„Mut braucht auch Realismus“
Trotz schwieriger Rahmenbedingungen beweist die Steiermark starken Gründungswillen. Was Start-ups wirklich brauchen, wie aus einer guten Geschäftsidee ein erfolgreiches Unternehmen wird und warum ein Start-up keinen Glamourfaktor braucht, erklären Oliver Kröpfl, Vorstandsmitglied der Steiermärkischen Sparkasse, und Dagmar Eigner-Stengg, Leiterin des GründerCenter.
Wie gründungsfreudig ist die Steiermark derzeit? Überwiegt der Mut zum Unternehmertum oder Zurückhaltung?
Erfreulicherweise ist der Gründungsmut in der Steiermark – unabhängig von der wirtschaftlichen Situation – konstant stark ausgeprägt. Im ersten Halbjahr 2026 gab es rund 2.800 Neugründungen. Das ist im Zeitvergleich ein guter Wert. Gleichzeitig wird die Betreuung immer wichtiger. Denn eine erfolgreiche Gründung ist erst der Startpunkt – entscheidend ist, danach erfolgreich zu wirtschaften.
Das GründerCenter feiert heuer sein 25-jähriges Bestehen. Wie hat sich die Gründerszene seither verändert?
Sie ist vielfältiger geworden. Zu uns kommen junge Menschen direkt von den Universitäten und Fachhochschulen ebenso wie Personen mit Berufserfahrung, dazu Ein-Personen-Unternehmen und Betriebsnachfolger. Wir betreuen Tech-Start-ups genauso wie Gründungen in traditionellen Handwerksbranchen. Was auffällt: Die Gründer sind heute meist gut vorbereitet und kommen mit professionellen Unterlagen. Was gleichgeblieben ist: Es gründen Menschen – keine Excel-Tabellen.
GründerCenter
- Kompetenzzentrum der Steiermärkischen Sparkasse für Unternehmensgründerinnen und -gründer sowie Betriebsübernehmerinnen und -übernehmer. Beratung in allen Fragen rund um Finanzierung, Förderungen, Businessplan und Risikobewertung.
- Als Teil des Start-up-Ökosystems vernetzt das GründerCenter auch mit Business-Angels und Investoren.
- Beratung kostenlos nach Terminvereinbarung.
www.gruendercenter.info
Was macht aus einer guten Geschäftsidee ein potenziell erfolgreiches Unternehmen?
Bei mir beginnen die Augen zu leuchten, wenn jemand sagt: „Ich löse ein Kundenproblem.“ Die entscheidenden Fragen sind: Gibt es einen Markt? Sind Kunden bereit zu kaufen? Wie sieht die Strategie aus und wie ist das Team aufgestellt? Ein Warnsignal ist, wenn jemand sagt, er habe überhaupt keinen Mitbewerb. Auch extreme Umsatzplanungen ohne tragfähiges Geschäftsmodell sind ein No-Go.
Für mich stehen drei Dinge im Zentrum: Team, Transparenz und eine Portion Realismus. Bei den Gründerteams kommt es drauf an, ob die Menschen gemeinsame Erwartungen haben und in dieselbe Richtung ziehen. Zudem müssen wir verstehen, worum es geht und was das Geschäftsmodell von anderen unterscheidet. Trotz allen Mutes braucht es immer auch Realismus. Wir haben als Bank mit über 200-jähriger Geschichte am Markt Erfolge und Misserfolge gesehen. Beides gehört zur Wirtschaft. Misserfolge liegen oft an einer unrealistischen Erwartung über die Welt.
Was erwarten Start-ups von einer Bank – und umgekehrt?
Gründerteams erwarten von uns Tempo in den Entscheidungen, Know-how und ein Netzwerk – aber auch ein klares Commitment in Form einer Finanzierung. Gerade bei Gründungen ist Zeit ein entscheidender Faktor. Umgekehrt erwarten wir Offenheit und Verbindlichkeit. Wenn beides zusammenkommt, entsteht Vertrauen – die Grundlage für eine erfolgreiche Zusammenarbeit.
Welche Unterstützung bietet das GründerCenter konkret?
Wir begleiten bei den ersten Schritten, unterstützen bei Business- und Finanzplan und bieten umfassende Förderberatung. Wenn Sicherheiten fehlen, können Förderstellen über Garantien eine Finanzierung erleichtern. Wir verstehen uns dabei als Sparringspartnerin: Wir hinterfragen die Idee und helfen, das Geschäftsmodell nachzuschärfen. Manchmal ist es nötig, den Gründerinnen und Gründern die rosa Brille ein bisschen runterzunehmen. Wir wollen Geschäftsmodelle verstehen und an sie glauben. Genau dafür stehen wir mit unserem Slogan #glaubandich.
„Wir betreuen Start-ups in unterschiedlichen Branchen. Nicht jede Gründung braucht einen Glamourfaktor.“
Ist die Finanzierung die größte Hürde für Start-ups?
In der Gründungsphase nicht unbedingt. Meist lässt sich ein Finanzierungsmix aufstellen: Eigenkapital, Bankfinanzierung, Förderungen und gegebenenfalls Risikokapital von Investoren. Österreich und die Steiermark verfügen über eine gut ausgebaute Förder- und Garantielandschaft. Schwieriger wird es häufig in der Wachstumsphase, wenn größere Summen für die internationale Skalierung benötigt werden. Beim Venture Capital sind wir hierzulande im internationalen Vergleich in einer überschaubaren Größenordnung. Das muss man realistisch sehen. Umso wichtiger ist es, vorhandene Netzwerke gut zu nutzen. Es gibt auch bei uns eine breite Palette an Institutionen und Persönlichkeiten, die Risikokapital bereitstellen.
Ist das auch eine Standortfrage?
Ja, denn gerade bei technologiegetriebenen Unternehmen sehen wir oft hervorragende Ideen aus Universitäten und Inkubatoren. Wenn es um die Skalierung geht, wandern manche Unternehmen dorthin, wo mehr Kapital verfügbar ist. Aber für den Standort ist es naturgemäß weniger erfreulich, wenn Wertschöpfung später anderswo entsteht. Deshalb braucht es Ambition und Realismus. Wir sollten unsere Stärken ausbauen und dafür sorgen, dass möglichst viel Wertschöpfung hierbleibt.
Welche Trends bei Start-ups beobachten Sie derzeit? Alles KI, oder was?
KI bietet enorme Chancen, aber bei solchen Trends besteht immer die Gefahr einer Karawanenbildung. Wenn man fast dasselbe Geschäftsmodell immer wieder sieht, schauen wir besonders genau hin. KI kann in Nischen sehr erfolgreich sein, gleichzeitig ist dort der Wettbewerb groß. In der Steiermark gibt es zum Glück eine Reihe starker Themen wie GreenTech, Mobilität oder HealthTech. Wichtig ist die Vielfalt des Ökosystems. Es können Unternehmen in unterschiedlichen Bereichen international erfolgreich sein. Nicht jede Gründung braucht einen Glamourfaktor.
„Wir verstehen uns als Sparringspartnerin für Start-ups und helfen, das Geschäftsmodell nachzuschärfen.“
Warum unterstützt die Steiermärkische Sparkasse den SPIRIT Start-up Award?
Uns ist wichtig, Start-ups und Unternehmensgründungen vor den Vorhang zu holen. Ich finde es immer wieder beeindruckend, mit welchem Mut Menschen ihre Ideen umsetzen. Wir sind stolz darauf, Start-ups beraten und begleiten zu dürfen und daraus langfristige Kundenbeziehungen zu entwickeln.
Abschließend: Ihr wichtigster Tipp an Gründerinnen und Gründer?
Die gute Mischung aus Optimismus und Realismus. Ohne Optimismus und den Glauben an sich selbst kann man nicht gründen. Ohne Realismus bringt man die Gründung aber nicht auf die Straße.
Früh mit den Kundinnen und Kunden und der Bank sprechen. Nicht warten, bis das Produkt „perfekt“ ist, sondern einmal mit einem Minimum Viable Product in den Markt gehen, Feedback holen und es weiterentwickeln. So verhindert man, am Markt vorbei zu entwickeln und unnötig Kapital zu verbrennen.
Fotos: Oliver Wolf