Aus Krisen Perspektiven machen
Begleiten, stärken, schützen: Bei Jugend am Werk Steiermark ist Kinder- und Jugendhilfe mehr als nur Krisenintervention. Das Angebot reicht von stationären Kinder- und Jugendwohngruppen über ambulante Beratung für Familien bis zur Betreuung sogenannter „Systemsprenger“. Ebenso ein Schwerpunkt: die Entwicklung neuer Angebote durch Innovations- und Forschungsprojekte. „SPIRIT of Styria“ hat nachgefragt.
Das Leben verläuft nicht immer nach Plan – wir alle wissen das. Doch manchmal kommt es schon sehr früh im Leben zu schwierigen Situationen; oft ist es dann nicht möglich, in der Kernfamilie zu bleiben oder die jungen Menschen brauchen einfach verstärkt Unterstützung, um aus einer Krise wieder herauszufinden. Genau da setzt Jugend am Werk Steiermark mit einer Vielzahl von Angeboten an. „So können wir wirklich für jedes Kind und jeden Jugendlichen passgenau die Unterstützung anbieten, die er oder sie gerade braucht“, weiß Elke Maurer, stellvertretende Geschäftsbereichsleiterin im Dienstleistungsmanagement Kinder, Jugend und Familie bei Jugend am Werk.
„Dank unseres breitgefächerten Angebots können wir passgenaue Unterstützung leisten.“
Das Angebot ist dabei breit gefächert und reicht von stationären Kinder- und Jugendwohngruppen, wo 5- bis 15-Jährige betreut werden über sozialpädagogische Wohngemeinschaften für die 10- bis 18-Jährigen, betreutes Wohnen, auch im akuten Krisenfall, bis hin zur Betreuung sogenannter „Systemsprenger“, für die bisher kein stabiles Betreuungssetting etabliert werden konnte. „Aber wir setzen auch schon ganz früh an, zum Beispiel mit der ambulanten Beratung für Familien mit Kindern unter 3 Jahren“, so Maurer. Und nicht zuletzt kümmert man sich um die „Care-Leaver“. „Das sind 18-Jährige, die aus allen gesetzlichen Maßnahmen herausfallen, kein Auffangnetz haben, aber noch nicht ohne Unterstützung leben können“, weiß die Expertin. Hier setzt Jugend am Werk derzeit gerade ein Projekt mit der Österreichischen Forschungsförderungsgesellschaft FFG in Graz um, wo man diesen jungen Menschen eine Anlaufstelle und diverse Unterstützungsangebote zur Verfügung stellt.
Innovations- und Forschungsprojekte sind ein Schwerpunkt in der Kinder- und Jugendhilfe bei Jugend am Werk, wie Geschäftsführerin Sandra Schimmler betont: „Unser Anspruch ist, immer weiterzudenken. Wir streben danach, unser Angebot noch besser auf die Zielgruppe abzustimmen. Dazu gehört die Entwicklung neuer Leistungen, etwa für den Übergang von der Betreuung in die Selbstständigkeit, aber auch Forschungsprojekte. Zum Beispiel zum Thema KI in der Jugendarbeit.“
„Einer unserer Schützlinge macht gerade Matura – solche Erfolge machen stolz und zeigen, dass unsere Arbeit wirkt.“
Ort der Sicherheit
Oberstes Ziel, nicht nur bei den Jüngeren ist immer, eine Fremdunterbringung zu vermeiden. Das funktioniert leider nicht immer: Rund 155 Kinder und Jugendliche sind derzeit stationär in einer Einrichtung von Jugend am Werk untergebracht. „In der Kinder- und Jugendhilfe geht es vorrangig immer darum, das Kindeswohl zu sichern. Unsere Standorte sind dementsprechend ein sicheres Zuhause auf Zeit für die betreuten Kinder und Jugendlichen“, erklärt Schimmler. Entscheidend sei dabei vor allem die Expertise der Mitarbeitenden: „Unsere Mitarbeitenden sind bestens ausgebildete Fachkräfte, die sich an modernen Ansätzen der Kinder- und Jugendhilfe orientieren, um Räume für Entwicklung und Perspektive zu schaffen. Dazu gehört die Lebensweltorientierung ebenso wie die Verbindende (Neue) Autorität.“
Maria Vergendo ist Leiterin der beiden Kriseneinrichtungen bei Jugend am Werk. In 4Raum finden 6- bis 18-Jährige kurzfristig Unterschlupf, die tartaruga versteht sich als Beratungsstelle und Krisenunterkunft für 13- bis 18-Jährige. „In diesen Einrichtungen sind wir rund um die Uhr besetzt. Das ist wichtig, denn unser Hauptziel ist es, einen Schutzraum zu vermitteln. Das gelingt vor allem durch wertschätzende, liebevolle und konsequente Betreuung“, erklärt Vergendo. Gemeinsam versucht man, das Vertrauen der jungen Menschen zu gewinnen und – wenn möglich in Kooperation mit der Herkunftsfamilie – Perspektiven zu entwickeln. „Unser Ziel ist nicht das ,reparierte‘ Kind, wir freuen uns über jede kleine Veränderung zum Positiven. Am schönsten ist es natürlich, wenn eine Rückführung in die Familie gelingt. Das heißt nicht, dass es dort keine Konflikte mehr gibt – aber man kann vielleicht besser damit umgehen, und wir stehen weiter beratend zur Seite.“
Bis dahin ist es jedoch oft ein weiter Weg, den man gemeinsam geht. „Wir geben den Jugendlichen Zeit, zeigen immer wieder unser ehrliches Interesse, auch, wenn ihr Verhalten destruktiv ist“, so die Expertin. Klare Regeln und Abläufe erleichtern den Alltag, man versucht so gut es geht, einen gemeinsamen Ablauf zu etablieren. Der partizipative Ansatz, bei dem die jungen Menschen am gelungenen Zusammenleben und ihrer eigenen Entwicklung mitarbeiten, zeigt dabei die besten Erfolgschancen.
Problem TikTok
Ein wachsendes Problem zeigt sich im Umgang mit den sozialen Medien. „Einerseits sehen wir, dass sich die Handynutzung der Eltern auf die Entwicklung der Kinder auswirken kann. Andererseits ist es auch ihre eigene Nutzung der sozialen Medien, die einen enormen Einfluss auf die Heranwachsenden hat. Da kommen dann Jugendliche mit Selbstdiagnosen, die sie sich aufgrund von TikTok-Videos stellen“, erzählt Vergendo. Andererseits haben die sozialen Medien einen enormen Einfluss auf die Heranwachsenden – da kommen dann Jugendliche mit Selbstdiagnosen, die sie sich aufgrund von TikTok-Videos stellen“, erzählt Vergendo. Darum sind bei Jugend am Werk Steiermark Medien- aber auch sexualpädagogische Angebote an alle Dienstleistungen angedockt. „Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind auch medienpädagogisch ausgebildet. Darüber hinaus schließen wir mit den Kindern auch Mediennutzungsverträge ab, wo wir klar die Bildschirmzeit und -nutzung regeln. Dennoch bleibt das für uns als Betreuer eine große Herausforderung“, weiß Maurer.
„Als Betreuerin in der Jugendhilfe lernt man unheimlich viel, vor allem über sich selbst.“
Allein, aber betreut
Für jedes Kind und jeden Jugendlichen wird ja in enger Kooperation mit den Behörden ein individuelles Betreuungskonzept entwickelt. Manche brauchen weniger engmaschige Aufmerksamkeit und sind daher in betreuten Wohnformen besser untergebracht. Christian Vohl ist Leiter des Betreuten Wohnens bei Jugend am Werk in Graz: „Wir übernehmen damit die Obsorge und volle Erziehung der Jugendlichen.“ Diese leben dann alleine in einer Wohnung oder Wohngemeinschaft und werden mobil und je nach Bedarf betreut. Ab einem Alter von 16 Jahren ist das möglich, bis zur Volljährigkeit – und manchmal auch darüber hinaus. „Oft ist das Vertrauen in die Erwachsenenwelt erodiert – im Schnitt dauert es rund drei Monate, bis die jungen Menschen die neue Lebensrealität annehmen und sich wieder öffnen können“, weiß Vohl. Wichtig sei es, zu beweisen, dass, egal was passiert, diese Beziehung hält. „Und dann zeigen die Jugendlichen manchmal Seiten, die auch wir nicht gesehen haben – das sind oft ganz großartige junge Menschen mit tollen Fähigkeiten.“
Mehrwert für alle
Auch Vergendo weiß die Persönlichkeitsschule, die diese Arbeit mit sich bringt, sehr zu schätzen: „Man lernt unheimlich viel, auch über sich selbst. Dank unseres großartigen Team-Spirits gelingt es, in fast allen Situationen die Ruhe zu bewahren und selbst unter schlimmsten Umständen noch immer positive Seiten zu sehen.“ Hier sei es auch besonders wichtig, als Arbeitgeber entsprechende Angebote zu setzen, wie Schimmler ergänzt: „Gerade weil es in der Kinder- und Jugendhilfe oft um herausfordernde Situationen geht, ist es uns wichtig, unseren Mitarbeiter*innen gute Unterstützungsstrukturen anzubieten. Dazu gehören der Austausch im Team und regelmäßige Supervision, genauso wie eine klare Prozesslandschaft und laufende Fort- und Weiterbildungen“, so Schimmler.
„Wir streben danach, unser Angebot stetig zu verbessern. Dazu gehört auch die Entwicklung neuer Leistungen.“
Und auch Maurer bleibt gern mit den Teams in engem Kontakt, um aktuelle Themen besser im Blick zu behalten: „Am schönsten ist es, wenn die Jugendlichen auch nach ihrem Aufenthalt immer noch gern zu uns kommen, uns über ihr Leben berichten oder sich Rat holen.“
Oft seien in den Köpfen der Menschen noch immer die negativen Aspekte der Jugendhilfe dominierend. „Dabei geht es uns ganz simpel darum, für Kinder und Jugendliche, denen es gerade schlecht geht, da zu sein. Und das hilft dann ja auch uns allen als Gesellschaft: Denn wenn wir diese jungen Menschen unterstützen, tragen wir dazu bei, dass sie ein gutes Leben führen und ihren Teil zur Gestaltung unserer Gesellschaft beisteuern.“
JUGEND AM WERK
Zahlreiche Angebote
Jugend am Werk Steiermark unterstützt Kinder, Jugendliche und Familien mit einer Vielzahl von Angeboten. Von der Förderung der Elternkompetenz über individuelle Erziehungsunterstützung bis hin zur Beratung für Pflegeeltern. Offene Jugendarbeit bietet Raum für junge Menschen, und Housing First bekämpft Wohnungslosigkeit.
Infos hierIn Kooperation mit Jugend am Werk Steiermark ; Fotos: Miriam Raneburger, Koco, KANIZAJ photography