The Perfect Match
Agentur und Auftraggeber – eine wechselvolle Beziehung: Wie finden die richtigen Partner zueinander? Gibt es „Liebe auf den ersten Pitch“? Wie bleibt eine Langzeitbeziehung frisch? Und sind ChatGPT & Co. Liebestöter oder Extrakick für die Partnerschaft? Wir fragten nach bei steirischen Agenturen und Auftraggebern.
Die aufregende Zeit des Kennenlernens. Das Abchecken, ob die Chemie stimmt. Die Phase des Zusammenfindens. Die Bewährungsproben des Alltags. Und schließlich die Frage, wie man die Beziehung frisch hält. Das Verhältnis Agentur-Auftraggeber ist herkömmlichen Beziehungsmustern nicht unverwandt. Der wichtigste Beziehungskitt in jeder Konstellation: Wertschätzung und Respekt. „Es ist ein Geben und Nehmen. Wertschätzung darf nie einseitig sein“, betont Stefanie Schöffmann von „look! design“. „Es braucht sie von Seiten der Kunden für unsere Kreativarbeit, aber auch von uns Kreativen für die Expertise der Kunden. Am Ende braucht es von beiden Seiten das Verständnis dafür, dass wir nur gemeinsam weiterkommen.“
„Meine Erfahrung zeigt, dass Beziehungen mit der Zeit immer besser, im Sinne von intensiver werden.“
„Geradliniges Feedback in beide Richtungen gehört einfach dazu“, ergänzt Geo Reschen, Gründer der Agentur NOSUN. „Man kann dabei durchaus verschiedener Meinung sein und darf diese auch angeregt diskutieren.“ Eine „Streitkultur“, die ganz im Sinne der Qualität sein kann, findet auch Bernd Maier von Rubikon. „Besondere Ideen entstehen oft aus der Reibung unterschiedlicher Vorstellungen. Nicht umsonst sind innovationsstarke Teams meist divers und nicht homogen.“ Noch weiter geht Daniel Bucher von Bucher Brand Marketing: „Die besten Ideen entstehen oft dann, wenn man nicht nur Ja, sondern auch einmal Nein sagt!“ Gerade für Kreative sei das wichtig. „Streitkultur ist für mich ein Zeichen von Reife. Dazu braucht es aber Vertrauen – genauso wie einen respektvollen Umgangston, transparente Kommunikation sowie realistische Deadlines und Budgets.“
„Ob man auf einer Wellenlänge ist, merkt man meist schon beim ersten Kennenlernen.“
Wenn die Chemie stimmt
Gibt es nun „Liebe auf den ersten Pitch“ zwischen Auftraggebern und Agenturen? „Ob man auf einer Wellenlänge ist, merkt man meist schon beim ersten Kennenlernen. Wenn’s da passt, muss man sich aber auch die Zeit zum gegenseitigen Verstehen- und Kennenlernen nehmen“, so Geo Reschen. „Mit der Zeit, wenn man immer tiefere Einblicke bekommt, wird es dann immer leichter und logischer, das zu machen, was am besten zur Zielerreichung beiträgt.“ Einen beinahe spirituellen Zugang findet Patrick Haas vom Atelier Haas: „Ich glaube ans Universum. Und das Gesetz der Anziehung. Also daran, dass die richtigen Menschen ins Leben treten, wenn man auf der richtigen Frequenz sendet.“ Die zwischenmenschliche Komponente als Schlüsselfaktor betont auch Bernd Maier: „Agenturgeschäft ist People Business. Entscheidend ist letztlich, wie gut sich die Teams auf Agentur- und Kundenseite verstehen.“ Anleihen beim Austropop nimmt Daniel Bucher: „Die Chemie muss einfach passen. Und wenn das Vertrauen stimmt und die Lockerheit da ist, kreativ sein zu dürfen, dann machen Projekte so richtig Spaß. Und dann ist es wie bei Wolfgang Ambros ,Langsam woch’s ma z’amm‘“.
„Ich sehe ChatGPT nicht als Nebenbuhler, sondern als hochpotentes ,Spielzeug‘, das kreative Quantensprünge ermöglicht.“
„Meine Erfahrung zeigt, dass Beziehungen mit der Zeit immer besser, im Sinne von intensiver werden. Man kennt sich dann schon gut und weiß, wie das Gegenüber tickt“, so Stefanie Schöffmann, die eine Form des Kennenlernens aber kategorisch ablehnt: Pitches ohne Honorar. „In meiner Funktion in der Fachgruppe Werbung & Marktkommunikation setze ich mich dafür ein, dass Kreativleistungen Wertschätzung erfahren, auch monetär. Wir wollen einen fairen Wettbewerb mit fairen Rahmenbedingungen, klaren Briefings und transparenten Bewertungskriterien.“
„Wertschätzung spielt eine zentrale Rolle, das Ausspielen von Egos hilft keiner Seite.“
Und wie hält man eine Langzeitbeziehung zwischen Kreativen und Unternehmen frisch? „Wie in jeder Beziehung sollte man sich regelmäßig austauschen: Wo stehen wir gerade? Was läuft gut, was nicht so gut? Wie sieht die Zukunft aus?“, ist Daniel Bucher überzeugt. „Man muss Neugierde wecken und immer wieder neue Ideen liefern. Eingespielte Abläufe können zu Bequemlichkeit und Stillstand führen. Beziehungspflege ist Arbeit, lohnt sich aber.“
„Trotz KI werden Agenturen als strategische Inputgeber und kreative Sparringspartner weiterhin gefragt sein.“
Ähnlich Geo Reschen: „Entscheidend ist, die Ziele immer wieder zu hinterfragen und aus neuen Blickwinkeln zu betrachten. Oft fällt es schwer, stets up-to-date zu bleiben und die neuesten Trends zu leben, wenn man vom Business-Alltag getrieben ist. Manchmal ist es daher hilfreich – wie in Beziehungen – einen Schritt zurück zu gehen, um die Lage zu analysieren und einen Anlauf zu nehmen.“ Für Bernd Maier sind zwei Aspekte zentral: „Einerseits braucht es Kontinuität, die aus Wertschätzung, gegenseitigem Verständnis und persönlichem Engagement entsteht. Andererseits braucht es Inspiration, Ideen und aktives Probieren von Neuem, um die notwendige Attraktivität in der Beziehung aufrechterhalten.“
„Die besten Ideen entstehen oft dann, wenn man nicht nur Ja, sondern auch einmal Nein sagt.“
KI als Love-Killer oder Liebeskick?
Werden ChatGPT & Co. nun zum Spielverderber, weil Unternehmen vermehrt glauben, es „sich selbst machen“ zu können? „Nein“, widerspricht Stefanie Schöffmann, „ich sehe KI nicht als Konkurrenz. Kunden sollen sich gern ausprobieren. Die Ergebnisse ihren ersten Anfragen an ChatGPT nehmen wir gern als Basis der Diskussion. Das spart uns schon mal Zeit. Wir schauen uns das dann gemeinsam an und entscheiden, was Sinn macht und was nicht.“ Ähnlich Patrick Haas: „Ich sehe ChatGPT nicht als Nebenbuhler, sondern als hochpotentes Spielzeug, um im Kontext zu bleiben. In den richtigen Händen kann man damit kreative Quantensprünge machen – und das zu einem unschlagbaren Preis, wenn man an den Aufwand von Film- und Fotoproduktionen denkt. Das wird die Branche und die Welt verändern.“ Auch Bernd Maier glaubt nicht an ein Beziehungsende: „Ich glaube, dass sich der Wert bestimmter Leistungen an sich verändert, nicht unbedingt die Wertschätzung durch den Kunden. Klar, KI ist ein Effizienztreiber, ein Beschleuniger in vielen Prozessen – und von diesen Vorteilen wollen Auftraggeber profitieren. Unsere Aufgabe liegt darin, solche Leistungen zu erbringen, die für unsere Kunden von Wert sind.“ Kritisch sieht es Daniel Bucher: „Ich fürchte, dass die Wertschätzung für kreative Jobs durch KI leiden wird. Kreativ zu sein, macht die Menschen glücklich. Nun wird diese Leistung von KI gefährdet. Meiner Meinung nach schießt sich der Mensch damit selbst ins Knie. Daher habe ich heuer bewusst ein Projekt beim Green Panther eingereicht, in dem die Illustrationen – natürlich KI-frei – mit Tusche und Farbe auf handgeschöpftem Papier erstellt worden sind.“
„Agentur-Geschäft ist People Business. Entscheidend ist, wie gut sich die Teams auf Agentur- und Kundenseite verstehen.“
Und vice versa? Die Blick der Kunden
Und was ist aus Sicht der Auftraggeber entscheidend für eine erfolgreiche Beziehung? „Das Wichtigste ist, aufeinander zuzugehen und einander zuzuhören. So können die Erwartungen und Ziele klar herausgearbeitet werden und der gesamte Prozess wird effizienter und macht allen mehr Spaß“, so Andrea Krobath, Marketing-Leiterin von Kastner & Öhler. „Wertschätzung spielt eine zentrale Rolle, das Ausspielen von Egos hilft keiner Seite.“ Ähnlich Lukas Schinko, CEO von Neuroth: „Für uns ist entscheidend, dass beide Seiten ein gemeinsames Verständnis für Ziele, Corporate Identity und Zielgruppen entwickeln. Wertschätzung zeigt sich nicht nur in Form von positivem Feedback, sondern auch darin, Kritik konstruktiv einzubringen. Nur so entsteht ein ehrlicher Dialog, der kreative Qualität ermöglicht.“ Wie steht er zur „Liebe auf den ersten Pitch“? „Natürlich gibt es manchmal sofort diesen kreativen Perfect Match, wenn man im Pitch merkt, dass alle dieselbe Sprache sprechen“, so Schinko. „Ein gelungener Pitch kann Begeisterung auslösen und eine gute Basis schaffen, aber eine wirklich starke Partnerschaft entwickelt sich erst im gemeinsamen Arbeiten. Vertrauen und gegenseitiges Verständnis wachsen durch kontinuierlichen Austausch und Zusammenarbeit.“ Andrea Krobath: „Nur wenn sich alle Beteiligten weiterentwickeln, bleibt die Zusammenarbeit ein lebendiges Gefüge. Beide Seiten sind damit immer wieder gefordert, sich stets ein Stück weit neu zu erfinden.“ Gleichzeitig, so Schinko, brauche es Offenheit. „Man muss sich auch trauen, Klartext zu sprechen, aber immer wertschätzend. Wir schätzen Kontinuität, weil sie eine strategische Tiefe und ein tiefes Markenverständnis möglich macht. Manchmal ist es aber auch so, dass nach einer gewissen Zeit frische Inputs notwendig sind.“ Und wie sehr wird KI das Agentur-Auftraggeber-Verhältnis verändern? Andrea Krobath: „Wir produzieren schon seit längerer Zeit vieles inhouse. KI unterstützt uns dabei, doch der kreativ-strategische Austausch lässt sich damit – zumindest noch – nicht ersetzen.“ Ähnlich Lukas Schinko: „KI-Tools bieten neue kreative Möglichkeiten – vom Brainstorming bis zur finalen Umsetzung. Wir sehen KI aber als Ergänzung. Kreative Strategien, Markenführung und Storytelling leben von Erfahrung, Emotion und Intuition. Agenturen werden daher als strategische Inputgeber und kreative Sparringspartner weiterhin gefragt sein.“
Fotos: istock.com (SvetaZi), flohner, Die Abbilderei, KK
