.Mit Schneid‘ gegen die Krise: Im Auftrag von Weltmarken entwickelt und produziert die PAYER Group mit Sitz im steirischen St. Bartholomä Consumer-Products vom Rasierer bis zum Barttrimmer sowie innovative medizintechnische Produkte. Payer-CEO Michael Viet im Interview über systemrelevante Produktion in Österreich, steirische Cutting-Kompetenz und die Zukunft der Globalisierung.

36,5 – die vorerst wichtigste Zahl des Tages steht weder In Businessplänen noch Bilanzen, sondern blinkt in Nullkommanichts auf einem Monitor im Eingangsbereich auf: Alles okay, Normaltemperatur! Wir dürfen passieren. Temperaturscans für die Mitarbeiter und die derzeit seltenen externen Besucher stehen im Headquarter der Payer Group in Reiteregg, Gemeinde St. Bartholomä, an der Tagesordnung. Auch sonst sind die Sicherheits- und Hygienemaßnahmen mustergültig: Abstandsregeln, der Einsatz von Mundschutz und Desinfektionsmitteln sowie Büromitarbeiter im Home-Office sind nur einige der Vorkehrungen, die hier seit Mitte März den Business-Alltag prägen. „Durch unseren Standort in China konnten wir uns bereits frühzeitig auf den Shutdown vorbereiten“, erklärt Payer-CEO Michael Viet in seinem Büro im Schloss Sonneck, dem altehrwürdigen Sitz des Unternehmens.

Krisenfest zeigt sich das Unternehmen mit seinen Standorten in der Steiermark, in Ungarn und China auch in wirtschaftlicher Hinsicht. Die Produkte des Global Players mit starkem steirischem Technologieherz waren bzw. sind gerade in Krisenzeiten gefragt: Personal-Care-Produkte für Styling und Shaving, Personal-Health-Produkte und Medical-Devices sowie Kleingeräte und Erzeugnisse für Haushalt, Garten und Outdoor. Die Vitrinen im Besprechungsraum bersten vor Produkten mit weltweit bekannten Brands: Bart- und Haartrimmer, Rasier- und Epiliergeräte, Milchpumpen und Infrarotlampen, diverse Werkzeuge und Kleingeräte wie Fensterreiniger sowie Tools für den Alpin- und Outdoor-Sport. Öffentlich wollen die Marken nicht genannt werden. Es ist eine beständig wachsende Produktfamilie, die Payer im Auftrag namhafter Markenanbieter in seinen Werken in Europa und Asien produziert – in kleinen und in großen Serien. Payer entwickelt, industrialisiert und fertigt die Produkte und übernimmt auch den anspruchsvollen Werkzeug- und Formenbau – ein One-Stop-Shop der Industrialisierung im Consumer-, Health- und Medical-Bereich. Ein globalisierter Auftragsfertiger, den man salopp als „Magna für Kleingeräte“ bezeichnen könnte.

Vor welchen Herausforderungen steht das Unternehmen nun angesichts aufkommender Globalisierungsskepsis? Im großen Interview mit „SPIRIT of Styria“ spricht ein entspannter und fokussierter Michael Viet über aktuelle Fragen der Weltwirtschaft, die Bedeutung des steirischen Standorts, den Wandel der Payer Group vom Herrenrasierer-Produzenten zum Consumer-Products und Medicals-Auftragsfertiger von Weltformat sowie sein persönliches Payer-Comeback nach 13 Jahren.

Verantwortungsvolle Manager denken in Szenarien. Aber ich nehme an, für eine Situation wie die COVID-Krise hatten Sie keine Krisenpläne in der Schublade?

Nein, auf fixfertige Pläne konnte hier niemand zurückgreifen. Dennoch hatten wir für den Standort in Österreich einen gewissen Vorsprung, da wir bereits im Jänner mit der Situation in unserem Werk in China konfrontiert waren. Dort haben wir hautnah mitbekommen, welche Auswirkungen auf einen Produktionsbetrieb zukommen. Daher konnten wir von den Erfahrungen vor Ort profitieren und rechtzeitig die nötigen Vorkehrungen für unsere Standorte in Europa in die Wege leiten.

In welchem Ausmaß war das Werk in China betroffen und wie ist die Situation heute?

Wie die meisten Betriebe mussten wir eine Vollbremsung hinlegen. Ich war selbst noch Mitte Jänner an unserem Standort in Suzhou, zwei Autostunden von Shanghai entfernt. Kurz danach ging es los, rund ums Chinesische Neujahrsfest. Dieses wurde von den Behörden um eine Woche verlängert. Am 10. Februar konnten wir den Betrieb wieder aufnehmen – aber nur langsam und Schritt für Schritt. So konnten wir im Februar nur mit rund 20 % unserer Kapazität produzieren. Danach hat es sich sehr gut entwickelt und schon im März waren wir wieder annähernd im Vollbetrieb.

Mit welchen Maßnahmen haben Sie in Österreich reagiert?

Wir haben eine Taskforce eingerichtet und ein Bündel an Maßnahmen erarbeitet – auch für unseren ungarischen Standort. Es sind unterschiedliche Sicherheits- und Hygienevorkehrungen, die bis heute im Einsatz sind: Ein Temperaturscanner misst die Körpertemperatur der Mitarbeiter, bevor sie das Werk betreten. In der Produktion wurden die Schichten so organisiert, dass Kontakte beim Schichtwechsel vermieden werden. Überall, wo es möglich war, haben wir auf Home-Office umgestellt, zudem wurde auf Face-to-face-Meetings verzichtet und die Kommunikation mit Konferenz-Tools forciert. Die Maßnahmen haben sich bewährt – wir hatten an allen Standorten bei über 1.100 Mitarbeitern keinen einzigen Corona-Fall. Anfang Mai haben wir begonnen, die Büromitarbeiter langsam vom Home-Office wieder an die Büroarbeit heranzuführen. Dabei gehen wir sehr sorgsam vor, da wir uns der großen Verantwortung gegenüber Mitarbeiter und Kunden bewusst sind.

Die Payer Group ist ein global agierendes Unternehmen mit weltumspannender Liefer- und Abnehmerstruktur: Wie groß waren bzw. sind die Auswirkungen der Corona-Krise?

Wir waren in unterschiedlichen Ausprägungen betroffen. Vor allem in China, wo die Zulieferer nicht von einem Tag auf den anderen wieder voll durchstarten konnten, haben wir es im Feburar stark gespürt. Die Standorte in Österreich und Ungarn waren kaum betroffen, wir arbeiten im Normalbetrieb. Die aktuelle Herausforderung für die Produktion ist die Frage, wie die Absatzmärkte weltweit reagieren werden. Daher ist es für uns entscheidend, die Informationen der Kunden rasch an gesamte Liefer- und Produktionskette zurückzuspielen. Wir sind dafür mit unseren Kunden in enger Abstimmung. Insgesamt sind wir in der glücklichen Lage, derzeit von der Krise wenig zu merken. In vielen Bereichen sind wir sogar mit erhöhten Bedarfen konfrontiert. Wir haben das „Luxusproblem“, dass wir in vielen Bereichen sogar mehr liefern könnten. Gerade auch im Bereich der Medizintechnik, für den wir am Standort in Österreich produzieren. Beispielsweise fertigen wir Teile für Beatmungsgeräte, die aktuell natürlich besonders gefragt sind. Auch ein innovatives Face-Shield ist jetzt neu dazugekommen.

In den angestammten Bereichen rund um Shaving, Grooming, Styling & Beauty haben wir seit Jahren ein hohes Wachstum – mit zweistelligen Zuwachsraten. Spannend ist die aktuelle Situation bei den Vertriebskanälen unserer Kunden: Da stationäre Shops weltweit  weitgehend geschlossen waren, hat der Online-Handel enorm zugenommen. Und in der Quarantänezeit waren Produkte für Styling und Haareschneiden wegen der Friseur-Schließungen besonders gefragt. Was nun passiert, wenn wieder Normalbetrieb herrscht, wissen wir noch nicht.

Serienproduktion eines innovatives Gesichtsschutzschildes, das in Kooperation mit dem Institut für Innovations- und Industriemanagement der TU Graz entwickelt wurde.

Serienproduktion eines innovatives Gesichtsschutzschildes, das in Kooperation mit dem Institut für Innovations- und Industriemanagement der TU Graz entwickelt wurde.

Jüngst brachten Sie ein neuartiges Face-Shield für medizinisches Personal auf den Markt. Wie groß ist das Marktpotenzial?

Der Gesichtsschutz entstand aus einer Kooperation mit der TU Graz sowie der KAGes. Damit haben wir blitzschnell auf den Engpass bei Schutzausrüstungen reagiert. Ein tolles Beispiel, wie gelebte Innovation in der Steiermark funktionieren kann, wenn Wissenschaft und Industrie eng kooperieren. Das Anwendungs- und Marktpotenzial ist groß, denn dieses Gesichtsschutzschild kann weit über den medizinischen Bereich hinaus eingesetzt werden: etwa im Handel, in Banken oder in der Schule. Die ersten tausend Stück entstanden auf der TU Graz per 3-Druck, wir produzieren nun in Serie. Künftig wird es entscheidend sein, dass Österreich gerade im systemrelevanten Bereich in der Lage ist, selbst produzieren zu können und eine gewisse Autarkie sicherzustellen. Dieses Projekt ist ein wichtiger Beitrag dazu.

Wer sind die Kunden und Auftraggeber der Payer Group?

Unsere Kunden sind namhafte Konzerne mit weltweit bekannten Brands am Consumer-Markt sowie in der Medizintechnik. Ich bedaure, dass wir keinen Marken nennen dürfen. Wir beliefern Weltmarkführer in allen Bereichen, in denen wir tätig sind – gemäß unserer Vision „One Payer to be Number one“. Für unsere Auftraggeber sind wir aber nicht bloß reine Auftragsfertiger, sondern im Sinne einer strategischen Partnerschaft auch Entwicklungspartner und Treiber von Innovationen.

Die Aktivitäten des Konzerns sind auf Österreich, Ungarn und China aufgeteilt. Welche Rollen kommen den Standorten zu?

In Österreich ist unser Innovations- und Technologie-Center angesiedelt, hier befindet sich unsere globale R&D-Abteilung sowie unser Werkzeugbau. Der Firmensitz ist aber auch Produktionsstandort, in Österreich liegt der Fokus auf Medizintechnik. Zudem haben wir in St. Bartholomä unser Cutting Competence Center, die Keimzelle des Unternehmens und unser technologisches Herzstück. Es umfasst den wichtigen Bereich der Schneidkomponenten. Ungarn und China sind Produktionscenter mit dem Fokus auf Assemblage von Fertigprodukten, in Ungarn gibt es auch einen Werkzeugbau. An allen Standorten gesamt haben wir über 100 Spritzgussmaschinen. Die großvolumigen Produktionen finden naturgemäß in China bzw. in Ungarn statt.

Innovation meets Tradition: Das Schloss Sonneck (alias Buschenschlössl) mit Ursprüngen bis ins 14. Jahrhundert beherbergt das Headquarter der Payer Group.

Das Schloss Sonneck (alias Buschenschlössl) mit Ursprüngen bis ins 14. Jahrhundert beherbergt das Headquarter der Payer Group.

Wie sehen Sie die Zukunft des österreichischen Standorts?

Wir wollen St. Bartholomä noch mehr in Richtung Technologie- und Innovation-Center ausbauen und werden in den kommenden Jahren weiter investieren. Die Entwicklung unseres Produktportfolios schreitet dynamisch voran. Vor zwanzig Jahren hat Payer ausschließlich elektrische Herrenrasierer produziert, heute ist dieser Anteil an der Produktion nur noch gering, aber die zugrunde liegende Kernkompetenz – die Schneidelemente bzw. die hochpräszise Verarbeitung metallischer Komponenten – ist bis heute Basis vieler Produkte und Produktinnovationen. Daher liegt uns dieser Bereich besonders am Herzen. Wir beliefern etwa auch Hersteller von Labrosskopie-Geräten mit Hochpräzisionsteilen, die in der Chirurgie eingesetzt werden.

Die wichtigsten Erfolgsfaktoren von Payer?

Das Unternehmen verfügt über eine ausgeprägte Unternehmenskultur, die auf einer starken DNA beruht. Schon der Gründer Eduard Payer war vor 75 Jahre getrieben von der Vorstellung, den weltbesten Herrenrasierer zu produzieren. Diese „Passion to win“ ist bis heute in unseren Firmenwerten verankert. Dazu kommt ein ungeheuer Teamspirit und Innovationsgeist. Der größte und wichtigste Erfolgsfaktor sind daher unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Daher investieren wir bewusst in unser Humankapital und haben die Payer Academy ins Leben gerufen.

 Payer ist Gesellschafter des steirischen HTS-Clusters. Welche Perspektive sehen Sie für die heimische Life-Science-Sparte?

Dieser Bereich entwickelt sich sehr positiv. Wir verfügen über tolle Unternehmen und ein exzellentes Netzwerk inklusive einer beginnenden Startup-Szene. Die Branche ist stark innovationsgetrieben und für die Steiermark, wie auch für ganz Österreich, ein wichtiges Zukunftsfeld. Gerade die jüngsten Ereignisse haben die Bedeutung von Kompetenzfeldern in der Medizintechnik noch klarer gemacht. Diese auszubauen halte ich für enorm wichtig. Payer unterstützt die Aktivitäten des Netzwerks und bringt dank guter Kontakte zu weltweit führenden Medizintechnik-Anbietern viel Know-how ein. Ebenso stehen wir als Industrialisierungspartner für Startups bereit.

Sie waren bereits einmal bei Payer in der Geschäftsführung und sind nach 13 Jahren in Spitzenpositionen eines anderen Global Players im Vorjahr zurückgekehrt. Der Unterschied zwischen damals und heute?

Es hat sich fast alles verändert: die Märkte, die Rahmenbedingungen, die Kundenstruktur und das immens gewachsene Produktportfolio. Aber unverändert sind die Leidenschaft und der Spirit der Mitarbeiter, daher habe ich mich vom ersten Tag an sehr wohl gefühlt.

Viele sprechen bereits von einer Post-Covid-Welt, in der alles anders wird. Lässt sich das Rad der Globalisierung zurückdrehen?

Wir sollten systemkritische Produktionen in Österreich bzw. in Europa stärken und versuchen, Risiken besser zu streuen und Produktionen zu diversifizieren, um nicht von einem Standort komplett abhängig zu sein. Aber ich halte es für eine Illusion zu glauben, dass man nun die gesamte Produktion wieder aus Asien zurückholen kann – die international verflochtenen Produktions- und Lieferketten werden auch weiterhin aufrecht bleiben.

Die größte Sorge gilt derzeit der gesamtwirtschaftlichen Enzwicklung. Ihre Einschätzung? 

Die Prognosen, die veröffentlicht wurden, sind dramatisch – ein BIP von minus sieben Prozent ist eine Größenordnung, die wir nicht kennen. Das wird natürlich Auswirkungen haben. Viel hängt davon ab, wie sich die Beschäftigung weltweit entwickelt. Wenn es uns gelingt, die Betriebe rasch wieder hochzufahren, bei aller Vorsicht vor einer zweiten Welle, dann sehe ich aber Chancen, dass wir uns im nächsten Jahr wieder erholen und – ausgehend von einem schwächeren Niveau – wieder stärkere Wachstumsraten erzielen. Wir sehen am Beispiel China, dass es funktionieren kann.

Alles aus einem (Spritz-)Guss: von der Entwicklung bis zur hochpräzisen Fertigung

Alles aus einem (Spritz-)Guss: von der Entwicklung bis zur hochpräzisen Fertigung

PAYER Group

Das Unternehmen wurde 1946 von Eduard Payer in Graz gegründet. Seit 1952 ist das Schloss Sonneck in Reiteregg, St. Bartholomä, Stammsitz. Seit 2002 ist der malaysische Hui-Holding 100%-Eigentümer

Payer ist auf die Entwicklung, Industrialisierung und Fertigung von Produkten aus den Bereichen Personal Care, Personal Health und Healthcare & Medical spezialisiert und zählt namhafte Konzerne zu den Auftraggebern.

Drei Standorte in Österreich, Ungarn und China

Der Stammsitz der Unternehmensgruppe sowie der Firmensitz und die Fertigung der PAYER Medical GmbH befindet sich in St. Bartholomä, westlich von Graz.

Rund 1.100 Mitarbeiter, davon 110 in Österreich

Vier Geschäftsfelder:

Shaving, Grooming, Styling & Beauty: Haar- & Bartschneider bzw. Trimmer, Geräte für Gesichtspflege- und Beauty etc.

Mother & Child, Personal Health: Baby Care und Wellbeing-Produkte wie Milchpumpen und Infrarotlampen

Houshold, Garden & Lifestyle: Haushaltsgeräte wie Fensterreiniger, Werkzeug sowie Produkte für Outdoor-Sport

Health Care & Medical: Medizintechnikprodukte wie Teile für Beatmungsgeräte, Einweg-Artikel zur Blutentnahme in der Diagnostik, Gesichtsschutzschilde

Kompetenzen:

Konzept&Entwicklung, Produktindustrialisierung, Werkzeugbau, Kunststoffspritzguss, Metallverarbeitung, Assemblage

CEO der Unternehmensgruppe ist Michael Viet. Der erfahrene Manager übernahm diese Position 2019, davor war er 13 Jahre lang für den schwedischen Industriekonzern Sandvik AB in unterschiedlichen Führungspositionen tätig. Vor dieser Tätigkeit fungierte Michael Viet bereits einige Jahre (bis 2006) als Geschäftsführer bei der PAYER Gruppe.

www.payergroup.com

 

Foto oben: Payer-Group CEO Michael Viet in seinem Büro in der Firmenzentrale im Schloss Sonneck in St. Bartholomä

 

„Derzeit sind wir in der glücklichen Lage, bei uns keine Krise zu spüren. Wir sehen sogar erhöhte Bedarfe bei unseren Kunden.“

„Die PAYER Group ist ein zunehmend wichtiger Partner für die industrielle Fertigung systemrelevanter medizintechnischer Produkte in Österreich.“

 

INTERVIEW: Wolfgang Schober

FOTOS: Oliver Wolf, Payer Group