Ein lächelnder Mann in einem schwarzen Hemd und einer Mütze sitzt mit gefalteten Händen da. Er hat Tätowierungen auf dem Unterarm und den Fingern und sitzt in einem Innenraum mit einem abstrakten Gemälde im Hintergrund.
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Neuen Sinn im Unsinn finden

Der in Graz lebende und wirkende Künstler Monsieur Schabernack verbindet in seiner Kunst Sinn mit Unsinn. Seine dadaistischen, großformatigen und fotorealistischen Ölgemälde versieht der Künstler mit Elementen aus der Street-Art – inhaltlich aberwitzig, stilistisch gegensätzlich und seinen Worten nach irgendwie total bescheuert. Ganz bewusst: Monsieur Schabernack geht es um Freiheit, Leichtigkeit und Spaß – auf der Leinwand und im Leben. Ein Porträt.

Als wir Christoph Zeugswetter alias Monsieur Schabernack in seinem Atelier besuchen wollen, treffen wir ihn zufällig am Weg dorthin – vollbepackt mit Holzleisten für seine Ölgemälde. „Darf ich dir was abnehmen“, fragt der Redakteur. Monsieur Schabernack bejaht, kramt nach seinem Schlüssel, führt in die hellen Werkstätten-Räumlichkeiten direkt hinter dem „Mützenmafia-Store“ nahe des Grazer Lendplatz und macht Kaffee. Trotz der weitläufigen Räumlichkeiten des „Offenen Ateliers“, in denen der Künstler malt und obendrein jeden Donnerstag zwischen 17:00 und 20:00 Uhr Zeichen- und Malkurse für Interessierte anbietet, wirkt es heimelig und gemütlich. Wohl der perfekte Ort, sich der Kunst hinzugeben? „Ich bin total happy, dass ich das hier gefunden habe“, antwortet der gebürtige Wiener, der nach Stationen in Linz und Salzburg nun in Graz „angekommen ist“, wie er sagt. Wir setzen uns an den großen Holztisch in der Mitte des Ateliers, zwischen großen Papierrollen, Malutensilien und vielen Spraydosen. Es riecht nach Kaffee, Ölfarbe und Holz.

Nach vielen Stationen hauptberuflich Künstler

Mit dem Sprayen fing für Monsieur Schabernack alles an. „Auf der Donauinsel gab es eine Art ‚Hall of Fame‘: Eine legale Graffiti-Wand mit Werken von Künstlern, die mich damals, als ich zehn Jahre alt war, total faszinierten. Ich dachte: Wie schafft man das? Das ist irre! Ich wollte das auch können!“ So begann er, mit Kreativen und Skateboardern aus der Szene zu sprayen. „Ursprünglich wollte ich Sportler werden, genauer gesagt Eishockeyspieler. Aber das mit der Kunst hab ich daneben immer gemacht. Als junger Erwachsener fand ich einen Weg, mir mit „legaler Kunst“ sogar was dazuzuverdienen – so kam ich zum Airbrushen mit Acrylfarben.“ Zuerst gestaltete er Eishockey-Helme und wechselte wenig später zur Leinwand. „Ich wollte aber freier sein und habe schließlich gemerkt, dass das mit dem Sportstudium nix für mich ist. Um beruflich etwas Kreativeres zu machen, begann ich eine Ausbildung zum Grafiker in einem Kolleg in Linz, da ich aus Wien wegwollte. Die Stadt wurde mir zu laut.“ Wirklich frei fühlt sich Monsieur Schabernack erst seit dem Moment, in dem er sich dazu entschloss, hauptberuflich Künstler zu werden. „Der Gedanke war schon immer da. Aber dass ich mich wirklich traue, kam Stück für Stück. Und als ich merkte, oh, das funktioniert, musste ich mich nicht mehr viel trauen“, schmunzelt er.

Ein Mann in schwarzer Kleidung und einer Mütze entspannt sich auf einem braunen Sofa in einem Kunstatelier, umgeben von Gemälden, einer gelben Topfpflanze, einem Tisch mit Malutensilien und dem Bild einer Frau, das über ihm an der Wand hängt.
Monsieur Schabernacks Kompositionen erzeugen einen räumlichen Eindruck, der wirkt und erstaunt.

Malereien als 2D-Skulpturen

Sein Hintergrund als Grafiker findet Ausdruck in seiner Kunst: „Alles, was ich bis jetzt gemacht habe, beeinflusst meine Malerei: Sei es der Sinn für Farbaufbau und Komposition, den man in der Grafik braucht, oder der Minimalismus, etwas bis aufs Letzte runterzukochen. Noch aus der Zeit des Sprayens kommen die reduzierten Hintergründe und Schatten, weil sonst existiert das Gemalte nicht in der realen Welt“, erklärt Monsieur Schabernack, und zeigt auf ein großes Bild hinter ihm, auf dem ein Streichholz zu sehen ist – eine neue Werkserie, an der er arbeitet. Tatsächlich verleiht der Künstler seinen Ölgemälden eine plakative und fast plastische Anmutung, einen räumlichen Eindruck, als wären sie 2D-Skulpturen. Noch etwas anderes fällt in seinen Werken auf: Die in akribischer, langwieriger Arbeit nahezu fotorealistisch gemalten Motive wurden mit Übermalungen versehen, die einen Bruch erzeugen, das Bild „stören“. Als wir den Künstler nach seiner Motivation fragen, schwingt fast schon ein vorwurfsvoller Ton mit. Monsieur Schabernack, in seiner sympathischen Art, lacht erheitert: „Ich höre diese Frage nicht zum ersten Mal. Hmm, ich sehe meine Übermalungen wie die 15-jährigen Kinder, die eine Spraydose in der Hand haben und irgendwo auf der Straße rumrennen, irgendwas übermalen oder Blödsinn auf die Wand sprühen; und dann kommen Pensionisten vorbei und regen sich furchtbar drüber auf. Was deine Frage nach dem Warum betrifft, sage ich immer: ‚Das muss ich machen, das bricht etwas auf, alles andere wäre total fad, wäre nichts Neues!‘“ Außerdem entsteht durch den herbeigeführten Kontrast aus einerseits Übermalungen auf feinausgearbeiteten Ölgemälden und andererseits einer Mischung aus gegenständlichen und abstrakten Elementen ein Spannungsbogen, dem sich Betrachter nur schwer entziehen können. Seine Bilder stellen nämlich Fragen, ohne jedoch die Antwort zu offenbaren.

Eine graue Maneki-neko-Statue (winkende Katze) mit rosa gemalten Schnurrhaaren und dem Text "TRUST ME" oben und "UNTRUST ME" unten, alles auf einem weißen Hintergrund.
In Werkserien erzählt der Maler Geschichten. Jedes Bild markiert dabei ein Kapitel. Comicfiguren, Alltagsgegenstände, Pop-Kultur – Motive, in denen sich der Künstler wiederfindet.
Ein stilisiertes Gemälde einer Frau mit langem, wallendem Haar, die Augen geschlossen und den Kopf nach hinten geneigt. Schwarze Tränenformen mit Spuren verlaufen von ihren Augen, und auf ihrer Schulter ist eine auffällige schwarze Ankertätowierung zu sehen.
Klassisches Gemälde eines Cherubs mit Flügeln und einem gelben Tuch, der einen großen Zapfen im Mund hält. Der verschnörkelte Goldrahmen und das Gemälde sind mit schwarzem Graffiti besprüht, darunter ein Heiligenschein und Akzentzeichen.
Eine Hand, die einen gelben Gummihandschuh trägt, formt ein Friedenszeichen. Über den Fingern suggerieren eine schwarze gestrichelte Linie und ein Scherensymbol eine "Hier abschneiden"-Linie, als ob sie anweisen würden, die ausgestreckten Finger abzuschneiden. Der Hintergrund ist dunkel.

Inhaltlich aberwitzig, stilistisch gegensätzlich

Damit gliedert sich der Künstler seiner Meinung nach in die Reihe der Dadaisten, „die vor Augen führten, dass nichts vorgefertigt ist, auch keine Ordnung. Überhaupt habe ich das Gefühl, dass der Aktionismus in den 1960er-Jahren das letzte Mal war, wo irgendwas Neues passiert ist, das ein großer Schock war, das etwas aufbrach. Das will ich mit meinen Werken erreichen. Ich will aufzeigen, dass Sinn nicht immer so wichtig ist, dass man sich selber nicht so wichtig nehmen sollte, dass man vielleicht die Kunst nicht so wichtig nehmen sollte – dass man dem Unsinn mehr Raum geben darf. Außerdem hebelt der Unsinn nicht nur den Sinn, sondern auch die ‚Wahrheit‘ aus. Er sorgt so für Freiheit, Leichtigkeit, Spaß – und Schabernack. Darum geht es meiner Meinung nach im Leben. Das ist auch der Grund, warum ich ‚Monsieur Schabernack‘ als Künstlernamen wählte“, so der Maler. Angesprochen darauf, warum er fast ausschließlich großformatige Bilder malt, antwortet er: „Dadurch wird das Gezeigte – das in echt entweder viel kleiner ist, manchmal vielleicht gar kitschig oder inhaltlich gar nicht so viel zu bieten hat – total absurd und irgendwie total bescheuert.“

Die Suche nach dem perfekten Motiv

Eine Hand in einem Spülhandschuh, die entweder einen Revolver, ein Weinglas oder eine Porzellantasse hält, eine Lego-Figur ohne Gesicht, eine Quietschente mit aufgemalter Piratenaugenklappe – Woher nimmt der Künstler die Inspiration für seine Motive? „Oft sind das Gegenstände, in denen ich mich wiederfinde. Aber ich denke das, was mich antreibt, ständig neue Werke zu produzieren, ist die besessene Suche nach dem perfekten Motiv. Diese Suche hört wahrscheinlich nie auf, denn ganz zufrieden bin ich nie. Was mich auch immer wieder motiviert, ist ein neues Bild zu malen, das mich wirklich weiterbringt als Künstler.“

In Bildern erzählte Geschichten

Monsieur Schabernack weist uns darauf hin, dass er bevorzugt an Werkserien arbeitet. „Meine Werkserien sind wie Geschichten. Jedes Bild ein Kapitel. Wie man eine Geschichte schlecht mit nur einem Satz erzählen kann, kann man sie nicht mit einem einzelnen Bild erzählen. Es müssen mindestens drei Bilder gemalt sein, nur so habe ich das Gefühl, dass das wirklich einen Sinn – oder Unsinn – ergibt, dass das System funktioniert. Und ich stelle mir bei jeder Werkserie die Fragen: Gehen die neuen Bilder mit meinem Stil konform? Sehe ich mich da authentisch wiedergegeben? Ist das für mich Kunst? Dass ich darüber reflektiere – das macht für mich die Definition von Kunst aus. Eine ehrliche Auseinandersetzung mit einem Thema, indem man sich miteinbezieht und hoffentlich sagt: Ja, das geschaffene System und ich passen zusammen. Erst dadurch, erst dann entsteht etwas wirklich Neues.“

Eine rosafarbene Maneki-neko-Statue (Glückskatze) mit gezeichnetem schwarzen Schnurrbart und Zylinder, die ein Oval mit der Aufschrift "MIAU" vor einem strukturierten blauen Hintergrund hält, mit einer Signatur unten rechts.
Eine gelbe Gummiente mit einer schwarzen Piratenaugenklappe steht vor einem blauen Hintergrund. Die Buchstaben "A H O I" stehen oben und "M O N S I E U R S" unten auf dem Bild.
Eine stilisierte, blau getönte Cartoon-Hundefigur mit roter Mütze und Handschuhen winkt mit einer Hand. Neben dem Kopf steht "MON SIE VAS" geschrieben. Der Hintergrund ist ebenfalls blau.

Christoph Zeugswetter alias Monsieur Schabernack

  • Geboren 1984 in Wien
  • Lebt und arbeitet als Bildender Künstler in Graz seit Oktober 2023
  • Studium der Sportwissenschaften bis 2012, danach HTL für Kommunikationsdesign in Linz
  • Monsieur Schabernack ist seit 2017 als Grafikdesigner selbstständig und unterrichtet an der Kunstvolkshochschule Wien
  • Zahlreiche Gruppen- und Einzelausstellungen
  • Soloausstellung KVH Wien (2021)
  • Kunstmesse ArtMuc und Stuttgart (2023)
  • Gruppenausstellung Atterseehalle (2023)
  • Gruppenausstellungen in der Bakerhouse Gallery (2022, 2023)
  • Monsieur Schabernack wird seit 2022 von der Bakerhouse Gallery Graz vertreten

 

Fotos: Oliver Wolf, Monsieur Schabernack

Banner mit dem Text "trinkvergnügen" und "Über 450 Weine & Champagner einfach online bestellen." Rechts zeigt ein Foto zwei Gläser Rotwein auf einem Holztisch im Freien bei Sonnenuntergang.