„Literarisch ist Graz größenwahnsinnig“
Dass Graz Hauptstadt der Literatur ist, davon zeugt nicht zuletzt das Literaturhaus Graz, das sich der Präsentation regionaler, deutschsprachiger und internationaler Gegenwartsliteratur widmet. Dessen Leiter, Klaus Kastberger, Professor für Neuere deutschsprachige Literatur an der Uni Graz sowie Juryvorsitzender des Ingeborg-Bachmann-Preises, erzählt uns, wer in ihm das Interesse für Literatur entfacht hat, was einen guten Text ausmacht und welche Bücher auf seinem Nachtkästchen liegen.
Herr Kastberger, wann haben Sie gemerkt, dass Literatur für Sie zu einer Lebensaufgabe werden wird?
Anfang der 1970er-Jahre ging ich in das Bundesgymnasium Gmunden und das war gerade eine günstige Zeit, weil dort eine junge, liberale, demokratische Generation von Lehrern zu unterrichten anfing. Was mich fasziniert hat, besonders an meinem Deutschlehrer, war, dass er uns Schülern nicht nur Literatur vermittelte, sondern dass es zu einem Thema unterschiedliche Meinungen geben und man nicht-autoritär über etwas diskutieren konnte. Dieses Gefühl von Offenheit und Freiheit hat sich für mich fortan mit Literatur verbunden.
Gibt es bestimmte Texte oder Textsorten, die Sie besonders gerne lesen?
Ich bin früher viel strenger gewesen, zu den Texten und zu mir selbst. Ich war ausgesprochener Fan der Avantgarde – von Konrad Bayer über Oswald Wiener bis hin zu Peter Handke. War ich während des Studiums eher von dieser Fraktion, wuchs ich später zusehends in den Literaturbetrieb hinein und konnte dann durchaus auch Texten, die ein größeres Publikum ansprechen, etwas abgewinnen. Hier im Literaturhaus waltet ja nicht mein eigener Geschmack, sondern auch die Verpflichtung dem literarischen Publikum von Graz gegenüber.
Wie experimentell, wie mutig und eigensinnig ist die literarische Grazer Provinz heute, verglichen mit dem avantgardistischen Geist von damals?
Graz ist eine sehr spezielle Stadt, deren Geschichte man ein bisschen verstehen muss – denn Graz ist eigentlich größenwahnsinnig: Vertreter der Grazer Gruppe hatten immer das Gefühl, Graz ist der Nabel der Welt. Im Hinterkopf wussten aber eigentlich alle, dass das so nicht ganz stimmt: In der Avantgarde waren die Surrealisten die ersten, dann kam die Wiener Gruppe und erst an dritter Stelle stand die Grazer Gruppe. Jedoch feierten Schriftsteller wie Barbara Frischmuth, Reinhard P. Gruber und Gerd Jonke mit ähnlich avantgardistischen Schreibverfahren gigantische Verkaufserfolge, während die Wiener Gruppe immer ein Underground-Phänomen geblieben ist. Bis heute haftet den Grazer Schriftstellern ein schlechtes Gewissen an, nicht die eigentliche Avantgarde gewesen zu sein. Doch gut zu verkaufen ist nicht etwas, wofür man sich zu schämen braucht, sondern eine große Qualität. Dieser Geist des Utilitaristischen, ein Publikum zu wollen, macht sich auch heute noch in Graz bemerkbar – viele Autoren und Künstler bleiben hier und die literarische Szene wird auch durch einen starken Zuzug internationaler Autoren belebt.
Klaus Kastberger
- Geboren 19. April 1963 in Gmunden, Oberösterreich
- Lebt und arbeitet in Graz
- Germanist, Literatur-kritiker (u.a. ORF, Die Presse, Falter)
- Von 1996 bis 2015 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek
- Seit 2015 Leiter des Literaturhauses Graz und des Franz-Nabl-Instituts für Literaturforschung, Professor für Neuere deutschsprachige Literatur an der Universität Graz
- Seit 2015 Juror beim Ingeborg-Bachmann-Preis, ab 2024 dessen Juryvorsitzender
- 2023 Österreichischer Staatspreis für Literaturkritik. Zuletzt erschienen: Alle Neune. Zehn Aufsätze zur österreichischen Literatur (2023)
Was muss ein Text mitbringen, um von Ihnen
literaturkritisch wahrgenommen zu werden?
Mich ziehen nach wie vor Texte an, die mich vor Fragen und Aufgaben stellen, die einen Widerstand auslösen. Bei Texten, die immer nur unterhaltsam sind und bei denen man das Gefühl hat, „das war es jetzt“, macht germanistische Literaturwissenschaft nicht wirklich Sinn. Deshalb bin ich ein Fan sogenannter „Texte für Germanisten“. Etwas abwertend sind damit Texte gemeint, die die anderen nicht vertragen, von denen auch Jurykollegen beim Bachmann-Preis oft verlangen, dass irgendjemand mit einer Erklärung daherkommt. Doch der Text darf prinzipiell alles. Er muss völlig frei sein. Er kann so komplex, so hermetisch geschlossen sein, wie er will. Es ist weder die Aufgabe des Textes noch des Autors, sich zu erklären. Diese Erklärungs- und Deutungsarbeit müssen schon wir Kritiker leisten.
Was ist Ihr Anspruch an Zugänglichkeit, Verständlichkeit und publikumswirksames Entertainment von Literatur?
In den besten Fällen lassen sich Unterhaltung und der Anspruch, als Literaturkritiker etwas Durchdachtes zu einem Text zu sagen, vereinen in einer Form, die den Leser bei der Stange hält. Es ist eine sehr wichtige Aufgabe, als Institution an das Publikum zu denken, da ja gerade auch der Publikumserfolg uns als Literaturhaus Graz legitimiert. Auch wenn Kürzungen im Kulturbetrieb drohen: Ich kann mit Stolz sagen, dass das Literaturhaus Graz 15.000 Besucher pro Jahr anzieht – das ist nicht irrelevant, sondern ein ganz wesentlicher gesellschaftlicher Faktor, den man auch vonseiten derer, die prinzipiell gegen Kultur sind, nicht wegwischen kann. Dass die Stadt Graz das Literaturhaus finanziert, ist auch ein Zeichen dafür, wie stolz Graz auf ihre Literatur ist.
„Graz hat als Ort der Literatur innerhalb Österreichs noch einmal ein spezielles Image: frech, weltoffen, divers und für immer jung.“
Graz? Wie drückt sich das in Ihrem Programm aus?
Wir haben Besucher, die immer wieder kommen, aber ich würde nicht sagen, dass wir ein Stammpublikum im klassischen Sinn haben. Eigentlich muss jede Veranstaltung ihr eigenes Publikum schaffen. Je nachdem, ob Erika Pluhar auftritt oder Stefanie Sargnagl kommt ein völlig anderes Publikum. Wir sind auch sehr bemüht, ein wirklich diverses Publikum zu aktivieren und führen z.B. Kooperationen durch mit Poetry Slam Veranstaltern aber auch mit der Oper Graz im Rahmen der Reihe „Das philosophische Opernhaus“ mit Konrad Paul Liessmann. Auch Diskursprogramme sind uns sehr wichtig: Demnächst kommt Ingrid Brodnig mit ihrem neuen Sachbuch „Feindbild Frau“ zu uns, oder im Rahmen unseres Festivals „Out of Joint“ Lisz Hirn, die ihr neues Buch „Gehorchen“ präsentieren wird. Ich fühle mich einerseits dem literarischen Geschmack, der herrscht, verpflichtet, andererseits versuchen wir auch Randgebiete der Literatur zu erreichen, indem wir etwa aktuell darüber nachdenken, unser Programm auf das New Adult-Genre hin zu erweitern.
Welche gesellschaftliche bzw. soziale Aufgabe hat Literatur heute noch?
Hätte man dieses Feld der kulturellen Reflexion nicht, wo auch der Gedanke zulässig ist, dass sich dieses ganze weltweite Schlamassel auch wieder einmal zum Besseren ändern kann, würde man das Leben in heutiger Zeit gar nicht aushalten. Ich wehre mich aber dagegen, dass in Zeiten, in denen es besonders wild zugeht in der Weltpolitik, auf die Literatur Druck ausgeübt wird, sich jetzt unmittelbar politisch äußern zu müssen. Literatur muss stets autonom sein dürfen und definiert ihr Verhältnis zur Wirklichkeit am besten selbst.
Wie haben sich Literaturverständnis und Leseverhalten der Studierenden in den vergangenen Jahren – insbesondere im aufkommenden KI-Zeitalter – verändert?
Meine Tochter hat im Gymnasium die Erfahrung gemacht, dass die Lehrer und Schüler die KI nutzen, aber so tun, als würde es dieses Thema gar nicht geben. Ich wehre mich prinzipiell gegen den Satz: „Früher war alles besser.“ Auch die Studierenden, die wir hier an der Universität Graz ausbilden, vermitteln mir ein sehr positives Bild von der nächsten Generation von Deutschlehrern. An vielen dieser jungen Leute zeigt sich eine unglaublich große Begeisterung für die Schule. Viele aktuelle Abgesänge an diese Institution vermitteln ja eher das Bild von starren Lehrplänen, die es verhindern, Literatur überhaupt noch machen zu dürfen. Dabei hängt es nur vom Engagement der einzelnen Lehrkraft ab, die entscheidet, wie der Unterricht gestaltet wird. Da ist nach wie vor sehr viel Freiraum vorhanden.
Was möchten Sie Ihren Studierenden vermitteln?
In meinem Unterricht versuche ich einerseits, den riesigen Reichtum an Themen zu zeigen, der in der Literatur steckt. Andererseits möchte ich Studierenden aus dem In- und Ausland die Literaturstadt Graz durch Autoren wie Wolfi Bauer, Werner Schwab oder Nava Ebrahimi näherbringen, um ihnen auch etwas vom besonderen literarischen Flair dieser Stadt zu vermitteln. Ein Beispiel: Ich bin gerne im Café Promenade im Grazer Stadtpark und erfuhr, dass Peter Handke in seiner Studentenzeit oft dort war – er nennt es das „Säulencafé im Stadtpark“. Handke hat dort zum ersten Mal in einer Jukebox die Beatles gehört; eines der zentralen Erlebnisse in seinem Leben. Es sind gerade auch solche Geschichten, die zur Definition dieser Stadt gehören.
Literaturhaus Graz
- Gegründet im Kulturhauptstadtjahr 2003
- Im revitalisierten Stadtpalais Mayr-Melnhof sind neben dem Literaturhaus Graz auch das Franz-Nabl-Institut für Literaturforschung mit Bibliothek und steirischem Literaturarchiv untergebracht.
- Über 100 Veranstaltungen pro Jahr, darunter Lesungen, Gespräche, Diskussionen, Performances und Shows
- 60 mietkostenfreie Tage für die freie Szene der Stadt
- 15.000 Besucher jährlich
Wie sichtbar ist die Steiermark auf dem Gebiet der Literatur?
Franz Schuh hat einmal gesagt, die österreichische Literatur ist der erfolgreichste geistige Exportartikel, den dieses Land hervorgebracht hat. Wenn man sich anschaut, wer den deutschsprachigen Literaturbetrieb heute dominiert, haben die Österreicher wahrscheinlich einen 50% Anteil, obwohl sie letztlich nur ein Zehntel der Schreibenden ausmachen. Graz hat als Ort der Literatur innerhalb dieses Exportschlagers noch einmal ein spezielles Image: frech, weltoffen, divers und für immer jung.
Was macht für Sie einen guten Schriftsteller aus?
Man sollte schon das Gefühl haben, der Autor geht ein Risiko ein oder beschreitet einen neuen Weg. Ein Anstoß zum Schreiben, der unausweichlich ist, muss sichtbar sein: Ein Thema, das für den Autor ein wahrer Antrieb ist. Und dann schadet es natürlich nicht, wenn ein souveräner Stil erkennbar ist und nicht alles gleich beim leichtesten Lufthauch der Kritik auseinanderbricht. Friederike Mayröcker hat einmal gesagt, das, was sie gerade schreibt, verhält sich wie ein Teig. Und wenn sie zwei Wochen Pause machte vom Schreiben, wäre die Seele des Geschriebenen ausgehaucht. Deshalb fuhr sie auch nie in den Urlaub.
Welche Bücher liegen aktuell auf Ihrem Nachtkästchen?
Auf meinem Nachttisch liegen keine Bücher, aber ich lese gerade „Liebe“ von Thomas Hettche. Und ein Buch aus den 1930er-Jahren, das lange verschollene Hauptwerk Maria Lazars namens „Leben verboten“. Beide Bücher lese ich im Rahmen des von mir ins Leben gerufenen, literarischen Veranstaltungsformats „Deutsch-Österreichische Freundschaft“ (DöF). Und ich muss sagen: Ich bin jedes Mal begeistert, wie viel gute Literatur es doch gibt.
Fotos: Oliver Wolf, beigestellt
