Ein Mann in Blazer und Jeans sitzt an einem Schreibtisch am Fenster, auf dem Tisch stehen ein Glas und ein Notizblock.
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Wie das Sterben uns lehrt, zu leben

Patrick Schuchter und Team erforschten am Zentrum für Interdisziplinäre
Alterns- und Care-Forschung (CIRAC) an der Universität Graz gemeinsam mit der Hochschule Campus Wien, welche Hilfestellung die Praxis des Philosophierens in der Palliativ- und Hospizarbeit leisten kann. Fazit: Der Tod und die
Philosophie sind wertvolle Werkzeuge für ein gelingendes Leben.

Sie erforschen die Einsatzmöglichkeiten von Philosophie bzw. Philosophischer Praxis in Palliative Care und Hospizarbeit, um die Lebensqualität von Sterbenden und deren Angehörigen zu verbessern. Heute wollen wir aus der Perspektive der hoffentlich noch gut Lebenden auf das Thema blicken. Was können wir von Ihrer Arbeit für unser Berufs- und Privatleben lernen?

Philosophie und die Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit eröffnen viele wertvolle Perspektiven fürs Leben. In unserem Projekt schauten wir nicht nur auf die allerletzte Lebensphase von Menschen, sondern auch auf die Angehörigen, die trauern, aber weiterleben. Und die Diagnose, dass eine Krankheit nicht mehr heilbar ist, womit die Palliativarbeit beginnt, kommt oft viele Jahre vor dem Tod. Wer einmal in einem Hospiz war, merkt: Da geht es gar nicht ums Sterben, sondern immer ums Leben. Auch Sterbende sind Lebende, insofern ist der Ansatz, den wir hier heute wählen, sehr treffsicher. Viele ehrenamtliche Hospiz-Mitarbeiterinnen haben selbst Angehörige verloren, im Hospiz eine bemerkenswerte Sorgekultur erlebt und möchten diese nun weiter- und mittragen. Diese Menschen wurden unmittelbar mit der eigenen Endlichkeit konfrontiert und tragen dieses Bewusstsein wieder ins Leben, in die Kommune.

ZUR PERSON
Ein Mann in Blazer und Jeans sitzt an einem Schreibtisch am Fenster, auf dem Tisch stehen ein Glas und ein Notizblock.

Patrick Schuchter

  • geb. 1979
  • Philosoph und Krankenpfleger
  • studierte Philosophie in Innsbruck und Paris
  • Er promovierte bei Andreas Heller und Peter Heintel an der Fakultät für Interdisziplinäre Forschung und Fortbildung, Universität Klagenfurt.
  • Schuchter forscht an der Hochschule Campus Wien (Zentrum für angewandte Pflegeforschung) sowie an der Universität Graz (CIRAC) in den Feldern Care- und Pflegeforschung, Sozialphilosophie und Philosophische Praxis, Public Health Palliative Care.

Was bewirkt das Bewusstsein über die eigene Sterblichkeit im Leben?

Die Auseinandersetzung mit dem Tod und die Begleitung eines sterbenden Menschen bergen viel Wertvolles – und so paradox das klingt, weil der Weg ja sehr leid- und schmerzvoll sein kann und viele ihn lieber nicht gehen würden. Die, die es dennoch tun, erkennen, dass sie dabei und daran existenziell wachsen. Es handelt sich um eine bedeutende Erfahrung, die lange nachwirkt und bleibt.

Was verändert sie?

Sie rückt schlagartig die Prioritäten im Leben ins Bewusstsein: Was ist mir wirklich wichtig? Mit wem habe ich die wichtigsten und innigsten Beziehungen? Hinterlasse ich die Welt ein wenig besser, als ich sie vorgefunden habe? Hier klingen die Aspekte Selbstbestimmung und Selbstwirksamkeit an: Werde ich gelebt oder lebe ich? Man stellt also die wesentlichen Fragen – und es sind immer Fragen des Lebens, nicht des Sterbens.

Und wo setzt da die Philosophie an, was ist ihr Mehrwert?

Ich habe ursprünglich Philosophie studiert und bin dann Krankenpfleger geworden. Im Berufsalltag habe ich beobachtet, dass diese existenziellen Fragen sehr viel mit Philosophie zu tun haben. Wieso, dachte ich, hat die Philosophie noch keinen Eingang gefunden in die Palliativ- und Hospizarbeit? Dort gibt es Psychotherapie, Seelsorge, Spiritual Care, Coaching, Reflexion, Supervision und Ethik – nur keine Philosophie. Warum verzichtet man auf diesen jahrtausendealten Schatz?

Aber wie profitieren wir davon konkret in unserem Alltag?

In der Antike, in Zeiten von Sokrates, Epikur, den Stoikern, war Philosophie keine abgehobene akademische Disziplin, sondern alltägliche Lebenskunst. Die Stoiker waren Politiker oder freigelassene Sklaven wie Epiktet, dieser hat, wie Sokrates, keine einzige Zeile, kein einziges Lehrbuch geschrieben. Ihre Schüler haben die Lehren später aufgezeichnet. Ein zentraler Gedanke war die meditatio mortis, das „Memento mori“: Bedenke, dass du sterben wirst. Dieser Blick zwingt uns auf die Ebene unserer objektivierbaren Werte im Leben. Nehmen wir das Berufsleben als Beispiel: Egal, welcher Tätigkeit ich nachgehe, wird meine Arbeit teilweise Sinn stiften und teilweise nicht. Der Memento-mori-Standpunkt treibt mich dazu an, alles in meiner Macht Stehende zu tun, meinem täglichen Tun Wert zu verleihen: Präsent zu sein, bei dem was ich tue, in Beziehung zu den Menschen zu gehen, meine Rolle und meine Wirkung aufs große Ganze zu bedenken – nicht nur die Welt von mir aus, sondern auch mich von der Welt aus sehen zu lernen.

Ein Mann in einer Jacke gestikuliert, während er an einem Schreibtisch spricht, während eine andere Person mit Stift und Notizbuch Notizen macht. Im Hintergrund sind ein Fenster und Bäume zu sehen.

„Wer nur ‚sein Geschäft‘ versteht, hat nicht einmal dieses gut verstanden – schon gar nicht die Zusammenhänge im Großen.

Patrick Schuchter
Philosoph und Krankenpfleger

Wie unterscheidet sich die Wirksamkeit der Philosophie von anderen Methoden, etwa der Psychologie oder der Seelsorge?

Ein Stand-alone-Merkmal von Philosophischer Praxis ist die radikale Offenheit des Fragens ohne vorgefertigtes Ziel. Die Psychologie möchte, dass es dir besser geht, die Seelsorge hat letztlich konfessionelle Voraussetzungen. Die Philosophische Praxis – so heißt jene Bewegung, die die Philosophie wieder in den Alltag der Menschen bringen will, lädt ihre „Gäste“ zu einer kritischen Radikalität des Denkens ein, die auch irritieren und erschüttern „darf“. Zudem ist Philosophie keine Privatsache. Ein schwer erkrankter Mann, der im Rahmen unserer Forschung Gespräche mit einer Philosophischen Praktikerin führte, meinte zum Beispiel: „Erst die Philosophie hat mich aus dieser ‚Betroffenheits-Nummer‘ rausgeholt.“ Das sollte uns zu denken geben, denn auch wenn ein Mensch an Krebs sterben wird oder anders erkrankt oder hilfsbedürftig ist, bleibt dieser Mensch trotzdem weiter Bürger oder Bürgerin dieses Landes. Niemand ist nur Patient oder Heimbewohnerin. Gerade in diesen Lebensabschnitten haben Mensch auch etwas zu gesellschaftspolitischen Fragen beizutragen.

Wenn es um existenzielle Fragen geht, hört man oft das Klischee „Hätte ich doch weniger gearbeitet!“ Das vermittelt doch eine sehr trostlose Sicht auf Erwerbsarbeit?

Ja, und diese Aussage wird dem Berufsleben auch nicht gerecht: Vielmehr geht es um ein Bemühen, im Job sinnstiftend tätig zu ein, ausreichend zu verdienen, unser Zusammenleben friedlich zu gestalten und für unsere Liebsten sorgen zu können. Ganz funktioniert das derzeit leider nicht, weil die so wesentliche Care-Arbeit, historisch die Frauenarbeit, nicht als ökonomischer Faktor gesehen wird. Ihr immenser Mehrwert wird fast schon bewusst ausgeblendet – und hier kann die Philosophische Praxis beispielsweise dienlich sein, um ein Umdenken zu bewirken.

Philosophieren im Sinne von „memento mori“, das Nachdenken über die existenziellen Fragen als Werkzeug, um gesellschaftspolitische Weiterentwicklung voranzutreiben?

Exakt, weil wir uns angesichts unserer Sterblichkeit die großen Zusammenhänge bewusstwerden und unseren Platz im großen Ganzen begreifen. Das ist unheimlich heilend – für das Individuum genauso wie für die Gesellschaft im Gesamten. Dieses Gefühl der Verbundenheit ist uns bis zu einem gewissen Grad als Gesellschaft verlorengegangen, und es würde in vielen Bereichen Gutes bewirken, wenn wir es uns zurückholen. Und wenn wir eines Tages selbst Hilfe brauchen, versorgen uns nur zu einem kleinen Teil professionelle Pflegekräfte, der überwiegende Anteil der Unterstützung wird von Menschen in meinem Umfeld getragen. Wenn ich heute eine gute Nachbarschaft pflege, kocht mir die Nachbarin in 10 Jahren, wenn ich darauf angewiesen bin, vielleicht einen Teller Suppe. „Gesellschaft“ findet überall statt: in Unternehmen, in Schulen in Communitys, in Gemeinden – und ebendort stellen sich existenzielle Fragen. Dann wird auch Care-Arbeit aufgewertet, weil wir sehen, dass wir da die tiefen und bedeutsamsten Erfahrungen des menschlichen Lebens machen.

Drei Personen sitzen bei einer Podiumsdiskussion und sprechen. Ein Mann gestikuliert beim Sprechen, die anderen hören aufmerksam zu. Alle scheinen in ein Gespräch vertieft zu sein.
Schuchter schafft Raum für radikale Offenheit in der Diskussion.

Wie könnte ich dieses Wissen nützlich auf mein Unternehmen, mein Leadership, meine Organisation anwenden?

Das ehemalige technokratische Führungs- und Organisationsverständnis gibt es ja heute zum Gück nicht mehr. Dennoch herrscht oft noch die Illusion der totalen Sachlichkeit und Instrumentalität vor. Das trifft aber in keinem Unternehmen zu, nicht einmal in einer Bank. Als Führungskraft oder Arbeitgeberin könnte ich zum Beispiel Freiräume schaffen, in denen meine Angestellten nicht nur eine Banane essen, Kaffee trinken und eine Zigarette rauchen: Ich kann Pausen bewusst als Unterbrechung der Routine gestalten und damit Raum für Fragen und Auseinandersetzung schaffen. Das wäre eine moderne Demokratiekultur. Diese Zonen der Unterbrechung für Dialog und Denken sind der Ort, an denen die Subsysteme über sich hinauswachsen, damit wir unser Zusammenleben gestalten können. Wer nur „sein Geschäft“ versteht, hat nicht einmal dieses gut verstanden – schon gar nicht die Zusammenhänge im Großen. Einerseits braucht es sicher moderierte philosophische Gespräche über das Leben und Zusammenleben, andererseits aber auch eine vielfältige Saat von „mikrophilosophischen“ Momenten, weil wir als Menschen und Gesellschaft, als Unternehmen und „Communities“ eben mehr sind als nur ein durch besondere Mechanismen etwas besser koordinierter Ameisenhaufen. Dem gilt es gerecht zu werden.

Im Hinblick auf den aktuellen gesellschaftlichen Diskurs, Stichwort Cancel Culture oder Meinungs-Bubbles, vielleicht ein hochaktueller Ansatz?

Ja, genau: Ich hole die Leute aus ihrer Blase oder Binnenlogik heraus und versuche, gemeinsam mit ihnen zu einem hochqualitativen Austausch zu kommen. So können wir „citizenship“, also „Bürger-Sein“ in Betrieben und Organisationen leben. Das geht über die Arbeitsleistung hinaus. Oder, wie der Klagenfurter Philosoph Peter Heintel es einst formuliert hat: Philosophie beginnt dort, wo wir Systeme unterbrechen. Fortschritt braucht Orte, wo Widerspruch und Vernetzung möglich sind, wo wir fürs Ganze denken, nicht nur für uns selbst. Ich bin überzeugt, wir werden als Demokratie nur dann überleben, wenn wir wieder lernen, uns wirklich aufeinander zu beziehen, ohne uns den Schädel einzuschlagen. Wichtig sind dabei – was die berufliche Philosophische Praxis betrifft – allerdings auch die Qualitätssicherung und Abgrenzung zu marktschreierischer Esoterik. Aber eine Philosophische Praxis, die bei den existenziellen Tiefenerfahrungen beginnt und in der Haltung und der Kultur von Hospizarbeit gründet, insofern von dieser lernt oder dieser ähnelt, kann eine neue dialogische Qualität in die Welt setzen.

Philosophische Praxis in Palliative Care und Hospizarbeit

  • „Welche Funktion/Rolle kann philosophische Reflexion in der Entwicklung von Sorgekultur und Sterbewissen einnehmen?“
  • Dieser Frage widmete sich ein dreijähriges, vom Wissenschaftsfonds (FWF) des Bundes gefördertes Forschungsprojekt
  • Durchgeführt am Zentrum für Interdisziplinäre Alterns- und Care-Forschung (CIRAC) an der Universität Graz und der Hochschule Campus Wien (Zentrum für Angewandte Pflegeforschung)
  • Projektteam: Patrick Schuchter (Leitung), Sandra Radinger,
    Stefanie Rieger und Klaus Wegleitner

Fotos: Patrick Schuchter

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