Eine Frau in einem roten Mantel sitzt lächelnd auf einer Treppe, neben ihr stehen zwei Landschaftsbilder.
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Kunst, die Unfassbares festhält

Die ukrainische Künstlerin Elmira Shemsedinova hält mit ihren vielgestaltigen Werken die bewegte Geschichte der Krimtataren fest und fungiert in ihren aktuellen Werken als Botschafterin ihres Landes, indem sie die Ungerechtigkeit des russisch-ukrainischen Krieges aufzeigt. Wir trafen sie zum Gespräch über ihre berühmte Künstlerfamilie, das wiederkehrende Motiv der Schwarzmeerküste und warum sie die impressionistische Idee des Augenblicks fasziniert.

Elmira Shemsedinova befand sich gerade in Kiew, als der russisch-ukrainische Krieg ausbrach. „Als ich nicht lange Zeit darauf in Graz ankam, fühlte ich mich zwar zum ersten Mal wieder sicher, trotzdem war ich ständig in Sorge um meine Verwandten und Freunde, was mich sehr belastet. Dennoch hilft mir die Vorstellung, als Künstlerin eine Art Botschafterin meines Landes sein zu können und die Ungerechtigkeit, die dort passiert, durch meine Kunst aufzuzeigen“, erklärt die Malerin, die Monumental- und Sakralmalerei an der Akademie der bildenden Künste und Architektur in Kiew studierte und dort als Assistentin tätig war. Seit vier Jahren ist Elmira Shemsedinova in der lokalen, steirischen Kunstszene tätig. Als Mitbegründerin des Grazer Atelier- und Ausstellungsraums „Gemeinschaft ukrainischer Künstler:innen“ ZIEGEL organisiert sie Ausstellungen zeitgenössischer Kunst, Workshops sowie Konzerte. Ihre umfassende künstlerische Praxis umfasst Malerei, Installation und Performance sowie die Teilnahme an Ausstellungen und Artist Residencies.

ZUR PERSON

Eine Frau in einem roten Mantel sitzt auf einer Treppe neben zwei Landschaftsgemälden, lächelt leicht und stützt ihr Kinn mit der Hand.

Elmira Shemsedinova

  • Geboren 1989 in Kiew
  • Künstlerin, Malerin, Kunstpädagogin, Kunstvermittlerin, Kunstwissenschaftlerin
  • Studium am Staatlichen Kunstlyzeum T.G. Schewtschenko und an der Nationalen Akademie für Bildende Künste und Architektur in Kiew
  • Sieben Einzelausstellungen und über 40 Gemeinschaftsprojekte, Auktionen und Kunstmessen in der Ukraine und im Ausland
  • Mitbegründerin des Grazer Atelier- und Ausstellungsraums Gemeinschaft ukrainischer Künstler:innen ZIEGEL
  • Ihre Kunstwerke sind Teil verschiedener Sammlungen in Europa, den USA und China.

Künstlerin in vierter Generation

Die Nähe zur Kunst entspann sich nicht erst im Studium, sondern ist eng mit der Familie und Herkunft der Künstlerin verwoben: „Ich bin bereits in der vierten Generation Künstlerin. Mein Urgroßvater war Künstler, und mein Großvater, Irfan Shemsedinov, war ein berühmter modernistischer Architekt, der in Kiew zahlreiche monumentale Denkmäler und eine Metrostation entworfen hatte. Später war er dort Professor an der Akademie der Bildenden Künste und Dekan der Architekturabteilung. Auch mein Vater war Professor für Architektur – und mein erster Lehrer: Als Kind habe ich seine Arbeit beobachtet, und wir haben gemeinsam ständig gezeichnet oder entworfen. Bis heute habe ich immer einen Bleistift bei mir – obwohl ich bereits viel am iPad arbeite (lacht). Meine Mutter ist Musikerin und Pianistin, arbeitete am Staatsopernballett und deckt den musischen Teil der Familie ab.“

„Die Betrachter sollten Dinge
in meinen Arbeiten entdecken,
die ich selbst nicht bewusst
hineingelegt habe.“

Elmira Shemsedinova
Künstlerin

Mensch und Landschaft untrennbar verbunden

Neben ihrer Familie prägt vor allem die Herkunft der Künstlerin ihr heutiges Schaffen: „Aus der Linie meines Großvaters stammen wir von den Krimtataren ab. Ein Teil meiner Familie ist ukrainisch, ein Teil gehört zu den Kasan-Tataren. Das sind verschiedene turksprachige Gruppen mit jeweils eigener Geschichte und Kultur.“ So wurde im Jahr 1944, als der Großvater der Künstlerin im Zweiten Weltkrieg kämpfte, das krimtatarische Volk innerhalb von drei Tagen gewaltsam von der Krim nach Zentralasien deportiert. Erst nach dem Zerfall der Sowjetunion, als die Ukraine unabhängig wurde, kehrte der Großvater mit 80 Jahren schließlich 1990 zusammen mit seiner Familie auf die Krim zurück und baute sich an der Schwarzmeerküste ein Haus, direkt am Meer. Das Haus wurde zu einem wichtigen Ort der Familie. Elmira Shemsedinova verbrachte viele Sommermonate dort. „Während all dieser Zeit der Abwesenheit von seiner Heimat sehnte sich mein Großvater immer nach dem Meer. Deshalb habe ich ihm die Ausstellung ‚Absence‘ (2021) gewidmet: Ein Werk zeigt eine typische Krimlandschaft in der Nähe des Hauses meines Großvaters. Die Figur des Großvaters ist nach einem seiner letzten Fotos gezeichnet.“ Die einzelne Figur verweist darauf, dass Mensch und Landschaft untrennbar miteinander verbunden sind. „Wird ein Mensch von seiner Heimat losgerissen, empfindet er dies als zutiefst unnatürlich und einsam“, so die Malerin. Im Jahr 2016 mussten sie das Haus, in dessen Nähe der Großvater der Künstlerin begraben liegt, aufgrund der russischen Besetzung der Krim verkaufen. Damit ging nicht nur ein Gebäude verloren, sondern auch ein Ort voller Erinnerungen.

Ein Künstler in einem gelben Mantel malt in einem Atelier eine farbenfrohe Küstenlandschaft auf eine große Leinwand. In der Nähe liegen Blumen und Malutensilien.
Kein Himmel, kein Licht und keine Stimmung wiederholen sich. Jeder Moment ist einzigartig.

Ein Horizont der Furcht und Angst

„Ich habe viele Sommermonate dort verbracht. Es war eine unbeschwerte Zeit, in der ich oft das Schwarze Meer und dessen Farbenspiel beobachtete“, erklärt die Künstlerin. Ihre Erinnerungen arbeitete die Künstlerin in der Werkserie „Tense Horizon (2022)“ auf. „Im Jahr 2022 war ich Artist in Residence in der QL-Galerie (Quartier Leech) in Graz und erhielt Stipendien des österreichischen Bundesministeriums für Kunst, Kultur, öffentlichen Dienst und Sport in den Jahren 2022 und 2024. Dadurch konnte ich meine Einzelausstellung „Tense Horizon“ im Zuge der Grazer Galerientage realisieren“, verrät sie. Ihre frühen Skizzen aus dem Jahr 2017 zeigten noch leuchtende Farben: das Meer, die Zypressen, die subtropische Vegetation, die mediterrane Atmosphäre. Acht Jahre später, nach Beginn des Krieges, änderte sich die Bildsprache grundlegend: Plötzlich erscheint der Horizont am Ende des Schwarzen Meeres nicht mehr in den Farben ihrer Kindheit und Jugend, sondern verdichtet in monochromer Darstellung die reale Bedrohung durch die Kanonenrohre der gepanzerten Kreuzer. „Die Horizontlinie, die für mich einmal für unendliche Weite, Schönheit und Freiheit gestanden war, ist nun von Angst und Furcht besetzt. Man sieht keinen Krieg direkt, aber man spürt seine Präsenz“, verrät Shemsedinova.

Konservierung der Vergangenheit

Dabei stehen nicht nur Erinnerung und Heimat im Zentrum der Werke Elmira Shemsedinovas, sondern auch die Konservierung der Vergangenheit. In einer ihrer jüngsten Ausstellungen „Family Nest (2025)“ greift sie die Zeichnungen ihres Großvaters – hauptsächlich Pastelle, die Häuser und Gassen der Krim darstellen – künstlerisch auf und interpretiert diese neu. „Heute verschwinden die Häuser aus seinen Zeichnungen unwiederbringlich, ebenso wie die meisten Beispiele der krimtatarischen Volksarchitektur auf der Halbinsel Krim. Später, in den 2000er- und 2010er-Jahren, versuchte ich während meiner Reisen durch die Krim, diese Anwesen oder die Orte, an denen sie einst standen, wiederzufinden. Ich zeichnete, fotografierte und dokumentierte die Veränderungen, die sich innerhalb von mehr als einem halben Jahrhundert vollzogen hatten.“

In den Darstellungen des Schwarzen Meeres ist die Präsenz des Krieges spürbar.

Abstrakte Malerei mit einem großen grauen Rechteck im oberen Bereich und strukturierten, übereinanderliegenden Pinselstrichen in Schwarz, Weiß und Grau im unteren Bereich.
In den Darstellungen des Schwarzen Meeres ist die Präsenz des Krieges spürbar.

Über Materialität und Impressionismus

In diesen Arbeiten kommt die besondere Materialität, die den Werken der Künstlerin zu eigen ist, zum Tragen: „Ich interessiere mich für Materialien und besonders dafür, wie man ein Material mit einem anderen imitieren kann. Mich fasziniert die Oberfläche eines Bildes – manchmal wirkt sie wie eine Art „Fake Surface“. Oft erkennen die Betrachter nicht sofort, mit welchen Materialien ein Werk entstanden ist.“

Diese Materialität überträgt die Künstlerin in einer aktuellen Serie namens „Impressionismus und Zeit“ (2024 2026) zunehmend ins Digitale. Darin untersucht sie die flüchtigen Zustände von Natur und Licht – ob im Park des Schloss Eggenberg oder während eines Spaziergangs durch die Stadt. „Für mich haben diese digitalen Skizzen auch eine therapeutische Funktion. Sie helfen mir, die Gegenwart und die Abfolge meiner Gedanken bewusst wahrzunehmen.“ Dabei interessiert sie besonders die impressionistische Idee des Augenblicks: Kein Himmel, kein Licht und keine Stimmung wiederholen sich exakt. Jeder Moment ist einzigartig. „Manchmal fühle ich mich deshalb zwischen verschiedenen Welten. Einerseits schätze ich die handwerkliche Tradition der Malerei, andererseits suche ich nach zeitgenössischen Formen, diese Tradition weiterzuentwickeln. Für mich bleibt Malerei ein offener Prozess: Die Betrachter sollten Dinge in meinen Arbeiten entdecken, die ich selbst nicht bewusst hineingelegt habe. Deshalb glaube ich nicht an einen objektiven Realismus. Jede Wahrnehmung ist subjektiv und individuell.“ Shemsedinova setzt damit die impressionistische Tradition der unmittelbaren Naturbeobachtung außerhalb des Ateliers fort: Nämlich, das Unfassbare festzuhalten.

In einem Galerieraum steht eine Frau in einem hellbraunen Mantel zwischen einem Wandgemälde, das einen Mann zeigt, und einem großen Gemälde mit einer schwarzen Silhouette.
Die Künstlerin erweckt Erinnerungen an das Haus des Großvaters zum Leben.

Fotos: Oliver Wolf, beigestellt