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Erst die Schiene, nun der Luftraum

Mit seinen Messgeräten zur Profilmessung von Eisenbahnrädern ist das Unternehmen Hexagon Weltmarktführer. Das war erst der Anfang: Die Technologie bringt auch Nutzen für andere Industriebereiche, und diese Märkte gilt es nun, zu erobern.

Als Spin-off von Joanneum Research gegründet, ist das frühere Unternehmen NEXTSENSE seit 2018 unter dem Dach des schwedischen Hexagon-Konzerns. Dieser hat für den Grazer Nischen-Weltmarktführer ein internationales technologisches Umfeld mit globalem Netzwerk geschaffen. Damit können Innovationen weitergetrieben werden, sagt die Geschäftsführerin des Standortes Graz, Renate Grabler-Gussmagg. Die Ärmel für künftige Geschäftserfolge sind hochgekrempelt.

Ihr Unternehmen feiert nächstes Jahr sein 20-jähriges Bestehen. Was waren die Meilensteine, die Ihren Geschäftserfolg begründet haben?

Der entscheidende Punkt für die Gründung von NEXTSENSE im Jahr 2007 war sehr pragmatisch: Unser damaliger Geschäftsführer Clemens Gasser hat auf einer Messe der Bahnindustrie gesehen, dass für unsere Technologie ein konkreter Markt vorhanden ist. Unsere generierten Leads zeigten sich nicht nur als interessante Forschungstechnologie, sondern als eine Lösung, die wir marktfähig machen können. 2008 hat die ÖBB das erste Messgerät gekauft, der Durchbruch kam kurz darauf durch die Deutsche Bahn, was uns den Break-even erreichen ließ. Bei der Profilmessung von Eisenbahnrädern gilt unser Produkt CALIPRI international als Goldstandard. Wir beschäftigen rund 85 Mitarbeiter, der Umsatz aus dem Railway-Geschäft ist auf 16 Millionen Euro gewachsen, der Gesamtumsatz liegt bei 18 Millionen.

„Die industrielle Stärke der Steiermark liegt darin, gute Ideen in konkrete Produkte zu verwandeln. Diese Freude am Umsetzen dürfen wir nicht verlieren.“

Renate Grabler-Gußmagg
Geschäftsführerin Hexagon Graz

Sie waren mit CALIPRI offenbar zur richtigen Zeit am richtigen Ort und haben recht erfolgreich diversifiziert. In welchen Bereichen hätte Ihr Produkt noch gut Platz?

2013 kam die Erweiterung in die Automotive-Industrie mit der Anwendung Flush & Gap – unsere Technologie lässt sich auch auf andere Industrien übertragen. Nach Railway und Automotive sehen wir im Aerospace-Bereich interessante Möglichkeiten. Die Bauteile sind oft sehr groß, wodurch automatisierte Inspektion technisch anspruchsvoll ist. Gleichzeitig sind Anforderungen an Qualität und Sicherheit extrem hoch. Einmal etablierte Prüf- und Fertigungsprozesse bleiben in dieser Industrie vergleichsweise stabil. Das macht Aerospace langfristig interessant – der Markt ist weniger volatil als Automotive. Airbus ist bereits Kunde, es könnten sich im Bereich Aerospace ähnliche Entwicklungen ergeben wie damals bei der Deutschen Bahn.

Seit 2020 sind Sie Geschäftsführerin des Unternehmens. Wo trägt es Ihre Handschrift?

Vor allem in unserer Managementkultur und der strategischen Ausrichtung mit Fokus auf Produktreife und Standardisierung. Wir wollten uns vom Projektgeschäft wegentwickeln und Lösungen so weit standardisieren, dass sie in ihren Anwendungen und in der Integration auf einem hohen Niveau eingesetzt werden. Für mich steht der Kunde an erster Stelle, das geht nur mit einem großartigen Team. Meine Aufgabe: Rahmenbedingungen schaffen und Strategie umsetzen. Innerhalb eines internationalen Konzerns braucht es Feingefühl, Diplomatie und belastbare Beziehungen.

ZUM UNTERNEHMEN

Eine Frau mit langen braunen Haaren, die einen beigen Anzug und ein schwarzes Oberteil trägt, steht lächelnd mit den Händen in den Taschen vor einem hellen Wandhintergrund.
Seit 2020 ist Renate Grabler-Gussmagg Geschäftsführerin von Hexagon Graz.

HEXAGON
Die Business Unit CALIPRI von Hexagon ist spezialisiert auf die Entwicklung und den Vertrieb optischer Messsysteme zur hochpräzisen Profilmessung in der Automobil-, Eisenbahn- und Luftfahrtindustrie. Die
CALIPRI-Systeme kommen unter anderem bei der Spalt- und Bündigkeitsmessung von Fahrzeugkarosserien und Flugzeugstrukturen sowie bei der präzisen Verschleißmessung von Eisenbahnradsätzen zum Einsatz. Das integrierte CALIPRI-Prinzip ermöglicht eine berührungslose Messung und liefert objektive, reproduzierbare Messdaten, unabhängig von Bedienereinfluss oder variierenden Umgebungsbedingungen.
Zum internationalen Kundenkreis, den mehr als 50 internationale Vertriebspartner bedienen, zählen führende Automobil- und Flugzeughersteller, renommierte Eisenbahngesellschaften sowie namhafte Technologieunternehmen wie Audi, JLR, Airbus, SNCF, China Railway, Alstom.

Sie planen, sich im Herbst räumlich zu vergrößern. Das Unternehmen siedelt von der Straßganger Straße nach Grambach-Raaba. Was darf dort entstehen?

Der neue Standort in Grambach-Raaba ermöglicht, die nächste Wachstumsphase operativ abzubilden. Wir können unsere Produktion, derzeit auf zwei Standorte verteilt, künftig bündeln – das schafft Effizienz, kürzere Wege und bessere Möglichkeiten, unsere Abläufe zu standardisieren. Besonders wichtig ist das für unser Wheel Profile Measurement System. Die Nachfrage ist hoch, Lieferzeit ein entscheidendes Kriterium. Wir müssen technologisch hervorragende Produkte effizient und in kurzen Lieferzeiten produzieren.

Wo soll Hexagon Graz 2030 stehen?

Der Standort soll 2030 mindestens 130 Menschen beschäftigen und den Umsatz verdoppeln. Umsatz ist nicht das eigentliche Ziel – um 30 oder 50 Millionen Euro zu erreichen, müssen wir viele Kunden glücklich machen, Produkte in den richtigen Nischen platzieren und technologisch relevant bleiben. Dafür brauchen wir Mitarbeiter, die die technologische Entwicklung unserer Kunden verstehen und mittragen. Künstliche Intelligenz wird bis 2030 ein selbstverständlicher Begleiter sein – als Werkzeug, das uns effizienter macht.

Welche Chancen bietet der internationale Railway-Sektor für Unternehmen wie Hexagon, aber auch für andere steirische Zulieferer?

Was ich von meiner „Blase“ aus beobachte: Wir verbringen immer mehr Zeit mit Meetings und manchmal zu wenig Zeit damit, Ideen umzusetzen. Die industrielle Stärke der Steiermark liegt darin, gute Ideen in konkrete Produkte zu verwandeln. Diese Freude am Umsetzen dürfen wir nicht verlieren. Dafür braucht es weniger Ablenkung, mehr Konzentration und Fokus. Im Railway-Sektor sehe ich große Chancen für steirische Unternehmen – der Markt ist international, technologisch anspruchsvoll und langfristig orientiert. Wer mit hoher Qualität, verlässlicher Technologie und klarem Kundennutzen Lösungen anbietet, hat gute Chancen.

Foto: Calipri