„Denken kann man nicht auslagern“
Künstliche Intelligenz organisiert Prozesse, schreibt Texte und löst Aufgaben in Sekunden. Dennoch brauchen Unternehmen Mitarbeiter, die komplexe Aufgaben verstehen und nicht nur Antworten reproduzieren. Der Schweizer Schulpädagoge Manfred Pfiffner, Professor für „Didactics and AI“ und am IDea_Lab der Universität Graz tätig, mahnt: Ohne Wissensgrundlage und kritisches Denken droht ein schleichender Kompetenzverlust – mit Folgen für Bildung, Wirtschaft und Gesellschaft.
Herr Professor Pfiffner, die KI ist im Vormarsch und hält Einzug ins Leben von Menschen aller Altersstufen. Ist das eine Revolution des Lernens – oder ein Risiko?
Die Frage ist weniger, ob Jugendliche KI nutzen, sondern wie sie sie einsetzen. Studien zeigen, dass ein großer Teil – etwa in Österreich rund drei Viertel – der Lernenden generative KI für die Schule verwendet. Didaktisch betrachtet wirkt KI wie ein Verstärker: Sie kann sowohl oberflächliche als auch vertiefte Lernstrategien begünstigen. Wer sie primär als Abkürzung nutzt, läuft Gefahr, eigene Denkprozesse zu reduzieren. Wird sie hingegen reflektiert eingesetzt, kann sie kognitive Aktivität und Verständnis sogar fördern.
Worin besteht die Gefahr?
Die Gefahr besteht darin, dass kognitive Prozesse ausgelagert werden. Generative KI liefert nicht nur Informationen, sondern übernimmt auch Denk- und Strukturierungsleistungen. Wer sich Aufgaben oder Texte generieren lässt, überspringt genau den Teil, der für nachhaltiges Lernen entscheidend ist: das eigenständige Strukturieren, Durchdenken und Ringen um Lösungen. Gerade dieses Ringen ist zentral für Problemlösefähigkeit, Frustrationstoleranz und die Überzeugung, sich Inhalte selbst erschließen zu können. Hinzu kommt eine trügerische „Verstehensillusion“: Wird KI zu früh eingesetzt, entsteht der Eindruck, ein Thema sei verstanden, obwohl nur ein Ergebnis vorliegt. Verstehen heißt jedoch, den Lösungsweg nachvollziehen zu können – nicht nur das Resultat zu übernehmen.
Wenn die Ergebnisse stimmen, heiligt dann nicht der Zweck die Mittel?
Nein, in diesem Zusammenhang greift dieses Argument zu kurz. Generative KI arbeitet mit Wahrscheinlichkeiten: Antworten wirken plausibel, sind aber nicht zwingend korrekt. Das Problem: KI formuliert sehr überzeugend – auch bei inhaltlichen Schwächen. Diese Mischung verleitet dazu, Aussagen zu glauben, nur weil sie gut klingen. Entscheidend sind daher zwei Dinge: ein solides Wissensfundament und eine gesunde Skepsis.
Manfred Pfiffner
- Geboren 1963 in St. Gallen, Schweiz
- Studierte nach umfassender Lehrerausbildung und -tätigkeit in Fribourg Pädagogik, Pädagogische Psychologie, Medien- und Kommunikationswissenschaften sowie Sozialarbeit und Sozialpolitik.
- 2008 promovierte er an der Universität Oldenburg, wo er sich 2012 habilitierte.
- Seit 2014 ist er Professor für Berufspädagogik an der Pädagogischen Hochschule Zürich.
- Seit 2024 zudem Professor für Didaktik und Künstliche Intelligenz an der Universität Graz
- Forschungsschwerpunkte: berufliche Bildung, Curriculumsentwicklung, Pädagogische Diagnostik, 4K-Modell des Lernens
- Pfiffner engagierte sich im Publikumsrat sowie als stellvertretender Ombudsmann der SRG Deutschschweiz.
Wo liegt konkret das Problem?
Es entsteht eine Abhängigkeit. Man ist darauf angewiesen, dass die Maschine richtige Antworten liefert. Das ist nicht nur ein individuelles Lernproblem, sondern hat auch eine gesellschaftliche Dimension. Wenn Menschen sich daran gewöhnen, Ergebnisse einfach zu übernehmen, ohne sie zu hinterfragen, nimmt ihre Fähigkeit zur kritischen Prüfung ab. Das macht sie anfälliger für Einfluss – nicht nur durch KI, sondern auch durch Medien, Werbung oder politische Botschaften.
Sie propagieren das 4K-Modell des Lernens und haben darüber viele Bücher geschrieben. Welche Rolle spielen diese Kompetenzen in der KI-Welt?
Eine zentrale. Die vier Kompetenzen – kritisches Denken, Kommunikation, Kooperation und Kreativität – entscheiden maßgeblich darüber, ob KI als Werkzeug genutzt wird oder zum Ersatz für eigenes Denken wird. Besonders wichtig ist dabei die Fähigkeit zur Selbsteinschätzung: also zu erkennen, was man weiß – und was nicht. Wer die eigenen Grenzen kennt, kann gezielter nachfragen, sich fehlende Zusammenhänge erklären lassen und Ergebnisse besser einordnen.
Einige Schulen überlegen, klassische Facharbeiten abzuschaffen, weil sie schwer auf den Einsatz von KI überprüfbar sind. Halten Sie das für sinnvoll?
Nein, im Gegenteil. Gerade solche Aufgaben sind zentral, weil sie grundlegende Lernprozesse fördern: eigenständiges Recherchieren, Strukturieren und Verstehen. Entscheidend ist, Schülerinnen und Schülern den Stellenwert dieser Tätigkeiten klarzumachen, und Facharbeiten weiterzuentwickeln: Dazu gehört auch mehr Transparenz im Umgang mit KI, etwa durch Offenlegung ihres Einsatzes, ähnlich wie bei Quellenangaben. So verschiebt sich der Schwerpunkt weg vom vermeintlich „KI-freien Produkt“ hin zu einem reflektierten Arbeitsprozess.
„Das selbstständige Ringen um Lösungen ohne KI ist zentral für die Fähigkeit zur Problembewältigung, die eigene Frustrationstoleranz und nachhaltiges Lernen.“
KI als Abkürzung zu verwenden, ist aber schon verlockend? Ich finde das aus Sicht der Jugendlichen schon nachvollziehbar.
Natürlich. KI ist schnell, bequem und liefert oft brauchbare Ergebnisse. Dass Jugendliche sie als Abkürzung nutzen, ist nachvollziehbar. Genau darin liegt aber die Herausforderung: Lernen entsteht nicht durch das Ergebnis, sondern durch den oft anstrengenden Weg dorthin. Wer diesen Weg abkürzt, überspringt zentrale Lernprozesse. Das rächt sich spätestens bei komplexeren Aufgaben. Wie im Sport gilt: Ohne Training gibt es keinen Muskelaufbau. Beim Denken ist es ähnlich – wer zu viel auslagert, verliert die Fähigkeit, Probleme selbst zu analysieren und zu verstehen.
Verändert KI auch die Art, wie wir denken?
Ja, durchaus. Früher hat man sich oft Schritt für Schritt durch ein Problem gearbeitet. Heute geht es häufig darum, dass man zuerst weiß, wohin man will – und dann formuliert, wie man dorthin kommt. Das ist ein Perspektivenwechsel: weg vom reinen Problemlösen, hin zu einem stärker zielorientierten Denken. Die Herausforderung dabei ist, dass der Weg selbst an Bedeutung verlieren kann. Wenn der Fokus zu stark auf dem Ergebnis liegt, besteht die Gefahr, dass Methoden und Zusammenhänge weniger tief verstanden werden.
Was raten Sie Menschen im Umgang mit KI?
Denken Sie immer zuerst selbst. Das ist die wichtigste Regel. KI ist ein wertvolles Werkzeug, aber der erste Schritt sollte immer der eigene sein. Konkret kann das heißen: Zuerst eine eigene Lösung versuchen und erst danach KI um Feedback bitten. Eigene Ideen entwickeln und anschließend mit KI erweitern.
Und was passiert, wenn wir das nicht tun?
Wenn wir aufhören, selbst zu denken, verlieren wir auf Dauer auch die Freude daran, Dinge eigenständig zu verstehen und zu gestalten. Ein Leben, in dem Lösungen nur noch geliefert werden, nimmt uns einen wichtigen Teil dessen, was es erfüllend macht. Es geht dabei um etwas Grundlegenderes: das Gefühl von Selbstwirksamkeit. Gerade deshalb ist es so wichtig, bewusst Räume zu erhalten, in denen wir selbst denken, ringen und Lösungen finden. Denn genau darin liegt ein zentraler Teil von Lernen und sicher auch von Lebensqualität.
Zum Abschluss: Was ist für Sie die wichtigste Frage der nächsten Jahre?
Die zentrale Frage lautet: Was muss der Mensch noch wissen? Und zwar ganz konkret – bezogen auf Inhalte. Wir müssen den Bildungsbegriff neu schärfen. Und das inhaltliche Fundament mit überfachlichen Kompetenzen verbinden: also mit kritischem Denken, Urteilsfähigkeit und der Fähigkeit, Wissen einzuordnen. Erst im Zusammenspiel entsteht echte Bildung. Die Antworten auf diese Fragen werden weitreichend sein. Es geht um unser Verständnis davon, was einen gebildeten Menschen im 21. Jahrhundert ausmacht.
Fotos: beigestellt, iStock
