Futuristisches weißes Gebäude mit geometrischen, kastenförmigen Fenstern an einer Straßenecke, umgeben von traditioneller Architektur.
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Nachgefragt: Verdichtung

Urbane Ballungsräume wie Graz wachsen – und damit der Druck auf den verfügbaren Raum. Unter der Devise Verdichtung bzw. Nachverdichtung rücken Baulücken, Brachen und Möglichkeiten zur Aufstockung in den Fokus. Allerdings stoßen konkrete Projekte rasch auf Widerstand und die Realisierung erweist sich oft als Hürdenlauf. Es ist ein bisschen wie mit dem Strom aus der Steckdose. Alle wollen Wohnungen, nur bauen soll sie keiner. Zwei renommierte steirische Wohnbauentwickler, WEGRAZ-Geschäftsführer Dieter Johs und ÖWG-Wohnbau-Vorstand Hans Schaffer, mit ihrer Sicht der Dinge.

Verdichtung und Nachverdichtung: häufig beschworen – aber wird das Potenzial in Graz auch tatsächlich realisiert? Wie beurteilen Sie den Status quo, welches Potenzial sehen Sie und wo erkennen Sie konkret ungenutzte Potenziale?

Dieter Johs:

Verdichtung und Nachverdichtung werden in Graz häufig als Schlüssel zur nachhaltigen Stadtentwicklung genannt, ihr Potenzial wird jedoch bislang nur teilweise realisiert. Zwar gibt es einzelne qualitätsvolle Projekte, insgesamt erfolgt die Aktivierung von Baulücken, Brachen, Innenhöfen oder Aufstockungsmöglichkeiten aber unsystematisch. Besonders in innenstadtnahen Bezirken sowie bei Bestandsgebäuden der Nachkriegszeit sehen wir noch deutlich ungenutzte Potenziale, vor allem dort, wo Infrastruktur und öffentlicher Verkehr bereits vorhanden sind.

Hans Schaffer:

Wenn wir den viel diskutierten Flächenverbrauch reduzieren bzw. den Orts- und Stadtkernen wieder mehr Leben einhauchen wollen, führt kein Weg an der Nachverdichtung vorbei – dazugesagt sei aber: Dies erfordert ein hohes Maß an Qualität. Graz ist in dieser Thematik leider Schlusslicht und ich sehe derzeit auch kein Bemühen der Stadtregierung, dies zu ändern. ÖWG Wohnbau ist nicht nur in Graz, sondern in über 180 steirischen Gemeinden tätig und da spüren wir in vielen Gemeinden den Willen und auch ein entsprechendes Bemühen, eine Veränderung und Belebung der Ortskerne über verschiedenste Maßnahmen herbeizuführen. Das Potenzial in Graz wäre enorm, es fehlt aber der Wille und der Mut, dieses zu heben. Beispiele dafür gibt es viele, wie das gesamte Areal um den Hauptbahnhof, der Grazer Süden im Bereich Hafnerstraße/Gradnerstraße, die Dachlandschaft in Graz und viele kleine Baulücken sowie Bestandsgebäude im gesamten Grazer Stadtgebiet.

Ein Mann in blauem Anzug und weißem Hemd steht mit verschränkten Armen vor einem schlichten grauen Hintergrund vor der Kamera.

„Graz ist in dieser Thematik leider Schlusslicht und ich sehe derzeit auch kein Bemühen der Stadtregierung, dies zu ändern.“

Hans Schaffer
Vorstandsdirektor der gemeinnützigen ÖWG Wohnbau

Können Verdichtung und Nachverdichtung für Graz zum urbanen Erfolgsmodell werden, wo sehen Sie Hürden und was müsste geschehen, um Potenziale effizient und wettbewerbsfähig nutzen zu können?

Johs:

Verdichtung/Nachverdichtung kann für Graz ein urbanes Erfolgsmodell sein, stößt jedoch auf erhebliche Hürden: komplexe Planungsinstrumente, lange Genehmigungsverfahren, Anrainer:innenwiderstände und wirtschaftliche Unsicherheiten. Um vorhandene Potenziale effizient zu nutzen, braucht es klarere verdichtungsfreundliche Leitlinien, schnellere Verfahren, Anreizsysteme sowie eine stärkere Fokussierung auf Qualitätssicherung statt Verhinderung.

Schaffer:

Es braucht zuerst eine klare Vision für die Stadt, die der Bevölkerung auch klar und offen kommuniziert werden sollte, und den Mut, dies alles dann auch umzusetzen. Beides sehe ich derzeit politisch nicht.

Ein lächelnder Mann in einem dunklen Anzug steht in einem modernen Büro mit großen Fenstern, die Hände in den Taschen.

„Um vorhandene Potenziale effizient zu nutzen, braucht es klarere verdichtungsfreundliche Leitlinien, schnellere Verfahren, Anreizsysteme sowie eine stärkere Fokussierung auf Qualitätssicherung statt Verhinderung.“

Dieter Johs
Geschäftsführer der WEGRAZ Gesellschaft für Stadterneuerung und Assanierung m.b.H.

Welche Vorzeigeprojekte hat Ihr Unternehmen realisiert und haben Sie weitere Vorhaben in der Pipeline?

Johs:

Die WEGRAZ hat Verdichtung bzw. Nachverdichtung bereits in mehreren Projekten durch Ergänzungsbauten, Aufstockungen oder Umnutzungen erfolgreich umgesetzt, etwa in der Smart City Graz, mit dem ARGOS Burggasse, in der Ankerstraße und in der Grüne Gasse. Der Mehrwert liegt in der Schonung von Grund und Boden, der Stärkung gewachsener Quartiere und urbanem Wohnen mit kurzen Wegen. Weitere Nachverdichtungsprojekte sind in der Pipeline – stets mit dem Anspruch, Stadt intelligent weiterzuentwickeln statt Flächen maximal auszunutzen.

Schaffer:

Unsere Palette in diesem Segment ist groß. Hier sind kleine Nachverdichtungen am Objekt wie beispielsweise in der Hans-Auer-Gasse zu erwähnen wie auch unsere Entwicklungen entlang der Waagner-Biro-Straße, wo als Highlight die anstehende Entwicklung des Hornig-Areals in Vorbereitung ist. Nicht zu vergessen ist natürlich auch Reininghaus und die „Brownfield“-Entwicklung im Bereich Hafner- bzw. Gradnerstraße.

Weitere Informationen:

Fotos: Stella Kager, Gerald Liebminger, WEGRAZ, Chris Radl

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