Zwei Männer stehen an einem runden Tisch und lächeln, im Hintergrund ist eine Wand mit geometrischen Mustern zu sehen.
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Von Verantwortung getragen

Wachablöse an der Spitze der Kammer der Ziviltechniker:innen für Steiermark und Kärnten: Rainer Wührer folgt auf Gustav Spener. Der neue und der alte Präsident im Doppelinterview über Ehrenamt, Alleinstellung, Verantwortung und Co.

Bedeutet der personelle Wechsel an der Spitze der Kammer der Ziviltechniker:innen für Steiermark und Kärnten auch eine inhaltliche Zäsur?

Rainer Wührer:

Nein. Auch wenn seit 20 Jahren zum ersten Mal wieder ein Vertreter der Sektion Architekt:innen an der Spitze der Kammer steht und dort einen Vertreter der Zivilingenieur:innen abgelöst hat, steht der Wechsel im Zeichen inhaltlicher Kontinuität. Wir haben gemeinsame Ziele im Blick, die wir langfristig und konsequent verfolgen: nämlich als gesetzliche Interessensvertretung die Bedingungen der Berufsausübung für unsere Mitglieder zu verbessern und unsere Verantwortung für die Gestaltung unserer Lebensräume wahrzunehmen und auszubauen. Als Körperschaft öffentlichen Rechts ist uns diese Verantwortung vom Staat übertragen und kommt auch in unseren Befugnissen zum Ausdruck.

Gustav Spener:

Zwei Leitmotive unserer Identität als Kammer wirken hier zusammen: „Gemeinsam sind wir stärker“ und „Gemeinsam die Zukunft gestalten“. Ersteres nach innen, Letzteres nach außen. Die Klammer ist „gemeinsam“. Wir pflegen in unserer Kammer seit jeher ein besonders gutes Einvernehmen. Während meiner sechsjährigen Tätigkeit als Präsident habe ich Entscheidungen immer ins paritätisch besetzte Präsidium getragen und dort besprochen, selbst wenn ich allein entscheidungsberechtigt gewesen wäre. Für mich eine Frage des Vertrauens und der Transparenz, aber auch der Qualität der Entscheidungen.

Zwei lächelnde Männer stehen an einem runden schwarzen Tisch in einem modernen Raum, im Hintergrund sind geometrische Wandbilder zu sehen.

„Letztendlich ist es das Ehrenamt, das unser Engagement trägt.“

Rainer Wührer
Präsident ZT-Kammer

Warum der Wechsel?

Spener:

Ich habe diese Funktion fast sechs Jahre lang mit voller Kraft und Begeisterung ausgeübt, neben der Führung meines Unternehmens. Als Präsident bin ich auf rund 1000 Stunden pro Jahr gekommen, ehrenamtlich. Ich habe in dieser Zeit also gefühlt zwei Fulltime-Jobs ausgeübt. Und irgendwann musste ich zum Selbstschutz einen Schlussstrich ziehen. Das Präsidentenamt ist noch einmal eine andere Dimension, das wird auch mein Nachfolger spüren, selbst wenn er sich schon seit Jahren intensiv in Kammer und Präsidium engagiert. Man könnte auf dieses Amt nicht besser vorbereitet sein als er. Es wird allerdings immer schwieriger, Menschen zu finden, die bereit sind, sich ein solches Amt „anzutun“. Ich bin froh, in Rainer Wührer einen Nachfolger zu haben, der bereit ist, sich auf dieses Pensum und auf die damit verbundenen Herausforderungen einzulassen.

ZUR KAMMER

Die Kammer der Ziviltechniker:innen
(für Steiermark und Kärnten ZT-Kammer) ist als Körperschaft öffentlichen Rechts die gesetzliche Berufsvertretung der freischaffenden Ziviltechniker:innen. Vertreten sind Mitglieder aus den beiden Sektionen Architekt:innen und Zivilingenieur:innen. Letztere umfasst gut 60 Fachbereiche von Bauingenieurwesen und Wirtschaftsingenieurwesen im Bauwesen über Vermessungswesen, Raum- und Landschaftsplanung, Wasserwirtschaft, Bergwesen und Maschinenbau bis zu IT.

sued.zt.at

Und wenn sich tatsächlich irgendwann niemand mehr findet …

Wührer:

Unsere Tätigkeit ist im Ziviltechnikergesetz ausdrücklich als Ehrenamt ausgestaltet und daher unentgeltlich auszuüben. Gleichzeitig ist nicht zu übersehen, dass der persönliche Zeitaufwand und die damit verbundenen wirtschaftlichen Nachteile mitunter erheblich sein können. Es wird daher künftig zu diskutieren sein, ob und in welchem Umfang Möglichkeiten geschaffen werden sollten, solche Nachteile zumindest teilweise auszugleichen. Aber letztendlich ist es das Ehrenamt, das unser Engagement trägt. Wir alle in der Kammer engagieren uns aus Enthusiasmus und Leidenschaft für unsere Tätigkeit – und nicht, weil wir uns davon finanzielle Vorteile versprechen.

ZU DEN PERSONEN

Zwei lächelnde Männer stehen an einem runden Tisch vor einer Wand mit geometrischen Mustern; der eine trägt eine dunkle Jacke, der andere einen hellen Blazer.
„Gemeinsam stärker“: der ehemalige und der neue ZT-Kammer- Präsident Gustav Spener (r.) und Rainer Wührer

Rainer Wührer
geboren 1972 in Steyr/OÖ, Studium der Architektur, TU Graz und Escola Tècnica Superior d’Arquitectura de Barcelona (ETSAB), Ziviltechniker seit 2003, Wührer Architekten ZT GmbH, seit Juni 2026 Präsident ZT-Kammer Steiermark und Kärnten.

Gustav Spener
geboren 1971 in Graz, Studium Wirtschaftsingenieurwesen im Bauwesen TU Graz und University of Sydney, seit 2002 Zivilingenieur für Wirtschaftsingenieurwesen im Bauwesen, ZT-Büro SPENER, 2021–2026 Präsident der ZT-Kammer Steiermark und Kärnten

Wo sehen Sie abgesehen davon die wesentlichen Herausforderungen für die kommenden Jahre?

Wührer:

Das Bewusstsein für die Bedeutung, den Wert und die herausragende Qualität unserer Leistungen in all den Bereichen, in denen unsere Mitglieder tätig sind, weiter zu schärfen – nach innen wie nach außen. Als befugte und beeidete Ziviltechnikerinnen und Ziviltechniker sind wir verpflichtet, unsere Auftraggeberinnen und Auftraggeber unabhängig zu vertreten und dabei auch etwaige berechtigte Ansprüche Dritter zu berücksichtigen. Deswegen werden wir auch als die „technischen Notare“ bezeichnet.

Spener:

Diese Unabhängigkeit ist unser Alleinstellungsmerkmal und ein machtvolles Instrument im Dienste der Qualität. Um ihre Tragweite zu unterstreichen ein Beispiel aus dem IT-Bereich: Unabhängig von Hersteller-, Systemanbieter- oder Handelsinteressen planen unsere IT-Ziviltechnikerinnen und -techniker die für die Auftraggebenden jeweils optimale und damit auch sichere Lösung. Damit kommen sie auch in besonders sensiblen Bereichen zum Zug, etwa wenn es um staatlich-militärische Hochsicherheitserfordernisse geht.

Wührer:

Unserem Berufsstand ist die Trennung von Planung und Ausführung eingeschrieben, mit der Unabhängigkeit von ausführenden Firmen in unseren Entscheidungen verpflichten wir uns den Auftraggebern gegenüber. Das unterscheidet uns ganz fundamental von Anbietern, die genau das nicht tun …

Spener:

 … und die dann alle Leistungen aus einer Hand anbieten. „Alles aus einer Hand“ ist in dieser Hinsicht die gefährlichste Drohung, die es gibt, denn es bedeutet: es ist alles dem ökonomischen Eigeninteresse unterworfen. Genau das machen Ziviltechnikerinnen und Ziviltechniker eben nicht.

Wührer:

Unabhängigkeit, Ehrenamt, absolute Abstinenz von Parteilichkeit und Parteipolitik: Mit dieser klaren inhaltlichen Positionierung werden wir zu den wesentlichen Zukunftsthemen zu Rate gezogen und in öffentliche Gestaltungs- und Gesetzgebungsprozesse eingebunden. Zu zentralen Fragen wie Mobilität, Energieraumplanung, zukunftsfähige Gemeinden oder blau-grüne Infrastruktur im Hinblick auf Klimaanpassung haben wir unsere Zugänge auch in Publikationen skizziert. ZT-Expertise ist der Schlüssel zu einer lebenswerten Zukunft. Für Auftraggebende ist unsere Dienstleistung der Garant dafür, dass Projekte nach höchsten technischen Standards ökonomisch effizient sowie nachhaltig geplant und realisiert werden.

Spener:

Es muss uns allerdings gelingen, der Öffentlichkeit den Wert dieser Leistungen noch stärker bewusst zu machen. Wir könnten in vielen Bereichen noch selbstbewusster auftreten.

Fotos: Oliver Wolf