Eine lächelnde Frau in einem hellen Anzug gestikuliert, während sie in einem modernen Büro mit großen Fenstern und natürlichem Licht spricht.
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„Lassen viel Potenzial ungenutzt“

Lejla Pock, Geschäftsführerin von Human.technology Styria, im Interview mit „SPIRIT of Styria“über echte Gleichstellung, Mütter als Role Models, den Unterschied zwischen Leader und Boss und warum mehr Frauen als CEOs eine fairere Medizin garantieren würden.

Forschung strebt nach Exzellenz. Sind wir auch in der Frage der Gleichstellung schon exzellent?

Exzellenz in der Gleichstellung würde bedeuten, dass wir bereits das vollständige Talentpotenzial nutzen. Und das tun wir noch nicht. Wir lassen aus meiner Sicht immer noch viel Potenzial ungenutzt. Dennoch bin ich der Meinung: In Summe sind wir auf einem guten Weg. Echte Gleichstellung wird es aber erst geben, wenn Leistung unabhängig vom Geschlecht bewertet wird.

Frauen in der Forschung sind nach wie vor unterrepräsentiert. Auch im Bereich Life Sciences?

Life Sciences sind sicher begünstigt, da unsere Themen vermehrt Frauen ansprechen, ob Gesundheit, Prävention oder Lebensqualität. In der Ausbildung bilden Frauen meist die Mehrheit, aber je weiter es in den Karrierestufen nach oben geht, desto dünner wird die Luft für Frauen – dasselbe Phänomen wie in anderen Branchen. Wir verlieren viele Frauen auf dem Weg – und damit auch viele Talente.

Sind uns andere Länder hier voraus?

Ländervergleiche sind schwierig, da man jedes Land im Kontext der jeweiligen Kultur sehen muss. Klar ist: Politik, Wirtschaft und gesellschaftliche Werte haben starken Einfluss auf die Gleichstellung. Der deutschsprachige Raum ist sehr spezifisch. Andere Länder kennen etwa das Konzept der Teilzeitarbeit gar nicht, es gibt nur Vollzeit, dafür flächendeckende Betreuung. Dort gibt es eine kulturell geprägte Selbstverständlichkeit, dass die Kinder ganztags in Betreuung sind.

Die Human.technology Styria GmbH (HTS)

  • Die Human.technology Styria GmbH (HTS) versteht sich als Knotenpunkt eines Clusters von rund 150 steirischen Unternehmen, die für die menschliche Gesundheit arbeiten. Für diese Community agiert der Cluster als Drehscheibe für Kontakte, Know-how und Informationen.
  • Ziel ist es, einen wirtschaftlichen Mehrwert für die Cluster-Community zu schaffen, die Stärken der Region weiterzuentwickeln und die internationale Sichtbarkeit des Standorts zu verbessern.

In welchen Karrierephasen brauchen Frauen am meisten Unterstützung?

Die entscheidendste Phase aus meiner Sicht ist die Zeit zwischen dem sechsten und vierzehnten Lebensjahr. Studien belegen: Wenn Mädchen in jungen Jahren eine vollzeitberufliche Mutter hatten, machen sie später auch mit höherer Wahrscheinlichkeit selbst Karriere.

Die Mama als Role Model?

Genau – Karriere wird so zur Selbstverständlichkeit. Dieses Vorleben wirkt auch auf Männer. Denn diese sind später viel eher bereit, mehr Verantwortung für die Familie zu übernehmen, wenn sie vollberufstätige Mütter hatten. Einfach weil sie gesehen haben, dass es anders nicht funktioniert.

Die größten Karriereknackpunkte für Forscherinnen?

Es gibt kritische Phasen in jeder Karriere – etwa nach dem Postdoc oder beim Übergang von einem Projekt zu einer Dauerstelle oder, wenn es in Richtung leitende Position geht. Dann braucht es Unterstützung. Am effektivsten ist der Support aus der jeweiligen Peer-Group, also von Kolleginnen und Kollegen. Der Zuspruch von Frauen, aber auch Männern aus demselben Fach kann sehr motivierend sein. Wenn jemand zu dir sagt: „Ich habe es geschafft, du kannst das auch“, kann das viel bewegen. Am Ende aber sollten stets Leistung und Talent zählen – und nicht das Geschlecht.

Eine Frau in einem hellen Blazer sitzt an einem Schreibtisch in einem modernen Büro, gestikuliert mit ihren Händen und lächelt während eines Gesprächs.

„Echte Gleichstellung gibt es erst, wenn Leistung unabhängig vom Geschlecht bewertet wird.“

Lejla Pock
Geschäftsführerin Human.technology Styria

Mit welchen Maßnahmen können Betriebe unterstützend wirken?

Nützlich ist alles, was die Vereinbarkeit von Beruf und Familie in verschiedenen Lebensphasen erhöht. Ob flexible Arbeitszeitmodelle oder die – hoffentlich bereits selbstverständliche – Regel, wichtige Besprechungen nur an Uhrzeiten abzuhalten, die niemanden ausschließen. Das gilt für beide Geschlechter. Auch Männern wird es durch solche Maßnahmen möglich, sich mehr der Familie zu widmen. Gender Equality Pläne helfen Unternehmen, sich in dieser Frage strategisch auszurichten. Bei Human.technology Styria haben wir das Thema klar strategisch verankert.

Welche eigenen Erfahrungen waren für Ihr Mindset in dieser Frage prägend?

Ich bin in Kroatien aufgewachsen, im früheren Jugoslawien – und damit in einem ganz anderen Gesellschaftssystem. Meine Mutter war Forscherin, ihre Arbeit war ein spannender Teil unseres Alltags. Gleichstellung und Chancengleichheit waren für mich immer selbstverständlich – daher habe ich mir auch nie die Frage gestellt, ob ich als Frau benachteiligt bin.

Sind Frauen in Karrierefragen manchmal zu zurückhaltend?


Im Gegensatz zu Männern warten Frauen vielfach darauf, dass ihnen etwas angeboten wird. Hier sollten Vorgesetzte proaktiv auf sie zugehen, wenn man sie für geeignet hält. Diese Art von Förderung ist wichtig, weil das eigene Zutrauen oft nicht so ausgeprägt ist und Frauen sich nicht vordrängen. Dabei können wir von Männern lernen. Frauen brauchen oft diesen kleinen Schubs. Es liegt daher auch in der Verantwortung einer Führungskraft, Karrieren von Frauen zu fördern. Das macht einen guten Leader aus – und unterscheidet ihn vom Boss.

Health Tech Hub Styria

  • Das internationale Top-Event des Clusters bringt auch in diesem Jahr unter dem Motto „Waves & Wires – Connecting Minds, Machines and Medicine“ Expert:innen, Innovator:innen und Entscheider:innen aus ganz Europa in Graz zusammen.
  • Ort: Aula der Med Uni Graz
  • Zeit: 25. und 26. März 2026

Inwieweit kann hier der Humantechnologie-Cluster vorbildhaft wirken?

Unsere wichtigste Aufgabe ist die Vernetzung, das Aufzeigen von Stärken und Potenzialen und natürlich das Sichtbarmachen von wissenschaftlicher Exzellenz und wirtschaftlicher Kompetenz. Dabei achten wir stets auf eine gute Balance weiblicher und männlicher Gesichter. Das Sichtbarmachen weiblicher Leistungen ist auch der Grund, warum wir den „SPIRIT-Award for Women in Science“ unterstützen. Role Models zu zeigen, ist und bleibt wichtig – eine permanente Aufgabe.

Wie wichtig ist Diversität in Forschungsteams für den Erfolg?

Sie ist entscheidend für Kreativität und Originalität – und damit die Grundlage für Innovationen. Forschung lebt von Vielfalt, von unkonventionellen Zugängen und Fragestellungen. Frauen sind von Haus kommunikativ und lieben es, Dinge von verschiedenen Seiten zu betrachten – Qualitäten, die für Forschung prädestiniert sind. Diversität bezieht sich aber nicht nur auf die Geschlechterfrage – es geht auch um unterschiedliche Kulturen, um Alter und Bildungshintergründe. Je interdisziplinärer ein Team, desto besser.

Braucht es den „weiblichen Blick“ in der Medizin?

Auf jeden Fall – nicht nur in der Medizin, sondern in jedem Gebiet und jedem Unternehmen. In der Medizin wurde Forschung lange Zeit sehr einseitig, nämlich für männliche Patienten, betrieben – trotz aller geschlechtsspezifischen Unterschiede. Geschlechtsunabhängige Diagnostik und Therapien wurden ignoriert. Es macht einen Unterschied, wer Forschung betreibt – und vor allem wer Forschungsprojekte anstößt. Gäbe es mehr Frauen als CEOs in Life-Science-Unternehmen, würde es sicherlich mehr Ausgewogenheit bei Forschungsthemen geben – Stichwort Gender Medizin. Egal, ob Forschungen zum weiblichen Zyklus oder zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei Frauen. Kurzum: Wir hätten dann eine fairere Medizin.

Fotos: Oliver Wolf

Banner mit dem Text "trinkvergnügen" und "Über 450 Weine & Champagner einfach online bestellen." Rechts zeigt ein Foto zwei Gläser Rotwein auf einem Holztisch im Freien bei Sonnenuntergang.