Eine Frau lächelt in einem Bekleidungsgeschäft, während sie zwischen zwei Schaufensterpuppen steht, die stilvolle Outfits tragen, und über ihnen hängen rosa Papierblumen.
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Nahtlos in die Zukunft

Handel und Handwerk? Stationär und digital? Stephanie Kirchmair verbindet mit „Stoichart Leder“ in Graz scheinbare Gegensätze und verkörpert damit ein Paradebeispiel für die Zukunft des Handels. Ein Besuch beim größten Ledermodenfachgeschäft Österreichs und ein Gespräch über die Chancen der Digitalisierung, einen glatten Generationswechsel, die Idee einer „Gläsernen Fabrik“ und die Perspektiven für die Grazer Innenstadt.

Nun ja, die klassische A-Lage sind wir wohl nicht“, sagt Stephanie Kirchmair und lacht. Das Augenzwinkern gilt ihrer Geschäftsadresse, einem Standort abseits der großen Passantenströme. Wir befinden uns Ecke Volksgartenstraße/Strauchergasse – auf halbem Weg zwischen der Annenstraße und dem Grazer Volksgarten. Laufkundschaft ist tatsächlich rar gesät – oder wörtlich zu nehmen: Gelaufen wird hier häufig zur nahen Bushaltestelle. „Unsere Kunden finden dennoch zu uns. Sie kommen ganz gezielt“, betont Kirchmair – und wie bestellt ertönt die Glocke im Verkaufsraum. Eine Kundin betritt das Geschäft. Nicht das letzte Mal am Tag unseres Besuchs. Was Kunden von nah und fern anzieht, wird hier rasch augenscheinlich, man könnte auch sagen „nasenscheinlich“: Der Geruch von feinstem Leder durchzieht den Raum. Ein Universum an Lederjacken sowie Ledermänteln, -hosen, -röcken und -gilets – dazu Taschen, Gürtel und Handschuhe, allesamt aus echtem Leder – tut sich vor einem auf. Auch die Farbenvielfalt beeindruckt – von klassisch Schwarz, Braun und Cognac bis zu trendigen Farbtönen und knalligem Pink reicht die Bandbreite. Nicht weniger als 500 unterschiedliche Modelle an Lederjacken finden sich im Store. Ein Vielfaches – mehrere tausend Einzelteile in allen Größen und Farben – hängt in den Lagern im Keller und Nebentrakt. „Damit sind wir das größte Ledermodenfachgeschäft Österreichs“, erklärt Kirchmair nicht ohne Stolz. „Das größte und renommierteste mit eigenem Meisterbetrieb“, ergänzt sie. „So eine große Auswahl wie wir bietet kein anderes auf Ledermode spezialisiertes Fachgeschäft in ganz Österreich.“

DAS UNTERNEHMEN

Straßenansicht eines weißen Gebäudes mit den Schildern „STOICHART LEDER“ und „MODE IN LEDER“ über den Schaufenstern, in denen Lederwaren ausgestellt sind.

Stoichart Leder

  • Gegründet 1932,
  • Gründer Urban Stoichart, Urgroßvater der heutigen Inhaberin
  • Stephanie Kirchmair übernahm 2023 von ihrem Vater Gert Leban, Bekleidungsingenieur und Schneidermeister, der das Unternehmen gemeinsam mit Schneidermeisterin Doris Leban 36 Jahre geführt hat. Sie arbeitet heute noch im Betrieb.
  • Der Familienbetrieb gilt als größtes und renommiertestes Leder­modenfachgeschäft Österreichs mit eigenem Meisterbetrieb.
  • Große Auswahl an Lederjacken sowie weiteren Ledermode-Produkten wie Mäntel, Röcke, Kleider, Hosen, Gilets sowie Taschen, Gürtel, Handschuhe bzw. Hundeleinen und Halsbänder
  • Große Vielfalt namhafter Hersteller von Ledermode
  • Häufigste Lederarten: Nappa (Lamm) und Velour (Ziege)
  • In der betriebseigenen Werkstatt werden auch hochwertige Kleinserien gefertigt sowie für Maßkunden genäht.
  • Das Geschäft befindet sich in Graz, Ecke Volksgartenstraße/Strauchergasse.
  • Stephanie Kirchmair ist auch Vorstandsmitglied der Innenstadt-Initiative „Echt Graz“.

 

Mix aus Handel und Handwerk

Darüber hinaus steht „Stoichart Leder“ für eine selten gewordene Kombination: Handel und Handwerk unter einem Dach. Im vorderen Bereich die Verkaufsfläche, im hinteren Teil das Atelier. Mutter Doris Leban sowie Mitarbeiterin Alexandra Hirschmann schneidern, reparieren, ändern oder fertigen ganze Teile in der Werkstätte. „Wir produzieren auch Kleinserien oder fertigen auf Kundenwunsch nach Maß“, so die Jungunternehmerin, die neben ihrem Master in Marketing- & Salesmanagement an der FH Wien auch die Modeschule Graz abschloss. „Der Mix aus Handel und Handwerk hat einen ganz praktischen Nutzen: Vielfach gibt es beim Kauf von Ledermode kleinere Änderungen, etwa das Kürzen der Ärmel – das können wir gleich im Haus erledigen. Nur wenige Schneidereien können Leder bearbeiten – dafür braucht es Spezial-Know-how sowie spezielle Werkzeuge“, erklärt Kirchmair, die die Werkstätte am liebsten noch mehr für Interessierte öffnen würde – ganz im Sinne einer „Gläsernen Fabrik“. „Es wäre toll, wenn man vom Verkaufsraum aus einen Blick hinter die Kulissen eines alten Handwerks werfen könnte. Das Wissen im Bereich Leder wurde bei uns von Generation zu Generation weitergegeben.“

In einem Bekleidungsgeschäft hängen mehrere braune und hellbraune Lederjacken an Kleiderständern.

Glatter Übergang auf die 4. Generation

Vor drei Jahren übernahm sie das Unternehmen von ihrem Vater Gert Leban, der den Betrieb 36 Jahre führte. War es ein glatter oder rauer Übergang? „In Summe ging alles nahtlos – ich bin mit und im Betrieb aufgewachsen und hatte ausreichend Zeit, mich auf die Übernahme vorzubereiten“, so Kirchmair, die bereits die vierte Generation des 1932 gegründeten Unternehmens repräsentiert. „Das heißt nicht, dass alles beim Alten blieb. Ich bin eine andere Generation und auch die weibliche Handschrift wird spürbar“, betont sie. „So haben wir den Anteil der Ledermode für Damen vergrößert und prominenter platziert – die Herren sind uns zwar weiter wichtig, aber erfahrungsgemäß geben sie sich mit einer kleineren, klassischen Auswahl zufrieden, während es die Damen auch schon mal extravagant haben wollen.“

Eine Frau lächelt in einem Bekleidungsgeschäft, während sie zwischen Schaufensterpuppen steht, die Jacken und Kleider tragen, über denen rosa und weiße Zierblumen hängen.

„Wer seine Lederjacke gut pflegt, kann sie ein Leben lang tragen – nachhaltiger geht es nicht.“

Stephanie Kirchmair
Stoichart Leder

Omnichannel für alle Bedürfnisse

Den wichtigsten Akzent setzt die 31-Jährige im digitalen Auftritt. „Wir haben unseren Webshop komplett neu aufgesetzt. Das neue System ist nicht nur an die Warenwirtschaft angeschlossen, sondern unterstützt auch Social-Media-Kampagnen und Conversion Tracking – damit erreichen wir unsere Kunden auf allen Plattformen“, so die Unternehmerin über Performance Marketing am Puls der Zeit. „Das Know-how aus meinem Studium kommt mir hier sehr zugute“, so Kirchmair, die die Alternativlosigkeit des digitalen Wegs betont. „Natürlich steht die persönliche Beratung bei uns weiterhin im Vordergrund – das ist unser größtes Asset. Aber es braucht auch die digitale Schiene. Immer mehr Kunden bestellen online oder kommen mit einem Screenshot eines Produkts von unserem Webshop zu uns – um das Teil dann in aller Ruhe zu probieren“, so Kirchmair. „Der Handel ist im Wandel. Das Einkaufsverhalten der Menschen ändert sich, die großen Online-Konzerne setzen den stationären Handel unter Druck“, sagt die Unternehmerin. „Aber Lamentieren ist zu wenig, wir Handelsbetriebe sollten versuchen, die Chancen der Digitalisierung zu nutzen“, so Kirchmair. Freilich dürfe man aber auch den Aufwand und die Kosten für den Betrieb eines Webshops nicht unterschätzen. „Man muss dahinter sein und Zeit und Geld investieren – und den Shop und die Produkte auch bewerben. Denn ein Online-Shop ohne Werbung ist wie ein Geschäft, bei dem die Tür zugesperrt ist.“ Mittlerweile werden auch Online-Fachberatungen angeboten – über WhatsApp oder MS Teams. Und die Entwicklung bleibe nicht stehen. „KI bietet künftig wieder neue Chancen. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass wir eines Tages auch einen Chatbot bei uns auf der Webseite einsetzen.“

Zwei Frauen schneiden gemeinsam an einem Tisch Stoff zu; eine weitere Frau bedient eine Nähmaschine und konzentriert sich auf ihre Näharbeit. Mannequins und Nähutensilien sind zu sehen.
Gelebtes Handwerk in der Werkstätte: Stephanie Kirchmair (r.) mit Mitarbeiterin Alexandra Hirschmann sowie Kirchmairs Mutter Doris Leban (rechtes Bild).

Gleichzeitig dürfe aber die Identität eines stationären Handelsbetriebs nicht verloren gehen. „Man hat heutzutage im Handel nur eine Chance, wenn man den Kunden konsequent in den Mittelpunkt stellt und seine Bedürfnisse und Wünsche zu 100 % erfüllt. Daher ist die Beratung in einem Fachgeschäft das Um und Auf – das zeichnet einen Handelsbetrieb aus und auf diese Weise können wir uns weiterhin vom reinen Onlinehandel abheben.“ Der perfekte Mix aus online und offline sei daher zentrale Strategie der nächsten Jahre. „Gleichzeitig arbeiten wir daran, dass die Erlöse aus dem Webshop weiter wachsen und irgendwann wie eine eigene Filiale zu betrachten sind – das ist die Vision.“ Ihre Conclusio? „Die Zukunft des Handels ist nicht digital oder stationär – sondern hybrid. Erfolgreich wird sein, wem es gelingt, die Stärken beider Welten zu verbinden: die Reichweite und Convenience des Onlinehandels mit der Beratung und dem Erlebnis des stationären Geschäfts.“

Eine Frau lächelt in einem Bekleidungsgeschäft, während sie zwischen Schaufensterpuppen steht, die Jacken und Kleider tragen, über denen rosa und weiße Zierblumen hängen.

„Die digitale Schiene wird immer wichtiger. Viele Kunden kommen mit einem Screenshot eines Produkts von unserem Webshop zu uns, um es dann vor Ort anzuprobieren.“

Stephanie Kirchmair
Stoichart Leder

Positive Erzählung über Graz

So innovativ die Vermarktungsstrategien, so traditionell ist das Grundprodukt. Was fasziniert sie persönlich an Leder? „Leder ist einfach ein wunderschönes Naturprodukt – und eben nicht aus Erdöl oder synthetischen Materialien. Es ist langlebig und damit im besten Sinne nachhaltig. Wer seine Lederjacke gut pflegt, kann sie ein Leben lang tragen – ökologischer geht es nicht“, so Kirchmair, die sich auch für die Anliegen der Grazer Innenstadtkaufleute engagiert. Seit einem Jahr ist sie neu im Vorstand von „Echt Graz“ und sorgt dort für frische Impulse. Was läuft gut, was sollte man verbessern? „Ich freue mich, dass wir nun ein schlagkräftiges City-Management haben, mit dem wir auch eng zusammenarbeiten. Mit Elisa Steinberger gibt es eine engagierte Ansprechpartnerin für die Anliegen der Innenstadtbetriebe“, so Kirchmair. Das Wichtigste? „In der Vergangenheit haben wir leider eines verabsäumt, wir haben – bei aller berechtigten Kritik über Dauerbaustellen und Parkplatznöte – vergessen, eine positive Erzählung von Graz zu liefern. Graz hat und kann so viel – das müssen wir wieder vermehrt in den Vordergrund rücken, dann werden auch wieder mehr Menschen nach Graz kommen und die tolle Erlebnis- und Aufenthaltsqualität genießen. Wesentlich dafür ist auch die bessere Kommunikation und Kooperation der Betriebe untereinander sowie die Koordination mit der Stadt. Die Echt Graz-Betriebe – immerhin sind es schon 116 – sind jedenfalls bereit dafür.“ In allen Lagen. „Eines Tages hoffentlich auch wieder vermehrt in der Annenstraße“, geht ihr Blick in Richtung der einstigen Einkaufsmeile. „Das geht nicht von heute auf morgen – aber auch das muss unsere Vision sein.“

Weitere Fotos und Einblicke hinter die Kulissen:

Fotos: Oliver Wolf, beigestellt

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