Innovation mit Hochdruck
Was haben Pizzasauce, Autotüren, Fischstäbchen, Kunstdünger und Kunststoffe für PV-Anlagen gemeinsam? Sie benötigen extrem hohe Drücke im Produktions- oder Veredelungsprozess. Zwei Unternehmen der Dr. Aichhorn Group mit Sitz in Kapfenberg erzeugen die dafür notwendige Hochdrucktechnik für den Weltmarkt. Darüber hinaus liefert ein Schwesterunternehmen eine der leistungsstärksten industriellen Wärmepumpen der Welt und entwickelt eine revolutionäre Anlage, die CO₂ in Wertstoffe verwandelt. Einblicke in eine Unternehmensgruppe, die mit Hochdruck für Innovationen sorgt.
Der Weg in die Zukunft ist mitunter gepflastert mit Geschichte – in diesem Fall von steirischer Industriegeschichte. Entlang der legendären Werk-VI-Straße in Kapfenberg reiht sich ein Werksgebäude mit reichlich Patina ans nächste. Zum Großteil sind es in die Jahre gekommene Böhler-Hallen, heute Teil des Voestalpine-Konzerns. Ein modernes schwarzes Firmengebäude im südlichen Teil des Areals hat es nicht schwer, aus diesem Ensemble hervorzustechen. Es ist die neue – im Vorjahr eröffnete – Produktionshalle der Firma BFT. Gleich dahinter liegt der Firmensitz des Schwesterunternehmens BHDT – beide sind Teil der Dr. Aichhorn Group. Und beide liegen nicht nur etwas im Verborgenen, sondern sind auch im klassischen Sinn echte „Hidden Champions“ – Weltmarktführer in Hightech-Nischen.
Die geografische Nähe zu den umliegenden Edelstahlwerken ist kein Zufall – im Jahr 1996 legte ein Management-Buy-out der damaligen Böhler Hochdrucktechnik durch Harald Aichhorn den Grundstein für die heutige Unternehmensgruppe. Kaum noch etwas erinnert an den Ursprung. Auch das B in BHDT mutierte längst von Böhler zu „Best“ – Best High Pressure & Drilling Technology. Die Jahre später herausgegründete BFT steht für Best Fluid Technology.
Superlative sind für die Unternehmen keine Übertreibung – diese sind Spezialisten für die höchsten Drücke, die Industrien weltweit benötigen. So erzeugt BFT Hochdruckpumpen, mit denen bis zu 12.000 bar Druck möglich sind. „Zum Vergleich: Ein vollgepumpter Autoreifen kommt mit rund 2,5 bar aus, Wasserstoff wird mit 350 bar gespeichert“, erklärt Julia Aichhorn, Tochter des Unternehmensgründers, die sich mit ihrem Bruder Philipp die Geschäftsführung der Gruppe teilt. Die Hightech-Pumpen kommen in unterschiedlichen Bereichen zur Anwendung – allen voran in Wasserstrahlschneidanlagen, die eine Reihe verschiedener Materialien mit höchster Präzision schneiden können. „Ob Marmor, Automotive-Teile oder Lebensmittel – das Schneiden mit Wasser aus einer Hochdruckdüse hat einen entscheidenden Vorteil“, so Aichhorn. „Der Wasserstrahl sorgt für einem extrem sauberen Schnitt, ohne die Schnittfläche thermisch zu verändern. Anders als beim Laser, der das Material beim Schneiden ausfranst.“ Ein Mehrwert, den die Automobilindustrie im Highend-Bereich ebenso nutzt wie Steinmetze beim Schneiden von Stein – und auch die Lebensmittelindustrie zu schätzen weiß. „Die Anlagen schneiden beispielsweise Fischstäbchen oder Sandwichdreiecke hochpräzise. Ein Laser würde hier verkokelte Stellen zurücklassen“, erklärt Aichhorn.
„Unsere Gruppe in einem Satz: Wir produzieren hohe Drücke, wir beherrschen hohe Drücke und wir trennen Substanzen.“
Abnehmer aus der Lebensmittelindustrie hat auch ein neuer Geschäftsbereich der Firma im Fokus. „Wir haben gesehen, dass hohe Drücke auch bestimmte Keime abtöten können – und Lebensmittel damit haltbarer machen“, verrät Bruder Philipp Aichhorn, der die Firma BFT operativ leitet. Hochdruckpasteurisierung (HPP) nennt sich das Verfahren, deren Anwendung in der Entwicklung eines neuen Produkts mündete: Delitec ist seit Kurzem am Markt. „Ein Markt mit großem Potenzial, denn das Haltbarmachen von Lebensmitteln ist ein Riesentrend“, sind die beiden überzeugt. Soeben ging eine Anlage für die Konservierung von Pizzasauce an einen Großproduzenten nach Deutschland, auch Anlagen für die Behandlung von Fruchtsäften und Smoothies wurden bereits verkauft. „Innovation ist mittlerweile ein Wesenskern unseres Unternehmens“, bestätigt Julia Aichhorn. „Wir überlegen laufend, wie wir unsere Hochdrucktechnik für neue innovative Geschäftsfelder nutzen können.“ Ein bereits etabliertes Anwendungsgebiet für BFT-Pumpen ist der Einsatz für Ventilprüfstationen in großen (petro-)chemischen Produktionsanlagen – häufig für die Kunststofferzeugung. „Diese Anlagen müssen regelmäßig gewartet und überprüft werden – dafür braucht es Pumpen, die Gase mit extrem hohen Drücken durch die Anlage jagen, um Ventile und andere Komponenten auf möglichen Verschleiß zu testen.“
Hochdruck für Kunststoffe und Kunstdünger
Auch bestimmte Komponenten für Anlagen dieser Art stammen häufig aus der Unternehmensgruppe – von der größten Einzelfirma, BHDT, die rund 300 Mitarbeiter beschäftigt. Das Unternehmen erzeugt Hochdruckkomponenten wie Ventile, Flansche, Verbindungselemente, Reaktoren und Wärmetauscher sowie Verrohrungen für Großanlagen. Die zwei Hauptgeschäftsfelder: Anlagen, die Harnstoff (Urea) für die Kunstdüngerproduktion herstellen, und Großanalagen, die Ethylen – ein Produkt der Petrochemie – in einen wichtigen Kunststoff (LDPE) verwandeln. Drücke von bis zu 6.000 bar sind dafür nötig. „LDPE findet sich in Kabelummantelungen, aber auch in Schuhsohlen und Schutzfolien von Photovoltaikmodulen“, so Aichhorn. Zahlreiche Großanlagen weltweit hat BHDT bereits ausgerüstet – im Kunststoffbereich vor allem Anlagen in Asien, in der Kunststoffdüngerproduktion sind es Projekte in China, Indien und Afrika. „Nigeria ist etwa ein wachsender Markt“, so Aichhorn. „Unsere Teile sind im Prozess absolut sicherheitskritisch – es gibt weltweit neben uns nur einen nennenswerten Anbieter, der für Projekte dieser Art in Frage kommt.“ Die Anlagen selbst seien gigantisch groß. „Für eine Anlage, die wir belieferten, wurde vor dem chinesischen Festland eine eigene Insel aufgeschüttet – sie beherbergt die Infrastruktur einer Stadt mit über 200.000 Menschen.“ Auch für BHDT denke man intensiv über weitere künftige Geschäftsfelder nach. „So wollen wir in Zukunft auch Wasserstoffspeicher für dezentrale Strukturen zur Verfügung stellen. Ein Bereich, wo wir unser Know-how – hoher Druck und Materialkunde – ideal einsetzen können.“ Mögliche Anwendungsgebiete: dezentrale Tankstellensysteme für Bus- und Lkw-Flotten, den Bergbau- und Minenbetrieb oder den Betrieb von Pistengeräten.
Leistungsstärkste Wärmepumpe für deutsche Industrie
Damit nicht genug, reiht sich auch noch ein drittes Hightech-Unternehmen unter das Dach der Firmengruppe: Verfahrenstechnik-Spezialist GKT, das jüngste Kind der Gruppe, das im Jahr 2016 gekauft wurde. Ein Unternehmen, das zwar ohne physikalischen Hochdruck auskommt, aber ebenso Innovation mit Hochdruck betreibt. Insbesondere im Bereich Green-tech. So entwickelte das Unternehmen eine der leistungsstärksten industriellen Wasserpumpen der Welt – für eine Großanlage des deutschen Chemiekonzerns BASF in Ludwigshafen. „Die Inbetriebnahme wird 2027 stattfinden. Dann werden die Augen der verfahrenstechnischen Welt auf uns gerichtet sein. Mit unserer Wärmepumpe lassen sich im Betrieb nicht weniger als 100.000 Tonnen CO2 pro Jahr einsparen“, so Aichhorn über das spektakuläre Prestige-Projekt.
„Wir überlegen laufend, wie wir unsere Hochdrucktechnik für neue innovative Geschäftsfelder nutzen können.“
Auch hier steht die nächste Innovation schon in den Startlöchern: GKT entwickelt eine CO2- Valorisierungsanlage, die Kohlendioxid in Wertstoffe verwandelt. „Das CO2, das im industriellen Prozess anfällt, wird direkt in Wertstoffe wie Methanol, SynGas oder Chemikalien umgewandelt“, so Aichhorn. Eine Pilotanlage für das patentierte Verfahren ECO2CELL gebe es bereits, derzeit sei man intensiv im Gespräch mit Industriepartnern, die das Verfahren im Betrieb anwenden sollen. „Wenn Europa in der Frage der Klimazielerreichung glaubwürdig bleiben will, dann brauchen wir die dafür notwendigen Technologien. Unser Verfahren hat das Potenzial, eine wirksame Lösung für treibhausgasintensive Branchen wie die Zementindustrie anbieten zu können.“
Standortkosten als Herausforderungen
Mit Sorgenfalten blickt Aichhorn auf die Entwicklung des Wirtschaftsstandorts. „Vor allem die massiv gestiegenen Lohnkosten stellen auch uns vor große Herausforderungen. Dabei haben wir noch das Glück, in einem sehr innovativen Bereich tätig zu sein – aber die meisten Betriebe sind in einem Verdrängungswettbewerb und drohen auf Dauer aus dem Markt gepreist zu werden. Hier muss die Politik dringend gegensteuern“, so Aichhorn, die auch in der Industriellenvereinigung Steiermark sehr engagiert ist. Auch vom Föderalismus in Österreich sei ihr Unternehmen massiv betroffen. „GKT hat Standorte in drei Bundesländern. Was wir dadurch erleben, ist abenteuerlich. Ob Lehrlinge, Wirtschaftskammer, Betriebsstättengenehmigungen oder Bauverfahren – überall gibt es unterschiedliche Bestimmungen und Vorgaben. Es ist zum Kopfschütteln!“, so Aichhorn. Gemeinsam statt getrennt – das gelte auch für die EU. „Wenn wir in Europa zusammenhalten würden, könnten wir global unglaublich stark sein. Statt nationalstaatlich zu denken, müssen wir in Europa endlich an einem Strang ziehen. Nur dann können wir unser Potenzial voll ausschöpfen.“
Dr. Aichhorn Group
- Unternehmensgruppe mit Sitz in Kapfenberg, gegründet 1996 von Harald Aichhorn
- Ursprung: Management-Buy-out der damaligen Böhler Hochdrucktechnik (BHDT)
- Eigentümer und Geschäftsführer: Julia Aichhorn (seit 2018 CEO) und ihr Bruder Philipp Aichhorn (seit 2022 CEO)
Die Gruppe umfasst vier Unternehmen:
- BHDT: internationaler Spezialist für Hochdruckkomponenten und Anlagenbau, Standorte Kapfenberg und Hönigsberg, 300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter
- BFT: Entwickler und Produzent von Hochdruckpumpen und -systeme für Wasserstrahlschneiden und weitere Anwendungen (bis zu 12.000 bar). Im Jahr 2015 aus der BHDT heraus als eigenständiges Unternehmen gegründet, 50 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Standort in Kapfenberg
- GKT: Industrieanlagen für thermische Trenntechnik und Umwelttechnologien, seit 2016 Teil der Gruppe, Schwerpunkte: industrielle Wärmepumpen (CompriVAP) und ECO2CELL (Umwandlung von CO2 in Wertstoffe), Standorte in Gloggnitz, Attnang-Puchheim und Graz, 150 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter
- www.gkt-solutions.com
- Forstgut Aichhorn: nachhaltige Waldbewirtschaftung in der Obersteiermark
- Auslandsniederlassung in Shanghai (Aichhorn Group China) sowie BFT-Pumps in den USA
- Insgesamt rund 500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Gruppe
- Umsatz 2025: 248 Mio. Euro
- Julia Aichhorn ist auch in der Industriellenvereinigung sehr aktiv, bis vor Kurzem war sie Vorsitzende der Jungen Industrie Österreich.
- www.aichhorn-group.at
Fotos: Oliver Wolf, Marija Kanizaj, beigestellt
