Ein Mann in einem leuchtend rosa Blazer steht vor einem modernen, metallischen Gebäude mit Rohren und einem sonnigen Himmel über ihm.
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Eine Frage der Haltung

Dieter Gall, Geschäftsführer von Gall Pharma in Judenburg, über Überregulierung, den Wandel im Gesundheitsbewusstsein und darüber, warum Unternehmertum heute mehr denn je Haltung und regionale Verantwortung braucht.

Gall Pharma liefert vom Stammsitz Judenburg aus vor allem Nahrungsergänzungsmittel und Kosmetika in den gesamten deutschsprachigen Raum – in einer Vielfalt, die das Unternehmen einzigartig in Europa macht, aber unter zunehmend herausfordernden Bedingungen erfolgt, wie Geschäftsführer, Unternehmensgründer und Pharmazeut Dieter Gall deutlich macht.

Welche wirtschaftlichen Rahmenbedingungen prägen das noch junge Jahr 2026 in Österreich und Europa?

Europa neigt dazu, sich selbst zu überregulieren. EU-Richtlinien werden nicht zu 100, sondern zu 150 Prozent umgesetzt – gerade in Ländern wie Österreich und Deutschland. In unserem Bereich zeigt sich das besonders bei der Novel-Food-Verordnung: Substanzen, die außerhalb Europas längst etabliert sind, brauchen hier fünf bis acht Jahre Zulassungszeit. Wenn das Verfahren abgeschlossen ist, ist der Markt oft schon nicht mehr interessiert. Dazu kommen Regelungen wie das Lieferkettengesetz. Formal betrifft es nur Großunternehmen, praktisch aber auch kleinere Lieferanten wie uns, weil sich Großhändler zusammenschließen. Die geforderten Nachweise sind in globalen Rohstoffketten realistisch nicht vollständig erfüllbar.

Welche Folgen hat das für Produktionsbetriebe in Regionen wie der Obersteiermark?

Die Produktion wird systematisch erschwert. Und wenn sie noch möglich ist, dann zu Kosten und Auflagen, die Exporte ins EU-Ausland wirtschaftlich unattraktiv machen. Gleichzeitig wächst der nichtproduktive Bereich – Dokumentation, Gutachten, Bürokratie – immer weiter. Viele Betriebe verbringen mehr Zeit mit Formularen als mit ihrem eigentlichen Geschäft. Wir wollen seit drei Jahren an unserem Standort in Judenburg ausbauen, weil wir mehr Lagerflächen benötigen, zum Bauansuchen gibt es aber bis heute keine Entscheidung. Viele junge Bewerber wünschen reduzierte Arbeitszeiten und freie Wochenenden, doch die gesetzlichen Rahmenbedingungen – etwa bei der 4-Tage-Woche – lassen Betrieben wenig Flexibilität. Zusätzliche Kosten und starre Regelungen machen moderne Arbeitsmodelle schwer umsetzbar. In diesem Spannungsfeld ist es nicht so einfach.

Gall Pharma Austria

Gall Pharma Austria wurde 1981 von Dieter Gall in Judenburg begründet. Das Unternehmen ist auf die Produktion von Nahrungsergänzungsmitteln, diätetischen Lebensmitteln, Medizinprodukten und Kosmetika spezialisiert. Der Vertrieb läuft über den pharmazeutischen Großhandel, Apotheken, Drogerien, ausgewählten Einzelhandel und den Webshop. Im Portfolio finden sich rund 1.000 Rezepturen. „Pater Severin Naturprodukte“ werden in Mariahof hergestellt. Drei Tochterunternehmen gibt es in Deutschland. In der Firmengruppe arbeiten rund 200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Gall Pharma geht dennoch den Weg des Wachstums – wie gelingt das?

Interessanterweise konnten wir in wirtschaftlich turbulenten Zeiten – Finanzkrise, Covid, aber auch in der aktuellen Lage – immer eine positive Entwicklung verzeichnen. In Krisenzeiten kümmern sich Menschen stärker um ihre Gesundheit. Darüber hinaus setzen wir möglichst viel Inhouse um, um so flexibel und unabhängig wie möglich zu bleiben: Wir haben unsere eigene Marketingabteilung, unsere eigene Druckerei, eigene Vertriebsfirmen in Deutschland. Dazu kommt unsere Strategie: Wir sind mit rund 1.000 verschiedenen Produkten bewusst breit aufgestellt – damit sind wir zwar nicht bei Umsatz und Stückzahl, aber in der Vielfalt eines der größten Unternehmen in Europa. Fällt ein Produkt weg, gefährdet das nicht den gesamten Betrieb. Diese Vielfalt gibt Stabilität, gerade auch für einen Standort außerhalb der Ballungsräume.

Nahrungsergänzungsmittel sind ein zentrales Standbein Ihres Unternehmens. Was entscheidet in diesem Feld über Qualität und Glaubwürdigkeit?

Als Konsument sollte man Produkte durchaus kritisch hinterfragen, da gibt es viel Beratungsbedarf. Es geht nicht allein darum, ob man etwas braucht, sondern vielmehr, was in welcher Dosierung einen tatsächlichen Nutzen hat. Unsere Lebens- und Ernährungsgewohnheiten haben sich stark verändert, wir werden älter und wollen länger gesund bleiben. Der Körper nimmt bestimmte Stoffe im Alter aber schlechter auf – Ergänzungen können sinnvoll sein, müssen aber individuell betrachtet werden. Apotheken sind wichtige Anlaufstellen, bei ihnen liegt die Fachkompetenz.

Die Abgrenzung zwischen Nahrungsergänzung und Arzneimittel rückt immer wieder in den Fokus, in welchem Spannungsfeld bewegen Sie sich da?

Wir konnten zu diesen Abgrenzungsfragen zu unseren Gunsten bereits etliche Gerichtshofentscheidungen in Deutschland und auf europäischer Ebene herbeiführen. Das kostet jährlich einige hunderttausend Euro an Anwalts- und Gerichtskosten. Wir können so aber den Weg bereiten – das ist beispielsweise für Melatonin mit einer erlaubten Dosierung von bis zu fünf Milligramm in Nahrungsergänzungsmitteln gelungen. Dafür haben wir über acht Jahre prozessiert. Ich will ja, dass Produkte wirklich etwas bewirken können. Wir haben da schon viel Geld investiert und werden es weiter tun, das macht unsere Position am Markt aus.

Gesünder zu altern ist ein omnipräsentes Thema. Warum bleibt es dennoch oft nur bei der Theorie?

Der Mensch ist bequem, da schließe ich mich selbst nicht aus. Wir wissen oft, was uns guttut, setzen es aber im Alltag nicht um. Dazu kommt eine permanente Beschleunigung: ständige Erreichbarkeit, kaum Pausen, wenig echte Erholung. Gesundheit ist aber mehr als ein Produkt: Sie hat viel mit Lebensstil, Schlaf, sozialen Beziehungen und Achtsamkeit zu tun.

Mit welchen Visionen blicken Sie in die Zukunft?

Die Rahmenbedingungen sind schwierig, keine Frage. Aber Qualität, Gestaltungswille und langfristiges Denken zahlen sich aus – für Unternehmen ebenso wie für Regionen. Judenburg ist in vielen Köpfen noch immer eine Abwanderungsgemeinde, zu uns pendeln aber Menschen im Umkreis von bis zu 100 Kilometern. Das ist ein riesiges Einzugsgebiet, die Leute leben aber nicht hier. Die Stadt muss sich weiterentwickeln. Ich bin leidenschaftlicher Judenburger und auch Miteigentümer des Sternenturms. Wir arbeiten beispielsweise an der Idee, eine Zipline vom Stadtturm aus zu realisieren, um über den Dächern der Stadt schweben zu können. Mir macht es nach wie vor Freude, in Judenburg zu investieren und hier Verantwortung zu übernehmen, auch politisch. Und das braucht es auch: Motivation, Haltung und den Willen, Dinge zu verändern.

Fotos: Oliver Wolf

Banner mit dem Text "trinkvergnügen" und "Über 450 Weine & Champagner einfach online bestellen." Rechts zeigt ein Foto zwei Gläser Rotwein auf einem Holztisch im Freien bei Sonnenuntergang.