Tourismus als Treiber
„Was Gäste auslösen, spürt die ganze Region.“ Sylvia Loidolt, Vorsitzende der Erlebnisregion Graz, und Geschäftsführerin Susanne Haubenhofer betonen den Stellenwert von gezielten touristischen Maßnahmen als wirkungsvollen Motor für regionale Weiterentwicklung.
Mehr als 2,2 Millionen Nächtigungen toppen, die Erschließung neuer Auslandsmärkte vorantreiben, neue Formate für Gäste und Einheimische entwickeln – in der Erlebnisregion Graz will man dafür die unterschiedlichen Stärken von Stadt und Land verbinden und Tourismus als Teil einer breiteren regionalen Entwicklung verstehen.
Was bewirkt der Tourismus tatsächlich wirtschaftlich in der Erlebnisregion Graz?
Bei uns trifft Stadt auf Land – Graz bietet Urbanität, gleichzeitig haben wir ein grünes Umfeld mit Ausflugszielen, Rad- und Wanderangeboten. Die Region ist inhomogen, das ist eine Herausforderung und gleichzeitig eine enorme Chance. Wir versuchen, die unterschiedlichen Qualitäten zu verbinden. Im Tourismus geht es nicht nur um Nächtigungszahlen, auch Tages- und Freizeittourismus und vor allem die eigene Bevölkerung gehören dazu. Vieles, was für Gäste entwickelt wird, steht auch den Menschen vor Ort zur Verfügung. Beispiele sind die Rad- und Wandertouren oder unser Format „Vollmund“, das überregionale Gäste ansprechen, aber auch Einheimische begeistern soll. Dafür inszenieren wir fünfmal im Jahr außergewöhnliche Kulinarik an besonderen Orten im Licht des Vollmonds und arbeiten dabei zu rund 99 Prozent mit regionalen Betrieben und Dienstleistern zusammen.
Es geht also nicht nur um die Köchin oder den Koch und die Lebensmittel, wir brauchen Holzbauunternehmen, Veranstaltungstechnik und viele weitere Dienstleistungen. Genau darin liegt auch die Bedeutung solcher Formate. Es geht um Werbung, Wertschöpfung und Wir-Gefühl – Veranstaltungen wie diese machen die Region bekannt, bringen Wertschöpfung und vernetzen Menschen und Unternehmen, die sonst vielleicht wenig miteinander zu tun hätten. Gleichzeitig können kleine Orte und regionale Betriebe davon profitieren.
Führungsduo der Erlebnisregion Graz: Vorsitzende Sylvia Loidolt (l.) und Geschäftsführerin Susanne Haubenhofer
Gilt das auch für tourismusfernere Branchen?
Unbedingt. Das Handwerk ist dafür ein gutes Beispiel. Wenn Gäste in eine Region kommen, profitieren nicht nur jene, die unmittelbar Leistungen für sie anbieten. Es entstehen Aufträge für unterschiedlichste Unternehmen. Wir holen deshalb aktuell gemeinsam mit der Stadt Graz und dem Fotografen Bernd Grosseck 20 Handwerksbetriebe vor den Vorhang. Ab 17. September werden diese für zwei Monate in einer Ausstellung auf der Murinsel präsentiert. Das zeigt schön, wie breit das wirtschaftliche Spektrum einer Region ist und wie wichtig es ist, diese Verbindungen sichtbar zu machen.
Man darf auch den Effekt auf den Wirtschaftsstandort insgesamt nicht unterschätzen. Eine Region, die international bekannt ist und als attraktiv wahrgenommen wird, ist nicht nur für Gäste interessant. Diese Bekanntheit hilft auch Unternehmen, Aufträge zu gewinnen, Fachkräfte anzusprechen und neue Märkte zu erreichen. Tourismusmarketing ist damit immer auch Standortmarketing.
Lässt sich diese Wirkung mit Zahlen belegen?
Die aktuelle messbare Konstante sind vor allem die Nächtigungszahlen. Im Tourismusjahr 2024/25 verzeichnete die Region 2.225.458 Nächtigungen – ein Plus von 3,2 Prozent und damit rund 70.000 Nächtigungen. Bei den Ankünften gab es ein Plus von 40.000, was einem Anstieg von 3,9 Prozent entspricht. Damit belegen wir unter den steirischen Erlebnisregionen bei den Nächtigungen Platz zwei, bei den Ankünften zum dritten Mal in Folge Platz eins. Wertschöpfungsstudien liegen nur für einzelne Veranstaltungen vor. Wir arbeiten gerade intensiv daran, um valide Daten zu bekommen. Besucherfrequenzmessungen geben uns seit 2023 einen breiteren Einblick in Besucherströme an ausgewählten Points of Interest wie Schloßberg mit Uhrturm, Lipizzanergestüt Piber sowie Schöcklseilbahn oder Schöckl.
„Was Gäste auslösen, spürt die ganze Region.“
Welche Impulse setzt der Tourismus für die Infrastruktur und das Freizeitangebot?
Wir haben beispielsweise 18 Genussradtouren mit einer Gesamtstreckenlänge von 745 Kilometern entwickelt. Bis Ende 2027 gibt es sieben neue Mountainbike-Strecken in der Lipizzanerheimat. Zwei davon sind bereits seit letztem Jahr fertig, zwei werden heuer noch finalisiert. Wir haben Wandertouren beschildert und digitalisiert. Das sind Angebote, die Gäste nutzen – aber genauso die Bevölkerung. Auch Veranstaltungen gehören dazu. Der Tourismusverband unterstützt ein breites Spektrum, vom Silvesterspektakel und Lumagica über das Aufsteirern und den Graz-Marathon bis zum Elevate Festival. Sie beleben die Region. Es ist wichtig, dass touristische Angebote und Veranstaltungen auch von den Einheimischen gut angenommen werden, weil sich das in weiterer Folge auf das Gästeaufkommen auswirkt.
Das ist ein wichtiger Punkt: Wenn eine Region attraktive Freizeitangebote, Veranstaltungen und eine funktionierende Infrastruktur hat, profitieren die Menschen, die hier leben, genauso. Und umgekehrt gilt: Nur wenn die Bevölkerung ihre Region selbst schätzt und die Angebote annimmt, kann diese Authentizität auch nach außen wirken. Mit dem Aufsteirern haben sich Tradition und Brauchtum wieder in der Stadt verankert, ein ganzer Geschäftszweig hat sich aufgetan – hier wurde nachhaltig viel bewirkt.
Wie gelingt es, die Erlebnisregion Graz international noch sichtbarer zu machen?
Wir sorgen dafür, dass die Erlebnisregion Graz im Gespräch bleibt – unter anderem mit Kampagnen wie zuletzt in den wichtigen Herkunftsmärkten Deutschland, Schweiz, Italien und Großbritannien. Hier konnten wir mit Online-Maßnahmen 35,7 Millionen Sichtkontakte generieren.
Wir müssen die Region dort sichtbar machen, wo Gäste ihre Reiseentscheidungen treffen. Wir entwickeln bestehende Angebote weiter und setzen neue Impulse für einen Besuch. Sichtbarkeit bringt Menschen in die Region, Veranstaltungen liefern konkrete Anlässe dafür, attraktive Angebote geben ihnen gute Gründe, länger zu bleiben.
Fotos: Region Graz/Mias Photoart, Bernd Grosseck, www.wolfganghummer.com