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„Seien wir mutiger!“

Die Zeichen in der Bauwirtschaft stehen auf Sturm: Michael Stvarnik, Landesinnungsmeister Bau in der WKO Steiermark, spricht im Interview mit „SPIRIT of Styria“ über ungewisse Fördertöpfe, den Hemmschuh Über­regulierung, die notwendige Ankurbelung der Bauwirtschaft, die Zukunft des Lehrberufs und den großen Bundeslehrlingswettbewerb in Graz im Oktober.

Graz-Wahl ante portas. Die amtierende Bürgermeisterin mit guten Chancen auf Wiederwahl hat jüngst in einem Interview einen Baustopp in Graz gutgeheißen. Was denken Sie?

(überlegt) Was soll man darauf sagen!? Klar ist: Stillstand bedeutet Rückschritt. Ein Baustopp wäre nicht nur wirtschaftlich fatal, sondern auch sozial höchst unvernünftig. Denn weniger Wohnangebot verteuert die Mieten und Wohnungspreise. Die Logik von Angebot und Nachfrage ist ein Gesetz des Marktes, das für alle gilt.

„Alarmstufe Rot“ für die Bauwirtschaft hieß es zuletzt beim steirischen Baugipfel. Die Betriebe erwarten dramatische Auftragsrückgänge. In allen Segmenten?

Wir haben Einbrüche in allen Bereichen des Hochbaus – das geht quer durch, vom Wohnbau bis zum Gewerbe und der Industrie. Der Tiefbau läuft zwar besser, ist aber weit weniger beschäftigungswirksam.

Von allen „Baustellen“ am Bau: Was pressiert am meisten?

Höchst dramatisch ist, dass die Kontinuität für den Geschoßwohnbau unterbrochen ist – ein Bereich, der gerade für unsere steirischen Klein- und Mittelbetriebe essenziell ist. Jährlich werden in der Steiermark von gemeinnützigen Wohnbauträgern üblicherweise rund 1.200 bis 1.400 Wohnungen neu gebaut oder generalsaniert. Derzeit arbeiten wir immer noch das Wohnbauprogramm 2024/25 ab, es gibt bis dato kein neues Programm für 2026 und darüber hinaus – damit droht ein Totalausfall in den kommenden Jahren. Mit dramatischen Folgen – für die Wohnbevölkerung, die Bauwirtschaft und Gesamtwirtschaft. Der Bau ist schließlich der Konjunkturmotor. Daher brauchen wir dringend Klarheit über die Fördertöpfe.

Ein Mann mittleren Alters in einem beigen Hemd sitzt an einem Tisch, vor sich eine weiße Kaffeetasse, und gestikuliert mit der Hand.

„Wir sind in einer Krise – der Hut brennt. Mein Appell an alle Entscheidungsträger in Bund und Land: Seien wir mutiger!“

 

Michael Stvarnik
Landesinnungsmeister Bau

Und beim nicht-geförderten Wohnbau?

Auch hier tut sich viel zu wenig. Es bräuchte steuerliche Anreize, damit wieder Bewegung in den Markt kommt. Auch eine Anpassung der Assanierungsförderung könnte einiges bewirken. Ich persönlich bin zwar ein Fan von alter Substanz, aber manchmal ist es besser, von Grund auf neu zu bauen – dann sollte assaniert werden. Damit schaffen wir neuen Wohnraum und Impulse für die Wirtschaft. Auch Sanierungen müssen weiterhin gefördert werden. Es gab ja eine Sanierungsoffensive – aber das Geld ist aufgebraucht und wurde vor allem für Heizkesseltausch und Photovoltaik ausgegeben. Dabei wären bauliche Maßnahmen für die Sanierung von Altbeständen heute – angesichts steigender Energiekosten – wichtiger denn je.

Im Bund und Land regieren die Sparstifte. Wie zuversichtlich sind Sie?

Mir ist vollkommen bewusst: Wir haben schwierige wirtschaftliche Zeiten und es muss gespart werden. Umso mehr sollte gelten: Förderungen sind dort einzusetzen, wo man wirklich etwas bewegt und wo der Bedarf am größten ist. Wir brauchen günstigen Wohnraum für unsere Bevölkerung. Das sollte Priorität haben – ebenso wie der Bereich Infrastruktur, also Schulen, Universitäten, Krankenhäuser, Straßen. In Deutschland gibt es ein Sondervermögen von 500 Milliarden Euro für Investitionen in die Infrastruktur. Auch in Österreich braucht es Investitionen und Investitionsanreize der öffentlichen Hand. Zudem gibt es viele Maßnahmen, die Bund und Land setzen können, die gar nichts kosten, aber viel bringen – vor allem im Bereich Deregulierung.

Stichwort Deregulierung – die wichtigsten Maßnahmen aus Ihrer Sicht?

Überregulierung und die Länge der Bewilligungsverfahren verteuern das Bauen enorm – das beginnt bei den neun unterschiedlichen Bauordnungen in Österreich, die längst vereinheitlicht gehören. Unsere Gesetze und Verordnungen sind ein Riesenhemmschuh für das Bauen. Österreich ist Weltmeister bei ökologischen Standards am Bau – ständig schrauben wir diese noch weiter in die Höhe. Vergessen wird dabei, dass das enorm viel kostet und, dass wir nicht die einzige Volkswirtschaft auf der Welt sind. Derzeit ist schon wieder eine Verschärfung im Bereich Nachhaltigkeitsnachweise von Gebäuden geplant – dagegen laufen wir Sturm. Ähnliches gilt für den Bereich barrierefreies Bauen – auch hier wird maßlos über das Ziel hinausgeschossen, was das Bauen verteuert. Eine echte Deregulierung und kluge Gesetze würden das Bauen günstiger machen. Auch das Land könnte hier viel tun – Stichwort Raumplanung und Nachverdichtung.

Wie könnte man das Thema größer denken und damit den Wohnbau wieder ankurbeln?

Ich bin für die Einführung eines eigenen Wohnbau-Ministeriums auf Bundesebene – schließlich gab es in Österreich bereits ein Bautenministerium. Es gilt zu prüfen, ob man mit geballter Kompetenz nicht mehr erreichen könnte. Zudem wäre der Wohnbau von – leider vorhandener – politischer Kleinkrämerei zu befreien. Wäre alles gebündelt in einer Hand, hätte man die Möglichkeit, wirklich auf Gesetze und Normen einzuwirken. Derzeit ist der Wohnbau überall ein Appendix und Spielball der jeweiligen, opportunen Länderinteressen. Wir müssen vereinheitlichen und vereinfachen und fokussiert daran arbeiten, wie wir künftig billiger bauen können – mit der aktuellen Normenflut ist das nicht zu schaffen. Vor allem der mehrgeschoßige Wohnbau muss wieder günstiger werden. Dazu haben wir auch die Initiative „Wohnbau radikal neu gedacht“ gestartet – es liegt alles auf dem Tisch. Wir müssen es nur endlich umsetzen.

Ein Mann mittleren Alters in einem beigen Hemd sitzt an einem Tisch, vor sich eine weiße Kaffeetasse, und gestikuliert mit der Hand.

„Österreich ist Weltmeister bei ökologischen Standards am Bau. Dabei vergessen wir, dass das enorm viel kostet.“

Michael Stvarnik
Landesinnungsmeister Bau

Der Bund kündigt viele Reformen an, blieb aber bislang säumig. Ihr Wunsch?

Derzeit regiert der Stillstand. Ich kann daher nur an die Bundesregierung appellieren, die großen Reformschritte, die Österreich dringend braucht, endlich anzugehen. Der Bund hat hier die großen Hebel in der Hand – ob bei den Pensionen, dem Gesundheitssystem oder der Bildung. Die Reformverweigerung drückt die Investitionsbereitschaft und sorgt für hohe Lohnnebenkosten – alles Gift für die (Bau-)Wirtschaft. Jeder weiß, dass sich das alles nicht mehr ausgehen kann. Es braucht den Mut, auch unpopuläre Maßnahmen zu setzen. Ich bin sicher, die Bevölkerung wäre dafür bereiter, als die Politiker glauben.

Eine Forderung von Ihnen lautet: „Regionalität soll gefördert werden“. Wie kann das in der Praxis gelingen?

Damit meine ich, dass bei Ausschreibungen und der Vergabe öffentlicher Bauleistungen Kriterien wie Regionalität entscheidend sein sollten. Öffentliche Auftraggeber haben die Möglichkeit, regionale Betriebe bis zu einem gewissen Maß zu fördern. Konkret: An sich sollte jedem Bürgermeister daran gelegen sein, dass der Baumeister, Tischler oder Installateur aus der Gegend kommt und nicht aus einem anderen Bundesland oder dem Ausland. Gerade in diesem Bereich gibt es leider viel Missbrauch und wenig Handhabe gegen Firmen, die das System ausnutzen.

Die Lehrlingszahlen im Berufsfeld Hochbauer – vulgo Maurer – gehen zurück. Zwischen 2022 und 2025 sank die Zahl der Lehrlinge im steirischen Baugewerbe um fast 28 Prozent. Wie sichern wir den Fachkräftenachwuchs am Bau?

Die Zahlen sind unerfreulich – und die Gründe dafür vielschichtig. Als Innung tun wir extrem viel, um junge Menschen für unsere Branche zu begeistern. Wir geben viel Geld aus, um Schüler frühzeitig mit unserem Lehrbauhof in Kontakt zu bringen. Wir tun das aus Überzeugung. Denn die Fachkräfte sind unsere Basis. Das Berufsbild ist attraktiv, junge Menschen haben bei uns erstklassige Verdienst- und Karrieremöglichkeiten – und das, was man am Ende geschaffen hat, überdauert Generationen. Welcher Beruf kann das noch behaupten? Ein Hinweis dazu: Der Bundeslehrlingswettbewerb findet heuer von 20. bis 22. Oktober auf dem Grazer Hauptplatz statt – ein besonderes Ereignis, da der Wettbewerb nur alle zwei Jahre in einem anderen Bundesland stattfindet. Also nicht verpassen! Die Besten ihrer Zunft werden den Grazer Hauptplatz in eine außergewöhnliche „Baustelle“ verwandeln.

Ihr Schlusswort?

Wir sind in einer Krise – der Hut brennt. Mein Appell an alle Entscheidungsträger in Bund und Land: Seien wir mutiger! Das gilt für alle Ebenen. Wir sind gemeinsam gefordert.

Zur Lage am Bau

  • Rund 30 Prozent der Betriebe der steirischen Bauwirtschaft erwarten in den nächsten sechs Monaten einen spürbaren Rückgang des Auftragsstands, demgegenüber rechnen lediglich elf Prozent mit volleren Auftragsbüchern.
    Quelle: Online-Befragung des Instituts für Wirtschafts- und Standortentwicklung (IWS) im Auftrag der Landesinnung Bau und Holzbau sowie der Bauindustrie
  • Die Zahl der gemeldeten BUAK-Arbeitnehmer in der Steiermark sank von einem Höchststand von knapp 22.500 Personen im Oktober 2021 auf rund 18.500 im März 2026 – ein Rückgang von 17,6 Prozent.
  • Die Zahl der beim AMS Steiermark vorgemerkten Arbeitslosen in der Branche stieg verglichen mit April 2022 zuletzt um 32,5 % bzw. 779 Personen.
  • Im steirischen Baugewerbe sank die Gesamtzahl der Lehrlinge zwischen 2022 und 2025 um 27,8 %.
  • In der steirischen Bau­industrie lag das Minus bei 20,51 %.

Fotos: Oliver Wolf

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