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Standortfaktor Automatisierung: Was braucht die Zukunftsbranche?

Rechtzeitig vor dem Internationalen Forum Mechatronik am 24. und 25. September in Graz lud „SPIRIT of Styria“ Experten und Unternehmensvertreter zum Roundtable. Welche maßgeblichen Trends prägen die Automatisierungsbranche derzeit? Wo liegen die größten Herausforderungen für die Betriebe? Wie kann Europa seine Innovationsdynamik in diesem Bereich stärken? Und welchen Nutzen stiftet die Plattform AT Styria?

Talk im Turm

TALK IM TURM ist ein Diskussionsformat von SPIRIT of Styria.
Jeden Monat laden wir Expertinnen und Experten zur Diskussion über ein spannendes Wirtschaftsthema an den Runden Tisch in die Redaktion an den Technopark Raaba.

Ein Mann mittleren Alters mit Brille und Bart, in blauem Anzug und weißem Hemd, sitzt an einem Tisch in einem Büro und gestikuliert mit seiner Hand, während er spricht.
Herbert Ritter

Vorsitzender Plattform AT Styria

Ein Mann mit Tätowierungen auf den Armen, der ein weißes T-Shirt und eine Armbanduhr trägt, gestikuliert mit den Händen, während er in einer hellen Büroumgebung spricht. Auf dem Tisch vor ihm sind ein Notizblock und bunte Stifte zu sehen.
Herbert Tanner

Niederlassungsleiter Siemens Graz und Klagenfurt

Ein Mann mit Brille und dunklem Blazer gestikuliert beim Sprechen und hält einen Stift in einer Hand. Er sitzt vor einem hellen, unscharfen Hintergrund.
Peter Puchwein

Vice President Research & Development KNAPP AG

Ein Mann mit Brille und beigem Blazer gestikuliert mit den Händen, während er an einem Tisch mit Büromaterial in einem hellen, modernen Raum spricht.
Udo Traussnigg

Leiter Automatisierungstechnik FH CAMPUS 02

Ein Mann mit Brille und Bart, bekleidet mit einem marineblauen Blazer und einem weißen Hemd, sitzt an einem Tisch und spricht und gestikuliert mit den Händen. Im Hintergrund sind eine Kaffeetasse, Papiere und eine Landkarte an der Wand zu sehen.
Helmut Röck

Geschäftsführer Plattform AT Styria

Automatisierungstechnik, Mechatronik, Robotik & Co. Welche Bedeutung hat die Branche der „Advanced Technologies“ für die Steiermark?

Ritter:

Der historische Vergleich macht sicher. Ich erinnere mich noch gut an die Anfänge, als wir für das frühere Siemens-Matsushita-Werk in Deutschlandsberg, heute TDK, eine moderne Montagelinie errichteten. Eine aufgeregte Diskussion war die Folge. „Die bösen Automatisierer nehmen uns die Arbeitsplätze weg!“ Heute, viele Jahre später, ist in der Steiermark ein wahrer Automatisierungs-Hotspot entstanden, mit großen Playern wie beispielsweise Knapp und einer Vielzahl hochinnovativer KMU. Mehr als 150 Firmen, Forschungs- und Bildungseinrichtungen mit zigtausenden Beschäftigten sind heute Mitglieder bei AT Styria, der Plattform Automatisierungstechnik Steiermark – wobei man das AT, wie Sie richtig sagen, auch als „Advanced Technologies“ lesen kann. Damit sind wir längst keine „Arbeitsplatzkiller“ mehr, sondern ein Garant für lokale Wertschöpfung und sozialen Wohlstand.

Puchwein:

Nach meiner Wahrnehmung hat sich das Image der Automatisierungsbranche in der Corona-Zeit stark gewandelt. Plötzlich war jeder froh und dankbar, dass viele Prozesse in der Logistik automatisiert ablaufen, weil in den großen Logistikzentren nicht mehr gearbeitet werden konnte. In Wahrheit ist unsere gesamte Wirtschaft längst abhängig von Automatisierung, die das Funktionieren von Lieferketten erst ermöglicht. Stand einst die Frage im Vordergrund, wie viele Jobs die Robotik killt, gibt es mittlerweile oft keine Alternative zur Automatisierung. Unternehmen finden die nötigen Arbeitskräfte schlichtweg nicht mehr. Das ist gerade in der Logistik ein Riesenthema. Daher ist auch die Ausbildung in diesem Bereich das Um und Auf. Für unsere Weiterentwicklung brauchen wir gut ausgebildete Leute von HTLs, Fachhochschulen und Unis wie der TU Graz.

Traussnigg:

Ich kann nur zustimmen. Früher ging es beim Thema Automatisierung meist um Kostensenkungen und Einsparungen. Heute ist der kritische Faktor häufig die Lücke an Arbeits- und Fachkräften, die es zu schließen gilt. Ich sehe es bei uns an der FH CAMPUS 02 – wir bekommen regelmäßig Anfragen von Unternehmen, die uns um Unterstützung in Automatisierungsfragen ersuchen, da sie Mitarbeiter für bestimmte Tätigkeiten einfach nicht mehr bekommen. Sie sind regelrecht gezwungen zu automatisieren. Folglich haben sich auch die Erwartungen an den Return on Investment verändert. Die Zeitspanne, innerhalb der sich ein Automatisierungsprojekt amortisieren muss, ist nicht mehr so kurz wie früher.

Tanner:

Automatisierung ist längst ein entscheidender Standortfaktor. Wir alle wissen: Unser Industriestandort steht vor extremen Herausforderungen, die Rahmenbedingungen sind alles andere als einfach. Zum Glück haben wir ein paar Assets in der Steiermark, auf die man aufsetzen kann, beispielsweise unsere hervorragende Kultur des Kooperierens. Wir pflegen hierzulande eine enge Zusammenarbeit zwischen KMU, Konzernen und Forschungseinrichtungen. Das funktioniert wirklich gut, ist aber noch lange keine Garantie für den Erfolg. Jeder Einzelne ist gefordert. Unsere Antwort bei Siemens geht, was die aktuellen Herausforderungen betrifft, in Richtung Glocalization. Das heißt, wir schaffen Produkte und Lösungen für den Weltmarkt, die aber meist einer Adaptierung für den lokalen Markt bedürfen. Für diese Anpassung an den lokalen Markt braucht es Know-how vor Ort – etwa lokale Fachkräfte für die Inbetriebnahme einer Anlage. Gleichzeitig müssen wir in der Steiermark immer den Anspruch haben, in bestimmten Bereichen so gut zu sein, dass wir Produkte für den Weltmarkt liefern können – also Technologie, die weltweit vertrieben wird.

Röck:

Der demografische Wandel ist der große Treiber. Man sieht es in Ländern, in denen die Gesellschaft schon älter ist, wie z.B. in Japan – dort ist die Automatisierung schon weiter fortgeschritten. Immer mehr Prozesse werden automatisiert, da schlichtweg die Menschen fehlen, um gewisse Arbeiten zu erledigen. Die Herausforderung birgt auch Chancen – denn zum einen sind wir nun gefordert, unsere Produktionen vor Ort automatisiert zu betreiben, und zum anderen können wir daraus ebenso wieder Produkte und Dienstleistungen entwickeln, die wir auf dem Weltmarkt anbieten können, weil andere Länder ähnliche Herausforderungen haben. Der ganze Sektor rund um Sondermaschinenbau, Automatisierung oder Robotik hat in den vergangenen knapp zwei Jahrzehnten hierzulande einen großen Aufschwung erlebt – ein Trend, der sich auch in Zukunft fortsetzen wird.

Ein Mann mittleren Alters mit Brille und Bart, in blauem Anzug und weißem Hemd, sitzt an einem Tisch in einem Büro und gestikuliert mit seiner Hand, während er spricht.

„Das Bild hat sich gedreht. Automatisierung ist längst kein Jobkiller mehr, sondern ein
Garant für lokale Wertschöpfung und sozialen Wohlstand.“

Herbert Ritter
Vorsitzender Plattform AT Styria

Wo sehen Sie derzeit die aktuell größten Herausforderungen für die Branche?

Ritter:

Zum einen haben wir dieselben Brocken zu stemmen wie die gesamte Industrie, von den hohen Personal- und Energiekosten bis zur Überregulierung. Dazu kommen noch spezifische Herausforderungen, je nach Branche, für die man tätig ist. Generell dauert es heute einfach viel länger, bis Entscheidungen fallen – und wenn sie getroffen werden, muss alles rasch gehen. Früher einmal hat der Prozess vom Engineering bis zur Inbetriebnahme zwei Jahre gedauert. Heute sind es oft ein paar Monate. Gerade für KMU eine Herausforderung, in so kurzer Zeit große Volumen zu bewältigen und dabei ein Riesenportfolio abzudecken – von Mechanik über Elektrotechnik bis IT, Programmierung und Messtechnik. Die Kunden wollen zumeist einen Generalunternehmer als Lieferanten. Nur ist es heute vielfach schwieriger, von der Bank einen Kredit zu bekommen – gerade wenn man ein Großprojekt stemmen und den GU übernehmen muss. Automatisierung ist ein Projektgeschäft, das heißt, als Betrieb hat man große Spitzen, dazwischen aber auch Auftragslöcher. Umso wichtiger sind Netzwerke, damit man sich gegenseitig unterstützen und einen Ausgleich schaffen kann. Die Betriebe brauchen nicht nur Ressourcen und Know-how, sondern auch die nötige Manpower. Unsere Plattform AT Styria unternimmt viel, um den Fachkräftenachwuchs zu fördern – auf allen Ebenen. Wir brauchen gute Leute aus Lehre, HTL und Hochschule.

Puchwein:

Ein zentrales Thema für Knapp ist das Thema Wissen und Wissensweitergabe. Je länger Menschen im Beruf bleiben, desto mehr Domänenwissen haben sie – das ist für ein Unternehmen enorm wertvoll und mehr als die Summe von Einzeldisziplinen. Das langjährige Wissen, das man ansammelt, kann nicht einfach ersetzt werden. Umso wichtiger ist es, die Mitarbeiter möglichst lange zu binden und sie zu motivieren, ihr Wissen auch weitergeben. Wir liefern unseren Kunden Lösungen entlang der gesamten Value-Chain. Daher ist es entscheidend, die Prozesse ganzheitlich zu verstehen – das geht nur mit den besten Köpfen und jahrelanger Berufserfahrung. Echte Spezialisten für einen Fachbereich findet man am Markt quasi kaum noch – vielfach muss man diese dann selbst im Unternehmen ausbilden.

Wo liegen die Herausforderungen in der Ausbildung?

Traussnigg:

Unsere berufsbegleitenden Studierenden kommen aus Unternehmen und mit guter Vorbildung, aber ganz unterschiedlichen Erfahrungen und unterschiedlichem Domänenwissen – und diese gilt es im Zuge des Studiums, zuerst auf ein gleiches Niveau und danach auf ein gemeinsames höheres Level zu bringen. Der Digitalisierungsgrad und der Automatisierungsgrad ist in den Unternehmen unterschiedlich hoch. Historisch gesehen gibt es die Automatisierung schon viel länger als die Digitalisierung. Derzeit ist es aber so, dass die Digitalisierung immer stärker den Unterbau der Automatisierung darstellt. Es gibt Unternehmen, die hier Vorreiter sind, und andere, die noch etwas zögerlich sind – nach dem Motto „Never change a running system“. Ein Spagat, den wir zu bewältigen haben, da wir mit Studierenden aus beiden Welten arbeiten dürfen.

Tanner:

Ein wichtiger Punkt. Der Digitalisierungs- und Automatisierungsgrad ist tatsächlich unterschiedlich ausgeprägt – das spiegelt sich auch in den Lösungen wider. Gerade bei älteren Anlagen von Kunden erleben wir immer wieder, dass Komponenten nicht zusammenpassen bzw. ein Teil mit dem anderen nicht matcht – das ist eine Herausforderung. Wir denken in Europa, auch in Österreich, hier zu kleinstrukturiert und unternehmen zu wenig in Richtung Standardisierung. Die Frage ist, wie man das lösen kann. Die Antwort von Siemens sind Ökosysteme – sprich: Wir wollen nicht mehr alles selber entwickeln, sondern versuchen kooperativ mit anderen zusammenzuarbeiten. Alle sind eingeladen – KMU, Konzerne und Forschungseinrichtungen – ihre Lösungen in das Ökosystem einzubringen. Der Druck steigt, spezifische, größere Lösungen zu entwickeln, die leichter in die Skalierung kommen. Auch Siemens will nicht mehr alles selber machen, sondern setzt zunehmend auf internationale Standards. Der Vorteil für den Betreiber: Wenn es gelingt, Einzelkomponenten für eine Anlage zu standardisieren, dann ist man nicht mehr von einem Hersteller abhängig. Wir praktizieren das gerade in der Recyclingbranche – kein einfacher Weg, aber ich bin der Meinung, er ist unumkehrbar.

Ein Mann mit Tätowierungen auf den Armen, der ein weißes T-Shirt und eine Armbanduhr trägt, gestikuliert mit den Händen, während er in einer hellen Büroumgebung spricht. Auf dem Tisch vor ihm sind ein Notizblock und bunte Stifte zu sehen.

„Wir müssen in der Steiermark immer den Anspruch haben, in bestimmten Bereichen so gut zu sein, dass wir Produkte und Technologien für den Weltmarkt liefern können.“

Herbert Tanner
Niederlassungsleiter Siemens Graz und Klagenfurt

Europa in der Zwickmühle zwischen „America first“ und dem technologischen Weltmachtanspruch Chinas. Wie kann sich die europäische Industrie hier behaupten?

Ritter:

Gerade vor dem geopolitischen Hintergrund wäre es wichtig, dass die Europäische Union endlich die Rahmenbedingungen für die Industrie stärkt und für Stabilität sorgt. Leider ist das Gegenteil der Fall. Die aktuelle politische Situation in Europa trägt zur Unsicherheit bei. Es ist problematisch, wenn sich die Politik anmaßt, nicht nur Ziele zu definieren, sondern auch den Weg zur Zielerreichung gleich mit vorschreibt. Dann wird es für Unternehmen schwierig, strategisch zu handeln. Wir erleben zu viel Hin und Her, zu wenig Berechenbarkeit. Das macht auch Entscheidungen für den Konsumenten schwer. Etwa in der Frage: Soll ich mir einen Verbrenner kaufen? Oder doch ein Elektroauto? Oder besser sparen und gar nichts kaufen? Es bräuchte nun dringender denn je Politik mit Augenmaß und Weitsicht. Ein anderer wichtiger Punkt für uns ist das Thema Arbeitszeitflexibilität. Es gibt in unserer Branche Zeiten mit hohem Arbeitsaufkommen, etwa knapp vor einer Inbetriebnahme, und Phasen, wo es ruhiger ist. Auch wenn es hier bereits eine gewisse Lockerung gab – wir brauchen gesetzliche Rahmenbedingungen, die der Praxis im Geschäftsalltag entsprechen.

Puchwein:

Als erstes müssen wir das Thema Überregulierung angehen. Denn wenn wir in Europa Richtlinien einhalten müssen, die für andere Länder nicht gelten, wir uns aber gleichzeitig auf internationalen Märkten behaupten müssen, dann verzerrt das den Wettbewerb. Die jüngste Novelle der europäischen Maschinenrichtlinie ist das beste Beispiel – darin wird im Bereich Sicherheit in einigen Bereichen deutlich überzogen. Man glaubt, Maschinen damit noch sicherer zu machen, schießt aber über das Ziel hinaus, ohne faktisch mehr Sicherheit zu erreichen. Die Folge: ein enormer Zusatzaufwand, der uns europäische Exporteure trifft und unsere Wettbewerbsfähigkeit gegenüber asiatischen Anbietern schwächt. Ähnlich problematisch ist das Thema Normen und Richtlinien. Jene in den USA unterscheiden sich von den europäischen teils massiv. Das bedeutet, dass wir Maschinen für den US-Markt anders bauen müssen. Einheitliche Regelungen würden die Eintrittshürden in die USA stark reduzieren.

Ritter:

Die Pflichtenhefte werden ständig erweitert und niemand geht her, um die Ordner wieder einmal zusammenzustutzen. Das gilt nicht nur in der Technik, sondern in allen Bereichen. Wir bräuchten den Mut, uns der Überregulierung gezielt zu stellen und jede Woche ganz bewusst Regularien zu streichen. Das wäre absolut notwendig, um unsere Wettbewerbsfähigkeit wiederherzustellen.

Traussnigg:

Auch wir benötigen immer mehr Ressourcen, die wir für die Bürokratie aufwenden müssen. Wir sind jedes Jahr, gefühlt schon jeden Monat, mit neuen Vorschriften, Auflagen oder Meldeverpflichtungen konfrontiert und melden an mehrere öffentliche Stellen dieselben Daten. Jede will es in anderer Form bzw. über eine andere Schnittstelle. Das ist einfach ineffizient.

Ritter:

Entbürokratisierung heißt immer Abbau von Verwaltungsstellen. In Wahrheit passiert das Gegenteil – und bei jedem Regierungswechsel werden es noch mehr, da jeder Abgewählte noch rasch Günstlinge in diversen öffentlichen Stellen unterbringt. Das sind dann oft Menschen, die viel Zeit haben, darüber nachzudenken, wie Dinge verhindert und nicht beschleunigt werden.

Traussnigg:

In Wahrheit könnte uns aber auch dabei die Automatisierung helfen. Denn diese heißt nicht immer nur Automatisierung von Produktion oder Produkten, sondern eben auch Automatisierung von Prozessen. Gerade in dem Bereich ging in den vergangenen Jahren so richtig die Post ab. Dafür braucht es oft gar nicht die großen Technologien im Hintergrund, sondern in erster Linie smarte IT – hier sehe ich für den Bereich Bürokratie ein Riesenpotenzial, Prozesse zu automatisieren. Ein positives Beispiel: Die Kelag hat es mittlerweile geschafft, den Prozess des Förderansuchens für Photovoltaikanlagen komplett zu digitalisieren.

Ritter:

Es gäbe viele Chancen – gerade im Energiebereich, wo uns automatisierte Prozesse helfen könnten, die Energiewende zu beschleunigen. Das passiert zu wenig. Das Problem in vielen Fällen ist der Datenschutz, damit kann man alles „erschlagen“. Man braucht nur sagen „entspricht nicht der DSGVO“ – und fast jedes Thema ist erledigt.

Ein Mann mit Brille und dunklem Blazer gestikuliert beim Sprechen und hält einen Stift in einer Hand. Er sitzt vor einem hellen, unscharfen Hintergrund.

„Wir brauchen eine Deregulierung! Viele Richtlinien in Europa bedeuten hohe Extrakosten für uns europäische Exporteure, die unsere Wettbewerbs­fähigkeit schwächen.“

Peter Puchwein
Vice President Research & Development KNAPP AG

Wie können wir unsere Innovationsdynamik stärken?

Tanner:

Das Hauptproblem ist, dass wir in Summe in Österreich bzw. in Europa zu klein strukturiert sind für den Weltmarkt. Es wird zu viel parallel und unkoordiniert an Themen geforscht, anstatt Kooperationen auf strategischer Ebene zu forcieren – hier bräuchte es einen europäischen Schulterschluss. Ziel müsste es sein, größere Forschungs-Hotspots innerhalb der EU zu schaffen, wo wir bestimmte Kompetenzen bündeln. Wir müssen bei den großen Fragestellungen besser zusammenarbeiten und Schwerpunkte setzen. Denn mit den Investitionsbudgets, die wir heute haben, sind wir einfach nicht konkurrenzfähig. Die Amerikaner und Chinesen investieren in großem Stil – und wir denken kleinkariert. Das muss sich ändern, sonst haben wir auf Dauer keine Chance. Aber das heißt nicht, dass wir nur darauf warten, dass die Politik etwas tut – ich bin ein Verfechter davon, dass jeder seinen Beitrag leisten muss, natürlich auch die Politik.

Röck:

Entscheidend ist, Wissen zu vernetzen. Und Vernetzung ist das Kernziel unseres Netzwerks Plattform AT Styria. Wir wollen große und kleine Betriebe, Bildungs- und Forschungseinrichtungen zusammenbringen, um Wissen, Know-how und Ressourcen zu poolen, um damit unterm Strich gemeinsam mehr zu erreichen. Denn viele Themen – wie Herbert Tanner ganz richtig sagt – werden in Europa parallel beforscht ohne Synergien, oft sogar innerhalb eines Landes, oder innerhalb eines Bundeslandes. Daher ist es wichtig, dass wir Aktivitäten synchronisieren. Dann kommen wir viel schneller voran und können mehr Innovationen möglich machen. Entscheidend ist immer, Wissen in etwas Werthaltiges zu transferieren bzw. in Technologien zu verwandeln. Um die fortschrittlichen Technologien, die „Advanced Technologies“ unserer Mitglieder noch besser zu vernetzen, haben wir auf unserer Plattform den „Kompetenzatlas“ ins Leben gerufen. Er macht sichtbar, wer in der Steiermark auf welchem Gebiet, welche Kompetenzen anbietet – genau diese Verknüpfung wollen wir herstellen.

Ritter:

Damit wollen wir Doppelgleisigkeiten in der Entwicklung verhindern. Jeder soll wissen, an wen er sich wenden kann, wenn er einen Partner mit speziellem Know-how sucht. Es muss nicht jeder alles selber machen. Damit können wir ganz gezielt an unserer Produktivität arbeiten und weiterhin innovative Produkte herstellen. In den 80er-Jahren bei der Verstaatlichtenkrise haben alle gesagt, es geht nichts mehr, alles ist kaputt – doch die Wende ist gelungen. Und so bringt jedes Jahrzehnt neue Herausforderungen, neue Möglichkeiten und neue Technologien mit sich. Man muss stets dranbleiben und darf sich nicht ausruhen.

Traussnigg:

Zum Thema Kooperation: Wir haben in Österreich und in der Steiermark ein super Ökosystem mit Anbietern von Basistechnologien, Produkten und Dienstleistungen auf der einen Seite und den Anwendern dieser Technologien auf der anderen Seite. Studien belegen, dass man im Sinne der Innovationskraft die Entwicklung und die Umsetzung auf Dauer nicht geografisch trennen sollte. Daher ist es ganz entscheidend, dass Österreich und die Steiermark auch Produktionsstandort bleiben – dann haben wir nach wie vor beste Chancen.

Megatrend Künstliche Intelligenz – ein Game-Changer für die Branche?

Ritter:

KI kann das Know-how der Mitarbeiter sicherlich ergänzen, aber nicht ersetzen. Zudem ist nicht alles KI, wo KI draufsteht. Oft ist es nicht mehr als eine Datenbankabfrage, die mit KI nichts zu tun hat. Aber KI wird wieder neue Themen, neue Ideen und für unterschiedliche Entwicklungen neuen Schwung bringen. Am meisten kann es wohl in der Verwaltung Einsparungen bringen, da dürfen wir die Zeit nicht verschlafen.

Puchwein:

Trainierte Modelle setzen wir bei Knapp schon seit Jahren ein. In der Bilderkennung ist das mittlerweile gang und gäbe. In der Logistik betrifft das relevante Fragen wie etwa: Ist das Objekt aus Karton oder durchsichtigem Plastik oder einem anderen Material? Solche Fragen kannst du mit trainierten Modellen super lösen, die man mit klassischer Bildverarbeitung nicht schafft. KI wird gerade in der Effizienz von Prozessen bzw. bei einzelnen Technologien einen Boost erzeugen, aber man muss diese Art von KI vom aktuellen Hype um die Large Language Models unterscheiden. Gleichzeitig dürfen wir auch hier nicht überregulieren, siehe den AI Act. Damit laufen wir Gefahr, uns zu Tode zu regulieren, bevor wir überhaupt anfangen, die Chancen der Technologie richtig zu nutzen.

Traussnigg:

Ich sehe KI vor allem als eine neue Technologie, als neues Werkzeug, das wir nun zur Verfügung haben und das seine berechtigten Einsatzzwecke hat. Besonders gefordert sind wir im Bereich der Lehre. Die KI hat massive Auswirkungen darauf, wie wir lehren, wie die Studierenden lernen und wie wir prüfen. Wir haben uns als FH CAMPUS 02 sehr schnell dazu bekannt, KI als Werkzeug anzuerkennen, das man verwenden darf. Die Frage ist nun, wie gehen wir damit um? Wir müssen in vielen Dingen umdenken. Beispielsweise Hausübungen in Englisch aufzugeben, wo jemand einen Aufsatz verfasst, ist relativ sinnlos geworden. Wir kommen immer weiter weg von der Beurteilung des Ergebnisses hin zu einer Beurteilung des Prozesses. Da gibt es viele neue didaktische Ideen und Ansätze.

Ein Mann mit Brille und beigem Blazer gestikuliert mit den Händen, während er an einem Tisch mit Büromaterial in einem hellen, modernen Raum spricht.

„Es gibt nicht nur die Automatisierung von Produktion und Produkten, sondern auch von Prozessen. Ich sehe in der Verwaltung ein Riesenpotenzial, Prozesse zu automatisieren.“

Udo Traussnigg
Leiter Automatisierungstechnik FH CAMPUS 02

Ist KI eine Chance für die europäische Industrie?

Tanner:

Das wäre meine Hoffnung, dass wir in Europa etwas etablieren, das uns eine Sonderstellung am Weltmarkt bringt – und im Industriebereich haben wir Europäer einfach eine breite Basis und sehr viel Expertise. Ganz allgemein, denke ich, ist es bei der KI nicht anders als bei anderen Technologien auch: Neue Technologien werden kurzzeitig überbewertet und auf lange Sicht unterbewertet. Jetzt sind wir gerade noch in der abebbenden Phase, wo man glaubt, die KI kann alles lösen. Irgendwann wird sich das einpendeln und bis zu einem gewissen Grad wird es Daily Business werden. Aber ein Aspekt könnte für uns schon dramatisch werden: Wir sehen, dass Firmen dazu übergehen, keine neuen Programmierer mehr aufzunehmen, sondern lieber die KI programmieren lassen. Das gilt nicht mehr nur für Standardprozesse und -entwicklungen, sondern auch für komplexere Entwicklungen. Amazon und Microsoft machen das bereits. Dort werden gerade aktiv Mitarbeiter abgebaut und durch KI ersetzt. Wenn die Großen anfangen, diese Richtung einzuschlagen, kann man nicht so einfach sagen, dass das bei uns ganz spurlos vorbeigehen wird.

Ein Mann mit Brille und Bart, bekleidet mit einem marineblauen Blazer und einem weißen Hemd, sitzt an einem Tisch und spricht und gestikuliert mit den Händen. Im Hintergrund sind eine Kaffeetasse, Papiere und eine Landkarte an der Wand zu sehen.

„Um die Technologien und Kompetenzen unserer Mitglieder noch besser zu vernetzen, haben wir auf unserer Plattform den Kompetenzatlas ins Leben gerufen.“

Helmut Röck
Geschäftsführer Plattform AT Styria

Abschließend – was wünschen Sie sich?

Ritter:

Ich wünsche mir einen funktionierenden, freien Markt mit Chancengleichheit ohne bürokratische Hürden. Österreich macht den Betrieben mit seinem Goldplating das Leben schwerer als notwendig. Was ich mir ebenso wünsche: noch mehr Kooperationen innerhalb der Steiermark, innerhalb Österreichs, innerhalb der EU, um am Weltmarkt erfolgreich sein zu können. Ebenso wichtig: Wir brauchen weiterhin Produktion in Europa, eine Nähe zu Forschung & Entwicklung, sonst fehlt die Feedbackschleife. Und wir brauchen Beschäftigung für Leute, die nicht so hoch gebildet sind. Nur Jobs auf Akademikerniveau ist zu wenig für eine Gesellschaft. Ebenso ein Wunsch: Dass die Freigiebigkeit der Politik eine Einschränkung erfährt. Es kann nicht sein, dass sie, um Wählerstimmen zu fangen, Förderungen mit der Gießkanne hinausbläst. Zu guter Letzt: die Leistungsbereitschaft der Menschen anreizen, statt das Nichtstun zu fördern. Denn die Produktivität war immer unser wichtigster Faktor.

Puchwein:

Ich wünsche mir einen Schulterschluss in Europa. Österreich ist keine Insel, wir sind exportorientiert und können es uns nicht leisten, zu versuchen hierzulande ein lokales Optimum zu generieren. Daher braucht es dringend eine Reduktion von Normen und Richtlinien – die Grundlage für einen fairen Wettbewerb. Und auf der Forschungsseite würde ich mir wünschen, dass man europaweit zusammenarbeitet, ohne überbordende Bürokratie, die einen zwingt, unzählige Formulare auszufüllen, um irgendwo an eine Förderung zu kommen. Wir brauchen Hotspots, die sich auf Technologien fokussieren, deren Entwicklung im europäischen Interesse liegt.

Traussnigg:

Ich würde mir sehr wünschen, dass wir wieder stärker dorthin kommen, was Zentraleuropa historisch ausgemacht hat, nämlich die Freude am Tüfteln und am Problemlösen zu fördern. Es ist einfach ein tolles Gefühl, Prozesse selbstständig und selbsttätig ablaufen zu lassen, ohne sich darum noch weiter kümmern zu müssen. Automatisierung bringt eine Entlastung der eigenen Ressourcen, von Energie, Zeit und geistigen Kapazitäten. Daher wünsche ich mir, das Bewusstsein stärker in die Bevölkerung zu tragen, dass Technik, Technologie und Automatisierungstechnik am Ende des Tages extrem viel mit Kreativität und Freiheit zu tun haben. Mein Appell an die Jugend: Es ist cool und macht Spaß, Dinge neu und besser zu gestalten.

Tanner:

Ich sehe einen Schulterschluss in Europa ebenso als Gebot der Stunde – geeint nach innen und gemeinsam nach außen. Wenn es um Wünsche geht, würde ich mir wünschen, dass es keine großen Kriege mehr gibt, ob in der Ukraine oder in Israel – das wäre auch für die Grundstimmung ein Riesenhebel. Das dritte Thema, das wir heute kaum diskutiert haben, ist das Thema Nachhaltigkeit. Dabei geht es meiner Ansicht nach darum, Prozesse und Ressourcen so effizient zu managen, dass am Ende des Tages auch ein Wettbewerbsvorteil herauskommt. Ich halte nichts davon zu sagen, wir müssen bis 2040 dieses oder jenes Ziel erreichen, sondern sollten einfach Technologien entwickeln, die am effizientesten und damit automatisch nachhaltig sind. Wenn wir heute einen Schwerpunkt auf grüne Technologien legen, verbessern wir die Wettbewerbsposition von morgen.

Fotos: Oliver Wolf

Banner mit dem Text "trinkvergnügen" und "Über 450 Weine & Champagner einfach online bestellen." Rechts zeigt ein Foto zwei Gläser Rotwein auf einem Holztisch im Freien bei Sonnenuntergang.