Musik als lebenslange Reise
Der international erfolgreiche Pianist Markus Schirmer tritt auf den wichtigsten Konzertpodien auf und arbeitet mit bedeutenden
Orchestern und Dirigenten unserer Zeit zusammen. Als Professor an der Universität für Musik und darstellende Kunst gibt er sein Wissen an internationale Studierende weiter und trifft als künstlerischer Leiter des Grazer Musikfestivals „arsonore“ den Geschmack unterschiedlicher Zielgruppen – auch jenseits der Klassik.
Wir treffen Markus Schirmer im Operncafé Graz zum Interview – ein passender Ort für einen Musiker von Weltformat. Mit ruhiger Stimme, der eine kraftvolle Präsenz innewohnt, erzählt der Pianist von seinen unterschiedlichen Projekten, der Menschlichkeit von Musik und von Werken, die er noch gerne spielen will. Doch zuerst verrät er, wie er zur Musik kam:
Markus Schirmer: Mein Weg war vorgezeichnet. In der elterlichen Wohnung stand ein Flügel, der mich schon als kleiner Bub faszinierte. Über die Vorschulzeit hinweg hatte ich damals schon Improvisationsambitionen, ohne überhaupt Klavier spielen zu können. Irgendwann haben meine Eltern gesagt: „Jetzt müssen wir das einmal testen lassen“, und kurze Zeit darauf habe ich an der Kunstuniversität Graz vorgespielt. Meine Mutter hatte mir damals eine Schallplatte mit Friedrich Gulda geschenkt, mit der „Mondscheinsonate“ von Beethoven. Dieses Stück habe ich ausgewählt, dachte ich zumindest, denn in Wahrheit habe ich irgendwas gespielt – ich konnte ja keine Noten lesen und nichts hat zusammengepasst. Ich hatte jedoch das große Glück, dass eine Lehrerin meine Willensstärke und Begeisterung erkannte und meinte: „Das ist ein interessanter Bursche, den möchte ich unterrichten.“
Wo beginnt bei Ihnen die persönliche Interpretation als Pianist?
Ich habe bei großartigen Lehrern gelernt, die mir alle vermittelten, dass der Notentext gewissermaßen die Bibel ist. Doch wie man es gestaltet, ist individuell – und das ist entscheidend: Wie wähle ich ein Tempo? Welchen Charakter gibt man einer Phrase? Da gibt es unendlich viele Möglichkeiten. Und genauso wie jeder Mensch einen anderen Fingerabdruck hat, unterscheiden sich auch Klang, Persönlichkeit, sozusagen die „Signature“, von Musiker zu Musiker. Genau das macht Musik für mich so spannend – da beginnt dann eine lebenslange, abenteuerliche Reise.
Wie schafft man es, über Jahrzehnte auf so hohem Niveau erfolgreich zu bleiben?
Man muss hart arbeiten, authentisch bleiben und die Musik wirklich lieben. Das tue ich bis heute – vielleicht sogar mehr denn je. Und deshalb – obwohl ich viele unterschiedliche Projekte habe – mache ich nur Dinge, bei denen ich das Gefühl habe, dass ich etwas dazu sagen kann. Das bedeutet, nur, weil mir – sagen wir – Hip-Hop gefällt, heißt das noch lange nicht, dass ich Hip-Hop machen sollte, oder reinen Jazz, den ich liebe, aber ich habe ihn eben nie wirklich professionell studiert. Mit den Jahren häufen sich nicht nur die Projekte, sondern es wächst die Erkenntnis, wie viel Musik es gibt, die man nie mehr entdecken oder lernen wird, aus Zeitgründen. Außerdem braucht man mit zunehmendem Alter länger, um komplexe Werke zu lernen. Ich erinnere mich an eine Mozartsonate mit drei Sätzen, die ich mit zwanzig Jahren nach zehn Stunden auswendig konnte. Heute würde das gewiss viel länger dauern (lacht).
ZUR PERSON
Markus Schirmer
- geboren 1963 in Graz
- Pianist, Professor an der Universität für Musik und darstellende Kunst Graz, Veranstalter
- Klavierstudium u.a. bei Rudolf Kehrer, Karl-Heinz Kämmerling, Paul Badura-Skoda und Doris Wolf
- Zusammenarbeit mit den bedeutendsten Dirigenten und Orchestern wie Wiener Philharmoniker, English Chamber Orchestra, Tokyo Symphony Orchestra, Wiener Symphoniker, Tschechische Philharmonie uvm. auf den großen Festivals und Bühnen der Welt.
- Markus Schirmer wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter u.a. der „EUROMUSIC Music Manual Award“, der „Karl-Böhm-Interpretationspreis“, der Große „Josef -Krainer-Preis“ und das „Ehrenzeichen für Wissenschaft, Forschung und Kunst“.
- Er widmet sich zahlreichen Projekten, darunter „Scurdia“, ein Improvisationsprojekt, welches außergewöhnliche internationale Musiker auf einer Bühne vereint. Er ist außerdem künstlerischer Leiter des Internationalen Musikfestes ARSONORE, das jährlich im September die Elite der Kammermusik auf die Bühne des Planetensaals im Grazer Schloss Eggenberg lädt.
- Mehr Informationen:
www.markusschirmer.at
www.scurdia.at
www.arsonore.at
Gibt es Programme oder Werke, die Sie besonders reizen, die Sie noch gerne spielen möchten?
Ich habe zum Beispiel nicht so viel Chopin oder Rachmaninoff gespielt, wie ich gerne gespielt hätte, auch nicht alle Beethoven-Sonaten. Und was die Programme betrifft, arbeite ich gerade an einem neuen Klavierabendprogramm für den Herbst nächsten Jahres. Die Tour wird den Titel „Destiny“ tragen und ausschließlich Werke in c-Moll enthalten – der sogenannten „Schicksalstonart“. Ich werde neben Beethoven, Mozart und Bach auch Schubert spielen, genauer gesagt seine große c-Moll-Sonate, die ich immer schon spielen wollte. Es ist für mich immer wieder aufs Neue spannend, so einen Klavierabend in unterschiedlichen Settings und für eine ganz unterschiedliche Zuhörerschaft abzuhalten: Jeder Saal, jedes Publikum, jede Stimmung verändert alles.
Ist es schwieriger geworden, heute Menschen für klassische Musik zu begeistern?
Ja und nein. Ich glaube eigentlich, dass fast jeder Mensch von klassischer Musik berührt werden kann. Das Problem ist eher: Man wird heute permanent beschallt. Wenn wir uns die heutige Musik anschauen, der belanglose Fahrstuhlsong, der hier gerade im Radio läuft, (deutet auf den Lautsprecher im Café), das hört man ohne viel Anspruch. Bei klassischer Musik verhält es sich anders, denn sie ist sehr menschlich. Sie lebt von Dynamik, Verzögerung, Variabilität. Jeder interpretiert sie anders. Und gerade dieses Menschliche wird in Zeiten von Künstlicher Intelligenz immer wichtiger werden, da nur etwas aus ihr entstehen kann, wenn Menschen miteinander sprechen, sich begegnen und etwas miteinander teilen.
Es gibt Studien, die besagen, dass unsere Aufmerksamkeitsspanne sinkt. Wie verträgt sich das mit der klassischen Musik, die aktives Zuhören voraussetzt?
Sich wirklich zu konzentrieren, ist schwieriger geworden – besonders für junge Menschen. Deshalb muss man das Interesse, das schon da ist, wecken und an der richtigen Stelle ansetzen: Im Rahmen des von mir ins Leben gerufenen Internationalen Musikfestivals „arsonore“ setzen wir immer wieder auch gezielt einen Schwerpunkt auf Kinder- und Jugendprogramme, in denen wir neben der Musik auch Geschichten vermitteln – stets mit einer Prise Humor.
Was reizt Sie an Ihrer Rolle als künstlerischer Leiter des arsonore-Festivals, das klassische und moderne Musik im Programm hat?
Mich reizt genau dieses Entdecken. Ich stelle Programme unglaublich sorgfältig zusammen, verwerfe Dinge wieder, baue um. Jeder Abend soll eine innere Dramaturgie haben. Beim diesjährigen arsonore-Musikfest etwa, das auf das Motto „All You Need Is Love“ setzt, kombinieren wir Chormusik, Literatur, ein Romeo-und-Julia-Programm und ungewöhnliche Bearbeitungen bekannter Liebeslieder. Und dann gibt es noch ein besonderes Projekt: In meiner frühen Jugend habe ich selbst – unter Verwendung eines Pseudonyms – große Balladen und Popsongs geschrieben – inspiriert von Whitney Houston, Céline Dion oder Mariah Carey. Jetzt werden sie erstmals öffentlich aufgeführt.
„Mich interessiert heute viel stärker die Tiefe und Aussage, der Charakter eines Werkes als reine Virtuosität.“
Klassische Musik ist mit Konkurrenz und Druck verbunden. Wie sehen Sie das?
Zu den Nachwuchspianisten, die hier studieren, sage ich immer, dass sie einen glücklichen Beruf gewählt haben. Denn als junger Mensch sich schon zu beschäftigen mit einer Materie, in der man sich ausdrücken kann – das ist etwas Wunderbares. Ob die Nachwuchsmusiker dann international erfolgreich sind, das ist eine andere Sache. Aber ich würde das nicht unbedingt nur als Druck bezeichnen, da junge Musiker heute einfach sehr früh mit Öffentlichkeit umgehen lernen. Vor 30 Jahren gab es das nicht: Da spielte man einen Wettbewerb, bekam einen Preis oder eben nicht, fertig. Heute ist alles sofort online sichtbar: Ich habe vor Kurzem in Göteborg gespielt – große Konzerte mit einem der besten Orchester Europas. Die Aufführungen wurden von acht Kameras als Livestream aufgezeichnet. Das ist schon eine andere Welt.
Wie gehen Sie persönlich mit Druck um? Haben Sie noch Lampenfieber?
Lampenfieber habe ich immer noch. Aber irgendwann kommt ein Moment, wo sich die Nervosität verwandelt in den Wunsch, hinauszugehen und etwas zu erzählen. Dann denke ich mir: Niemand hat sich auf dieses Konzert so vorbereitet wie ich. Warum sollte ich also Angst haben?
Wann ist ein Konzert für Sie gelungen?
Hundertprozentig zufrieden war ich nach keinem einzigen Konzert. Nicht aus Perfektionismus, sondern weil Musik nie abgeschlossen ist. Wenn man glaubt, man sei am Ende, dann ist man eigentlich schon am Ende. Mein Lehrer Rudolf Kehrer hat immer gesagt: „Was sind wir Interpreten im Vergleich zu den großen Meistern?“ Deren Werke sind so zeitlos und tief, da erschließt sich einem bei jedem Spiel etwas Neues.
Was interessiert Sie als Pianist an der Musik besonders?
Mich interessiert heute viel stärker die Tiefe und Aussage, der Charakter eines Werkes als reine Virtuosität. Natürlich freue ich mich, wenn schwierige Passagen gelingen. Aber viel spannender ist für mich, über ein Werk mit einem Komponisten in Verbindung zu treten, zu erspüren, was ihn als Menschen ausgemacht hat: Was hat er erlebt? Warum hat er dieses Werk geschrieben? Jeder Komponist hat eine ganz eigene Sprache, eine individuelle Handschrift: Schubert beispielsweise klingt so einfach, logisch, lyrisch und liedhaft – doch er war ein mittelmäßiger Pianist, und seine Werke sind mitunter umständlich notiert. Als Pianist muss man über die Ungeschicktheiten hinwegsehen und verstehen, was er wollte, seinen Geist einfangen. Beethoven ging an die Grenzen des Instruments, und Rachmaninoff wiederum schrieb Werke für Pianisten, die – wie er – mit großen Händen geboren worden sind.
Was möchten Sie jungen Musikern vermitteln?
Diese Sensitivität, dieses Zuhören verlange ich auch von meinen Studierenden. Zum Beispiel merke ich besonders bei internationalen Studierenden – etwa aus Asien – dass sie unglaublich fleißig und perfekt vorbereitet sind und wunderbar spielen, aber zunächst glauben, sie dürfen ihren Professor nicht enttäuschen. Sie müssen verstehen: Das ist ihre eigene Stimme, ihre eigene Aussage. Sie müssen Musik ausschließlich für sich selbst machen.
Was möchten Sie Ihrem Publikum mit Ihrer Musik mitgeben?
Nicht ein sogenannter Star-Kult interessiert mich, sondern dass an einem Abend etwas Einzigartiges entsteht. Ich möchte Menschen wirklich berühren und über die Musik auf einer Ebene erreichen, die in dieser abgeflachten Welt so oft verloren geht. Denn Musik enthält all das, was uns Menschen ausmacht: Freude, Schmerz, Wut, Verletzlichkeit, Stolz, Rebellion, Intimität und natürlich Liebe. Wenn das Publikum etwas davon mit nach Hause nimmt, es innerlich bewegt ist und leidenschaftlich gerne wieder kommt, dann ist das ein Erfolg.
Fotos: Christian Jungwirth