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Die Neuerfindung der fünf Sinne

René Nagl denkt mit seinem Unternehmen FIVSEN sinnliches Erleben neu. Eine Idee mit Revolutionspotenzial, die es zu verstehen gilt, und eine Geschichte des unternehmerischen Werdens.

René Nagl hätte es sich einfacher machen können. Dem gebürtigen Niederösterreicher, der sich nach seiner technischen Ausbildung an der HTL St. Pölten bis ins höhere Management von Magna hochgearbeitet hatte und zuvor sein Design-Verständnis unter anderem im Entwicklungs- und Designumfeld von Audi in Neckarsulm schärfte, wären auch in anderen Unternehmen gute Karrierechancen beschieden gewesen. Doch er entschied sich anders. Er tauschte die relative Sicherheit eines Angestelltenverhältnisses gegen ein neues, selbstständiges Leben, in dem Visionen Platz haben sollten.

Eine ganzheitliche Idee und Faszination für alle Sinne, und zwar gleichzeitig.

Betriebsbesichtigung beim Entrepreneur in Feldkirchen. Zwischen Tierklinik Thalerhof und Tesla-Ladestelle soll sich sein Studio befinden. Doch wo suchen? An der angegebenen Adresse finden sich nur zwei Reihen Storage-Garagen. René Nagl und sein Produkt wollen gefunden werden. Vor einer der größeren Boxen steht er, schmunzelnd. Er weiß um die Verwirrung seiner Besucher.

René Nagls Vergangenheit ist geprägt von Design, von schönen Autos, von den Konzern-und Auslandserfahrungen. In den sieben Jahren, die er bei der heutigen Audi Sport GmbH verbrachte, wirkte er bei der Entwicklung mehrerer High-End-Fahrzeuge mit, darunter dem Audi A8, dem Lamborghini Gallardo oder dem R8. Dann, bei Magna in Oberwaltersdorf, prägten ihn die handelnden Personen sowie die Jahre, die er in China verbringen durfte. Er verantwortete dort unter anderem den Aufbau einer Open-Innovation-Einheit und entwickelte die Nachhaltigkeitsstrategie des Konzerns. In dieser Zeit kam er mit dem Start-up-Ökosystem in Berührung und erkannte, dass ihn seine Karriere Stück für Stück von jener Leidenschaft entfernt hatte, die ihn ursprünglich ins Engineering geführt hatte: dem Entwickeln spannender, neuartiger Produkte.

„Meinen Aha-Moment hatte ich, als ich mit der Maker-Szene in Kontakt kam und sah, wie frei, schnell und kreativ dort gedacht wird.“

René Nagl
FIVSEN-Gründer

Technische Fertigkeiten benötigten Auffrischung

Seinen persönlichen Aha-Moment erlebte Nagl 2019, als er intensiver mit der Maker-Szene in Kontakt kam und sah, wie frei, schnell und kreativ dort gedacht wird. Diese Begegnung öffnete ihm eine neue Welt: weg vom rein corporate-getriebenen Innovationsverständnis hin zu einer unmittelbar erfahrbaren Form technologischer Gestaltung. Daran wollte er teilhaben. Für neue Ideen richtete er zuhause ein eigenes Prototyping-Studio ein, in dem er abseits des Arbeitsalltags erste technische Konzepte entwickeln und frühe Funktionsmodelle erproben konnte. „Ich musste mir erst wieder die technischen Fertigkeiten aneignen, die es benötigt, um unmittelbar mit Material, Mechanik und Design zu arbeiten. Das ist im Konzernalltag zunehmend in den Hintergrund getreten“, sagt er. Ihn beschäftigte auch ein anderer Aspekt: Als Manager wurde er mit 200.000 Flugkilometern im Jahr zum mitunter unfreiwilligen Globetrotter, der in seelenlosen Hotels selten zur Ruhe fand. „Ich dachte stets: Wie schön wäre es, könnte ich mein eigenes sinnliches Erleben maßschneidern und dorthin mitnehmen“, betont Nagl.

Multisensorisches Erlebnis: Licht, Klang, Duft, Haptik und Atmosphäre – FIVSEN soll alle fünf Sinne ansprechen.

Sinnliches Erleben Teil der DNA

Wenn er Freunde bekochte, komponierte er Licht, Klang und Atmosphäre so präzise, dass aus einem Abendessen für die Gäste ein intensives Erlebnis wurde. Ein Feuer für Innenräume würde fehlen, befand René Nagl und experimentierte mit Licht, Strömungseffekten und sicher dargestellten, kalt wirkenden Feuerwirbeln.

Auf dem Weg zum Produkt wurde er vom Industriedesigner Philipp Eberl unterstützt. Er war es, der die Initialzündung gab, indem er sagte: „Du hattest doch die Idee mit den fünf Sinnen. Lass doch daraus etwas Ganzheitliches „entstehen“. Bevor die Idee zu einem Gegenstand wurde, der Sinneserlebnisse freisetzt, machte sich René Nagl marketingtechnisch an die Arbeit. Er prüfte sämtliche Domains mit seinen Namensideen zum Thema „fünf Sinne“, und rasch fand sich auch der Markenname: FIVSEN, abgekürzt für „Five Senses“, nur ohne „e“ und Endung. Nagls Ansprüche waren und sind wenig bescheiden. „Wenn wir es machen, dann auf dem Level einer echten Ikone, Weltklasseniveau, kompromisslos high-end.“ Er experimentierte und arbeitete sich Schritt für Schritt zur Darstellung seiner neuen Sinneswelt durch. Die äußere Form des Gegenstandes trägt Eberls Designhandschrift, im Inneren arbeitet das FIVSEN-Portal, ein präzise abgestimmtes Hightech-System, das die Sinneserlebnisse orchestriert und freisetzt.

Dazu werden für fünf verschiedene Stimmungen Duft-, Licht- und Klangerlebnisse entwickelt, angepasst an die individuellen Wünsche und Ansprüche der Kunden, die mit einem Token, zum Portal gehalten, ausgelöst werden. Für die Duftkomponente arbeitete Nagl mit dem Grazer Unternehmen PAM und internationalen Parfumeuren zusammen, die akustische Gestaltung entsteht in Kooperation mit dem Musikproduzenten Hubert Molander. Die haptische Dimension, von feinen Holzoberflächen bis zu präzisen Furnierarbeiten, stammt aus der Werkstatt der Tischlereimeisterin Birgit Kumpusch und ihrem Partner Niko Bretterklieber.

Ein schlankes, modernes Holzgerät stößt vor einem dunklen Hintergrund eine violett leuchtende Rauchsäule aus, deren Spiegelung darunter sichtbar ist.
Im Inneren des Designobjektes, der V-Skulptur, befindet sich das Portal, von dem das Duft-, Licht- und Klangerlebnis ausströmt.

Zwischen Jachtdesign und der Idee eines Drachen

Die haptische Komponente, der Gegenstand seines multisensorischen Erlebens, kann nahezu jede Form annehmen. Das zugrundeliegende System, das Portal, ist modular aufgebaut und läst sich in unterschiedlichste Objekte integrieren. Die Bandbreite reicht von einem minimalistischen Zylinder bis zur „V-Skulptur“, einem Designobjekt mit aufwendig gefertigten Freiform-Holzelementen, das an Jachtdesign erinnert, aber auch Assoziationen an einen Drachen weckt.

Um seine Geschäftsidee auf Herz und Nieren abzuklopfen, unterzog René Nagl sie im Rahmen seiner Masterarbeit an der FH Burgenland einer wissenschaftlichen Untersuchung. Licht-, Duft- und Hörerlebnisse sind mehr als nur Geschmackssache, dazu gibt es auch wissenschaftliche Ergebnisse: In neurologischen Studien wurde vielfach nachgewiesen, wie gewisse Töne, Düfte oder Sehreize auf das limbische System wirken und welche emotionalen Reaktionen sie dort auslösen. Nagl: „Wir haben hier mit unseren Partnern Zugriff auf umfangreiche Daten, mit denen sich mit hoher Wahrscheinlichkeit jene Düfte, Sounds und Lichtstimmungen komponieren lassen, die Menschen ansprechen und in die gewünschte Stimmung bringen.“

Nahaufnahme eines Bedienfelds mit schwarzen Tasten, die mit "SENHA" und "CALL" beschriftet sind, neben einem leuchtenden roten Licht in einer schwach beleuchteten Umgebung.
René Nagl hat bewusst auf App-Steuerung verzichtet und stattdessen Token entwickelt, mit denen das Sinneserleben ausgelöst wird.

Kunden im High-End-Bereich gesucht

Sein Produkt ist bereit für die Vermarktung, nun gilt es, Pilotkunden zu finden, im High-End-Hospitality-Bereich, Spas, Thermen, Lounges und Hotels, „oder bei privaten Auftraggebern, die in ihren Immobilien über Rückzugs- oder Meditationsräume verfügen, in die mein Produkt gut passen würde“, betont Nagl. Weitergedacht könnte FIVSEN auch in Suiten den Gästen zur Verfügung stehen. Im Idealfall ist dazu das gesamte Hotel mit Portalen ausgestattet; pro Raum benötigt es ein Gerät, für das mit rund 15.000 Euro zu rechnen ist. Auf zwei der größten europäischen Start-up- und Tech-Messen kam es bereits zu vielversprechenden Kontakten mit namhaften Automobilherstellern, die Interesse an einer Zusammenarbeit signalisierten. Erste Schritte sind getan, mehr will Nagl nicht verraten. Parallel dazu treten globale Technologieunternehmen an ihn heran, die multisensorische Atmosphären in moderne digitale Produktarchitekturen übertragen wollen.

Für seine unternehmerische Reise schrieb René Nagl ein Drehbuch. „Man kann viel falsch machen“, sagt er. „Mach doch eine Lavalampe 2.0“, wurde ihm geraten, auch, dass er selbst eine Crowdfunding-Kampagne starten sollte. „Da wäre ich heute vielleicht finanziell weiter, aber ich wollte ein Signature Brand machen und das Produkt in hoher Qualität in Österreich herstellen. Für mich gilt: Es gibt keine Abkürzungen.“ Förderungen der SFG oder des AWS deckten einen Teil seiner Investitionen ab, für die Patentierung nutzte er den Patentscheck der FFG und später IP-Protection von AWS. Einen sechsstelligen Betrag brachte er selbst auf. Für Investorengespräche wäre er jederzeit bereit.

„Wachstum findet nur außerhalb der Komfortzone statt. Ist das immer bequem Nein! Gibt es tiefe Täler? Ja!“

René Nagl
FIVSEN-Gründer

Zweites Standbein: FIVSEN Reimagined

Seine nach der langen Zeit im Konzern wiedergefundene Hands-On-Mentalität setzt er nicht nur in seiner Halle in Feldkirchen um, die er zu einem funktionalen wie stilvollen Maker-Space mit Präsentierlounge verwandelt hat. Mit mittlerweile großer Nachfrage restauriert er Boxen des Labels Bang&Olufsen, die er weltweit scoutet und denen er ein Redesign und ein neues Klangerlebnis verleiht. Im unteren Teil seiner Halle warten zudem professionelle Siebträgermaschinen auf einen neuen Look und damit ein zweites Leben. Diese Projekte werden unter FIVSEN Reimagined gebündelt, ein weiteres Standbein.

Wachstum findet nur außerhalb der Komfortzone statt“, ist René Nagl überzeugt. „Ist das immer bequem? Nein! Gibt es tiefe Täler? Ja!“ Wenn sich aufmerksame Lesende nun gefragt haben, wie der fünfte Sinn, der Geschmack, abgebildet wird: Dazu ist ein Genussprojekt in Vorbereitung, das er in Kürze seinen Kunden vorstellen möchte. Nur so viel verrät er: Es wird ein Trinkgenuss werden. Die sinnliche Reise des René Nagl ist damit längst nicht abgeschlossen.

FIVSEN

  • Die Geschäftsidee des ehemaligen Automotive-Managers René Nagl ist bemerkenswert: Er entwickelte ein Portal, das Sinneserlebnisse freisetzt und in einem Design-Objekt verbaut ist. Das Produkt ist marktreif. Die Zielgruppe: High-End-Kunden wie HNWIs (High-Net-Worth Individuals) bzw. Jachtbesitzer sowie Thermen und Hotels im High-End-Hospitality-Bereich
  • Zum zweiten Mal in Folge ist Nagl mit seinem Unternehmen FIVSEN im Wirtschaftsmagazin „Gewinn“ unter den Top-100-Neugründungen Österreichs gelistet, auf Platz 80 im Jahr 2024, heuer auf Platz 40.
  • Infos hier: www.fivsen.com

Fotos: Daniela Müller, René Nagl

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