Ein Archivar nicht vergangener Zeit
Der Universalkünstler Robert W. Sackl-Kahr Sagostin gilt als einer der schillerndsten Vertreter zeitgenössischer Avantgarde in Mitteleuropa. Als Fotograf, Designer und Grafiker wurde er vielfach ausgezeichnet. Wir trafen den Weltenbürger, der zwischen Kreativstätten in Graz, Wien, Triest, Venedig und Südwestfrankreich pendelt, zum Gespräch über seine aristokratischen Vorfahren, das Licht der Renaissance und wie er als Archivar die Historie konserviert.
Es ist ein heißer Sommertag, als wir bei Robert W. Sackl-Kahr Sagostin anläuten. Im schwarz-weiß gestreiften Leinenanzug und mit Hut steht der weltweit bekannte Grafiker, Maler und Fotograf an der Tür seines Grazer Gründerzeit-Ateliers und empfängt uns mit einem Lächeln. Man ist gleich per Du. Wir gehen vorbei an einem steinernen Gefäß mit unzähligen Gehstöcken, Teppiche aus aller Welt sind ausgelegt, Fotografien und Kunstwerke bedecken nahezu jeden Zentimeter der Wände. Industrieregale mit Büchern, antike Skulpturen und Kunstgegenstände der Moderne wechseln sich mit neuester Fototechnik ab. Bei einem Kaffee im Wohnzimmer fallen afrikanische Masken auf, die zwischen Minibar und antiquarischen Vitrinen voller Reiseerinnerungen ihren Platz haben. Der Wind zieht durch die offenen Fenster, bläht die Vorhänge wie Segel. Man könnte sich ebenso in einer der anderen Kreativstätten des Künstlers wähnen, die sich von Wien, Triest, Venedig bis Südwestfrankreich erstrecken – oder in einer längst vergangenen Zeit.
ZUR PERSON
Robert W. Sackl-Kahr Sagostin
- Geboren 1960 in Graz
- International bekannt als Fotograf, Grafiker und Maler
- Studien der Geisteswissenschaften in Graz sowie Kunst und Design an renommierten Akademien in Mailand, Parma und Venedig
- Seit 1982 freischaffender Künstler mit Fokus auf Fotografie, Design, Bildhauerei, Bühnenbild, Grafik, Illustration, Malerei und Industrial Design
- Er gewann renommierte Preise wie die Medaglia d‘Oro in Mailand oder den Polaroid Award und erhielt Ehrentitel wie den italienischen Cavaliere delle Arti e del Lavoro.
- Seit mehreren Jahrzehnten Einzel- und Gruppenausstellungen auf der ganzen Welt
- Seine Werke werden regelmäßig in renommierten Auktionshäusern neben Größen wie Hundertwasser oder Andy Warhol gelistet und versteigert.
- Pendelt als Kosmopolit zwischen eigenen Kreativwerkstätten wie Graz, Wien, Venedig, Triest und Südwestfrankreich.
Eine adelige Herkunft
„Aus Preußen sind die Urgroßeltern damals wegen dem Klima in den Süden gezogen und haben sich Ende des 18. Jahrhunderts in Triest niedergelassen. Aus dieser Zeit stammen viele Geräte, die meine Großmutter, Hertha Kahr-Thurm, in ihrem Atelier teilweise in den 1960er-Jahren noch benutzte, um ihre Kreativität zu leben – seien es Entwürfe für exklusive Modekreationen, Schmuck- und Gebrauchsgegenstände oder Techniken der Negativretusche in der Fotografie“, erzählt Sackl-Kahr Sagostin von seiner aristokratischen Herkunft. Die Großmutter wurde prägend für sein späteres Schaffen als Fotograf. „Sie erklärte mir früh die Grundlagen der Fotografie. Gemeinsam experimentierten wir mit Kollodiumplatten, einer Technik der Frühzeit, und viele weitere Fotobearbeitungsarten hatte ich von ihr gelernt“, erinnert sich Sackl-Kahr Sagostin, und erzählt eine Anekdote: „Im dritten Stock des Gebäudes gegenüber dem Fotoatelier meiner Großmutter, im Hause der Apotheke Picciola in der Via Barriera Vecchia, wohnte zwischen 1910 und 1922 übrigens James Joyce. Öfters lud er meine Großmutter nach der Schule auf eine heiße Schokolade in die Pasticceria Pirona ein, wo er gerne seine Texte überarbeitete. Gerade das einzigartige Flair des habsburgischen Triest und die literarische Szene dieser österreichisch-slawisch-italienisch geprägten Stadt am Meer beeinflussen bis heute mein Schaffen.“ Und natürlich die vielen Reisen: „Da ich auf eine private Volksschule ging, konnte ich viel weg sein. Und mit der Omi war es insofern lustig, da sie nie gesagt hat, fahren wir in den und den Ort, sondern fahren wir ins Café Greco, sprich nach Rom, gehen wir ins Café Gilli, also nach Florenz, oder besuchen wir das Café Trianon in Alexandria. Das war eine völlig andere Zeit.“ Diese Faszination für Kaffeehäuser ist geblieben: „Es ist einer meiner liebsten Arbeitsorte, wo ich skizziere, da ich gerne analog arbeite.“
„Für mich ist die analoge Fotografie aus der Malerei entstanden.“
Martyrium und Kunstakademie
Diese unbeschwerte Zeit wurde jäh durch die Mittelschule an einem Grazer katholischen Internat unterbrochen. „Ein achtjähriges Martyrium, das einen Teil meines Lebens nutzlos und nachhaltig vernichten sollte. Gott sei Dank konnte ich mich schon in der Unterstufe heimlich aus dem Marieninstitut davonschleichen, für z.B. Besuche bei meiner Großtante Clara, die neben der Kirche am Mariahilferplatz ein herrlich antiquiertes Fotolabor betrieb, samt verwildertem Garten, Musikpavillon und Igelhaus. Oder bei meinem Großonkel Benno, dessen Atelier am Karmeliterplatz direkt am Schloßbergaufgang lag. Während dieser Zeit habe ich hauptsächlich gezeichnet, um nicht in den Unterricht gehen oder die Studierstunden besuchen zu müssen. Da ich aber jeden Tag die Messe besuchte, konnten sie mich nicht rauswerfen, weil sie gesagt haben: ‚Er tut zwar nichts, aber wir haben niemanden, der so oft zu den Gottesdiensten geht.‘ Nach dem endgültigen Rauswurf am Ende der siebten Klasse wechselt er die Schule und lernt den Künstler und Lehrer Norbert Nestler kennen, der ihn zum Studium an der Kunstakademie in Mailand inspiriert. Dort begegnet er der Postmoderne in der Architektur, lernt Gestaltung, Innenraumgestaltung und Möbeldesign. Über Parma und Venedig, über Malerei und Komposition, führt ihn sein Weg schließlich zur Fotografie. „Ich finde, die analoge Fotografie ist aus der Malerei entstanden. Alleine, wenn man sich die klassische Komposition ansieht, die sich an der Tafelmalerei anlehnt, und das Licht, das vor allem in der Renaissance ausschlaggebend war. Ich bin froh, eine Schule gehabt zu haben, in der ich das Sehen gelernt habe.“
Venedig in Schwarz-weiß
Venedig nimmt bis heute einen besonderen Platz in der Geografie und künstlerischen Biografie Sackl-Kahr Sagostins ein. La Serenissima bei Nacht zählt zu seinen bevorzugten Schwarz-Weiß-Motiven. Mit seiner analogen Mittelformatkamera begibt sich der Fotograf regelmäßig auf nächtliche Spaziergänge durch die menschenleere Stadt. „Was mich immer fasziniert hat, war das sehr kalte, intensive Licht der damaligen Karbitstraßenbeleuchtung. Bei langen Belichtungszeiten zwischen 30 bis 50 Sekunden bringt es die Strukturen, die Fassaden besonders detailreich heraus.“ Doch Sackl-Kahr Sagostin ist nicht nur für seine Fotografien bekannt: „In Laibach habe ich mit einem Partner eine Lithografie-Werkstatt mit 30 Mitarbeitern betrieben. Wir haben für Firmen große, sehr hochwertige Buchproduktionen gemacht, mit bis zu vierzehn Schmuckformen – etwas, das niemand anbieten konnte.“
Zeit in Marrakech
Diese Arbeiten führten ihn nach Marrakech, wo er sechs Jahre blieb: „Einer meiner künstlerischen Schwerpunkte dort war Grafik. Ich habe dort außerdem sehr bunt gearbeitet in Kollagen, einer Kombination aus Malerei mit afrikanischen Farbpigmenten und Polaroids.“ Aufträge wie ein Briefmarken-Design für den marokkanischen König, Parfum-Flakons für einen italienischen Parfümeur, ein aufblasbarer Reisekühlschrank und zahlreiche Ausstellungen folgten. „Ich lernte damals meine Frau kennen, die Pianistin Aurélie Tremblay, und wir kehrten schließlich nach Österreich zurück und gründeten eine Familie. Seit längerer Zeit ist Wien unsere Wahlheimat.“ Mit Graz blieb er dennoch verbunden, etwa durch das Marketing für das Erzherzog-Johann-Hotel und die Publikation „Graz subjektiv“ mit 1297 Fotos.
Zyklen als Archive
Apropos: Als Fotograf und Künstler arbeitet Robert W. Sackl-Kahr Sagostin bevorzugt in Zyklen und Serien. „Mit zunehmendem Alter sehe ich immer mehr Zusammenhänge. Auch zwischen dem Gestern und Heute. Als ich zusammen mit der Großmutter in Marokko Paul Bowles getroffen habe. Wenn mir jemand erzählt, dass mein Stiefvater in den 1950er-Jahren mit Ernest Hemingway in Venedig eine Sauftour unternommen hat. Oder die Atmosphäre, als meine Großmutter 1979 bei einem Projekt für ein Bühnenbild mit David Hockney zusammenarbeitete. Da entstehen Querverbindungen und Verquickungen durch ganz Europa, auch zu Leuten, die ich persönlich nicht gekannt habe. Für mich scheint das noch richtig vorhanden, als wäre die Zeit nicht vergangen. Oder ich tue zumindest so, damit ich darin eintauchen kann. Um die Historie, die Momente festzuhalten, und irgendwo künstlerisch einzubauen und damit wieder aufleben zu lassen – und andere daran teilhaben zu lassen. Aus diesem Grund fotografiere ich seit Jahrzehnten archivarisch bestimmte Dinge, wo ich gar nicht weiß, ob ich die mal später aufgreifen werde. Erzählungen und Fotos von Menschen, die mir begegnet sind, die mich begleitet haben.“
Themen in Fülle
Aktuell arbeitet Sackl-Kahr Sagostin an einem Buch über Sigmund Freud; Werke über Paul Bowles und Ezra Pound schlummern noch im Hintergrund. „Es gäbe viel mehr Themen, die ich behandeln will, als es überhaupt möglich ist.“ Doch wie schreibt der Schriftsteller und Journalist Gregor Auenhammer, mit dem Sackl-Kahr Sagostin das Buch „Café de Vienne“ herausgab, in einem Artikel in Der Standard: „Vom Festhalten eines entschwindenden Geistes, einer Spiritualität, einer Philosophie zeugen seine archaischen Schwarz-Weiß-Aufnahmen – adäquat der Stimmung der Orte voll Wehmut.“ So leben in den Objekten, Stillleben, Porträts und Landschaften Robert W. Sackl-Kahr Sagostins – vieles davon anknüpfend an die Tradition der österreichischen Jahrhundertwende – Menschen und ihre Geschichte(n) fort. Als wäre die Zeit nicht vergangen.
Fotos: Oliver Wolf