Grazer City, quo vadis!?
Mittelmaß oder Vorreiter? Aufbruch oder Stillstand? Welche Maßnahmen braucht die Grazer Innenstadt, um ihre Attraktivität – angesichts des zunehmenden Drucks durch Online-Handel und Einkaufszentren – wieder zu steigern? Unternehmer
und Expert:innen am Roundtable bei uns in der Redaktion.
TALK IM TURM ist ein Diskussionsformat von SPIRIT of Styria.
Jeden Monat laden wir Expertinnen und Experten zur Diskussion über ein spannendes Wirtschaftsthema an den Runden Tisch in die Redaktion an den Technopark Raaba.
neu bestellte Citymanagerin von Graz
Inhaber Delikatessen Nussbaumer, im Steuerungskreis von „Echt Graz“
Geschäftsführer Sonnenapotheke am Jakominiplatz
WKO-Graz-Obmann und Gastro-Unternehmer am Lendplatz (Hauser)
Eigentümer Florian Weitzer Hotels & Restaurants mit Standorten in Graz,Wien und Salzburg
Wenn es in Ihrer Macht stünde, welche Maßnahme würden Sie sofort umsetzen, um die Grazer Innenstadt attraktiver zu machen?
Die wichtigste Maßnahme aus meiner Sicht wäre eine wirtschaftliche Nutzung des Murufers. Graz braucht dringend Projekte mit internationaler Strahlkraft. Wir müssen unser Selbstvertrauen als zweitgrößte Stadt Österreichs wieder zurückgewinnen. Die wirtschaftliche Nutzung der Mur wäre ein wesentlicher Impuls dafür.
Mein Wunsch wäre, einen rechtlich verbindlichen „Masterplan Innenstadt“ zu erstellen, politisch von allen Parteien beschlossen und von externen und internen Fachexperten erarbeitet. Dieser sollte – unabhängig von Wahlergebnissen – über Wahlperioden hinweg gelten und damit Stabilität und Planbarkeit garantieren. Ein Modell, das sich am Vorbild skandinavischer Städte orientiert.
Wir haben in der Innenstadt in den vergangenen Jahren viele Baustellen erlebt. Ich denke, das hat viele Menschen verschreckt – daher würde ich als konkrete Maßnahme vorschlagen, für eine gewisse Zeit gratis Öffis anzubieten. Damit könnten wir die Menschen aktiv einladen, wieder in die Stadt zu kommen, um ihnen zu zeigen, wie schön es hier ist. Denn ich fürchte, mehr Parkplätze werden es nicht mehr. Daher wären kostenlose öffentliche Verkehrsmittel ein tolles Angebot für alle jene, die die Innenstadt in den vergangenen Jahren gemieden haben.
Mein größter Wunsch wäre, dass die Menschen wieder in die Stadt kommen – aber nicht, weil sie müssen, sondern weil sie dort gerne verweilen. Dafür muss man auch etwas bieten. Daher unterstütze ich alle Maßnahmen, die die Aufenthaltsqualität verbessern – mehr Grünflächen, mehr Sitzgelegenheiten, mehr saubere öffentliche Toiletten. Aber auch mehr Events, mehr Überraschungsmomente, mehr Pop-ups. Kurz: Die City als Bühne und Erlebnisraum – und nicht nur als reine Verkaufsfläche.
Und ich wünsche mir, dass die öffentliche Hand – der Staat genauso wie die Stadt – sich wieder zurücknimmt und uns Bürgern und Unternehmen die Freiheit zurückgibt. Unsere Staatsausgabenquote von über 50 Prozent sagt alles. Damit bleibt uns kaum Luft zum Atmen. Die Stadt mit ihren Verordnungen und Auflagen tut ihr Übriges – von Gastgartenzeiten bis zu Gehsteigbreiten. Damit nimmt man uns jeden Spielraum und jede Kreativität.
Ich bin ganz bei Herrn Weitzer. Wenn man zu Tode reguliert wird, hört sich alles auf. Ich kenne Unternehmer, die ihre Betriebe aufgeben, weil sie keine Lust mehr haben und nur noch das Gefühl haben, Länge mal Breite in die Staatskasse einzuzahlen. Ich mache auch selbst Veranstaltungen im öffentlichen Raum und muss feststellen: Wir opfern unsere Lebendigkeit für die Komfortzone einzelner Bürgerinnen und Bürger. Wir sind die einzige Landeshauptstadt Österreichs mit einer Sperrstunde vor 24 Uhr in den Gastgärten. Graz betreibt vielfach Gold-Plating – siehe auch die strengen Dezibelgrenzen, die viele Veranstaltungen unmöglich machen.
Ich sorge mich um die Lebendigkeit in der Stadt – und frage mich, inwieweit noch öffentliches Leben stattfinden kann. Auch das ist ein schützenswertes Interesse. Wenn alles so ausgelegt wird, dass kaum noch Aktivitäten möglich sind, dann sind wir ein Museum und keine Stadt mehr. Die Lebendigkeit gehört dazu und dafür braucht es Spielraum. Sonst gibt es ein Sterben in Stille. Ich rede hier nicht als Unternehmer, sondern vor allem auch als Bürger.
Das Entscheidende ist die Haltung – das Mindset einer Stadtverwaltung. Denn bekanntlich ist bei Normen und Regeln vieles Auslegungssache. Hier hat man als Stadt die Wahl: Versucht man Dinge, so gut es geht, zu ermöglichen – oder hat man die Haltung, die vielen Hürden aufrecht zu erhalten. Das macht den Unterschied. Wenn wir Graz wieder vorwärts bringen wollen, braucht es ein unternehmensfreundliches Mindset. Und das vermisse ich! Wenn du heute etwas machen willst, wird dir erst mal erklärt, warum es nicht geht – das beginnt bei ganz kleinen Dingen, etwa bei der Frage, ob ich ein Schild auf den Gehsteig hinstellen darf. Hier wäre meines Erachtens ein stärkerer Servicegedanke ein gutes Entgegenkommen.
Ich sehe hier ebenso eine Verhinderungshaltung – und teilweise eine Vernaderungshaltung. Menschen, die gleich die Polizei rufen oder sich auf einem Amt beschweren, wenn ihnen etwas nicht passt. Das sind interessanterweise meist dieselben Menschen, die sich im Urlaub über den Rummel in den Innenstädten freuen und die Lebendigkeit von Triest oder Udine feiern. Das ist wirklich spannend.
Ich finde, es bräuchte einen One-Stop-Shop für unternehmerische Anliegen und Ideen. Statt irgendwo im Behördendschungel unterzugehen, sollte man sich als Unternehmer konkret mit einem Anliegen an eine Stelle wenden können – und das geplante Vorhaben gemeinsam angehen: Wie können wir das umsetzen?
Lembeck So eine Stelle würde auch uns helfen. Eine Stadt lebt ja von der Vielfalt seiner Plätze und Straßen. Auch wir am Jakominiplatz haben begonnen, uns lokal besser zu vernetzen und gemeinsam mit anderen Unternehmern Dinge auszuprobieren. Da gibt es unterschiedliche Ideen von unserer Seite. Denn ich bin ein großer Befürworter davon, uns Unternehmen mehr lokal gestalten zu lassen – so wie Energiegemeinschaften sollte es auch lokale Unternehmergemeinschaften geben. Schließlich wissen wir Betriebe am besten, was sich vor Ort tut und was gebraucht wird. Unternehmensgemeinschaften könnten hier wertvolle Dienste leisten. Aber dazu braucht es Ansprechpartner in der Stadt. Denn wir haben Betriebe zu führen und tagtägliche Herausforderungen zu lösen – und keine juristischen Abteilungen im Haus. Das wäre auch gleich meine Bitte an das neue Citymanagement: Wir bräuchten jemanden von der Stadt, einen Ansprechpartner, der uns unterstützt bei unterschiedlichen handfesten Fragen, seien es Initiativen oder Umbauten: Wenn es etwa darum geht, eine Pflanze hinzustellen, ein Schild oder vielleicht ein Bankerl. Gemeinsam lässt sich sicher mehr erreichen.
„Ich wünsche mir einen rechtlich verbindlichen ,Masterplan Innenstadt‘, politisch beschlossen und von Fachexperten erarbeitet. Dieser sollte – unabhängig von Wahlergebnissen – über Wahlperioden hinweg gelten.“
Ein One-Stop-Shop – sehen Sie das als Ihre Aufgabe, Frau Steinberger?
Ich komme selbst aus der Privatwirtschaft und bin auf der Seite der Wirtschaft und aller Unternehmerinnen und Unternehmer. Daher werde ich alles tun, was in meiner Macht steht, um Betriebe zu unterstützen und als Bindeglied zwischen Unternehmen und Verwaltung zu fungieren. Ich werde relevante Themen und Anliegen bündeln, immer wieder laut aufzeigen, was es braucht und was besser und schneller gehen sollte. Und ich möchte miteinander vernetzen – dafür suche ich den direkten Austausch mit Innenstadtunternehmern, aber auch mit Immobilieneigentümern. Aufzeigen, kommunizieren, vernetzen und gemeinsam Lösungsvorschläge erarbeiten, gemeinsam mit allen, die willens sind, die Innenstadt voranzubringen – das ist mein Credo. Ziel des Citymanagements ist es, eine Atmosphäre in der Innenstadt zu schaffen, in der sich die Menschen wohlfühlen und gerne kommen – dafür brauchen wir natürlich attraktive Handelsunternehmen, einen guten Branchenmix und alles, was die Aufenthaltsqualität stärkt – vom Stadtmobiliar bis zu attraktiven Angeboten für Kinder.
Die Frequenz in der Innenstadt geht stetig zurück. Fehlt es der City am USP?
Ich habe bereits viele Gespräche geführt mit Gastronomen, Hoteliers und auch Fremdenführern. Warum kommen die Touristen? Welchen Grund gibt es für Reisebusunternehmen in Graz Station zu machen? Veranstalter, die in und außerhalb Österreichs Reisen organisieren, geben zu, dass es oft nicht ganz einfach sei, Graz anzumoderieren. Wofür steht Graz? Im Gegensatz zu Salzburg, wo es als Festspielstadt leichter scheint, oder in Innsbruck mit seiner Bergwelt. Aber alle sind sich einig: Graz gehört fix ins Reiseprogramm. Warum? Weil jeder, der einmal da war, überrascht und begeistert ist von der Stadt und wiederkommen will.
Dennoch müssen wir aufpassen, dass wir nicht zu einem Freilichtmuseum verkommen. Ich finde, es kann aus wirtschaftlicher Sicht nicht der USP von Graz sein, dass wir so eine tolle UNESCO-Innenstadt haben. Das ist mir zu wenig.
Graz zehrt immer noch ein bisschen vom Kulturhauptstadtjahr 2003. Seither ist nicht viel passiert. Es laufen gerade die Olympischen Winterspiele, wir hätten uns bewerben können. Es gibt einen Song Contest in Wien – auch für den hätten wir uns bewerben können. Bis auf die Infrastrukturprojekte, die schon von der Vorgängerperiode auf Kurs gebracht wurden, tut sich nichts. Ich sehe keine Impulse, die Stadt wieder nach vorne zu bringen. Und schon gar keinen Leuchtturm, mit dem wir uns von anderen abheben könnten. Nur Verkehrsberuhigen und Zu-Tode-Verwalten sind zu wenig.
Ich zitiere Helmut Marko, der sagt: Viele Kongressgäste, die das erste Mal nach Graz kommen, würden es bedauern, dass sie nur eine Nacht gebucht haben, weil es sich gelohnt hätte, länger zu bleiben. Das ist der Punkt. Es zahlt sich aus, nach Graz kommen. Vielleicht ist Graz so etwas wie das Überraschungsei unter den Städten in Österreich. Wer kommt, erlebt das Unerwartete und wird wiederkommen. Graz lässt sich nicht mit einem Wort beschreiben. Es steht für eine unglaubliche Vielfalt und den Überraschungsmoment.
Das mag sein, aber zu häufig wird unternehmerische Initiative im Keim erstickt. Ich bleibe beim Beispiel Murufer. Einmal waren wir ja schon nah dran mit einer Gastronomie entlang der Mur. Die Pläne für ein Lokal beim Stadtbalkon waren bereits fixfertig und wurden dann in letzter Sekunde von der Stadtregierung abgeblasen – aus ideologischen Gründen. Stichwort konsumfreie Zone. Hier wurde eine Riesenchance vertan. Wem fällt eine zweite Stadt in der Größe von Graz ein, die ihren Fluss nicht nutzt? Maribor und Ljubljana zeigen es vor unserer Haustür vor – mit kilometerlangen Uferpromenaden, binnen weniger Jahre aus dem Boden gestampft und vielfach EU-gefördert.
Die Belebung der Mur finde ich als Ansatz großartig. Denn wenn ich mit meinen Kindern in der Stadt unterwegs bin, frage ich mich tatsächlich: Wo verweilen wir und setzen uns hin? Die Aufenthaltsqualität in der Stadt könnte man jedenfalls verbessern. Das haben andere Städte besser gelöst.
Ich komme wieder auf meine Eingangsidee zurück: Wenn alle Parteien inklusive externer Fachexpertise im Masterplan beschließen, das Murufer zu bespielen, dann gibt es eine verbindliche Einigung. Über 15 Jahre bleibt dieser Plan dann aufrecht – und eine einzelne Partei hätte nicht die Macht, wieder alles abzudrehen.
„Eine wirtschaftliche Nutzung des Murufers würde der ganzen Stadt Aufschwung verleihen. Es gibt kaum eine zweite Stadt in der Größe von Graz, die ihren Fluss nicht nutzt. Das müssen wir ändern!“
Welche weiteren Ideen gäbe es, um die Stadt zu attraktivieren?
Die meisten Menschen kommen nach wie vor zum Shoppen in die Stadt – das ist das Hauptmotiv. Graz muss mit seiner Größe den Anspruch stellen, eine Einkaufsstadt zu sein mit allem Drumherum. Der stationäre Handel ist im Wandel und wird sich weiter transformieren, wenn er eine Chance haben will. Er muss mehr denn je datenbasiert arbeiten – mit Methoden, die die großen Online-Marktplätze schon erfolgreich einsetzen. Wer ist die Zielgruppe, wer sind die Kunden, was sind ihre Bedürfnisse? Wir brauchen Kundendaten, Frequenzmessungen etc., um bewusst reagieren zu können. Und es braucht neue Handelskonzepte: Ich war mit meiner Tochter unlängst in Wien auf der Mariahilfer Straße einkaufen. Sie hat mich in Shops geführt, von denen ich noch nie gehört habe – aber die jungen Leute standen in Schlangen bis auf die Straße. Darunter Brands wie „Subdued“, „Brandy Melville“ oder „Urban Outfitters“. Die Mode dort entspricht dem Zeitgeist der jetzigen Generation und wird auf Social Media gehyped. Man kann die Mode anprobieren und macht dabei Selfies – und kann damit sofort Instagram und Co. bedienen. Solche Konzepte funktionieren. Wir müssen auch als Stadt versuchen, davon zu lernen.
Innovative Angebote sind immer willkommen und gerade wir Unternehmer sind aufgerufen, uns kontinuierlich weiterzuentwickeln. Aber in der Innenstadt passiert einfach zu wenig Aktivität. Früher war eindeutig mehr los. Wir brauchen mehr Events und mehr Aktivitäten – in jeder Form. Die Stadt ist so vielfältig. Wir brauchen sowohl Masse als auch Klasse und müssen die ganze Buntheit der Stadt im Eventbereich abdecken. Und was wir vor allem brauchen, sind positive Erzählungen von der Stadt Graz. Ich sehe meine Aufgabe gerade für den Verein „Echt Graz“ auch darin, positives Marketing für die Grazer Innenstadt zu machen – und zwar durch die Bank. Wir müssen den Menschen einfach sagen, wie toll Graz ist. Intern soll natürlich Klartext geredet werden, aber nach außen braucht es positive Botschaften. Um die Frequenz zu erhöhen, müssen wir den Leuten erzählen, dass Graz geil ist.
Was ich gerne als positives Faktum nennen kann, ist die neue Tramlinie durch die Belgiergasse bei uns. Im Zuge dessen wurden die Gehsteige verbreitert und abgeflacht. Ein insgesamt urbaneres Erscheinungsbild – das gefällt mir. Und man kann nun bei uns vor der Haustür in die Straßenbahn einsteigen und ist in einer Dreiviertelstunde in Klagenfurt – oder eben von Klagenfurt aus bei uns. Das ist toll und bringt Graz neue Chancen.
Die Koralmbahn wird mit Sicherheit ein Gamechanger für die Grazer Innenstadt. Davon bin ich zu 100% überzeugt. Wir merken es jetzt schon.
Davon bin ich ebenso überzeugt, 160.000 haben die Verbindung in den ersten Wochen genutzt. Die Frequenz in der City wird sich auf jeden Fall schon aus dem Grund erhöhen. Zusätzlich müssen wir auch künstliche Frequenz schaffen, das heißt, neue Anreize setzen, um Menschen in die Innenstadt zu holen. Denn es ist unvermeidlich: Es wird laut Retailexperten ein Drittel der stationären Handelsflächen künftig durch den Onlinehandel wegfallen. Daher: Warum nicht Vorlesungen der FH oder Unis in die Innenstadt verlegen und einen Leerstand einmal in einen Pop-up-Hörsaal verwandeln? So könnten wir junge Menschen wieder vermehrt ins Zentrum locken. Wir müssen gerade der jungen Generation die Innenstadt wieder besser vermitteln.
Ich wüsste sofort ein paar coole Ideen für Graz, die man leicht umsetzen könnte. Etwa einen Klettersteig bei der Schloßbergstiege – das wäre ein echtes Highlight. Oder die vieldiskutierte Mursurfwelle. Man muss ja nicht selber surfen, um das cool zu finden, sondern sitzt daneben, trinkt einen Spritzer oder was auch immer und schaut sich das Ganze an. Was mir zudem auffällt: Graz hat auch ein Sommerloch-Problem. Warum nutzen wir das Potenzial der 60.000 Studierenden nicht auch im Sommer? Dazu habe ich bereits ein Gespräch mit dem Rektor der Uni Graz geführt – mit dem Vorschlag, die Sommerferien zu verkürzen. Ein weiterer Punkt: Heutzutage ist jeder Shoppingcenter-Manager ein Magic-Life-All-Inclusive-Manager. Im Shoppingcenter bekommen die Besucher ein Rundum-Einkaufserlebnis geboten, von der Faschingsparty für die Kinder bis zum Promi-Meet&Greet. So etwas braucht auch die Stadt – daher hoffe ich, das neue Citymanagement nimmt sich Anleihen daran. Mit dem kolportierten Budget erwarte ich allerdings keine großen Sprünge.
Das sehe ich genauso! So wie das Center-Management eines Shoppingcenters ein schlagkräftiges Marketing betreibt, müssen wir das auch für die Innenstadt machen. Wir müssen Werbung dafür machen, wie toll die Innenstadt ist, auch wenn wir wissen, dass nicht immer alles optimal läuft. Aber wir müssen ein attraktives Bild zeichnen für alle in Straßgang, Waltendorf, Andritz oder wo auch immer. Wir müssen die Botschaft zuerst den Grazerinnen und Grazern in den Randbezirken erzählen, aber dann ebenso den Menschen in Graz-Umgebung. Denn ohne GU stirbt die Innenstadt sowieso.
Ein Faktor ist aber unbestritten: die schlechte Erreichbarkeit mit dem Pkw und die fehlenden Parkmöglichkeiten. Das ist mit Abstand der wichtigste Grund, warum die Menschen nicht mehr in die Stadt kommen. Wir haben dazu ja erst unlängst die Ergebnisse einer großen Umfrage präsentiert und diese sprechen eine klare Sprache: Demnach hat die Hälfte der Befragten aus GU angegeben, die Innenstadt selten oder gar nie zu besuchen. Und 41 % der Befragten gaben die Parkplatzsuche dafür als Grund an, 38 % die Verkehrssituation – eindeutiger geht es nicht! Das sind klare Ergebnisse, die man auch politisch oder ideologisch nicht wegdiskutieren kann. Daher müssen wir das Angebot an Parkplätzen dringend ausbauen – an der Oberfläche und im Untergrund. Wenn es die Tiefgarage von Kastner & Öhler nicht gäbe, wären wir ohnehin schon alle erledigt.
Man hätte auch am Andreas-Hofer-Platz im Zuge der jüngsten Großbaustelle eine große Lösung schaffen können – eine Chance, die leider vertan wurde. Der Vergleich macht sicher. Ich habe es erst unlängst auf einer Geschäftsreise wieder gesehen: In München, St. Gallen, Zürich und Mailand war das Parken mit dem Pkw unproblematisch. Es gab überall ausreichend Parkgaragen und ein Leitsystem in jeder Stadt, das mich sehr gut geguidet hat.
„Ich wünsche mir mehr Events, mehr Überraschungsmomente, mehr Pop-ups. Kurz: Die City als Bühne und Erlebnisraum – und nicht nur als reine Verkaufsfläche.“
Ein Dauerbrenner: Warum gibt es immer noch kein Parkleitsystem?
Wir sind mit der Wirtschaftskammer seit eineinhalb Jahren an diesem Thema dran. Es scheitert nicht, wie häufig fälschlich behauptet wird, daran, dass die Parkgaragenbetreiber nicht mitmachen. Wir sind mit allen Betreibern im Gespräch. Das Problem ist ganz einfach, dass es zu wenige verfügbare Plätze in Graz gibt und ein konventionelles Parkleitsystem kontraproduktiv wäre. Denn wenn man schon an der Stadteinfahrt überall rot angezeigt bekommt, wird man die Stadt erst recht meiden. Daher planen wir ein anderes innovatives System, das wir im Laufe des Jahres vorstellen werden. Es funktioniert ähnlich wie Wipark in Wien.
Zur Erreichbarkeit gehören auch die Öffis bzw. gute P&R-Anbindungen. Ich sehe das bei meinen Mitarbeitern. Viele kommen ja von außerhalb von Graz, manche von weit weg. Diese pendeln eine Stunde, stellen sich in den Murpark und fahren dann mit Öffis in die Stadt hinein. Wir haben das aber nur im Süden von Graz. Bei den anderen Stadteinfahrten gibt es dieses Angebot nicht. Da fahren die Pendler mit dem Auto herein und nehmen dann jemandem, der zum Einkaufen kommt, den Parkplatz weg. Wir holen die Leute mit dem Auto in die Stadt, anstatt dass diese das Auto draußen abstellen. Da müsste uns etwas Besseres einfallen.
„Ob Staat oder Stadt – Unternehmen ersticken an der Bürokratie auf allen Ebenen. Wir müssen den Menschen wieder die Freiheit zurückgeben. Denn Bürokratie tötet Kreativität.“
Eine Frage zum Leerstand – sollen auch Immobilienbesitzer ihren Beitrag leisten?
Wie gesagt: Wir sind mit ihnen in Kontakt. Aber ganz so einfach ist es oft nicht, denn in der Realität ist ein Leerstand bilanziell weniger „schädlich“ als eine zu geringe Miete, die das Objekt abwerten würde. Aber alle bemühen sich um gute Lösungen. Zudem gibt es nicht nur Bad News, was den Leerstand betrifft. Wir haben ja tolle Neuzugänge, die heuer nach Graz kommen, siehe die Thalia-Filiale am Hauptplatz und den Manufaktum-Shop im ehemaligen Home von Kastner&Öhler. Das sind gleich zwei neue attraktive Frequenzbringer, auf die wir uns freuen.
Viele Immobilienbesitzer lassen eh schon die Hosen runter. Aber das wird nicht reichen. Denn große Player wie Zara & Co. überlegen es sich genau, ob sie kommen, weil sie knallhart nach KPIs und Kennzahlen kalkulieren. Das heißt, wir müssen zuerst am großen Rad drehen und die Frequenz wieder in die Höhe bringen, um für die Player sichtbar zu sein.
„Die Baustellen in der City haben zuletzt viele Menschen abgeschreckt – daher würde ich als konkrete Maßnahme vorschlagen, für eine gewisse Zeit lang gratis Öffis anzubieten.“
Zum Abschluss: Ihr Wunsch, Ihre Vision?
Ich bleibe dabei: Graz ist eine tolle Stadt, aber wir müssen den Menschen wieder die Freiheit zurückgeben. Es ist augenscheinlich, dass andere hochentwickelte Staaten das Thema Verwaltung besser hinkriegen. Regulieren, ja, aber bitte smart! Es braucht dringend weniger Bürokratie. Denn Bürokratie tötet Freiheit und Kreativität. Aber als Unternehmer müssen wir uns frei bewegen können. Aber momentan erleben wir Antifreiheit durch Staat und Stadt. Daher die Vision: Smart regulieren wie in der Schweiz! Regulieren dort, wo es wirklich zwingend ist. Damit fördert man die Kreativität.
Mein Wunsch, gleichzeitig Vision: Die City soll nicht nur ein Ort sein, wo man hinfährt, weil man etwas braucht, sondern ein echter Erlebnis- und Aufenthaltsraum. Dafür müssen die Betriebe, die Verwaltung und die Politik an einem Strang ziehen. Es braucht das Miteinander von allen Seiten. Die Stadt braucht ein offenes Mindset für die unternehmerischen Anliegen und die Unternehmer das Selbstbewusstsein, Dinge einzufordern und gemeinsam anzugehen. Dann könnte man vom drohenden Mittelmaß wieder zu einem Vorreiter werden.
Mein Wunsch wäre, dass Beamte und Politiker im Rathaus im Laufe ihrer beruflichen Tätigkeit auch praktische Erfahrung in der Privatwirtschaft sammeln – insbesondere dort, wo man Verantwortung für Mitarbeiter trägt. Diese Erfahrung verändert den Blick auf viele Entscheidungen. Und meine Vision für Graz: Ich wünsche mir, dass Graz im Jahr 2040 als Stadt für seine Lebendigkeit weit über die Grenzen Österreichs hinaus bekannt ist und auf der Top-10-Bucket-List europäischer Städtetouristen steht.
Ich wünsche mir ein schlagkräftiges Innenstadtgremium aus interner und externer Fachexpertisen, die den großen Weg vorzeichnen und der Politik die besten Optionen aufbereiten. Und meine Vision: Ich wünsche mir eine vielfältige, bunte, lebendige Grazer Innenstadt, die für alle erreichbar ist und wo junge Leute wieder Lust haben, hinzugehen, zu feiern, Spaß zu haben und eine gute Zeit zu verbringen. Ich sage immer, Graz muss so sein wie eine gute Party, auf der man eigentlich nur kurz bleiben wollte und dann aber deutlich länger bleibt, weil es einem so taugt.
Mein Wunsch wäre, dass die Stadt mit uns mehr zusammenarbeitet und uns bei Dingen, die nicht in unserer Kompetenz liegen, auch zur Hand geht und damit insgesamt mehr möglich wird. Die Vision wäre, dass wir für Graz wieder mehr Lebensqualität, vor allem Aufenthaltsqualität schaffen.
Fotos: Oliver Wolf
