Unterbrochene Lieferketten, einbrechende Nachfrage, die Automobilindustrie im Krisenmodus: Welche Herausforderungen, Risiken und mögliche Chancen ergeben Sie sich daraus für den Automotive-Standort Steiermark? Ein hochkarätiger Talk zur automobilen Zukunft der Steiermark.

Die fünf TeilnehmerInnen:
Barbara Eibinger-Miedl, Wirtschaftslandesrätin Land Steiermark
Manfred Kainz, Gründer und CEO TCM International, Außenhandelsobmann WKO Steiermark
Christa Zengerer, Geschäftsführung ACstyria
Markus Tomaschitz, Vice President Corporate Human Resources AVL List
Klaus Edelsbrunner, Bundesgremialobmann Fahrzeughandel WKO

Angeregte Diskussion in gebotenem Sicherheitsabstand – über die steirische Automotive-Zukunft in der Redaktion von „SPIRIT of Styria“ mit Herausgeber Siegmund Birnstingl und Chefredakteur Wolfgang Schober

Angeregte Diskussion – in gebotenem Sicherheitsabstand – über die steirische Automotive-Zukunft in der Redaktion von „SPIRIT of Styria“ mit Herausgeber Siegmund Birnstingl und Chefredakteur Wolfgang Schober

Die Autozulieferindustrie ist das Rückgrat der steirischen Wirtschaft. Wie groß sind Ihre Sorgenfalten derzeit, Frau Landesrätin?

Eibinger-Miedl: Die Sorgenfalten sind groß – nicht nur in dieser Branche. Wir befinden uns in einer weltweiten Rezession, wie es sie seit 1929 nicht gegeben hat. Auch in der Steiermark haben wir praktisch eine Vollbremsung der Wirtschaft erlebt. Derzeit sehen wir sehr unterschiedliche Auswirkungen auf die Branchen. Einerseits können wir froh sein, dass die Industrie in weiten Teilen durchgearbeitet hat, auch dank der Kurzarbeit. Vielfach wurden allerdings bereits vorhandene Aufträge abgearbeitet, die Sorgenfalten werden größer, wenn wir auf das 2. Halbjahr 2020 blicken. Auf der anderen Seite sehen wir Branchen wie den Tourismus, die vom Lockdown massiv betroffen waren und die jetzt wieder hochfahren. Was die Automobilindustrie betrifft, muss man sagen, dass wir auch schon vor Corona eine Zeit des Wandels erlebten. Die Branche verändert sich derzeit so stark wie seit der Erfindung des Automobils nicht mehr – Stichwort neue Antriebsformen und Autonomes Fahren. Es gibt eine Vielzahl an Umbrüchen, auch die Absatzzahlen gehen seit Längerem zurück. Was mich dennoch zuversichtlich stimmt: Wir haben in der Steiermark extrem innovative, forschungsintensive Unternehmen. Zeiten des Wandels ermöglichen auch neue Chancen und Aufträge. Forschung, Innovation, das Ausprobieren und Testen – all das wird weiter erfolgsentscheidend sein, deshalb sehe ich unseren Standort trotz allem gut aufgestellt.

Von welchem konjunkturellen Szenario gehen Sie in der zweiten Jahreshälfte aus?

Barbara Eibinger-Miedl, Wirtschaftslandesrätin Land Steiermark

Barbara Eibinger-Miedl, Wirtschaftslandesrätin Land Steiermark

Eibinger-Miedl: Niemand kann derzeit sagen, wie schnell sich die Wirtschaft nach Corona wieder erholen wird. Aber wir gehen davon aus, dass wir keine zweite Welle und keinen zweiten Lockdown erleben und dass wir eine V-Bewegung sehen werden – also einen Einbruch, auf den eine rasche Erholung folgt. Das ist das Szenario, das wir uns wünschen. Selbst dieses Szenario bedeutet ein Minus von 8 bis 10 % Einbruch beim BIP. Das kann man nicht schönreden – es wird ein hartes zweites Halbjahr und es wird auch 2021 schwierig. Aber, wie gesagt, wir haben beste Voraussetzungen, um gut durch die Krise zu kommen.

Der ACstyria ist Bindeglied zwischen den Betrieben und direkt am Puls der Mitglieder. Wie fühlt sich dieser Puls derzeit an?

Zengerer: Der Pulsschlag hat sich gerade zu Beginn der Krise merklich verlangsamt, das muss man ehrlich sagen. Wir haben bei Einbruch der Krise eine Blitzumfrage unter den Partnern gestartet und fünf Wochen darauf eine zweite. Das Ergebnis: Das Stimmungsbild hat sich leicht positiv verändert. Dennoch geben ungefähr 60 % unserer Partnerunternehmen an, dass sie die Auswirkungen der Corona-Krise sehr stark bis stark spüren. Bei den Betrieben sehen wir das ganze Spektrum der Betroffenheit: Unternehmen, die auf null runtergefahren sind, aber auch solche, die mit Vollauslastung arbeiten. Von den drei Sparten unseres Clusters ist vor allem die Automobilindustrie massiv betroffen, natürlich auch Aerospace – nur der Rail-Bereich kommt derzeit relativ unbeschadet davon. Wie massiv es die beiden Branchen Automotive und Aerospace letztlich treffen wird, wird sehr von Dauer der Krise abhängen. Im Bereich Aerospace kann man aber schon heute sagen, dass es sicher lange dauern wird, bis die Branche wieder ins Laufen kommen wird.

Manfred Kainz, Gründer und CEO TCM International

Kainz: Aus Unternehmersicht muss man klar sagen: Wenn wir von einem BIP-Einbruch von minus 10 Prozent sprechen, dann bedeutet das für einzelne Unternehmen 25 bis 30 % Umsatzrückgang. Das müssen wir als Unternehmen erst einmal verkraften. Die TCM International war von der Krise schon früh betroffen durch unseren Standort in China, auch wenn es dort zum Glück am Ende nicht so schlimm gekommen ist wie befürchtet. Im April waren wir dort bereits wieder positiv. Derzeit schmerzt vor allem die Entwicklung in Europa, in Frankreich ist das Elsass massiv betroffen, wo wir das Tool Management für den Zulieferer PUNCH machen – die Produktion fährt nur langsam wieder hoch. Auch in Deutschland steht leider noch vieles, aber zumindest das Werk in Landshut, von wo aus BMW Motorkomponenten nach Steyr liefert, fährt langsam wieder hoch. Es bleibt abzuwarten, wie schnell dieser Neustart von statten geht. Das große Problem: Uns fehlt der Markt. Wenn der Konsum nicht zurückkehrt, wird es schwierig. Viele Menschen haben in der Phase des Shutdowns gemerkt, was sie alles nicht dringend zum Leben brauchen und sind beim Konsum zurückhaltend. Bis jetzt haben wir die Situation gut überstanden, aber mit einer zweiten Phase der Kurzarbeit hätte ich keine Freude mehr. Auf Dauer 30 Prozent weniger Umsatz wäre dramatisch. Bei einem Einbruch dieser Größe bleibt einem Unternehmen nur noch übrig, Personalkosten einzusparen.

Experten meinen, die Branche wird Jahre brauchen um sich zu erholen. Ihre Einschätzung?

Kainz: Eine Studie für die Luftfahrt besagt: Vier Monate Lockdown bedeuten, dass wir erst Ende 2021 wieder 90 % des Markts von vorher schaffen. Bei sechs Monaten dauert es mindestens bis Ende 2022, bis wir höchstes 80 % des Markts erreichen. Ich bin sicher, in der Autoindustrie wird es nicht viel anders sein. Das heißt, die Zahlen, die wir hatten, werden wir so schnell nicht mehr erreichen. Die Chinesen haben bekanntgegeben, dass sie den Rückgang in diesem Jahr noch aufholen wollen. Aber ich bin skeptisch, ob die Konsumenten da mitspielen werden.

Tomaschitz: Die AVL List hat etwas andere Voraussetzungen. Denn wir sind ein forschungsgeleitetes Projekt-Unternehmen und weniger stark in der Produktion – ausgenommen bei Test- und Prüfständen. Daher waren wir zumindest am Anfang der Krise weniger stark betroffen, die meisten Aufträge und Projekte sind relativ langfristig angelegt, mit einer Projektdauer von ein bis drei Jahren. Aber natürlich merken auch wir, dass die Branche leidet – zunächst an einem Angebotsproblem, weil die Supply Chains unterbrochen war, und jetzt an einem massiven Nachfrageproblem – es gibt Länder, wo der Autohandel um 70-80 % einbricht. Dadurch ist schlicht und einfach der Cash nicht da, um Investitionen in der Zukunft zu sichern. Daher stehen wir vor spannenden Herausforderungen, die völlig neu sind. Wir müssen ganz klar von einem Schwarzen Schwan sprechen, auf den wir nicht vorbereitet waren und auf den man sich auch nicht vorbereiten kann.

Von welcher Entwicklung gehen Sie aus? Und wie kann man reagieren?

Markus Tomaschitz, Vice President Corporate Human Resources AVL List

Markus Tomaschitz, Vice President Corporate Human Resources AVL List

Tomaschitz: COVID-19 wirkt wie ein Brennglas, das Entwicklungen sichtbar macht und verstärkt. Gute Führung wird ebenso sichtbar wie schlechte Führung. Aber niemand hat eine Blaupause für die Situation. Wir wissen nicht, ob unsere Entscheidungen richtig sind und müssen hoffen, dass die Analysen und Daten stimmen und als Entscheidungsgrundlage taugen. Das ist eine echte Herausforderung. Daher glaube ich, dass wir uns die Überraschungsfähigkeit erhalten müssen. Szenarien fürs zweite Halbjahr sind derzeit reines Kaffeesudlesen. Das merkt man, wenn man mit unterschiedlichen Ökonomen spricht. Ob die Konjunktur eine U- oder V-Form haben wird, was wir alle hoffen, oder im schlimmsten Fall eine L-Form, was wir nicht hoffen, wissen wir einfach nicht. Und selbst wenn es in Österreich wieder rasch aufwärts geht, ist Unternehmen mit einer Exportquote von 80 oder 90 % damit allein noch nicht geholfen. Wir brauchen die Erholung auf den internationalen Märkten. China, Japan, Korea, Deutschland, England, ltalien, Frankreich und die USA müssen wieder anspringen. Entscheidend ist daher, dass insgesamt wieder Zuversicht zurückkehrt. Denn Firmen investieren und Menschen konsumieren dann, wenn sie Zuversicht haben. Daher sehe ich vor allem auch Europa gefordert, diese Zuversicht mit den richtigen Maßnahmen wiederherzustellen.

Gibt es für diese Zuversicht Anzeichen auf Seiten der Konsumenten?

Edelsbrunner: Wie bereits gesagt wurde: Die Absatzahlen sind seit Jahren rückläufig. Die Zulassungen vor der Einführung der neuen Abgas- und Verbrauchtests haben die Zahlen zwar zwischendurch in die Höhe schnellen lassen, aber das hat nicht die Realität widergespiegelt. Ein weiterer Faktor in den vergangenen Jahren war das Diesel-Bashing, das uns massiv betrifft, da Österreich und die Steiermark Dieselland sind. Umgekehrt sind Elektro- und Hybrid-Autos noch nicht so weit, um die Lücke zu füllen und die Kunden restlos zu überzeugen. Viele Kunden reagieren immer noch skeptisch beim Thema E-Mobilität. In den Monaten Dezember, Jänner und Februar sind die Zahlen schon deutlich nach unten gegangen. Dann kam der Shutdown, die Händler hatten von heute auf morgen geschlossen, der März fehlt daher zur Hälfte, der April zu 75 %. Die aktuelle Entwicklung ist spannend. Was wir sehen, ist eine erheblich geringere Anzahl von Kunden in unseren Schauräumen. Aber das Erfreuliche: Die Abschlussquote unter den Interessierten ist wesentlich höher als gewohnt, sodass wir im Mai annähernd gleich viele Autos verkaufen wie im Vorjahr. Die Verkaufszahlen stimmen also. Die Käufer sind Menschen, die keine großen finanziellen Sorgen haben, oftmals Pensionisten, die teilweise Angst vor steigender Inflation haben und daher investieren. Das beweisen auch die Modelle und Marken, die sich gut verkaufen. Es sind Autos im höheren Segment mit guter Ausstattung, während die Fahrzeuge im niedrigeren Segment deutlich weniger nachgefragt werden.

Drohen nun Rabattschlachten im Autohandel?

Klaus Edelsbrunner, Bundesgremialobmann Fahrzeughandel WKO

Klaus Edelsbrunner, Bundesgremialobmann Fahrzeughandel WKO

Edelsbrunner: Nein, das sehe ich nicht. Denn wir warten im Moment ungewohnt lange auf neue Autos und haben aufgrund der Lieferschwierigkeiten der Industrie Wartezeiten bis September. Dadurch verkaufen wir derzeit viel mehr Autos, die wir bei uns lagernd haben, als sonst. Das heißt, wir verkaufen quasi unser Lager „ab“ – aber nicht zu Abverkaufspreisen. Unsere Sorge ist nun, dass die hohe Nachfrage schon im Juni und Juli wieder zurückgeht, weil alle, die jetzt schnell ein neues Auto wollten, dann bereits zugschlagen haben, während andere Kunden ausbleiben, weil sie arbeitslos oder in Kurzarbeit sind. Daher ist unsere wichtigste Forderung an die Regierung: Bringt bitte wieder Ruhe hinein und vor allem Zuversicht! Wir brauchen eine positive Stimmung statt Angst vor einer zweiten Welle.

Eibinger-Miedl: Zuversicht geben und Angst nehmen – Sie sprechen mir aus der Seele. Ich komme gerade von einem Termin mit dem Rektor der Med Uni Graz und darf folgende gute Nachricht überbringen: Die Wahrscheinlichkeit für eine zweite Welle schätzen Experten derzeit als sehr gering ein.

Welche konkreten Forderungen hat der Autohandel?

Edelsbrunner: Wir haben vier Forderungen formuliert. Die wichtigste ist eine Abwrackprämie, genauer gesagt, eine Ökologisierungsprämie, damit der Motor wird anspringt. Eine klare Win-win-Situation, da sie nicht nur den Markt ankurbelt, sondern dem Staat auch zusätzliche Steuereinnahmen beschert. Zudem würde eine Verjüngung des Fahrzeugbestandes die Umweltbilanz im Verkehrssektor verbessern. Die Kunden erhalten neue Autos, die sauberer und verbrauchsärmer sind. Dabei geht es vor allem um Autos, die älter als zehn Jahre sind – das betrifft rund 25 % des Fahrzeugbestands. Die zweite Forderung betrifft die Vorsteuer: Ein Vorsteuerabzug für betrieblich genutzte Kfz würde eine deutliche Erleichterung für die Automobilbranche darstellen. Weiters könnte man auch den Sachbezug für Mitarbeiter für ein halbes Jahr aussetzen. Das wäre eine wichtige Starthilfe, schließlich verkaufen wir 50 % der Autos an Unternehmen. All diese Maßnahmen würde die schwer gebeutelte Branche des Fahrzeughandels dringend benötigen. Denn das Problem unserer Branche sind die irrsinnig kleinen Margen bei hohem Kapitaleinsatz. Daher müssen wir mit zahlreichen Insolvenzen rechnen. Vor allem die Gebrauchtwagenhändler sind stark betroffen. Aus einer Studie von Eurotax geht hervor, dass der Abwertungsverlust bei allen gebrauchten Fahrzeugen in Österreich auf vier Monate gerechnet in Summe 214 Millionen Euro ausmacht. Mit dem kleinen Gewinn, den ein Händler pro Auto erzielt, muss er schon viele Fahrzeuge verkaufen, um überhaupt erst einmal die Abwertung auszugleichen.

Eibinger-Miedl: All diese Maßnahmen schaffen kurzfristige Anreize, gleichzeitig müssen wir auch das große Bild und langfristig wirkende Strategien im Blick haben. Bei der Frage, wie wir künftig Menschen die Unsicherheit bei der Autokaufentscheidung nehmen können, sehe ich vor allem die europäische Ebene gefordert. Hier müssen grenzüberschreitend Rahmenbedingungen geschaffen werden, um etwa die nötige Ladeinfrastruktur im E-Mobility-Bereich sicherzustellen.

Edelsbrunner: Ich bin der Meinung, der jetzige Autokauf ist noch nicht das große Thema, aber beim nächsten Kauf in drei, vier Jahren wird es drauf ankommen. Dann haben wir die Frage Infrastruktur hoffentlich gelöst und wir haben dann auch endlich die Autos, die wir brauchen und bei denen der Konsument auf der Strecke Graz-Linz-Graz keine Angst mehr haben muss, ob er es beim Heimfahren durch den Gleinalmtunnel schafft.

Laut dem deutschen Autopapst Ferdinand Dudenhöffer ist die Entscheidung Richtung E-Mobilität bereits gefallen. Wird die Corona-Krise ein Beschleuniger dieser Entwicklung?

Christa Zengerer, Geschäftsführung ACstyria

Christa Zengerer, Geschäftsführung ACstyria

Zengerer: Ich glaube nicht, dass Corona eine große Auswirkung auf diese Entwicklung hat. Alles, was jetzt im Gange ist, hat schon vor der Krise begonnen. Neue Antriebs- und Nutzungskonzepte ermöglichen zahlreiche Chancen und Perspektiven für heimische Unternehmen. Besonders die hohe F&E-Kompetenz der Steiermark befördert unsere Unternehmen hier an die Innovationsspitze Europas. Je nach Anwendungsfall werden sich nach unserer Einschätzung unterschiedliche Antriebstechnologien durchsetzen. Die Vielfalt der technologischen Möglichkeiten erlaubt eine Anpassung an unterschiedlichste Bedürfnisse von Verkehrsteilnehmern. Zusätzlich ergeben sich durch die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle wie z.B. Sharing-Dienste neue wirtschaftliche Perspektiven. Die Entscheidung liegt beim Konsumenten.

Tomaschitz: Auch AVL setzt in der Frage Antrieb von morgen auf Vielfalt, denn in Wahrheit sehen wir drei Entwicklungen parallel. Wir haben den klassischen Verbrennungsmotor, der noch lange nicht am Ende der Entwicklung ist. Professor Helmut List hält den emissionsneutralen Verbrennungsmotor für absolut realistisch. Dann haben wir die Entwicklungen bei der E-Mobilität bzw. bei Hybrid und wir haben die Brennstoffzelle, bei der wir erst jetzt sehen, was an Entwicklungsschritten möglich ist, wenn investiert wird. Umso mehr muss man den Konsumenten erklären, dass er sich trotz allem sicher sein kann. Dazu braucht es Klarheit auf europäischer Ebene. Denn es verunsichert total, wenn Kunden nicht wissen, ob sie in eine bestimme Stadt mit ihrem Diesel noch hineinfahren dürfen oder nicht – oder wenn sie nicht wissen, ob sie im Nachbarland ihr E-Auto aufladen können.

Kainz: Wir hatten unlängst eine Gesellschafter-Versammlung beim ACstyria und werden in wenigen Wochen die neue Strategie, an der wir seit einem Jahr arbeiteten, vorstellen. So viel vorweg: Darin werden für alle drei Sparten Automotive, Rail und Luftfahrt sehr spannende und neue Punkte drinstehen, die auf Sicht den Standort weiter vorantreiben werden. Erfreulich ist, dass wir viel Input von den Großen, ob Magna, AVL, voestalpine oder KTM, bekommen, die sich in den Strategiegruppen maßgeblich einbringen. Da sehe ich ganz große Chancen für die Steiermark. Die entscheidende Frage wird aber sein: Wie viel Autos werden künftig verkauft werden? Nicht nur in Österreich – da gebe ich Markus Tomaschitz völlig recht. In der Autoindustrie zählt nur der Weltmarkt.

Zengerer: Die Betriebe des ACstyria waren immer Treiber der Innovation und ein gutes Vorbild für andere Branchen. Wir sehen ja, wie Betriebe Synergien bündeln und wie sich Mitglieder im Mobilitätsbereich nun breiter aufstellen und etwa auch Produkte im Bereich Healthtech herstellen. Es stimmt uns positiv, dass wir in der Steiermark langfristig auf Themen setzen, die uns für den kommenden Aufschwung in eine gute Position bringen. Dazu zählt Know-how in den Bereichen Sensorik und Elektronik, Leichtbau, Materialentwicklung und Antriebstechnologien. Diese Themen werden nach wie vor entscheidend sein, um international erfolgreich zu sein und den derzeitigen Wandel in der Mobilität mitzugestalten. Und auch eine andere aktuelle Nachricht nehmen wir als gutes Omen für die gesamte Branche: Die Formel 1 feiert ein Comeback in der Steiermark – ein sehr positives Signal, das auch dem steirischen Mobilitätsstandort viel Aufmerksamkeit bringen wird.

Eibinger-Miedl: Ich sehe es als zentrale Aufgabe der Politik, nach diesen wochenlangen schwierigen Situationen jetzt den Blick wieder nach vorne zu richten und zu überlegen, wo können wir Anreize schaffen und wo können wir Impulse setzen, um die Konjunktur anzukurbeln. Wenn wir diese Zuversicht nicht ausstrahlen, werden sie die Unternehmen auch nicht haben und die Menschen auch nicht. Was mich positiv stimmt, sind die zahlreichen Investitionsvorhaben von Unternehmen in der Steiermark, die an diesen auch festhalten. Von der SFG werden aktuell rund 80 Projekte unterstützt und wie geplant umgesetzt. Das entspricht einem Investitionsvolumen von über 300 Millionen Euro. Auch im Tourismusbereich sind es 100 Projekte. Das heißt, der Glaube an den Standort lebt.

Kainz: Jeden zweite Euro verdienen wir im Export, das wird auch so bleiben – daher halte ich die Aufrufe „Wir müssen jetzt nur noch regional einkaufen“ für zweischneidig. Natürlich bin ich dafür, regionale Strukturen zu unterstützen, aber gerade in der Automobilbranche ist es eine Illusion, das Rad der Globalisierung und die vernetzten Lieferketten komplett zurückzudrehen. Wo ich sehr große Chancen in den kommenden Jahren sehe, ist der Bereich der Digitalisierung. Meiner Einschätzung nach ist die digitale und automatisierte Fertigung und das Umsetzen der digitalen Transformation in unseren Industriebetrieben noch nicht ausreichend angekommen. Das ist eine Notwendigkeit und zugleich Riesenchance. Wir müssen jetzt Programme aufsetzen, um in unseren Fertigungsstätten einen noch viel höheren Automatisierungsgrad zu erzielen. Das Paradebeispiel für mich ist das neue Getriebewerk von Pankl Racing. Das Unternehmen hat voll auf automatisierte Fertigung gesetzt und trotzdem viele neue Leute angestellt. Alle reden über die digitale Transformation, aber in Wirklichkeit bringen wir noch zu wenig weiter.

Eibinger-Miedl: Das möchte ich so nicht stehen lassen. In den vergangenen Jahren ist bereits viel geschehen und auch das Land Steiermark fördert und unterstützt mit zahlreichen Initiativen. Zudem bedeutet Digitalisierung in jedem Betrieb und für jeden etwas anderes. Und wenn die Krise Positives bewirkt hat, dann ist das der Digitalisierungsschub, den wir gerade erleben. Denn wir haben jetzt in einigen Wochen das geschafft, wofür wir sonst wohl Jahre gebraucht hätten. Wir haben in der öffentlichen Verwaltung die Telearbeitsplätze innerhalb weniger Tage verdoppelt, wir haben Home-Schooling forciert und im Bereich der Universitäten alles auf Onlinelehre umgestellt. Das wäre vor dem 13. März unvorstellbar gewesen, vor allem in dieser Geschwindigkeit. Ja, wir haben sicher Nachholbedarf und es gibt noch Potenziale. Es ist ein Bereich, in dem wir als öffentliche Hand Impulse setzen müssen. Und das haben wir auch vor.

Tomaschitz: Auf betrieblicher Ebene ist in vielen Unternehmen schon sehr viel weitergegangen. Österreich ist, wenn wir europäische Vergleiche anschauen, etwa im Mittelfeld der Digitalisierung. Das hängt immer davon ab, welche Kennzahlen man heranzieht. Die Frage ist nur: Was ist Digitalisierung genau? Es ist ein sehr weiter Begriff. Meint es die Automatisierung? Oder sind es Home-Office-Lösungen durch VPN-Anschlüsse? Wo endet es, wo hört es auf? Ich glaube, die Diskussion, die wir führen müssen, ist: Was muss Digitalisierung alles umfassen, um den Standard zu halten? Welche Ausbildungen braucht es und wie können Betriebe profitieren? Diese Fragen müssen wir diskutieren – und zwar angstfrei. Ein Beispiel: AVL zählt annähernd 1.000 Mitarbeiter im Bereich Software und IT bzw. im Umfeld von Digitalisierungsthemen wie Assistenzsysteme und Datenmanagement im Auto. Und es gibt immer noch Menschen, die glauben, AVL ist ein Maschinenbauunternehmen.

Ist die Abhängigkeit der Steiermark von Automotive zu groß? Wie wichtig ist es, auf mehreren Standbeinen zu stehen?

Eibinger-Miedl: Zum einen stellt sich der ACstyria als Mobilitätscluster seit Jahren breiter auf und setzt neben dem Automotive-Bereich auch auf Luftfahrt sowie Railway. Zum anderen haben wir neben diesem zweifellos großen Standbein mittlerweile auch andere Stärkefelder aufgebaut. Eines, das gerade in den letzten Wochen sichtbar wurde, ist der Humantechnologiebereich. Rund um den HTS-Cluster mit seinen Mitgliedern haben wir gesehen, wozu die Betriebe im Stande sind. Diese haben kurzfristig ihre Produktionen umgestellt sowie Schutzausrüstung und Beatmungsgeräte entwickelt. Das ist eine Sparte, auf die wir in den nächsten Jahren sicherlich setzen werden – ebenso wie auf den Bereich Green-Tech. Auch darin hat die Steiermark ein absolutes Stärkefeld und ich bin davon überzeugt, dass der zuletzt beinahe vergessene Klimaschutz bald wieder Thema sein wird und dieser Sparte weiter Auftrieb geben wird. Dazu kommt – Stichwort Digitalisierung – auch die wichtige Mikroelektronik-Branche. Heimische Betriebe sind in diesem Bereich weltmarktführend tätig – ein absolutes Zukunftsfeld. Daher sehe ich die Steiermark längst auf mehreren Standbeinen aufgestellt.

Tomaschitz: Die Steiermark hat für mich einen riesigen Vorteil. Wir haben großartige Institutionen, allen voran die TU Graz, aber auch die FH Joanneum und die Montanuniversität Leoben. Das sind echte Assets für die Zukunft. Dazu zählt auch die Joanneum Research, gepaart mit den starken steirischen Clustern. Aus diesem Grund mache ich mir um die Steiermark keine Sorgen. Wir haben bewiesen, dass wir es können und ich glaube, wir kommen noch stärker aus der Krise wieder heraus.

Wie groß war die Herausforderung für den ACstyria in den vergangenen Wochen, den Betrieben zur Seite zu stehen?

Zengerer: Wir waren selbst seit März im Home-Office, haben uns dort aber schnell akklimatisiert und konnten unsere Betriebe auch während des Lockdowns gut unterstützen. Das ist jedenfalls das Feedback, das wir von unseren Partnerbetrieben bekommen haben. In der ersten Zeit ging es vorwiegend um Information und Beratung – etwa zu Fragen rund ums Thema Kurzarbeit. Zudem haben wir die Partner mit kontinuierlichen Branchenreports auf dem Laufenden gehalten. Wir haben auf Webinare umgestellt, weil Veranstaltungen ja nicht möglich waren oder nicht in dem Ausmaß, wie wir es gewohnt sind. Und wir haben natürlich versucht, Forschungsaktivitäten noch stärker zu initiieren, weil diese einen der wichtigsten Erfolgsfaktoren des Standorts darstellen – speziell die enge Zusammenarbeit zwischen Forschungseinrichtungen und Unternehmen. Dadurch sehe ich uns über Konjunkturzyklen hinweg für die Zukunft gut positioniert.

 

ZITATE

„Die Automobilindustrie erlebte schon vor Corona den größten Umbruch seit Erfindung des Autos. Dank unserer forschungsintensiven Unternehmen sehe ich die Steiermark für die Zukunft gut gerüstet.“

Barbara Eibinger-Miedl, Wirtschaftslandesrätin Land Steiermark

 

„Alles, was jetzt im Gange ist, hat schon vor der Krise begonnen. Neue Antriebs- und Nutzungskonzepte ermöglichen zahlreiche Chancen und Perspektiven für heimische Unternehmen.“

Christa Zengerer, Geschäftsführung ACstyria

 

„Wir müssen die digitale und automatisierte Fertigung in unseren Industriebetrieben noch stärker vorantreiben. Das ist eine Notwendigkeit und zugleich eine Riesenchance.“

Manfred Kainz, CEO TCM International

 

„Firmen investieren und Menschen konsumieren, wenn sie Zuversicht haben. Daher sehe ich vor allem Europa gefordert, diese Zuversicht mit den richtigen Maßnahmen wiederherzustellen.“

Markus Tomaschitz, Vice President Human Resources AVL List

 

„Eine Ökologisierungsprämie würde den Markt ankurbeln, dem Staat zusätzliche Steuereinnahmen bescheren und die Umweltbilanz im Verkehrssektor verbessern.“

Klaus Edelsbrunner, Bundesgremialobmann Fahrzeughandel

 

 

ZAHLEN

Automotive Standort

180 Unternehmen des steirischen Mobilitätsclusters ACstyria mit 50.000 Mitarbeitern sind dem Bereich Automotive zuzurechnen. Der Umsatz im Bereich Mobilität inklusive der Sparten Aerospace und Railway beträgt 17 Mrd. Euro.

Österreichweit gilt die heimische Automobilwirtschaft als eine der Leitbranchen der produzierenden Wirtschaft. Die Unternehmen der gesamten österreichischen Automobilwirtschaft beschäftigen 315.000 Arbeitsplätze und erzielen eine Bruttowertschöpfung von rund 26 Milliarden Euro.

 

TALK AM RING ist ein Diskussionsformat von “SPIRIT of Styria“. Jedes Monat laden wir Experten zur Diskussion über ein spannendes Wirtschaftsthema an den runden Tisch in die Redaktion am Grazer Opernring.

Protokoll: Wolfgang Schober
Fotos: iStockphoto, Oliver Wolf