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„Wir brauchen auch die Männer an Bord“

Die Universität Graz unterstützt den SPIRIT-Award for WOMEN in SCIENCE. Mireille van Poppel, Vizerektorin für Internationalisierung und Gleichstellung, über wissenschaftliche Karrieren von Frauen, erzielte Fortschritte und unerledigte Hausaufgaben, Role-Models und den männlichen Part.

Wie entwickeln sich Frauenkarrieren in der Wissenschaft aktuell?

Mireille van Poppel: Es gibt viele Bemühungen, um Frauen in der Wissenschaft zu fördern. Wir haben derzeit drei Dekaninnen, damit wird erstmals in der Geschichte der Universität Graz die Hälfte der Fakultäten von Frauen geleitet. Der Anteil an Professorinnen beträgt aktuell 37 Prozent, im Jahr 2000 waren es noch sechs Prozent. Dennoch: Wir sind noch nicht dort, wo wir sein sollten. Der Frauenanteil unter den Studierenden beträgt über 60 Prozent, das müsste sich stärker widerspiegeln. Sorge bereitet mir, dass politische Parteien das Frauenthema zunehmend weniger unterstützen. In den USA sieht man schon direkte Auswirkungen, in Europa noch nicht – langfristig wird es sie mit dieser Entwicklung aber geben.

An welchen Schrauben muss man noch stärker drehen?

Awareness ist absolut wesentlich. Um den Weg in die Wissenschaft in Betracht zu ziehen, braucht es Role Models, die ihre persönliche Geschichte erzählen und als Multiplikatorinnen fungieren. Es braucht Frauen, die Frauen unterstützen, und Vernetzung, wie wir sie auch in universitären Angeboten leben. Es braucht grundsätzlich mehr Diversität, mehr heterogene Führungskräfte, unterschiedliche Führungsstile – das tut Organisationen gut. Ich wünsche mir eine Universitätskultur, in der Gleichstellung selbstverständlich ist und wir gar nicht mehr darüber reden müssen. Aktuell ist es so: Ich werde für Kommissionen angefragt, weil ich eine Frau bin. Nicht weil ich ich bin.

In welcher Phase der wissenschaftlichen Karriere braucht es für Frauen vor allem Unterstützung?

Besonders kritisch ist der Übergang vom PhD in die Postdoc-Phase. Da brechen viele Frauen ab. Das hat viel mit Lebensphasen zu tun – Familie, Kinderbetreuung, gesellschaftliche Rollenbilder. Solange die Kinderbetreuung nicht flächendeckend gesichert ist, bleibt das ein massives Hindernis. Wir als Universität unterstützen mit Angeboten, aber die strukturellen Probleme müssen politisch gelöst werden. Es ist vor allem kein reines Frauenthema. Wir brauchen auch die Männer an Bord. Wenn mehr Männer die Kinderbetreuung übernehmen, gibt es mehr Freiraum für Frauen. Ich komme aus den Niederlanden, da ist Teilzeitarbeit gang und gäbe – für Frauen wie für Männer. In Österreich ist Vollzeitarbeit die Norm. Eine Kultur mit einem Arbeitsausmaß von 80 Prozent könnte da eine andere Wirkung haben.

Was kann ein Preis wie der SPIRIT-Award for WOMEN in SCIENCE beitragen?

Für Schülerinnen, für Studierende, für Wissenschafterinnen bei ersten Karriere-Schritten ist es wertvoll zu erfahren, wie sie Hürden gemeistert haben, wie es ihnen auf dem Weg ergangen ist und wie sie es geschafft haben. Hier sehe ich auch den Stellenwert des Awards. Er würdigt Leistungen und rückt sie ins öffentliche Bewusstsein.

Mireille van Poppel

Vizerektorin für Internationalisierung und Gleichstellung an der Uni Graz

Für die medizinische Biologin war die Entscheidung für MINT-Fächer in ihrer Heimat eine Selbstverständlichkeit.

Seit 2015 ist die gebürtige Niederländerin Professorin am Institut für Bewegungswissenschaften, Sport und Gesundheit an der Universität Graz – die einzige Frau in Österreich mit dieser Professur.

www.uni-graz.at

Foto: Uni Graz/Kanizaj

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