Härtetest vor der Gründung
Vom Businessplan zur Unternehmensrealität: In der kritischsten Phase auf dem Weg zum tragfähigen Geschäftsmodell begleiten das ZAT Leoben und das Green KAIT Kapfenberg Gründungswillige mit dem Programm „Green Incubees“ – mit Leistungen im Wert von bis zu 30.000 Euro. Konzepte reichen von Vorhersagetechnologien bis hin zu digitalen Kuhglocken.
Zwischen einer innovativen Idee und einer zukunftsfähigen Unternehmensgründung liegen viele Stolpersteine, die über Erfolg oder Scheitern entscheiden können. Die Vision ist klar formuliert, der Businessplan erstellt – doch hält das Konzept auch dem Realitäts-Check stand? Gibt es zahlungsbereite Kundinnen und Kunden, ein klares Alleinstellungsmerkmal, eine realistische Kostenstruktur? Genau hier setzt das Programm Green Incubees an, das in der Obersteiermark an zwei Standorten umgesetzt wird: am Zentrum für Angewandte Technologie an der Montanuniversität Leoben sowie am Green KAIT an der FH JOANNEUM Kapfenberg.
Als Hochschul- und Industriezentrum hat sich die Region das Potenzial für technologische Start-ups im Sinne des European Green Deal, der die Transformation hin zu einer klimaneutralen Wirtschaft bis 2050 zum Ziel hat, bewusst gemacht. Das Programm, kofinanziert durch den Just Transition Fund (JTP) der Europäischen Union sowie Mittel aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung, ist eingebettet in die Initiative Green Startupmark. „Mit der Green Startupmark schaffen wir bis 2028 ein lebendiges Innovationsökosystem, das die grüne Transformation in der Obersteiermark entscheidend vorantreibt und die Steiermark als attraktiven Startup-Standort für grüne Technologien stärkt“, unterstreicht Katharina Menzel, Projektmanagerin Standortentwicklung & Standortmanagement bei der Steirischen Wirtschaftsförderung. Rund sechs Millionen Euro fließen dafür in die Obersteiermark.
Green Incubees
- Das Green Incubees Programm im ZAT Leoben und im Green KAIT Kapfenberg führt nachhaltige Hightech-Ideen vom Businessplan zum ersten Prototypen.
- In Coachings und Workshops werden Geschäftsmodell und Technologie auf Praxistauglichkeit geprüft, Sachleistungen unterstützen den Prototypenbau. Leistungen im Wert von bis zu 30.000 Euro, Mentoring und Netzwerke fördern die Weiterentwicklung.
- Teilnahmeberechtigt sind Projekte mit fertigem Businessplan, Green-Deal-Bezug, Skalierungspotenzial und Standortbezug zur JTP-Region vor der Gründung.
- www.zat-leoben.at
- www.green-kait.at
Systematisch schärfen
Das Programm „Green Incubees“ bringt all jene maßgeblich voran, die bereits einen fertigen Businessplan erstellt haben, ihr Geschäftsmodell mithilfe von externen Coachings und Workshops systematisch schärfen und auf Praxistauglichkeit prüfen wollen. Teilnehmen kann man, wenn man noch keinen Gewerbeschein gelöst hat und ein Standortbezug zur JTP-Region besteht. „Das Programm unterstützt bis zu zwölf Monate lang mit Leistungen im Wert von bis zu 30.000 Euro. Damit können Konzepte strukturiert weiterentwickelt werden, es ist ein klarer Schritt in Richtung Unternehmensrealität“, sagt Angelika Hierzer-Königsberger, Projektleiterin der Green Startupmark im ZAT Leoben. Die fundierte Evaluierung von Geschäfts- und Vertriebsmodellen, Kosten- und Finanzplanung und Fördermanagement sowie Impulse für die Akquisition von Kunden und Investoren bilden ein breites Feld für eine intensivierte Auseinandersetzung mit dem Status quo. „Um nicht allein in der eigenen Blase zu verharren und Schwachstellen zu identifizieren, wird alles noch einmal durchgerechnet, der Mitbewerb analysiert, die Unterschiede zu bestehenden Produkten werden geschärft, die Möglichkeiten für Förderungen eruiert“, beschreibt Hierzer-Königsberger den Prozess des kritischen Hinterfragens.
Überraschungen vorbeugen
Parallel dazu gibt es die Möglichkeit, einen ersten Prototypen seiner nachhaltigen Hightech-Idee umzusetzen. „Gerade bei technologischen Innovationen ist es entscheidend, möglichst früh zu testen, ob eine Lösung auch praktisch funktioniert und angenommen wird“. Für den Prototypenbau stehen ebenfalls Sachleistungen zur Verfügung. Ab Sommer 2027 ist dann der Green Incubator samt Hightech-Werkstatt am Campus der Montanuniversität Leoben fertiggestellt. Durch die Teilnahme am Programm für Gründungswillige in der Preseed-Phase erhält man aber auch Zugang zum Mentoring und den Netzwerken von ZAT und Green KAIT – und damit zu einem wechselseitig befruchtenden Austausch.
„Man wird in der Unternehmensrealität oft von Situationen überrascht, darauf wollen wir in der Vorgründungsphase mit der Hilfe von externen Expertinnen und Experten bestmöglich vorbereiten“, ergänzt Barbara Reiter, Projektleiterin Green KAIT Kapfenberg, wo man auf Green IT spezialisiert ist. Unterstützung besteht hier vor allem auch in puncto kostspieliger Rechenleistung, Rechtsberatung oder Fragestellungen zu E-Commerce. Der starke Fokus auf Softwareentwicklung kann dazu führen, dass Know-how in Marketing und Vertrieb zu kurz komme, so Reiter. Umso wichtiger sind in diesem Prozess solide Grundlagen: Das eigene Wissen wird dabei nicht selten über- oder unterschätzt, während die externe Perspektive wertvollen Input liefert.
Aktuelle Green Incubees
ZAT Leoben
- Der AuV Separator ermöglicht die chemiefreie Trennung feinster Partikel unter 20 µm mithilfe akustischer Kräfte. So werden mineralische und sekundäre Rohstoffe aus Schlämmen, Rückständen oder belasteten Sedimenten gewonnen. Die Technologie schließt eine zentrale Lücke und schafft neue Wertschöpfungspotenziale.
- Sisyphus, ein Spin-off der Montanuniversität Leoben, entwickelt einen hocheffizienten CO2-zu-Syngas-Prozess auf Basis der RWGS-Reaktion. Ein neuartiger Katalysator halbiert die Betriebstemperatur, reduziert Kosten und ermöglicht eine nachhaltige, skalierbare E-Fuel-Produktion.
Green KAIT Kapfenberg
- ForkTogether hilft Menschen, Restaurants nachhaltiger auszuwählen, Lebensmittelverschwendung und macht gemeinsames Entscheiden zu einem spielerischen Erlebnis.
- ALM Systems unterstützt in der Landwirtschaft mit einer digitalen Kuhglocke, die Tierstandorte in Echtzeit anzeigt, CO2-Emissionen reduziert und das Tierwohl auf Almen verbessert.
Positive Impulse
Derzeit absolvieren die Teams von ALM Systems und Fork Together das Programm in Kapfenberg. ALM Systems unterstützt Landwirtinnen und Landwirte gewissermaßen mit einer „digitalen Kuhglocke“, die Tierstandorte auch auf abgelegenen Almen ohne Handyempfang dank Kuhtracker in Echtzeit anzeigt. Fork Together dagegen hat es sich zum Ziel gesetzt, positive Impulse für die regionale Gastronomie und den lokalen Lebensmittelhandel in Sachen Nachhaltigkeit zu setzen: Via App werden Verfügbarkeiten in Geschäften und Lokalen kurzfristig abrufbar. Das Team von Jora.Tech hat den „Green Incubee“-Prozess bereits erfolgreich durchlaufen und ist seit Oktober des Vorjahres auf dem Markt aktiv, um in der Kunststoffproduktion KI-basiert Prozesse und Fehlervorhersagen – und damit auch die Ressourcen- wie Kosteneffizienz – zu optimieren.
In Leoben haben sechs Teams das Programm absolviert. Materialexperte PolyDecypher ist es beispielsweise bereits gelungen, insgesamt 500.000 Euro an Förderungen an Land zu ziehen. Kürzlich neu als Green Incubees gestartet sind die Teams von Sisyphus und AuV Separator. Sisyphus ist ein Spin-off der Montanuniversität Leoben und hat sich der synthetischen Kraftstoffproduktion verschrieben. Dafür wurde ein neuartiger Katalysator entwickelt, der die Betriebstemperatur halbiert, Kosten reduziert und eine nachhaltige, skalierbare E-Fuel-Produktion ermöglicht. Der AuV Separator wiederum ermöglicht die chemiefreie Trennung feinster Partikel mithilfe akustischer Kräfte. Damit können mineralische und sekundäre Rohstoffe aus Schlämmen oder belasteten Sedimenten gewonnen werden.
2025 konnten 5 nachhaltige Start-ups und Spin-offs, die am ZAT betreut wurden, mehr als 4,8 Mio. Euro an Förderungen und Investitionen für ihre Projekte nach Leoben holen.
Was gilt als erfolgreicher Abschluss des Programms? Wenn Geschäftsmodell und Fördermöglichkeiten umfassend geprüft sind, so die Projektleiterinnen. „Gerade auch die ersten Kunden zu gewinnen ist ein sehr sensibler Punkt, unser Netzwerk unterstützt dabei. Es ist oft der Knackpunkt, damit andere den Mut fassen mitzugehen“, so Hierzer-Königsberger.
Neue Ideen sind jederzeit willkommen: Im Format „Idea Check“ können Ideen unabhängig vom Entwicklungsstand einmal pro Monat ganz niederschwellig im Rahmen einer ZAT-Sprechstunde eingebracht und diskutiert werden. „Man sollte einfach den ersten Schritt wagen – für nahezu jede Idee gibt es eine passende Erstberatung“, unterstreicht auch Reiter.
Fotos: KK
