Präzision auf Schiene
Wenn Standardlösungen nicht reichen: Das steirische Unternehmen ESTET Stahl- und Behälterbau hat sich unter anderem auf Prototypen, Einzelanfertigungen und Kleinserien in der Instandhaltung von Lokomotiven und Waggons spezialisiert. Die Vergangenheit weist damit in die Zukunft: Ein Zug kann heute wie morgen nur sicher unterwegs sein, wenn auch die kleinsten Details stimmen, betont Geschäftsführerin Helga Stadler.
Ein Zug ist ein komplexes Zusammenspiel unzähliger Komponenten. Viele davon werden als Teil hochautomatisierter Produktionsprozesse in großen Stückzahlen gefertigt, gerade in der Instandhaltung braucht es allerdings immer wieder Speziallösungen. Das Stahlbau-Unternehmen ESTET mit Sitz im steirischen St. Michael konzentriert sich im Schienenfahrzeugbau auf Aufgaben, bei denen die Standardisierung an ihre Grenzen stößt: auf Prototypen, Einzelanfertigungen und Kleinserien. „Als österreichischer Fertigungsbetrieb würde es für uns keinen Sinn machen, in die Großserie zu gehen, weil die Lohnstückkosten dafür einfach zu hoch sind“, gibt die geschäftsführende Gesellschafterin Helga Stadler zu bedenken. Stattdessen setzt man auf Erfahrung und Kompetenz bei anspruchsvollen Einzelanfertigungen und präzisen Nachbauten. Denn spezielle Vorrichtungen und Fertigungsstraßen aus der ursprünglichen Serienfertigung stehen bei der späteren Herstellung von Ersatzteilen im Regelfall nicht mehr zur Verfügung. Damit sind individuelle Fertigungslösungen gefragt.
ZUM UNTERNEHMEN
ESTET
Stahl- und Behälterbau wurde 1979 als Schlosserbetrieb gegründet und hat sich seither zu einem Industriebetrieb mit umfassender Fertigungskompetenz entwickelt. In der Bahnindustrie ist das nach EN 15085-2 CL1 und EN 1090 EXC 4 zertifizierte Familienunternehmen auf sicherheitsrelevante Bauteile für Schienenfahrzeuge ebenso spezialisiert wie auf anspruchsvolle tragende Schweißkonstruktionen für die Infrastruktur.
Hunderte Komponenten
„Wir haben bereits hunderte unterschiedliche, meist sicherheitsrelevante Schweißbaugruppen gefertigt wie Drehzapfen, Crashkörper aus Stahl und Aluminium, Torsionsbalken, Kopfträger oder Langträger“, erklärt Stadler. Verschiedene Drehtraversen für Personenzüge, Schwerlasttragkonstruktionen aus hochfesten Feinkornstählen mit Stückgewichten von 20 Tonnen und vierachsige Drehgestellrahmen für den Güterverkehr sowie eine Eisenbahn-Trogbrücke mit einem Bauteilgewicht von 60 Tonnen standen ebenso bereits auf der Auftragsliste und brachten dem Unternehmen unter anderem Bewertungen als „Outstanding Supplier“ ein. Als Werkstoffe kommen neben Baustahl auch Edelstahl und Aluminium sowie Feinkornstähle zum Einsatz. Feinkornstähle punkten durch ihre hohe Festigkeit, wodurch sich Bauteilmassen reduzieren lassen. Im Schienenfahrzeugbau ist jedes eingesparte Kilogramm relevant, denn weniger Gewicht ermöglicht zusätzliche Nutzlast. Gleichzeitig stellt der Werkstoff hohe Anforderungen an die Verarbeitungskompetenz des Teams, insbesondere beim Schweißen. „Wird beim Schweißen zu viel Wärme eingebracht, werden die vorteilhaften Eigenschaften des Materials beeinträchtigt – im schlimmsten Fall ist das Bauteil durch den Verlust an Festigkeit nicht mehr verwendbar“, so Stadler. Hier ist die Erfahrung der Fachkräfte entscheidend: Das Schweißen bleibt trotz moderner Fertigungstechnologien Handarbeit. Besonders anspruchsvoll kann die Fertigung dann werden, wenn Ersatzteile für ältere Fahrzeuge benötigt werden. Nicht selten stammen die beigestellten Zeichnungen noch aus den 1970er- oder 1980er-Jahren. Dann gilt es, die alten Zeichnungen auf heutige Fertigungsbedingungen und Normen zu übertragen.
Unter einem Dach
ESTET verfügt über eine hohe Fertigungstiefe im eigenen Haus: Vom Materialzuschnitt und Kanten über Zusammenbau, Schweißen und mechanische Bearbeitung bis hin zur Endkonservierung werden alle wesentlichen Fertigungsschritte selbst durchgeführt. Das schafft nicht nur kurze Wege, sondern vor allem Flexibilität. „Wenn sich bei einem Projekt kurzfristig etwas ändert, können die Abläufe im eigenen Unternehmen entsprechend angepasst werden“, sagt Stadler. „Ein Zug, der wegen eines fehlenden Bauteils nicht eingesetzt werden kann, steht. Deshalb sind Termintreue und Verlässlichkeit zentrale Anforderungen.“ Dafür brauche es allerdings auch einen realistisch gesetzten Zeitrahmen. Zusätzliche Flexibilität schafft das Schwesterunternehmen ESTET Personal, das auf die Überlassung von Fachkräften für die Metallbranche spezialisiert ist. Dadurch stehen dem Stahlbaubetrieb bei Bedarf kurzfristig zusätzliche qualifizierte Fachkräfte zur Verfügung. Digitalisierung hat vor allem in der Organisation und Dokumentation Einzug gehalten. Der Stellenwert von Qualität und Präzision reicht weit über die Fertigungshalle hinaus: „Im Schienenverkehr steht Sicherheit an erster Stelle. Jedes Bauteil muss zuverlässig als kleiner Bestandteil eines wesentlich größeren Systems funktionieren.“ Für Stadler ist das nicht zuletzt auch eine Frage europäischer Industriekompetenz. Im internationalen Vergleich wächst der Kosten- und Wettbewerbsdruck. Die InnoTrans in Berlin als Weltleitmesse für Verkehrstechnik macht einmal mehr sichtbar, welche Herausforderungen noch auf die Bahnbranche zukommen. „Für uns bedeutet das, unsere Stärken klar zu definieren. Sie liegen vor allem in hohen Qualitätsstandards, die ihren Preis wert sein müssen.“ Gerade bei sicherheitsrelevanten Komponenten könne man sich Qualitätsmängel schlichtweg nicht leisten.
Die Zukunft des Schienenverkehrs wird von neuen Technologien geprägt, gleichzeitig braucht es weiterhin Know-how für die Instandhaltung bestehender Lokomotiven und Waggons ebenso wie für die Bahninfrastruktur. Die Konstante dabei: Ein Zug kann nur dann sicher unterwegs sein, wenn auch die kleinsten Details stimmen.
Fotos: ESTET