vor Beschlussfassung einzubinden. Das gilt nicht nur für dieses Projekt. Einbinden und informieren – das bedeutet auch Mitverantwortung zu übernehmen.

 

„ECHT GRAZ“

Der überparteiliche Verein „Echt Graz Gemeinschaftsaktion Innenstadt“ steht für eine nachhaltige Stärkung der Grazer Innenstadtwirtschaft. Innenstadt-Händler und Gastrobetriebe realisieren gemeinsame Vertriebsaktionen und übergreifende Systeme zur Geschäftsentwicklung und betreiben Lobbying für Verbesserungen der allgemeinen Rahmenbedingungen. Die Marke „Echt Graz“ soll die Besucher begeistern sowie Flair und Erlebnis der Grazer Innenstadt stärken. Derzeit knapp 100 Mitglieder.

Vorstand: Martin Wäg (Kastner & Öhler), Stefan Heissenberger (Frankowitsch) und Erwin Sacher (früher Stiefelkönig und Leykam)

www.echtgraz.at

 

ZITATE

„Wir könnten auch darüber nachdenken, die Straßenbahn vom Jakominiplatz bis zur Mur unter die Erde zu verlegen.“ Hans Schullin, Juwelier Schullin

„Der Handel steckt mitten in einer Transformation. Künftig wird er wohl nur in der Kombination aus digital und stationärer Shop bestehen.“ Julia Pengg, Mangolds

„Die Grazer Innenstadt hat tolle Unternehmer und ein riesiges Potential – das müssen wir gemeinsam heben. Mit Herzblut und Verstand.“ Erwin Sacher, Vorstand „Echt Graz“

„Essenziell für Innenstadt sind die unternehmergeführten Geschäfte. Daher hoffe ich, dass sich die Mieten wieder etwas nach unten bewegen.“ Leonore Höfler, MuR Modernes und Raritäten

 

Protokoll: Wolfgang Schober
Fotos: Oliver Wolf, Steiermark Tourismus/Schiffer