Revolution in der Produktion
Mit einer auf Agentic AI beruhenden Planungs- und Orchestrierungssoftware will das im Science Park Graz ansässige Start-up „openmaind“ die Roboterlogistik in die nächsten Automatisierungsdimensionen katapultieren.
Maschinelles Lernen?“, schütteln Michael Reip und Christoph Zehentner angesichts der gut gemeinten, aber etwas unbedarften Frage den Kopf. „Nein, wir sind eigentlich schon ein paar Schritte weiter als beim maschinellen Lernen. Was wir hier entwickeln und einsetzen, das sind sogenannte Agentic-AI-Systeme, basierend auf generativen KI-Modellen.“ Die Entwicklung auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz (KI, Artificial Intelligence: AI) schreitet mit einer derartigen Dynamik voran, dass nicht nur KI-Modelle immer rascher altern, sondern auch die Halbwertszeiten der Begriffe dahinschmelzen wie der sprichwörtliche Schnee im Frühling.
„In vielen Bereichen“, bringt es Zehentner auf den Punkt, „sind wir heute grob geschätzt um den Faktor 50 bis 100 schneller als noch vor zwei oder drei Jahren, wenn wir KI einsetzen.“ Mit anderen Worten: Die KI bewältigt eine exponentielle Lern- und Effizienzkurve. „Ein Wahnsinn“, was sich in diesem Bereich abspiele. „Dabei glaube ich“, spitzt Zehentner noch zu, „dass die KI heute nach wie vor in den Kinderschuhen steckt. Da kommt noch eine Riesenrevolution auf uns zu, was die Art, wie wir arbeiten, massiv verändern wird.“ Nicht umsonst, fügt Reip hinzu, habe OpenAI-CEO Sam Altman prognostiziert, dass es bald das erste Ein-Personen-KI-Unicorn geben könnte, also ein Einpersonenunternehmen, das mit über einer Milliarde Dollar bewertet wird. Sie selbst kämen dafür allerdings nicht in Betracht, geben sich die beiden Start-up-Unternehmer „bescheiden“, seien sie doch erstens zu fünft und zweitens mutmaßlich in einer für diesen Anspruch zu begrenzten Branche tätig.
openmaind FlexCo
- 2025 wurde openmaind FlexCo gegründet, ursprünglich von Michael Reip und Verena Kriegl. Christoph Zehentner stieß etwas später dazu. Im Zuge des Einstiegs der KaPa Ventures Holding GmbH zog sich Kriegl aus der Gesellschaft zurück, ist aber weiterhin im Management tätig.
- Fünf Personen sind derzeit (mit den Gründern) bei openmaind tätig.
Michael Reip und Christoph Zehentner halten je 40 Prozent an openmaind FlexCo, 20 Prozent befinden sich im Besitz der KaPa Ventures Holding GmbH der beiden IT-Koryphäen Frank Kappe und Gerhard Pail. - openmaind FlexCo entwickelt eine auf Agentic AI basierende Software zur Planung bzw. Orchestrierung auch heterogener Roboterflotten in der Produktionslogistik bzw. in der Intralogistik.
- Seinen Unternehmenssitz hat openmaind FlexCo am Science Park Graz, dem von Martin Mössler geleiteten Hightech-Start-up-Inkubator in der Sandgasse 36.
- Reip hatte an der TU Graz Software Engineering und Management studiert und in Computer Science mit einer Dissertation über Artificial Intelligence und Mobile Robotics promoviert.
- Zehentner hat ebenfalls an der TU Graz ein Diplomstudium (Dipl.-Ing.) der Computer Science
- Gemeinsam mit 5 Mitgründerinnen und -gründern hatten Reip und Zehentner 2011 das Start-up „incubed IT“ gegründet und 2021 nach 10 Jahren für eine nicht kolportierte Summe an den US-amerikanischen Telekommunikationsriesen Verizon veräußert. An der „incubed IT“ war auch das steirische Automatisierungs- und Logistikunternehmen Knapp AG beteiligt.
- Aus dem siebenköpfigen Gründungsteam von incubed IT, das sich über das RoboCup Team der TU Graz gefunden hatte, sind mittlerweile neben openmaind FlexCo einige weitere Unternehmen hervorgegangen.
Investor an Bord
Mit ihrem erst vor knapp einem Jahr gegründeten Start-up „openmaind FlexCo“ – die AI ist in die Firmenbezeichnung integriert – sind Reip und Zehentner jedenfalls drauf und dran, die Welt der Produktions-, aber auch der Intralogistik neu zu formatieren, um es mit einem, wenn auch bereits in die Jahre gekommenen, IT-Begriff auszudrücken. Mittlerweile besteht das openmaind-Team aus fünf Personen, darunter die Mitgründerin Verena Kriegl, und einem nicht näher quantifizierten Team von KI-Agenten. Und mit der in Wien ansässigen KaPa Ventures Holding GmbH der beiden steirischen IT-Koryphäen, Wissenschaftler und Serienunternehmer Frank Kappe und Gerhard Pail hat openmaind bereits nach wenigen Monaten einen namhaften Investor an Bord. Doch welcher Mission hat sich das selbst nach zeitgenössischen Start-up-Maßstäben noch blutjunge Unternehmen verschrieben?
„Für User war es nach wie vor zu komplex, Roboterprojekte zu planen, umzusetzen und am Leben zu erhalten. Diese Komplexität haben wir aus dem System herausgenommen.“
Blicke man hinter die Kulissen industrieller Produktionen, erklärt Reip, bemerke man häufig, dass weite Bereiche vor allem der Produktionslogistik nach wie vor kaum automatisiert seien. „Oft erwecken zwar ein paar herumflitzende Roboter den Anschein eines fortgeschrittenen Automatisierungsgrades, das Gros der produktionsinternen Transporte wird jedoch weiterhin manuell abgewickelt. Auch einzelne durchaus avancierte Leuchtturmprojekte verzerren manchmal das Bild. Besucht man dann nämlich einen weniger prominenten Standort quasi in der zweiten Reihe des Konzerns, wird man schnell wieder auf den Boden der Realität zurückgeholt“, schildern Reip und Zehentner ihre Erfahrungen. Und selbst bei hochautomatisierten Produktionen kehre im Laufe der Zeit wohl oder übel der Automatisierungs-Bug ein – wenn etwa neue Maschinen und Produktionslinien errichtet würden oder Mitglieder heterogener Roboterflotten sich in die Quere kämen. Nadelöhre, Staus, unnötige Umwege und Stehzeiten, Leerlauf – das alles sei selbst bei nach dem Stand der Technik automatisierten Fabriken weltweit an der Tagesordnung. Alle diese Unzulänglichkeiten könnten der Vergangenheit angehören, so das umwälzende Versprechen der Grazer Innovationsunternehmer.
Denn genau da setze die von openmaind entwickelte Software an. Sie ermögliche die simulative Planung von komplexen Roboterbewegungen in Produktionsabläufen ebenso wie die Orchestrierung, also die Steuerung auch herstellerheterogener Roboterflotten – einfach zu implementieren und erst einmal im Laufen durch die AI-Agenten sich selbstständig an die sich verändernden Bedingungen anpassend und somit autonom zukunftsfähig. Über den Prototyp sei die Software schon hinaus. Sie befinde sich derzeit bereits in einem Minimum-Viable-Produkt-Stadium (MVP) und stehe nach Testläufen etwa in Norwegen unmittelbar vor ihren ersten Businesseinsätzen. Der Planungs-Use-Case werde in der Automobilproduktion in räumlicher Nähe zum Grazer Unternehmenssitz realisiert, die erste Orchestrierung gehe am tunesischen Standort eines bedeutenden Automobilzulieferers über die Bühne.
Exit als Ausweis
Dass sie Logistikautomatisierung „können“, haben Reip und Zehentner bereits einmal eindrucksvoll unter Beweis gestellt. 2021 veräußerten sie das gemeinsam mit fünf Kompagnons aus dem RoboCup-Team der TU Graz 2011 gegründete Unternehmen „incubed IT“, an dem die Knapp AG eine namhafte Beteiligung hielt, an den US-amerikanischen Telekommunikationsgiganten Verizon – ein nicht nur für steirische Verhältnisse spektakulärer Exit. Waren Reip und Zehentner nach dem Exit noch im Management des veräußerten Unternehmens verblieben, um die prognostizierte globale Skalierung ihrer längst bei prominenten internationalen Kunden ausgerollten Roboterflotten-Steuerungssoftware zu vollziehen, kam es durch einen Strategiewechsel des US-Konzerns dann doch anders.
Die neu gegründete openmaind, betonen Zehentner und Reip, sei allerdings keinesfalls als Ersatzprogramm für die incubed IT zu verstehen. „Mit openmaind“, lässt Reip die vergangenen Entwicklungen Revue passieren, „haben wir vielmehr den natürlichen nächsten Schritt gesetzt. Die Idee hatten wir ja schon länger im Kopf.“ Es habe ihnen keine Ruhe gelassen, dass ihre Technik „noch immer von einem relativ überschaubaren Kreis genutzt“ worden sei. Bei ihrem neuen Ansatz ginge es nun noch viel stärker darum, das Thema in die Breite zu bringen und einem möglichst großen Kreis zugänglich zu machen. Der Weg dorthin wiederum führe über Anwendungsfreundlichkeit. Es sei für User einfach nach wie vor zu komplex gewesen, ein Roboterprojekt zu planen, umzusetzen und dann am Leben zu erhalten sowie sicherzustellen, dass sich das System auch an sich ändernde Rahmenbedingungen anpasse. „Selbst wir hatten“, macht Zehentner den Komplexitätsgrad anschaulich, „früher in unserem alten System rund 3500 Parameter, die alle irgendwelche Aufgaben erfüllten. Diese Komplexität mussten wir rausnehmen.“
„Wir haben ein aufAgentic AI basierendes System entwickelt, das es selbst Software-Laien erlaubt, Robotersysteme zu planen, zu überwachen und auf lange Sicht zu betreiben.“
Kommandos in natürlicher Sprache
Ziel sei es gewesen, eine Software zu entwickeln, die so einfach ist, dass sie von Anwendenden umstandslos ohne spezifisches Vorwissen implementiert und in der Folge verwendet werden könne. Mit anderen Worten: Die Automatisierungssoftware muss die Arbeitsabläufe verbessern, ohne selbst Arbeit zu machen. Dass Reip und Zehentner, beide studierte Computer-Wissenschaftler und Software-Experten, die Lösung von der Softwareseite her denken, habe sich in dieser Gemengelage als entscheidender Innovationstüröffner erwiesen. Zu ihrer umfassenden unternehmerischen Erfahrung und ihrem Wissen um die Erfordernisse in der Produktionslogistik gesellte sich nämlich ein bedingungsloser Wille zum universellen, skalierbaren Anwendungsprinzip. Das entscheidende Tool dazu: Agentic KI.
„Wir haben“, bringt Reip die innovative Logik der openmaind-Automatisierungslösung auf den Punkt, „ein auf Agentic KI basierendes System entwickelt, das es selbst Software-Laien erlaubt, Robotersysteme zu planen, zu überwachen und auf lange Sicht zu betreiben.“ Und zwar – und das sei ein ganz entscheidender Faktor – in natürlicher Sprache, also in der Sprache, die Anwendern zur Verfügung steht, sei es schriftlich oder mündlich. Die Arbeit übernähmen dann die KI-Agenten. Das System lasse sich zudem mittels in der Regel bereits vorhandener Unterlagen und Protokolle mit ein paar wenigen Ergänzungen aufsetzen, also so gut wie Plug and Play. All das lasse die Optionen förmlich explodieren und öffne einen „Zustandsraum“, der unendlich groß sei. „Dieser Ansatz wird“, ordnen die beiden Openmaind-Gründer ihren Zugang ein, „das Standard-Entwurfsmuster für Software in den – sagen wir – nächsten zehn Jahren sein.“
Kaum verwunderlich, dass Reip und Zehentner besagte KI-Agenten als Teammitglieder auch ins Organigramm ihres Unternehmens geholt und ihnen dort Aufgaben zugewiesen haben. Die ganze Firma sei nun darauf ausgelegt, schnell zu sein. Das Ziel: möglichst rasch international zu skalieren. „Mit unserem Ansatz haben wir einen enormen Hebel und wir sind überzeugt davon, dass wir damit einen Beitrag dazu leisten, die Welt zu etwas Besserem zu machen“, bringen Reip und Zehentner ihre Intentionen zum Ausdruck. Automatisierung auf der Höhe der Zeit sei heute nämlich kein Nice-to-have, sondern eine Erfolgs- und vielleicht sogar Überlebensfrage im globalen Standortwettbewerb.
Fotos: Oliver Wolf, openmaind FlexCo
