Renaissance der Kreditwürdigkeit
Steigende Kosten, geopolitische Unsicherheiten und eine schwankende Konjunktur: Oliver Kröpfl, Vorstandsmitglied der Steiermärkischen Sparkasse, über veränderte Rahmenbedingungen und die Rolle der Banken in einer Zeit, in der Planbarkeit zur Ausnahme geworden und Investitionsbereitschaft dennoch essenziell geblieben ist.
Was sind aktuell die größten Herausforderungen für steirische Unternehmen?
Die Inflation entwickelt sich weiter stärker als die Konjunktur und der Kostendruck auf Unternehmen ist höher als die wirtschaftliche Dynamik. Das wird sich in den nächsten Monaten nicht so schnell ändern. Gleichzeitig entsteht ein Innovationsdruck, weil sich diese Situation auf längere Sicht nur über Effizienz und neue Lösungen bewältigen lässt.
Wie wirkt sich diese Unsicherheit auf unternehmerische Entscheidungen aus?
Entscheidungen werden intensiver reflektiert und deutlich länger vorbereitet. Niemand investiert heute leichtfertig, was grundsätzlich sinnvoll ist. Gleichzeitig birgt reines Abwarten große Risiken. Internationale Mitbewerber investieren sehr wohl weiter, wodurch Unternehmen, die zu lange zögern, schnell Marktanteile verlieren können.
Wie entwickelt sich die Kreditnachfrage aktuell?
Die Nachfrage ist im heurigen Jahr erfreulich dynamisch. Wesentlich ist die Unterscheidung zwischen Interesse an Krediten und tatsächlich getätigten Investitionen. Gerade 2025 gab es viele Interessenten, die sich letztendlich doch gegen eine Umsetzung etwaiger Vorhaben entschieden haben. Heuer ist das Bild positiver: Viele Unternehmen halten an ihren geplanten Projekten fest und setzen diese konsequent um. Gleichzeitig haben sie gelernt, sich besser auf die unsichere Gesamtsituation einzustellen.
„Von einer Kreditklemme kann keine Rede sein. Privatkunden und solide aufgestellte Unternehmen profitieren derzeit von attraktiven Finanzierungsbedingungen.“
Gibt es branchenspezifische Unterschiede?
In vielen Branchen hängt die Entwicklung stark vom einzelnen Unternehmen ab – manche handeln sehr dynamisch, andere deutlich vorsichtiger. Die Immobilienwirtschaft und angrenzende Bereiche agieren weiterhin zurückhaltender. Von den geopolitischen Unsicherheiten profitiert der heimische Tourismus in gewisser Weise, da Reiseaktivitäten über Kontinente hinweg derzeit abgenommen haben.
Was bremst Investitionen am stärksten?
Ein entscheidender Faktor ist die geringe Planbarkeit. In meiner gesamten Berufslaufbahn gab es noch nie eine Phase, in der das Treffen von Entscheidungen trotz höchster Sorgfalt so schwierig war. Das betrifft auch uns selbst als Bank. Wer größere Investitionen tätigt, braucht verlässliche Rahmenbedingungen. Diese fehlen derzeit. Zinsentwicklung, Inflation und Konjunktur sind schwer vorhersehbar. Das bremst die Investitionsfreude.
Wie gelingt dennoch die Balance zwischen Vorsicht und notwendigem Handeln?
Entscheidend ist es, die eigene Position im Markt sehr gut zu kennen. Viele steirische Unternehmen haben hohe Exportquoten. Es ist extrem wichtig, internationale Mitbewerber genau zu beobachten. Dieses Bewusstsein ist ein zentraler Erfolgsfaktor, allerdings auch in größeren Unternehmen nicht immer selbstverständlich. Da fehlen oft essenzielle Kenntnisse.
Wie schätzen Sie derzeit die wirtschaftliche Gesamtlage in Europa ein?
Es gibt positive Signale, aber die Situation ist fragil und bleibt empfindlich gegenüber geopolitischen Entwicklungen. Die Unternehmen stellen sich den Herausforderungen. Krisen wie im Nahen Osten zeigen, wie schnell sich die Lage wieder verändern kann. Die wirtschaftliche Erholung ist eher eine zarte Entwicklung als ein stabiles Wachstum.
Gibt es Anzeichen für eine Erholung in der Immobilien- und Bauwirtschaft?
Die Nachfrage nach Wohnraum ist wieder gestiegen, was sehr positiv ist. Gleichzeitig bleibt die Lage angespannt. Viele Immobilienprojekte lassen sich aufgrund der hohen Kosten nur schwer profitabel umsetzen. Während einige Unternehmen sehr erfolgreich sind, kämpfen andere mit erheblichen Schwierigkeiten bis hin zu Insolvenzen. Ich rechne in diesem und im nächsten Jahr noch mit einer starken Marktbereinigung. In der aktuellen Lage braucht es eine hohe Vertriebskompetenz, die sich nicht alle geschaffen haben.
Wie hat sich die Risikobewertung bei der Kreditvergabe verändert?
Von einer Kreditklemme kann keine Rede sein – im Gegenteil: Sowohl Privatkunden als auch solide aufgestellte Unternehmen profitieren derzeit von attraktiven Finanzierungsbedingungen. Eine gewisse Verschärfung gibt es bei Immobilienprojekten, da hier in den vergangenen Jahren die meisten Ausfälle zu verzeichnen waren. Entsprechend vorsichtiger agiert rein die Bankenbranche.
Die Steiermärkische Bank und Sparkassen AG
wurde 1825 als Vereinssparkasse gegründet. Sie ist damit das älteste Kreditinstitut der Steiermark – und heute mit einer Bilanzsumme von 23,8 Milliarden Euro auch das größte Kreditinstitut des Landes. 2.981 Mitarbeitende arbeiten an 232 Standorten in Österreich und Südosteuropa für über eine Million Kundinnen und Kunden.
Welche Rolle spielt persönliche Beratung in Zeiten von Digitalisierung und KI?
Sie hat nach wie vor einen extrem hohen Stellenwert, das melden uns unsere Kunden regelmäßig zurück. Die Anzahl der Beratungsgespräche hat zwar in den letzten Jahren abgenommen, aber die Qualität und die Anforderungen an die Beratung sind gestiegen. Gerade bei großen finanziellen Entscheidungen ist das persönliche Gespräch unverzichtbar. Wir erleben derzeit eine Renaissance der Kreditwürdigkeit. Zahlen und Tools sind eine wichtige Grundlage, letztlich geht es aber immer auch um eine gegenseitige menschliche Einschätzung.
Wie verändert sich das Spar- und Anlageverhalten?
Es gibt weiterhin eine hohe Sparquote, allerdings oft in konservativen Anlageformen. Das führt in Zeiten höherer Inflation zu realen Wertverlusten. Gleichzeitig steigt langsam die Bereitschaft, auch mittels Wertpapierprodukten in Kapitalmärkte zu investieren. Besonders in der Pensionsvorsorge wird zunehmend erkannt, dass zusätzliche private Vorsorge unumgänglich und notwendig ist.
Wie sieht Ihr Blick in die Zukunft aus?
Die kommenden Jahre werden weiterhin von Unsicherheit geprägt sein. Langfristig planbare Phasen sind eher nicht zu erwarten. Wirtschaftlich ist mit moderatem Wachstum von zwei bis drei Prozent zu rechnen. Impulse werden vor allem aus den Segmenten Energie und Energiespeicherung kommen. Global wird bereits intensiv in den Defence-Bereich investiert. Hier könnte auch die steirische Wirtschaft profitieren. Da bin ich aber eher desillusioniert – nicht weil die unternehmerischen Ideen fehlen, sondern Österreich da sehr konservativ aufgestellt ist und der regulatorische Rahmen auf Neutralität fußt. Insgesamt bleibt die Entwicklung spannend, aber herausfordernd – mit vielen Chancen für jene, die aktiv gestalten.
Fotos: Oliver Wolf
