Vom Wachstum in Zeiten der Corona-Krise: Mit seinen Videokonferenzlösungen generiert das Grazer Software-as-a-Service-Startup „eyeson“ in der neuen Normalität jede Menge zusätzliche Kunden.

Ob er sein Unternehmen speziell darauf vorbereitet hätte, wenn er geahnt hätte, was da mit dem Corona-Virus auf die Welt zukommen würde. Zugegeben, eine ziemlich theoretische Frage. Wer hätte vor ein paar Monaten ein winziges Virus, das die (Arbeits-)Welt auf den Kopf stellen würde, in seine strategischen Szenarien eingeplant. Doch so weit hergeholt, nimmt Andreas Kröpfl, Mitgründer und geschäftsführender Gesellschafter des von Graz aus den digitalen Globus durchdringenden Videokonferenzanbieters „eyeson“ den Ball gleich auf, sei die Frage dann doch nicht. „Wir haben uns im vergangenen Jahr ganz massiv mit dem Thema Remote-Work auseinandergesetzt. Es deutete ja schon vor der Corona-Krise vieles darauf hin, dass diese Arbeitsform ausgehend von den USA weltweit massiv an Dominanz gewinnen würde; dass Remote-Work nicht mehr nur ein Teilaspekt in einzelnen Unternehmen bleiben wird, sondern drauf und dran ist, zur täglichen Normalität zu werden – quer durch alle Branchen und Unternehmensgrößen.“

Verblüffend schnell
Und die Corona-Krise, führt Kröpfl weiter aus, habe die prognostizierte Entwicklung in einer Art Zeitsprung über Nacht quasi disruptiv ins Hier und Heute geholt – geradezu verblüffend schnell. „Wenn dir vor zwei Monaten jemand erzählt hätte, er habe über Videokonferenz ein Medikament verschrieben bekommen, hättest du geglaubt, der spricht aus einer anderen Welt zu dir. Oder heikle Unternehmensinformationen über Videoschaltung zu besprechen – noch vor ein paar Wochen nur bei einigen wenigen denkbar. Heute ganz normal. Ab jetzt kann man über Videokonferenz Medikamente verschreiben,  lernen, Firmengeheimnisse besprechen – ja, man muss es sogar tun.“

„Wenn wir gewusst hätten, wie schnell sich unsere Welt verändern wird“, gibt Kröpfl unumwunden zu, „hätten wir unsere personellen Ressourcen bereits vor dem Auftauchen des Virus locker auf das Doppelte oder Dreifache erweitert.“ Derzeit seien 14 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in dem Startup tätig. „Wir nehmen allerdings laufend Leute auf, quer durch alle Bereiche – Entwicklung, Marketing, Support – und versuchen unsere Ressourcen damit an die Möglichkeiten heranzuführen, die sich uns mit einem Schlag eröffnet haben.“

Anfragen im Minutentakt
Tausende Unternehmen aus aller Welt hätten sich in den vergangenen Wochen bereits neu für den Software-as-a-Service-(SaaS)-Dienst des Grazer Startups registriert. Anfragen kämen teils im Sekundentakt. Und er selbst zappe sich im Halbstundentakt von einer Videokonferenz zur nächsten – auf der einen Seite die gewohnten Gespräche mit den maßgeblichen Investoren, die dem Startup während der vergangenen Jahre in mehreren Finanzierungsrunden das nötige Venture-Kapital für sein dynamisches Wachstum zugeführt haben; allen voran der Grazer Risikokapital-„Guru“ Herbert Gartner, der mit seinem Investitionsvehikel „eQventure“ die Creme de la Creme der heimische High- und Deeptech-Startups mit Treibstoff versorgt, und Michael Kübeck mit seiner „i4G Investment“. Auf der anderen Seite sind es Unternehmen, aber auch immer mehr deutsche, österreichische oder EU-Behörden, die von Kröpfl möglichst auf der Stelle wissen wollen, was ihnen das von ihm und seinem Mitgründer Michael Wolfgang entwickelte Tool jetzt in der Krise zu bieten vermag. Von Kurzarbeit kann bei eyeson also keine Rede sein.

Als europäischer Anbieter hat das Grazer Start-up vorwiegend den B2B-Videokonferenzmarkt mit Unternehmen, Behörden und Organisationen im Auge.

Europäisch und unabhängig
Doch was lässt ein Grazer Startup zum Hecht im weltweiten digitalen Videokonferenzen-Karpfenteich werden, in dem sich neben den Großen Microsoft, das mit Microsoft Teams und Skype gleich zwei Lösungen im Rennen hat, Google, Cisco, Apple, WhatsApp, Facebook, Zoom und wie sie alle heißen auch Dutzende kleinere Anbieter tummeln?  „Es sind mehrere Punkte, die uns auszeichnen“, fasst Kröpfl zusammen, „und sie beziehen sich auf alle Bereiche: Technologie, Usability und Sicherheit.“ So sei eyeson etwa einer der ganz wenigen Anbieter, der weder in den USA angesiedelt noch mit US-Kapital finanziert sei. In der Tat zwingt der Cloud Act, ein US-amerikanisches Gesetz, alle in den USA ansässigen Anbieter dazu, US-Behörden Zugriff auf alle gespeicherten Daten zu geben – auch wenn diese auf Servern in Europa liegen. Ein Umstand, der nicht nur der „Aufklärungsarbeit“ von Geheimdiensten, sondern auch der Betriebsspionage Tür und Tor öffnet und zuletzt angesichts der freizügigen Verwendung der US-Applikation Zoom auch durch europäische Regierungen für Irritation sorgte. „Dass wir ein unabhängiges europäisches Unternehmen sind, macht uns jetzt noch gefragter. Wir sind gerade dran, diesen USP noch viel deutlicher zu positionieren.“

Technologieführer
Technisch, erläutert Kröpfl, setze die cloudbasierte Software-as-a-Service-Lösung (SaaS) von Anbeginn auf die selbst entwickelte und patentierte Single-Stream-Technologie (SST), für die das Unternehmen die Technologieführerschaft in Anspruch nehme. Das Kernpatent der Technologie sei, so Kröpfl, auch in den USA geschützt. SST ermögliche es, alle Audio- und Videoverbindungen innerhalb einer Konferenz laienhaft formuliert in einen einzigen Übertragungskanal zu packen. Der Vorteil: hohe Qualität und beliebig viele Teilnehmer bei geringer Bandbreitenbeanspruchung und somit stabile Verbindungen ohne Gefahr von Überlastung und Aussetzern. Dazu gesellt sich schließlich noch der zentrale Usability-Vorteil der eyeson-Lösung: Das Meeting wird via Webbrowser abgewickelt. Um an der Videokonferenz teilnehmen zu können, bedarf es keinerlei Installation, es genügt die Übermittlung eines Links durch einen registrierten bzw. zahlenden eyeson-User. Das und die API-Schnittstelle, die es ermöglicht, eyeson mit den Diensten von Drittanbietern zu verknüpfen, sodass es z. B. auch auf Plattformen wie Slack, YouTube, Facebook & Co. verwendet bzw. über diese gestreamt werden kann, begründen die konkurrenzlos flexible und einfache Anwendbarkeit der aus Graz stammenden Videokonferenzlösung. Und das zu Preisen unterhalb jener, die etwa der Mitbewerber Zoom verlangt.

2010 hatten Andreas Kröpfl (44) und Michael Wolfgang (52) „VisoCon“ als Videokonferenzanbieter gegründet. Sie waren sich bereits auf der TU Graz begegnet und danach gemeinsam beim österreichischen Flugsicherungsanbieter „Frequentis“ tätig gewesen. Vor dem Hintergrund jahrelanger Beschäftigung mit Video- und Audioübertragungen hatten sie schließlich ihre eigene SST-Lösung entwickelt. Vorerst im B2B-Projektgeschäft tätig, fassten sie den Entschluss, ein global skalierbares Produkt zu entwickeln: eyeson. 2017 wurde das Unternehmen nach der neuen Lösung benannt.

Digitale Wende
Mittlerweile hat sich die Anwendung viral millionenfach verbreitet. User „sitzen“ vorwiegend in Europa, in den USA und Kanada sowie in Südamerika. Das seien auch die Märkte, die zurzeit aktiv – besonders intensiv allerdings Europa – bearbeitet würden. Für ebenfalls attraktive Märkte wie etwa Indien und China seien derzeit einfach nicht genug personelle Ressourcen vorhanden. Denn Voraussetzung für einen nachhaltig erfolgreichen Auftritt sei ein schlagkräftiger Support. Wenn auch mittlerweile ein Bot „angestellt“ sei, der sich gut bewähre und Standardanfragen kompetent beantworten könne, führe gerade im Geschäft mit zahlenden Firmenkunden nach wie vor kein Weg an personifiziertem Know-how vorbei. „Da geht es etwa um technische Aspekte oder um Fragen der Sicherheit, aber auch um die Preisgestaltung.“ Nicht selten Chefsache.

Die Firmen, ist Kröpfl überzeugt, werden auch nach der Krise nicht mehr in den analogen Alltag zurückkehren. „Sie rüsten jetzt digital und speziell bei Videokonferenzen massiv auf. Es wird immer weniger wichtig, wo Mitarbeiter und Kunden sich befinden, dafür immer entscheidender, immer und überall mittels digitaler Kanäle mit ihnen zu kommunizieren.“ Es sei genug Platz auch für unabhängige Anbieter wie eyeson da. „Mittelfristig peilen wir die Marktführerschaft auf dem europäischen Markt für Videokonferenzen an“, gibt sich Kröpfl sportlich. Bis Ende Juni läuft eine Gratisaktion mit dem Telekomanbieter A1, seit ein paar Tagen können auf LinkedIn Interviews mit mehreren Personen live gestreamt werden. Und mit „AHOI“ wurde eine zweite, app-basierte Schiene für den B2C-„Retailmarkt“ aus der Taufe gehoben, die, so Kröpfl, gewaltig abhebe. „Es war Zeit, die jeweils eigenen Logiken von Privat- und Businessgeschäft zu entflechten und mit eigenen Diensten zu würdigen.“ Die Zeichen bei eyeson stehen auf Wachstum: viral und exponentiell.

 

INFO: eyeson im Blick

Ursprünglich 2010 von Andreas Kröpfl und Michael Wolfgang als VisoCon in Graz gegründet. Zuerst als Videokonferenzanbieter im Projektgeschäft tätig, gelang mit der cloudbasierten SaaS-Lösung eyeson, nach der schließlich auch das Unternehmen benannt wurde, der weltweite Durchbruch. Während eyeson mittlerweile vorwiegend auf den B2B-Videokonferenzmarkt mit Unternehmen, Behörden und Organisationen abzielt, wurde mit der App „AHOI“ jüngst ein Gratistool für den breiten Privatkundenmarkt lanciert. Nach mehreren Finanzierungsrunden zählt neben Kröpfl und Wolfgang, die sich auch die Geschäftsführung teilen, die Creme de la Creme der heimischen Venture-Capital-Investorenszene, darunter Herbert Gartner (eQventure), Michael Kübeck (i4G), Hermann Hauser, Michael Altrichter sowie der aws Gründerfonds, zu den Gesellschaftern der eyeson GmbH mit Sitz in der Grazer Plüddemanngasse. Zurzeit werden 14 MitarbeiterInnen beschäftigt, Tendenz steigend. www.eyeson.com

Bild oben: Andreas Kröpfl, CEO und Gründer von eyeson

 

TEXT: Wolfgang Wildner
FOTOS: eyeson, Oliver Wolf