Rückblick, Ausblick, Einblick. Ein Interview in drei Akten mit Bernhard Rinner, dem Geschäftsführer der Theaterholding Graz/Steiermark. Der Kulturmanager über die Folgen eines Meteoriteneinschlags, die herausfordernden Planungen für den Herbst und Kunst als Perspektive auf den Sinn des Lebens.

 

1. Akt – Rückblick

Vorhang zu, Ton aus – Ihr Haus erlebte den totalen Lockdown. Wie groß wird der wirtschaftliche Schaden für die Theaterholding sein?

Der Shutdown traf uns wie ein Meteoriteneinschlag. Er hat unser Genre als Erstes getroffen, gleichzeitig sind wir nun die Letzten, die wieder hochgefahren werden. Bitter war zwischenzeitlich zu sehen, wie man sich um Baumärkte und Wirtshäuser kümmert, während Oper und Theater buchstäblich verhungern. Der Aufschrei der Szene in ganz Österreich war verständlich und die Bundesregierung musste reagieren, als sie erkannte, welch enormer Schaden hier entsteht – künstlerisch, psychologisch und wirtschaftlich. Konkret erwarten wir als Theaterholding im Konzern durch die fehlenden Einnahmen in diesem Wirtschaftsjahr ein Defizit von 2,5 bis 3 Millionen Euro. Der Lockdown traf uns zur Unzeit. Wir mussten in einer Hochphase der Verkäufe am Beginn des letzten Drittels unserer Spielzeit das System runterfahren – daher konnte rund ein Drittel der Veranstaltungen nicht stattfinden. In den vergangenen Jahren hatten wir jeweils rund 500.000 Besucherinnen und Besucher im Jahr – auch hier rechnen wir mit einem Minus von einem Drittel.

Welche Unterstützung durch Hilfsfonds können Sie in Anspruch nehmen?

Das Institut der Kurzarbeit hilft uns sehr. Wir haben 520 von insgesamt 788 Mitarbeitern zur Kurzarbeit angemeldet und sind froh, dass wir diese Mittel bekommen. Dennoch haben wir Sorgen, da wir noch nicht wissen, wie es im September weitergeht. (Anmerkung: Das Interview fand Ende Mai statt, also noch vor Bekanntgabe etwaiger weiterer Lockerungsmaßnahmen durch die Bundesregierung). Zum gegenwärtigen Zeitpunkt wissen wir nicht, ob es bei der eingeschränkten Sitzplatzsituation im Herbst bleibt bzw. ob  Stehkonzerte wieder möglich sein werden – eine entscheidende Frage für unsere Konzert-Locations Orpheum und Dom im Berg. Doch auch im Falle einer Öffnung bleibt eine große Unsicherheit: Wie wird sich die Nachfrage entwickeln? Derzeit müssen wir eher von einem defensiven Verhalten des Publikums zu Beginn ausgehen.

Gibt es auch Unterstützungen durch Überbrückungskredite oder Zuschüsse?

Bei diesen Maßnahmen sind wir als Unternehmen im Eigentum öffentlicher Gebietskörperschaften leider durchgefallen. Für Opernhaus und Schauspielhaus hätte ich diese ohnehin nicht beantragt, aber es gibt eine Gesellschaft im Konzern, die ohne Subventionen auskommt, nämlich die art + event Theaterservice Graz. Diese agiert mit ihren Dienstleistungen ausschließlich am Markt. Daher sollte für sie eine Ausnahme gelten. Ich finde die Ungleichbehandlung problematisch und hoffe auf eine faire Lösung. Ähnliches gilt für die Spielstätten GmbH, für die es nur geringe Förderungen gibt und nun unverschuldet in eine dramatische Situation geraten ist. Derzeit laufen die Budgetbesprechungen für das nächste Jahr, das Ringen für die Budgets für die nächste Saison geht also gerade los.

Was wiegt schwerer: der wirtschaftliche oder der künstlerische Ausfall?

Beides ist dramatisch. Der künstlerische Ausfall ist schwer zu verkraften. Psychologisch ist das Nicht-Spielen ein Eingriff in die DNA von Künstlerinnen und Künstlern. Sie leben für die Bretter, die die Welt bedeuten. Von Künstlerseite höre ich auch dramatische Sorgen um die Zukunft, daher gilt unser Augenmerk der Frage: Wie schaffen wir es, unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern eine Perspektive und wirtschaftliche Absicherung zu bieten? Darüber hinaus sind auch viele Künstlerinnen und Künstler, die bei uns Gastverträge haben und deren Engagements komplett weggefallen sind, schwer betroffen.

Um welche abgesagte Produktion ist Ihnen besonders leid?

Klanglicht wäre auch in diesem Jahr ein Highlight geworden – mit der geplanten neuen Route vom Kunsthaus zum Schloss Eggenberg. Aber das werden wir im nächsten Jahr nachholen. Auch die Absage der Oper „Die Passagierin“ von Mieczysław Weinberg schmerzt. Kurz vor dem Lockdown durfte ich noch der Generalprobe beiwohnen, deren Premiere konnte dann nicht mehr stattfinden. Aber ich sehe gute Chancen, dieses überaus sehenswerte Projekt in Graz noch zu zeigen. ‪Im Schauspielhaus ist neben den großen Premieren die Absage des jährlichen DramatikerInnenfestivals schmerzhaft – aber auch dieses wird 2021 nachgeholt werden.

2. Akt – Ausblick

Ende Mai wurden weitreichende Lockerungen für Kulturveranstaltungen angekündigt. Waren Sie überrascht?

Überraschend kamen sie für mich nicht, da ich in meiner Funktion als Generalsekretär des Theaterhalterverbands in Österreich öfter an Gesprächsrunden im Kunststaatssekretariat teilnehmen durfte. Ich bin froh, dass es nun in diese Richtung geht und bin jetzt vorsichtig optimistisch. Vieles von dem, was wir gefordert haben, wurde übernommen. Das Einzige, was darin fehlt, ist die Perspektive für den Herbst. Die Bundesregierung hat angekündigt, Mitte Juni dazu Näheres bekannt zu geben. Das wäre dringend geboten, schließlich müssen wir in den Verkauf für den Herbst gehen – und dafür braucht es Planungssicherheit. Wie viele Sitzplätze in welchen Sitzkategorien können wir verkaufen? Andernfalls sind wir im Blindflug unterwegs.

Wie herausfordernd ist die Planung der Produktionen für das nächste Spieljahr?

Allein der Spielplan für die Oper wurde bereits dreimal überarbeitet. Das ist durchaus sportlich, wenn man weiß, dass der übliche Vorbereitungszeitraum für Opernproduktionen zwei oder drei Jahre beträgt. Vor allem die Frage der Reiseeinschränkungen trifft uns voll. Wir bedienen uns internationaler Netzwerke von Künstlerinnen und Künstlern aus unterschiedlichen Ländern aus ganz Europa. Eine Aufhebung der Beschränkungen ist damit Grundvoraussetzung für unseren Betrieb. Für den zeitlichen Ablauf muss auch die Probensituation mitberücksichtigt werden. Kollektive wie Chor müssen nebeneinander singen und proben können. Mittlerweile haben wir den Spielplan festgelegt. Künstlerisch steht die Planung, aber wirtschaftlich macht es einen Riesenunterschied, ob wir nur für 250 Zuschauerinnen und Zuschauer spielen könnten – wie für den August erlaubt – oder für ein volles Haus. Was aktuell den Juni betrifft, wo bekanntlich einhundert Personen erlaubt sind, haben wir eigene kleine Stücke entwickelt – etwa Arienabende in der Oper. Herausfordernd ist die weitere Planung für Kasematten und Orpheum. Die Wirtschaftlichkeitsrechnung steht und fällt mit den Sitzplatzmöglichkeiten. Daher versuche ich für die Kasemattenbühne, die als Indoor-Location gilt, ein Outdoor-Genehmigung zu bekommen. Dazu laufen aktuell die Telefone heiß. Auch die Verschiebung von Veranstaltungen um ein oder zwei Monate nach hinten macht in einzelnen Fällen Sinn.

Ihr Wunsch-Szenario für den Herbst? Eine komplette Freigabe?

Ja, das wünsche ich mir – der Zeitpunkt dafür ist reif. The Show must go on! Wenn es die Infektionszahlen erlauben, wünsche ich mir, dass wir einem Normalbetrieb nahekommen. Meine Idealvorstellung sind Kulturveranstaltungen ohne Maske bzw. eine Maskenpflicht nur beim Zu- und Abgang bzw. im Buffet- und Toilettenbereich. Ein Kulturgenuss in der Oper mit Maske ist für mich nur schwer vorstellbar bzw. auch aus gesundheitlicher Sicht bedenklich. Denken Sie an die Gefahr von Atemproblemen bei Zuschauern. Im Zweifel wären mir Abstandsregeln im Publikum noch lieber. Wir verpflichten uns zur Wahrung größtmöglicher Hygiene- und Sicherheitsstandards und sind uns unserer Verantwortung voll bewusst, schließlich wollen wir ja nicht zum Ischgl der Kulturwelt werden. Gerade Opernfans sind oft nicht die jüngsten und zählen zur „Risikogruppe“. Daher werden wir in enger Abstimmung mit unseren beiden Intendantinnen Nora Schmid und Iris Laufenberg alles daran setzen, ein größtmögliches Sicherheitsgefühl zu schaffen. Derzeit laufen rund um die Uhr Besprechungen zu Präventions- und Hygiene-Konzepten in unseren Häusern.

3. Akt – Einblicke

 Auf dem Höhepunkt der Krise haben Sie die Bundesregierung heftig kritisiert und ein „Begräbnis der Kulturnation“ befürchtet. Ist diese Gefahr nun abgewendet?

vMeine Aussagen bezogen sich auf die mangelnde Wertschätzung für Kultur von Seiten der Bundesregierung, die zu wenig deutlich machte, dass wir eine Kulturnation sind. Heute bin ich zuversichtlicher und denke, dass die Verantwortlichen die Zeichen der Zeit erkannt haben und nun die richtigen Maßnahmen setzen. Schließlich steht der Kulturbereich auch für eine enorme Umwegrentabilität, die Kulturveranstaltungen auslösen. So wissen wir für unsere Häuser, dass im Zuge eines Theater- oder Opernabends ungefähr das Dreifache des Ticketpreises rundherum ausgegeben wird. Dadurch sind wir auch ein bedeutender Wirtschaftsfaktor.

Ihre wichtigsten Lehren aus der Krise für den Kulturbetrieb und für die Theaterholding?

Künftig wird sicher eine vorsichtigere Planung für unser Haus notwendig sein, das meine ich auch budgetär und wirtschaftlich. Darüber hinaus ist die wichtigste Lehre für mich, dass nichts auf der Welt geschenkt ist. Dass etwa ein Theater irgendwann einmal Pause machen muss durch einen solchen Meteoriteneinschlag – mit dem hätte ich niemals gerechnet. Auf solche Ereignisse können wir uns auch künftig nicht 100%-ig vorbereiten. Unsicherheiten werden bleiben. Aber vielleicht haben wir umso mehr gelernt, dankbar zu sein – wir müssen dankbar sein für das, was wir machen dürfen. Dankbar dafür, mit Kunst und Kultur anderen Menschen Freude zu machen. Nichts ist selbstverständlich im Leben.

Ist Kultur systemrelevant?

Wen fragen Sie? (lacht) Ja, das ist sie in der Tat. Vor allem, wenn es um die Sinnfrage geht. Denn das Theater behandelt genau diese Sinnfrage und nicht nur die Wirtschaftsfrage. Kunst und Kultur ermöglichen, eine Perspektive auf das Sein und das Ich zu schärfen. Genau genommen auf das Ich und Du und auf das Wir. Nichts anderes machen Theater und die Oper – sie erlauben eine Perspektive auf den Sinn des Lebens.

Digitalisierung gilt als Gewinner der Krise. Aber Streaming statt Live-Genuss funktioniert für Oper und Theater wohl nicht, oder?

‪Auch von unseren Häusern gab es digitale Kulturangebote in den letzten Wochen, trotzdem bin ich überzeugt: Die Bühne ist das letzte analoge Erlebnis. Die Bühne ist das letzte analoge Erlebnis – daher ist Digitalisierung kein Instrument für die Bühne, aber sehr wohl in anderen wichtigen Bereichen wie etwa im Ticketverkauf. In dem Zusammenhang bereiten wir gemeinsam mit dem Know-Center Graz für unsere Kundinnen und Kunden gerade eine spannende Innovation vor: einen Algorithmus für Empfehlungsmarketing nach dem Vorbild von US-Konzernen wie Amazon oder Netflix. Damit können wir die Präferenzen unserer Kundschaft künftig besser erkennen und ihren Interessen bestmöglich entsprechen. Dafür haben wir die Zeit des Shutdowns genutzt und das Projekt vorangetrieben. Besonders spannend sind dabei die Erkenntnisse, die sich aus einer Clusterung der Präferenzen der Kundinnen und Kunden gewinnen lassen. Die wohl größte Überraschung: Es gibt eine Überschneidung von Opernfans und Anhängern von Heavy Metal. Erkenntnisse wie diese sind künftig für das Cross Selling von Tickets Goldes Wert.

 

Theaterholding Graz/Steiermark GmbH

Die Holding umfasst sechs Gesellschaften: Oper Graz, Schauspielhaus Graz, Next Liberty Kinder- und Jugendtheater, die Grazer Spielstätten (Orpheum, Dom im Berg, Schloßbergbühne Kasemetten), art + event Theaterservice Graz und das Ticketzentrum.

Die Theaterholding Graz/Steiermark GmbH ist für die Konzernleitung der Bühnen Graz und somit für die strategische Führung nach den langfristigen kulturpolitischen und wirtschaftlichen Zielsetzungen der Gesellschaften verantwortlich.

Gesellschafter der Theaterholding sind zu jeweils 50 % das Land Steiermark und die Stadt Graz.

In der Spielzeit 2018/19 verzeichneten die Bühnen Graz bei 1.513 Vorstellungen 510.614 Zuschauer – davon entfielen 172.878 auf die Oper Graz.

Bernhard Rinner ist seit 1. Januar 2014 Geschäftsführer der Theaterholding Graz/Steiermark.

Der Kulturmanager ist auch Initiator von „Klanglicht“, Österreichs größtem Festival für Licht- und Klangkunst.

www.theaterholding.at

 

ZITATE

„Wir sind uns unserer Verantwortung voll bewusst und werden größtmögliche Hygiene- und Sicherheitsstandards wahren. Schließlich wollen wir ja nicht zum Ischgl der Kulturwelt werden.“

„Der Shutdown traf uns wie ein Meteoriteneinschlag. Bitter war zwischenzeitlich zu sehen, wie man sich um Baumärkte und Wirtshäuser kümmert, während Oper und Theater buchstäblich verhungern.“

„Die Lehren aus der Krise? Dankbar sein für das, was wir machen dürfen!“

Bernhard Rinner, Geschäftsführer der Theaterholding Graz/Steiermark

 

Bild oben: Vorhang auf! Theaterholding-Geschäftsführer Bernhard Rinner hofft auf den uneingeschränkten Restart seiner Häuser im Herbst

Interview: Wolfgang Schober
Foto: Oliver Wolf