Eine Collage aus vier Bildern zeigt Menschen, die in verschiedenen beruflichen Situationen im Innen- und Außenbereich zusammen lächelnd posieren.
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Das Erbe weitertragen

Familieninterne Nachfolge – oftmals ein Balanceakt zwischen Eskalation und Entfaltung. Im zweiten Teil unserer SPIRIT-Serie zum Thema Unternehmensnachfolge haben wir vier steirischen Familienunternehmen über die Schulter geblickt, die den Generationswechsel vorbildhaft vollzogen haben. In allen
Fällen sind nun Frauen federführend am Ruder. Über Übergaben mit Weitblick, goldrichtige Holzwege und eine Nachfolge im Triple-Pack.

Spitzer Engineering

Innovation in den Genen

Das Anti-Hektik-Programm grast draußen auf der Wiese. In Sichtweite des Firmengebäudes von Spitzer Engineering in Vorau weiden Kühe. Der Blick vom Chefbüro aus fällt auf das Stift Vorau und grüne Hügel. Ein Idyll, das Geschäftsführerin Simone Spitzer in stressigen Businessmomenten besonders schätzt. Das war nicht immer so. Die allzu große Beschaulichkeit des Almenlands war einer der Gründe, warum die Verfahrenstechnikerin erst im urbanen Wien ihr berufliches Glück suchte. „Während meines Doktorats habe ich dann immer wieder in der Firma meines Vaters mitgearbeitet, vor allem im Forschungsbereich, und gemerkt, dass mir die Arbeit im Unternehmen eigentlich gut gefällt“, so Spitzer. Zudem wollte sie nicht, dass die Firma, ein führendes österreichisches Planungsbüro im Bereich Anlagen-, Maschinen- und Stahlbau mit rund 100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, verkauft wird. „So habe ich mich letztlich entschieden, die Nachfolge anzutreten“, berichtet Simone Spitzer, die 2020 ins Unternehmen einstieg und vier Jahre später die Geschäftsführung übernahm – an der Seite ihres Vaters Herbert Spitzer, der heute noch teilweise im Betrieb tätig ist, sowie des dritten Geschäftsführers Wolfgang Reiterer. Die Oststeirerin nutzte die Chance auf eine familieninterne Lösung, die beiden älteren Schwestern hatten bereits abgewunken. Eine Schwester arbeitet heute im Betrieb als Controllerin.

Eine Frau mit langen blonden Haaren lächelt, während sie an einem Tisch mit einem Teller Äpfel sitzt und mit einer Person spricht, die mit dem Rücken zur Kamera steht.

„Der wichtigste Tipp? Sich ausreichend Zeit nehmen und langsam ins Unternehmen hineinwachsen.“

Simone Spitzer
Spitzer Engineering

„Unsere Mitarbeiter waren sehr froh über diese Lösung, denn die Alternative wäre ein Verkauf gewesen. Mit allen Auswirkungen auf die Firmenkultur – die Arbeit in einem Familienunternehmen ist einfach etwas anderes als in einem Konzern“, so Spitzer, die schon als Kind unter dem Bürotisch des Vaters erste „technische“ Zeichnungen anfertigte, später Biotechnologie studierte und ein Doktorat in Verfahrenstechnik anschloss. Wie reibungslos war die Übergabe? „Diskussionen gibt es immer, die muss es auch geben – aber keine großen Konflikte“, erklärt Spitzer. „Dafür ziehen wir zu sehr an einem Strang. In wesentlichen Fragen muss es Einigkeit geben“, so die Unternehmerin, die ihren Vater bis heute als wichtigsten Sparringspartner für neue Ideen schätzt. „Er war schon immer extrem zukunftsorientiert und für neue Entwicklungen sehr aufgeschlossen.“ Ein Innovationsgeist, den Spitzer – im Vorjahr „Follow me“-Award-Gewinnerin der WKO Steiermark – weiter in die Zukunft tragen möchte. Soeben wurde eine Innovationsgruppe als F&E-Abteilung im Haus ins Leben gerufen, die sich auf die Entwicklung neuer Ideen im Unternehmen fokussiert. Ein weiteres Thema, bei dem die Nachfolgerin an Bestehendes anknüpfen kann: „Schon mein Vater achtete auf einen hohen Frauenanteil im Unternehmen. Ein Thema, das mir ein besonderes Anliegen ist – der Anteil liegt seit Jahren konstant bei 30 Prozent.“ Dafür setzt Spitzer auf Initiativen wie den Girls’ Day. Zudem forcieren Kooperationen mit Schulen oder der „Spitzer Innovation Award“, der Maturaarbeiten von Schülerinnen und Schülern prämiert, den Kontakt mit Nachwuchskräften. Der wichtigste Tipp für eine gelingende Übergabe? „Sich ausreichend Zeit nehmen und langsam hineinwachsen – man kann sich nicht von heute auf morgen das Wissen der Vorgängergeneration aneignen. Und: Mit allen Familienmitgliedern offen über alle rechtlichen Angelegenheiten sprechen, auch über Unangenehmes wie das Ableben der Eltern – aber die Offenheit zahlt sich aus und schafft Klarheit.“

sehen!wutscher

Übergabe mit Weitblick

Die Sache mit dem Weitblick. In einem Optikfachgeschäft ohnehin daily business, bekommt er im Zuge einer Betriebsübergabe noch eine andere Dimension. In jeder Hinsicht Weitblick bewies sehen!wutscher, Österreichs größtes familiengeführtes Augenoptikunternehmen, im Zuge des Generationswechsels vor zwei Jahren. „Die Übergabe war ein bewusst gestalteter, gut vorbereiteter Schritt“, berichten Alexandra Wutscher-Hold und Fritz Wutscher jr. Die dritte Generation ist bereits seit 2006 im Familienunternehmen tätig und prägte als Teil der Geschäftsleitung schon in den Jahren vor der Übergabe die strategische Ausrichtung des Unternehmens mit. „Zudem haben wir eine klare Roadmap für die ersten fünf Jahre nach der Übergabe definiert“, so Alexandra Wutscher-Hold. „Damit konnten wir sicherstellen, dass jene Werte, die sehen!wutscher ausmachen, erhalten bleiben und wir das Unternehmen gleichzeitig mit frischen Impulsen in eine erfolgreiche Zukunft führen.“ Weiters wurde eine Familienverfassung erarbeitet, in der wichtige Richtlinien und Erfolgsfaktoren des Unternehmens niedergeschrieben sind. Gab es dabei Knackpunkte? „Bei der generationsübergreifenden Zusammenarbeit entstehen immer auch Spannungsfelder. Diese haben wir aber immer schon als Motor für unsere Weiterentwicklung gesehen“, betont Fritz Wutscher jr. Und Alexandra Wutscher-Hold ergänzt: „Bei Themen wie der Digitalisierung und Nutzung von KI oder auch bestimmten Expansionsentscheidungen gab und gibt es immer wieder unterschiedliche Ansichten zu Potenzialen und Risiken. Wir nutzen sie dann aber als Diskussionsgrundlage, um zu einer gemeinsamen Entscheidung zu kommen, hinter der dann alle stehen können.“ Fritz Wutscher jr.: „Auch der Prozess der Rollenfindung im Familienunternehmen und das schrittweise Loslassen erforderten viel gegenseitiges Vertrauen und Wertschätzung. Wir sind stolz darauf, dass uns das so gut gelungen ist.“

Nebeneinander stehende Porträts eines Mannes und einer Frau, beide mit blondem Haar und in schwarzer Kleidung, vor neutralem Hintergrund.

„Die Übergabe war ein bewusst gestalteter und gut vorbereiteter Schritt.“

Alexandra Wutscher-Hold und Fritz Wutscher jr.
sehen!wutscher

Wie gelingt die Balance zwischen Gutes bewahren und Neues zulassen? „Unsere Vision, Mission und unsere Werte, die wir gemeinsam mit unserem Vater für sehen!wutscher definiert haben, bleiben unantastbar. Sie sind das Fundament unserer Unternehmenskultur“, so Wutscher-Hold. „Unser Vater hat das Unternehmen von einem kleinen Optiker zu einem der umsatzstärksten des Landes entwickelt. Ein wertvolles Erbe, das wir als dritte Generation weitertragen. Dennoch gibt es Bereiche, wo wir mutiger und lauter geworden sind.“ „So treiben wir“, ergänzt Bruder Fritz, „die Digitalisierung massiv voran, schärfen unseren Markenauftritt und setzen mit unserer Exklusivmarke FR!TZ EYEWEAR sowie modernen Ansätzen im Bereich Mitarbeiterführung neue Akzente.“ Vater Fritz Wutscher sen. hat sich aus dem operativen Tagesgeschäft zurückgezogen, ist aber weiterhin strategischer Partner und nimmt eine Beratungsfunktion ein. „Er repräsentiert mit uns gemeinsam das Familienunternehmen und steht uns bei wichtigen Entscheidungen als Mentor zur Verfügung. Wir schätzen seine Expertise und Unterstützung“, erklären die beiden. Der wichtigste Tipp für eine gelungene Übergabe? „Der Schlüssel liegt in der Kommunikation. Ein Generationswechsel ist nicht leicht und gerade in einem Familienunternehmen emotional stark aufgeladen. Man sollte den Dialog suchen, bevor Konflikte entstehen und Veränderungen als gemeinsamen Prozess verstehen“, sind sich die beiden einig. „Für uns war es darüber hinaus auch immer wichtig, dass wir berufliche Themen nicht in unsere gemeinsame private Zeit als Familie mitnehmen und hier eine klare Grenze ziehen.“

Kaml-Huber

„Ich weiß nicht, ob es die perfekte Übergabe gibt, aber so, wie es bei uns gelaufen ist, war es aus meiner Sicht ziemlich perfekt“, berichtet Petra Huber, Geschäftsführerin von Holzindustrie Kaml-Huber mit Sitz in Rottenmann. Seit 2020 führt die Obersteirerin das Unternehmen gemeinsam mit Rupert Kaml, Spross der zweiten Gründerfamilie, sowie ihrem Vater Rupert Huber, der weiterhin im Betrieb tätig ist. So lehrbuchmäßig die Nachfolge, so ungewöhnlich war der Einstieg in die Branche. Petra Huber beweist, dass es manchmal einen Umweg braucht, um auf den (richtigen) Holzweg zu gelangen. „Ich habe eine Schwester, die eine Ausbildung im Holztechnikum Kuchl absolvierte, aber schließlich in eine andere Branche umschwenkte“, so Huber. „Bei mir war es genau umgekehrt. Ich besuchte die Tourismusschule in Bad Gleichenberg und war jahrelang in der Gastronomie und Reisebranche tätig. Erst relativ spät, im Jahr 2008, entschloss ich mich, ins Familienunternehmen zurückzukehren – sehr zur Freude meines Vaters, der zu diesem Zeitpunkt bereits 56 Jahre alt war.“ Mit dem Vater als Mentor lernte Huber das Unternehmen von der Pike auf kennen, absolvierte einschlägige Ausbildungen und sammelte rasch Erfahrungen im Bereich Rundholzeinkauf – der Bereich, den sie auch heute, neben dem Betrieb des Sägewerks, federführend verantwortet. „Die Branche ist heute nicht mehr ganz so männerlastig wie zu Beginn meiner Tätigkeit – ich kann mich an Veranstaltungen erinnern, da gab es neben mir ausschließlich Herren in dunklen Anzügen“, schmunzelt sie. „Das hat sich zum Glück etwas gebessert“, so Huber.

Zwei lächelnde Erwachsene, ein Mann in einem blauen Pullover und eine Frau in einem schwarzen Oberteil, stehen vor gestapelten Holzbrettern.

„Entscheidend ist die Kommunikation – man muss die Dinge offen ansprechen und ausdiskutieren.“

Petra Huber
Holzindustrie Kaml-Huber

Was macht eine Übergabe erfolgreich? „Entscheidend ist der Konsens in wesentlichen Zukunftsfragen. Alle großen Entscheidungen, gerade was Investitionen betrifft, haben wir immer gemeinsam – in unserem Fall zu dritt – getroffen“, so Huber. „Vor allem mein Vater ist seit jeher die treibende Kraft hinter unseren Innovationsprojekten.“ In den vergangenen Jahren hat der Holzbetrieb massiv in die Automatisierung investiert, zwei große Roboteranlagen wurden angeschafft. Zudem wurde eine große Photovoltaikanlage mit 1000 kW Peak installiert. „Ein wichtiger Schritt, um die hohen Energiekosten im Griff zu haben.“ Die Kostensprünge vor allem in den Bereichen Energie und Personal sieht die Unternehmerin aktuell auch als die größte Herausforderung. „Unser Exportanteil liegt bei 60% und wir haben Mühe, unser Schnittholz zu konkurrenzfähigen Preisen anbieten zu können“, so die Arbeitgeberin von derzeit 28 Beschäftigten, die ihrem Vater auch im Ausschuss der Fachgruppe Holzindustrie der Wirtschaftskammer nachfolgte. Zudem ist sie im Vorstand von proHolz Steiermark. Ihr Tipp für eine gelungene Nachfolge? „Möglichst früh in den Betrieb einsteigen und eine Zeitlang parallel mit der Vorgängergeneration arbeiten – dann hat man ausreichend Zeit, den Betrieb kennenzulernen und nach und nach Verantwortung zu übernehmen“, rät Huber. Gab es auch Konflikte? „Zum Glück keine großen Knackpunkte, aber Diskussionen gibt es immer. Entscheidend ist die Kommunikation – man muss die Dinge offen ansprechen und ausdiskutieren.“

Breitfuss Transporte

Übernahme zu dritt

Alles andere als alltäglich war die Nachfolge im Unternehmen Breitfuss Transporte mit Sitz in Kapfenberg. Alle drei Geschwister – Julia, Mathias und Florian – entschlossen sich, die Unternehmensnachfolge im Vorjahr gemeinsam anzutreten. „Die zwei Jahre vor der eigentlichen Übergabe waren sehr intensiv und stark von Gesprächen geprägt“, verrät Julia Breitfuss. „Diskussionen, auch Konflikte gehören einfach dazu, wenn mehrere Menschen gemeinsam ein Unternehmen führen. Wichtig ist, dass man ein gemeinsames Ziel hat.“ Die größte Herausforderung war die Frage der künftigen Rollenverteilung. Die getroffene Regelung: Mathias ist nun Geschäftsführer und trägt die Gesamtverantwortung. Operativ ist er gemeinsam mit Bruder Florian Ansprechperson für die Mitarbeiter. Zudem kümmert sich dieser um die operative Abwicklung – also Auftragsannahme, Disposition und Verrechnung. Julia ist für das Finanzwesen und Marketing zuständig. „Am Ende haben wir alle das gleiche Ziel: Es muss unserem Unternehmen gut gehen“, betonen sie einmütig. Die „Generalprobe“ glückte schon knapp vor der Übernahme. „In der Zeit des Übergabeprozesses haben Florian, Mathias und ich gemeinsam zwei weitere Firmen gegründet – die Breitfuss Rent und die Breitfuss IV. Dadurch war es naheliegend, die Transportgesellschaft auch gemeinsam zu übernehmen.“

Drei Personen stehen lächelnd vor einer hellgrauen Wand, zwei Männer und eine Frau in legerer Geschäftskleidung.

„Verantwortung muss wirklich übergeben werden. Klare Regeln sind entscheidend.“

Mathias Breitfuss
Breitfuss Transporte

Auch die Affinität für das Thema Elektromobilität verband. Gemeinsam entschied man, verstärkt in Elektro-Lkw und einen eigenen E-Ladepark zu investieren. „Mit der Entscheidung, diesen Weg zu gehen, war auch klar, dass es dafür mehr Ressourcen und gemeinsame Kraft braucht. Das hat den Prozess zusätzlich intensiviert und uns als Team noch enger zusammengeschweißt“, so Julia Breitfuss. „Zudem haben Mathias und ich uns auch viel mit anderen Unternehmern ausgetauscht, die selbst gerade in einer Übergabephase sind oder diese schon hinter sich haben“, so Florian Breitfuss über den wertvollen Austausch mit Gleichgesinnten. Wie viel Bewährtes, wie viel Innovatives prägt nun die Zukunft? „Wir möchten uns stetig weiterentwickeln – Digitalisierung und KI bieten viele Chancen, unsere Prozesse effizienter zu machen. Wichtig ist, dabei die Balance zu halten und Bewährtes nicht zu verlieren“, betont Matthias Breitfuss. Die Rolle der Eltern heute im Betrieb? „Wenn man es mit einer AG vergleichen würde, dann wären sie der Aufsichtsrat“, so Florian Breitfuss. „Sie sind nicht mehr operativ tätig, aber beratend weiterhin sehr wichtig. Auf ihr Wissen greifen wir gerne zurück.“ Ihr Tipp für andere Betriebsnachfolger? Julia Breitfuss: „Oft prallen zwei Welten aufeinander: Die ältere Generation will ihr Lebenswerk nicht zu früh aus der Hand geben, die jüngere will verändern und vorangehen. Daher mein Tipp: Gespräche führen und sich Zeit nehmen. Dennoch hilft ein klarer Übergabetermin enorm – bei uns war das ein fixer Stichtag, an dem es kein Zurück mehr gab.“ Mathias Breitfuss: „Verantwortung muss wirklich übergeben werden. Klare Regeln sind entscheidend.“

Drei Personen stehen vor weißen Lastwagen, die draußen in einer Reihe geparkt sind. Sie sind leger gekleidet und posieren selbstbewusst für die Kamera.
Übernahme im Trio: Julia, Mathias (l.) und Florian Breitfuss, Breitfuss Transporte in Kapfenberg

Fotos: beigestellt

Banner mit dem Text "trinkvergnügen" und "Über 450 Weine & Champagner einfach online bestellen." Rechts zeigt ein Foto zwei Gläser Rotwein auf einem Holztisch im Freien bei Sonnenuntergang.