„Vom Sparer zum Anleger werden“
Ein Appell zum Weltspartag: Oliver Kröpfl, Vorstandsmitglied der Steiermärkischen Sparkasse, zuständig unter anderem für das Kommerz- und Privatkundengeschäft, im Interview mit „SPIRIT of Styria“ über die (zu) hohe Sparquote in Österreich, den Mythos eines aktuell hohen Zinsniveaus, smarte Alternativen zum Sparbuch und die Verantwortung der Bank, die „Financial Literacy“ der Menschen zu stärken.
Die Sparquote ist in Österreich signifikant gestiegen – zuletzt auf 11,7 %. Ein Trend, den Sie auch aus Sicht der Steiermärkischen Sparkasse bestätigen können?
Oliver Kröpfl: Ja, das kann ich durchaus bestätigen. Österreich hat im internationalen Vergleich traditionell eine hohe Affinität zum Thema Sparen – und zwar relativ unabhängig vom herrschenden Zinsniveau. Das sehen wir auch in der aktuellen Situation. Ich denke aber, dass wir den Plafonds erreicht haben und erkenne erste Anzeichen für eine leicht rückläufige Sparquote.
Ist eine hohe Sparquote aus Bankensicht eher Freud oder Leid? Höhere Liquidität steht einer geringeren Konsum- und Kreditnachfrage gegenüber.
Generell müssen wir das Geschäftsmodell Sparkasse in jeder gegebenen Situation erfolgreich betreiben können – unabhängig von Sparquote und Zinsniveau. Für eine Volkswirtschaft ist es aber problematisch, wenn die Sparquote die Konsum- und Investitionsneigung deutlich übersteigt – so wie es momentan der Fall ist. Wir würden uns eine höhere Investitionstätigkeit wünschen. Der Wirtschaftsstandort braucht Menschen, die investieren, konsumieren und veranlagen. Gleichzeitig ist die Liquiditätsversorgung über Spareinlagen ein wichtiger Bestandteil unseres Geschäftsmodells.
Was wäre eine ideale Sparquote für Sie?
Aus Bankensicht haben wir keine Wunsch-Sparquote, aber volkswirtschaftlich ist eine zweistellige Sparquote sicher zu hoch. Sorgsam mit seiner Einnahmen- und Ausgabensituation umzugehen, ist grundvernünftig. Bedenklich wird es aber, wenn Menschen auch in ihrer Veranlagungsstrategie einen zu hohen Anteil an klassischen Sparprodukten halten und durch die Inflation deutliche Realverluste erleiden – vielen Sparern ist das offenbar nicht bewusst. Ich würde mir wünschen, dass Sparer vermehrt zu Anlegern werden.
Wie kann das gelingen?
Die Zielsetzung einer Veranlagung sollte ja darin bestehen, auch nach Inflation noch eine Rendite zu erwirtschaften. Das ist derzeit schwierig. Schließlich haben wir in Österreich das Problem einer Inflation, die weit über EU-Schnitt liegt. Die Zinspolitik der EZB orientiert sich aber nicht primär an Österreich, sondern am Inflationsniveau im gesamten Euroraum. Die Folge ist, dass österreichische Sparer für ihre Einlagen einen Zinssatz bekommen, der die höhere Inflation hierzulande nicht abdecken kann – ein Dilemma. Unsere Aufgabe ist es, dass wir Kundinnen und Kunden aufklären und ihnen Alternativen aufzeigen, um einen Wertverlust möglichst zu vermeiden. Diese Beratungsgespräche finden tagtäglich statt. Wir sehen auch, dass der Anteil der Menschen, die sich mit alternativen Veranlagungsmöglichkeiten beschäftigen, größer wird. Aber ein signifikanter Teil der Bevölkerung setzt bei Veranlagungen immer noch auf traditionelle Sparprodukte wie das klassische Sparbuch.
„Das klassische Sparbuch ist zwar sicher, aber auch der damit verbundene reale Wertverlust ist in der aktuellen Situation garantiert.“
Zu welchen alternativen Anlageformen raten Sie?
Zunehmend größerer Beliebtheit erfreuen sich Produkte im Bereich Fondssparen – also Investmentfonds wie auch Investmentpläne. Der große Vorteil ist die Risikostreuung, da man hier nicht in Einzeltitel investiert. Fonds sind typischerweise ein guter Einstieg in die Welt des Kapitalmarkts. Damit kann man auch Kursschwankungen gut begegnen, indem man regelmäßig kleinere Beträge veranlagt und damit den Cost-Average-Effekt nutzt. Hier gibt es eine sehr breite Palette an Produkten mit unterschiedlichen Ertrags-Risiko-Profilen.
Wie viel Risiko muss man derzeit nehmen, um einen Kaufkraftverlust zu vermeiden?
Es ist nicht notwendig, stark ins Risiko zu gehen. Aber klar, eine praktisch hundertprozentige Sicherheit, die beispielsweise ein Sparbuch bietet, hat man auf dem Kapitalmarkt nicht. Dafür ist aber auch der Wertverlust beim Sparbuch garantiert. Das muss jeder für sich abwägen. Wir bewegen uns in Österreich und der EU in einem Rechtsrahmen, wo Kapitalmarktprodukte behördlich gut beaufsichtigt sind.
Ihre Zinsprognose für die nächsten Monate?
Momentan spricht viel dafür, Stabilität zu wahren und keine größeren Zinsschritte zu unternehmen. Ich erwarte mir in den nächsten Quartalen eine Seitwärtsbewegung des Leitzinses. Was auffällt: Gerade Unternehmenskunden sprechen derzeit immer wieder von einem „hohen Zinsniveau“. Verglichen mit der Zeit der Null- und Negativzinsen mag das stimmen. Wenn man allerdings auf die vergangenen Jahrzehnte zurückblickt, muss man sagen, dass das derzeitige Zinsniveau definitiv nicht hoch ist. Mit einer Investition auf ein niedrigeres, „normales“ Zinsniveau zu warten, halte ich für eine riskante Überlegung, denn wenn sich ein Investment beim aktuellen Zinsniveau nicht rechnet, sollte man sich überlegen, ob die Investition wirklich sinnvoll ist.
Wie entwickelt sich die Kreditnachfrage aktuell?
Die private Konsumfinanzierung ist relativ konjunkturunabhängig, also stabil. Bei der privaten Wohnraumfinanzierung können wir positiv feststellen, dass das Interesse an der Wohnraumschaffung und damit die Nachfrage nach Finanzierungen wieder spürbar zunimmt – freilich ausgehend von einem Tiefstand. Alles andere als positiv präsentiert sich die Nachfrage nach Investitionsfinanzierungen von Unternehmen – und das macht Sorge. Denn das hat Auswirkungen auf die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen, aber auch auf die öffentlichen Haushalte. Ein Lichtblick ist, dass die Zahlen im Sommer – üblicherweise ein Sommerloch – besser waren als erwartet.
Financial Literacy, also die finanzielle Allgemeinbildung, liegt in Österreich laut Studien nur im europäischen Mittelfeld. Wie kann eine Bank hier seiner Verantwortung gerecht werden?
Entscheidend ist, dass Menschen in allen Lebenslagen eine Grundkompetenz haben, mit den eigenen finanziellen Ressourcen sorgsam und vernünftig umzugehen. Das ist speziell für einkommensschwächere Bevölkerungsgruppen herausfordernd, aber nicht nur für diese. Wir sehen, dass in Österreich vor allem junge Menschen oft geringe Fähigkeiten mitbringen, ihre Situation ökonomisch zu überblicken. Umso wichtiger ist es, die Finanzbildung mit unterschiedlichsten Angeboten zu forcieren. Die Steiermärkische Sparkasse setzt hier viele Schwerpunkte – unter anderem mit dem im Mai, anlässlich unseres 200-jährigen Jubiläums, eröffneten „FLiP – Financial Life Park“ im CoSA. In diesen Finanzerlebnispark laden wir Schülerinnen und Schüler, Jugendliche, aber auch Erwachsene ein, um ihre Kompetenzen rund um Geld und Finanzen anhand hochwertiger didaktischer Angebote gezielt zu stärken.
Fotos: Oliver Wolf
