Zwei Personen in Business-Kleidung stehen in einem modernen, hellen Raum mit Holzbalken, umgeben von Technologie-Displays und innovativen Geräten.
Home / Success Story / People Business zwischen KI und Praxis

People Business zwischen KI und Praxis

30 Jahre FH JOANNEUM: Die Rektorin Corinna Engelhardt-Nowitzki und der Geschäftsführer Martin Payer im großen Interview mit „SPIRIT of Styria“ über eine Bildungseinrichtung im Wandel, steigende Studierendenzahlen und die Rolle der FH JOANNEUM im steirischen Innovations-Ökosystem.

Wirtschaft und Gesellschaft wandeln sich rasant. Wo werden die aktuellen Umbrüche für die FH JOANNEUM am stärksten spürbar? In welchen Bereichen müssen Sie sich transformieren?

Engelhardt-Nowitzki:

Durch unsere große Nähe zur Berufswelt spüren wir die Transformation überall dort, wo sich Berufsfelder verändern und neue Anforderungen an die Studierenden stellen – ob durch neue Technologien, neue Arbeitsweisen oder geänderte gesellschaftliche Verhältnisse. Dazu kommt der Megatrend Künstliche Intelligenz, der das Lernen und Lehren massiv verändert.

Payer:

Auch die Lebensrealitäten der Menschen ändern sich. Der lineare Bildungs- und Berufsweg verliert an Bedeutung – statt wie früher „Schule, Studium, Arbeit und Pension“ wird nun lebenslanges Lernen immer wichtiger. Phasen mit Aus- und Weiterbildung wechseln sich ab. Daher setzen wir vermehrt auf berufsbegleitende und berufsermöglichende Angebote.

Was bleibt bei aller Dynamik unveränderlich?

Payer:

Unsere Praxisorientierung. Diese haben wir in der DNA. Die FH JOANNEUM steht für praxisorientierte Ausbildung auf Hochschulniveau – global vernetzt und regional verankert. Das garantiert schon allein unser hoher Anteil externer Lehrender, ob CEOs, Entwicklungschefs oder Top-Mediziner. Die Studierenden erleben vom ersten Tag an den vollen Praxisbezug

Engelhardt-Nowitzki:

Unverhandelbar ist auch unser Qualitätsanspruch. Unsere Lehrenden sind stets am Puls der Zeit und haben hohe Expertise in ihrem Fach. Auch unsere Studierenden brennen für ihr Fach. Diese Begeisterung trägt wesentlich dazu bei, engagierte und gut auf das Berufsleben vorbereitete Absolventinnen und Absolventen hervorzubringen.

Ein Mann und eine Frau in Geschäftskleidung stehen lächelnd zwischen technischen Exponaten in einem modernen, gut beleuchteten Raum mit weißen Wänden und Holzbalken.

„Bei uns lernen Studierende nicht nur den Umgang mit KI-Tools, sondern auch die Kompetenz, Ergebnisse und Nutzen der KI im Beruf zu beurteilen.“

Corinna Engelhardt-Nowitzki
Rektorin der FH JOANNEUM

Künstliche Intelligenz – wie groß ist die Zäsur für eine Bildungseinrichtung wie die FH JOANNEUM?

Engelhardt-Nowitzki:

Die Veränderungen sind weitreichend. Von Absolventinnen und Absolventen erwartet man zurecht, dass sie mit KI umgehen können. Gleichzeitig müssen wir die Studierenden motivieren, etwas zu lernen, was die KI zum gegebenen Zeitpunkt oft schon besser oder schneller kann. Aber nur wenn sie die Grundlagen beherrschen, können sie die Antworten der KI später richtig beurteilen. Das heißt, wir müssen sicherstellen, dass die Studierenden einerseits beurteilungskompetent werden und andererseits die KI-Tools richtig einsetzen können.

Payer:

Im Bereich KI haben wir hohe Expertise im Haus, allen voran im Department für Angewandte Informatik. So haben wir in Kapfenberg beispielsweise Forschungsprojekte im Millionen-Euro-Bereich laufen, die sich mit KI in der Industrie beschäftigen. Vor allem unser Josef-Ressel-Zentrum ist hier sehr aktiv. Darüber hinaus vermitteln wir die nötigen Grundkompetenzen auch in den Studiengängen, die Informatik nicht als Kernfach haben. Bei aller Wichtigkeit von KI möchte ich betonen: Fachhochschule ist People Business! Der persönliche Austausch und das gemeinsame Lernen sind zentrale Werte an unserer FH. Wir bieten den jungen Leuten praxisorientierte Möglichkeiten, um hands-on zu lernen. Daher investieren wir stetig in moderne Laborinfrastruktur – das unterscheidet uns von anderen Anbietern, etwa reinen Online-Hochschulen.

Die Bilanz nach 30 Jahren: Wie würden Sie die Rolle der FH JOANNEUM in der heimischen Bildungslandschaft beschreiben?

Payer:

Wir haben 5.700 Studierende an drei Standorten, 1.500 Absolventinnen und Absolventen jährlich – damit sind wir die drittgrößte Hochschule der Steiermark, auch die drittgrößte FH Österreichs, knapp hinter Platz zwei. Ich höre immer wieder Stimmen aus heimischen Unternehmen, die mir sagen, dass sie sich die Steiermark ohne FH JOANNEUM nicht mehr vorstellen können. Das heißt, wir sind längst ein unverzichtbarer Partner für die steirische Wirtschaft. Aber dieses Selbstverständnis bedarf jeden Tag harter Arbeit, um relevant zu bleiben in einer Welt, die sich dynamisch entwickelt.

Zwei Personen in Business-Kleidung stehen in einem modernen, hellen Raum mit Holzbalken, umgeben von Technologie-Displays und innovativen Geräten.
Rektorin Corinna Engelhardt-Nowitzki und Geschäftsführer Martin Payer in den Räumlichkeiten des Instituts Industrial Design der FH JOANNEUM

Wie rasch ändert sich das Studiengebot?

Engelhardt-Nowitzki:

Wir sehen, die Weiterentwicklungszyklen werden immer schneller. Es geht aber nicht nur um radikale Änderungen, das Studiengebot wird kontinuierlich angepasst. Die Studiengangsleitungen beobachten die Branchen genau und stehen über Projekte, Netzwerke und Lehrende im permanenten Kontakt mit der Wirtschaft. Durch die Vielzahl angewandter Forschungsprojekte kennen wir die wichtigen Trends und Entwicklungen, die wiederum ins Studium einfließen. Das Ziel ist Relevanz – denn wenn wir nicht relevant sind, dann würden wir etwas falsch machen.

Payer:

Nur ein Beispiel: Der Studiengang Fahrzeugtechnik heißt immer noch gleich wie vor 30 Jahren, aber die Inhalte sind längst an den Markt angepasst. Elektromobilität hat damals noch keine Rolle gespielt, heute ist sie fixer Bestandteil im Studiengang. Diese permanente Weiterentwicklung sichert auch eine hohe Employability. Wir sind stolz, dass knapp 99 Prozent unserer Absolventinnen und Absolventen in Beschäftigung sind.

Engelhardt-Nowitzki:

Unsere Absolventen und Absolventinnen wechseln in der Regel nach dem Abschluss direkt in die Berufswelt. Wir sind schließlich der steirischen Wirtschaft verpflichtet und bilden junge Menschen ganz im Sinne der aktuellen Wirtschaftsstrategie des Landes aus. Klar ist daher auch: Wir können gar nicht genügend MINT-Absolventen und Absolventinnen haben. Hier ist die Nachfrage nach Fachkräften weiterhin groß.

Wie hart ist das Ringen um Studierende in Zeiten des demografischen Wandels?

Payer:

Es ist herausfordernd, aber wir sind darin sehr erfolgreich. Wir konnten in diesem Jahr 20 Prozent mehr Studienanfänger verzeichnen – 40 Prozent mehr Studierende als vor 10 Jahren an der gesamten FH. Zum einen betreiben wir erfolgreiches Studierendenmarketing, so machen wir unzählige Schulbesuche, um unser Angebot vorzustellen. Zum anderen haben wir als FH in der Covid-Zeit, nicht zuletzt aufgrund unserer praxisorientierten Lehre, stärker gelitten als andere – das hat sich nun wieder eingependelt.

Ein Mann im Anzug und mit Brille sitzt an einem Schreibtisch, spricht und gestikuliert mit einem Bleistift in der Hand, während im Hintergrund Regale und Holzbalken zu sehen sind.

„F&E-Projekte, unternehmerischer Mindset und praxisorientierte Ausbildung – die FH JOANNEUM leistet einen großen Beitrag zum steirischen Innovations-Ökosystem.“

Martin Payer
Geschäftsführer der FH JOANNEUM

Wie differenzieren Sie sich dabei?

Engelhardt-Nowitzki:

Unsere Stärken sind – wie erwähnt – die Praxisorientierung und auch die klare Berufsfeldorientierung. Wir können Interessentinnen und Interessenten ein klares und konkretes Berufsbild vermitteln. Entscheidend ist auch die Vielfalt. Mit unseren 53 Studiengängen können wir viele spannende Berufsfelder abdecken. Wir geben das Versprechen: „Was auch immer du bei uns studierst, du wirst hinterher in deinem Berufsfeld deinen Weg machen – egal, ob man sich für einen Gesundheitsstudiengang, Medien und Design, ein Managementthema oder ein technisches Fach entscheidet.“

Payer:

Unser Leitspruch lautet: „Bei uns steht der Studierende im Mittelpunkt“. Das ist nicht einfach so dahingesagt, sondern gelebte Praxis. Ich bin sicher, dass uns auch die Koralmbahn neue Potenziale eröffnet und gerade für die Standorte in Graz und Kapfenberg direkt an der Südbahn völlig neue Möglichkeiten bietet. Wohnort und Studienort ist somit nicht unbedingt mehr im selben Bundesland notwendig.

Engelhardt-Nowitzki:

Positiv zu erwähnen ist auch die zunehmende Durchlässigkeit im tertiären Bereich – diese ist heute viel höher als noch vor Jahren. So kommen rund die Hälfte unserer Masterstudierenden nicht aus dem eigenen Haus, sondern von anderen FHs und Universitäten. Speziell bei den englischsprachigen Masterstudiengängen gibt es auch einen hohen Anteil an internationalen Studierenden. Umgekehrt hängen auch viele Absolventinnen und Absolventen der FH JOANNEUM ein Master- oder Doktoratsstudium an einer anderen Hochschule z.B. der Uni Graz oder TU Graz an. Das ist ohnehin ein Asset in der Steiermark – die Hochschulen haben hier eine extrem gute Kooperationskultur.

Die Bedeutung von Forschung für die FH?

Engelhardt-Nowitzki:

Wenn wir von Forschung und Entwicklung sprechen, meinen wir immer angewandte Forschung. Unternehmen wenden sich mit konkreten Fragestellungen an uns, für die wir in enger Kooperation praxisnahe Lösungen entwickeln. Dabei können wir neben unserer fachlichen Expertise auf eine umfassende Forschungsinfrastruktur zurückgreifen – darunter etwa das Automotive Testing Lab, das Food Processing Lab oder das Luftfahrtlabor in Graz, das Energy Analytics and Solution Lab sowie das Smart Production Lab in Kapfenberg oder das sportwissenschaftliche Labor in Bad Gleichenberg. Diese und weitere Labore ermöglichen es uns, fundierte Analysen durchzuführen, Prototypen zu entwickeln und einen wechselseitigen Wissenstransfer zwischen Wissenschaft und Praxis zu fördern.

Payer:

Dieser beidseitige Benefit ist entscheidend. Wir als Hochschule lernen viel über technologische Entwicklung und Trends in Unternehmen und gleichzeitig können wir auch kreative Ansätze und neue Inputs in die jeweilige Branche liefern. Dadurch bleiben wir am Puls der Zeit und ein zentraler Player in der Standortpartnerschaft der Steiermark. Eine Zahl dazu: Wir lukrieren knapp 10 Millionen pro Jahr aus F&E-Projekten. Das sind ca. 500 Projekte – von klein bis groß, fast ausschließlich in Zusammenarbeit mit Unternehmen.

Engelhardt-Nowitzki:

Dabei entstehen aus Projekten auch immer wieder neue Geschäftsideen. Daher unterstützen wir Studierende auch im Bereich Unternehmensgründung und Start-ups – so haben wir mit dem GreenKAIT (Kapfenberg Accelerator for IT) einen eigenen Inkubator sowie mit „Digital Entrepreneurship“ einen Masterstudiengang, der sich speziell mit diesen Themen beschäftigt.

Payer:

GreenKAIT ist gut in die Startupmark-Initiative des Landes Steiermark eingebettet und fördert insbesondere grüne IT-Geschäftsideen. Wir versuchen, hier gemeinsam mit unseren Partnern ein starkes Ökosystem zu bieten. Mit dem Studium Digital Entrepreneurship wollen wir vor allem auch den unternehmerischen Mindset stärken. In Summe leistet die FH JOANNEUM einen großen Beitrag zum steirischen Innovations-Ökosystem. Wir verstehen uns als Impulsgeber für Innovationen in der Steiermark. Wie wettbewerbsstark wir sind, beweisen auch die Ergebnisse unseres Formula Student Teams „JOANNEUM Racing Graz“, das mit einem selbst gebauten Elektroboliden an internationalen Wettbewerben teilnimmt – und damit aktuell auf Platz zwei der Weltrangliste steht, also dort, wo sich Teams aus Harvard, dem MIT oder von der ETH Zürich um die ersten Plätze raufen.

Wie international ist die FH JOANNEUM?

Engelhardt-Nowitzki:

Bei Auslandssemestern und Studienaufenthalten im Ausland liegt die FH JOANNEUM im hochschulischen Vergleich ganz vorne. Nicht nur der Studierenden-Austausch, auch der Lehrenden-Austausch und der internationale Austausch im Zuge von Forschungsprojekten sind ein zentrales Anliegen. Zudem bauen wir unser Angebot an englischsprachigen Studiengängen ständig aus. Die Hälfte unserer Masterstudiengänge bieten wir bereits in Englisch an. Zudem sind wir Mitglied der European University
„EU4Dual“ – ein institutioneller Zusammenschluss von neun europäischen Hochschulen, in dem gemeinsam Studienprogramme entwickelt werden.

In Kapfenberg wurde im Vorjahr der Gesundheitscampus eröffnet. Sind weitere Investitionen geplant?

Payer:

Der neue Gesundheitscampus war eine Rieseninvestition. Dafür wurden vom Land Steiermark 20 Millionen Euro zur Verfügung gestellt, um den Bedarf an Gesundheitsberufen in der Obersteiermark zu decken. Im Endausbau werden wir hier 220 Studierende in der Gesundheits- und Krankenpflege ausbilden. Darüber hinaus investieren wir laufend in unsere Infrastruktur – in diesem Jahr nehmen wir knapp zwei Millionen Euro in die Hand, um im Automotive Testing Lab einen neuen Inverter-Prüfstand für Batterietechnologien zu installieren. Zudem werden wir zwei unserer Institute im Bereich der Angewandten Informatik in Kapfenberg und Graz heuer zusammenlegen. Wir haben dann das größte Kompetenzzentrum für Angewandte Informatik im Süden Österreichs.

FH JOANNEUM

  • Gegründet 1995/1996
  • 53 Studiengänge: 28 Bachelor- und 25 Masterstudiengänge
  • 5.700 Studierende, davon 4.000 Bachelor­studierende und 1.700 Masterstudierende
  • 1.500 Absolvent:innen jährlich
  • Die FH JOANNEUM ist damit die drittgrößte Hochschule in der Steiermark.
  • Drei Standorte: Graz, Kapfenberg, Bad Gleichenberg
  • Gesamtfläche: 84.860 m²
  • Sechs Departments: Angewandte Informatik; Bauen, Umwelt und Gesellschaft; Gesundheitsstudien; Management und Business; Medien und Design; Technik
  • Rund 800 Mitarbeitende und 1.600 Lehrbeauftragte
  • Im Vorjahr wurde der neue Gesundheitscampus für das Bachelorstudium Gesundheits- und Krankenpflege in Kapfenberg eröffnet; die FH JOANNEUM stellt damit an den Standorten Graz und Kapfenberg insgesamt rund 400 Studienplätze pro Jahr für Gesundheits- und Krankenpflege bereit.
  • Angewandte Forschung und Entwicklung: 447 F&E-Projekte
  • 8,3 Mio. Euro F&E-Erlöse (2023/2024)
  • Die FH JOANNEUM ist auch Teil der Europäischen Hochschulallianz EU4Dual.
  • Infos hier: www.fh-joanneum.at

Fotos: Oliver Wolf, FH Joanneum

Banner mit dem Text "trinkvergnügen" und "Über 450 Weine & Champagner einfach online bestellen." Rechts zeigt ein Foto zwei Gläser Rotwein auf einem Holztisch im Freien bei Sonnenuntergang.