Ein an der Wand montiertes weißes WC, eine weiße rechteckige Badewanne und ein durchscheinender, blaugrüner Beistelltisch in einem Raum mit rosa Bodenbelag.
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Ich muss mal (Dünger machen)

Pipi rein, Wertstoff raus: Wenn das stille Örtchen zum Recycling-Hub wird. Das Designstudio EOOS entwickelte gemeinsam mit Badkeramik-Spezialist LAUFEN das wegweisende Urin-Trenn-WC „save!“ – ein System für die nachhaltige Düngerproduktion der Zukunft. Ein gelungenes Beispiel dafür, dass Design nicht nur die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen steigert, sondern auch Antworten auf große Zukunftsfragen liefern kann.

Vom Müssen zum Können. Vom dringenden Bedürfnis zur Lösung eines dringlichen Problems? Wir kennen das: Wruuusch. Mit der Klospülung ist das Geschäft erledigt. Hinter einem die (Sint-)Flut! Was danach kommt, ist für den Nutzer unsichtbar, aber nicht unaufwändig: der lange Weg des Abwassers bis zu seiner Behandlung in Kläranlagen. Dort werden aus den Abwässern unter anderem Nährstoffe wie Phosphor, Stickstoff und Kalium – wichtige Rohstoffe für die Düngerproduktion – gewonnen. Gerade Phosphor gilt als endliche Ressource, das Element geht zur Neige – mit dramatischen Folgen für künftige Ernteerträge. Recycling – auch aus menschlichen Ausscheidungen – wird daher zur notwendigen Alternative. Weltweit beschäftigen sich kluge Köpfe daher mit der Frage, wie Toiletten so gestaltet werden können, dass sie mit möglichst geringem Aufwand das Recycling wertvoller Wertstoffe möglich machen. Schließlich ist der Betrieb von Kläranlagen energieintensiv – zudem stehen sie nicht überall auf der Welt zur Verfügung.

Wand-WC mit sichtbarem Unterputz-Spülsystem und gelben Sanitärrohren.

Wie bei herkömmlichen Toiletten fließt das Abwasser über einen Siphon nach hinten in das Fallrohr (dunkelgrau). Der durch den Urinabscheider (Urine Trap) separierte Urin wird über einen kleineren Siphon in ein separates Urin-Fallrohr (gelb) im hinteren Bereich geleitet.Der gesammelte Urin wird in einen Tank im Keller geleitet. Von dort aus kann er entweder mithilfe einer Urinaufbereitungsanlage zu Dünger verarbeitet oder für die Behandlung in einer zentralen Anlage gesammelt werden.

Kreislaufwirtschaft vom Abfluss auf den Acker

Eine führende Rolle auf diesem Gebiet nimmt das Designstudio EOOS mit Sitz in Wien ein. Das Kreativteam forscht seit Jahren an Lösungen im Bereich nachhaltigen Abwassermanagements. Große Erfolge glückten den „Social Design“-Experten im Rahmen der „Reinvent the Toilet Challenge“ der Gates Foundation – dabei gelang die Entwicklung des „Urine Trap“, eines Systems, das es ermöglicht, auf smarte Weise Urin von Spülwasser und Fäkalien zu trennen. „Die Entwicklung basiert auf dem sogenannten Teekanneneffekt, den wir alle kennen, wenn das Teewasser beim Ausgießen an der Außenseite der Kanne herunterrinnt – die Folge einer zu langsamen Fließgeschwindigkeit“, erklärt Lotte Kristoferitsch, die gemeinsam mit Harald Gründl das ‚Social Design‘-Team von EOOS leitet. „Bei höheren Geschwindigkeiten hingegen fließt der Flüssigkeitsstrom über die Kante hinweg.“ Ein Prinzip, das sich EOOS bei der Entwicklung von „Urine Trap“ zunutze machte. Durch eine speziell designte Kante im Innenteil der Toilette werden langsam fließender Urin und schnell strömendes Spülwasser voneinander getrennt – ganz ohne Ventile oder Chemikalien.

Eine lächelnde Frau mit Brille, die einen schwarzen Pullover trägt, sitzt an einem Schreibtisch und hält eine orangefarbene Mappe in der Hand.

„Eine Marktinnovation mit gesellschaftlichem Mehrwert“

Lotte Kristoferitsch
Leiterin „Social Design“ beim Designstudio EOOS

Vom Patent zum serienreifen Produkt

Schon bald wurde LAUFEN, führender Hersteller von Badkeramik, auf die Innovation aufmerksam. Man startete einen gemeinsamen Design- und Entwicklungsprozess, um den Prototyp in ein modernes Sanitärkeramikprodukt für den europäischen Markt zu übersetzen. „Wir brachten unser Patent und unsere Erfahrungen ein, LAUFEN das umfassende Know-how eines Keramikherstellers“, so Kristoferitsch. Ein intensiver Designprozess startete. Dabei gelang es, das Prinzip „Urine Trap“ auf ein marktfähiges Wand-WC zu übertragen sowie die Wasser- und Urinführung innovativ weiterzuentwickeln. Das Produkt „save!“ leitet Urin – unter Nutzung der Oberflächenspannung – in einen separaten Ablauf, wo er in eigenen Behältnissen gesammelt und als Ressource genutzt werden kann. „Durch die perfekte Integration der Technologie ist save! optisch nicht von anderen High-End-Toiletten zu unterscheiden. Auch für den Nutzer der Toilette macht es keinen Unterschied – man benutzt save! wie jede andere Toilette auch, das ist entscheidend für die Akzeptanz “, so Kristoferitsch.

Ein Mann mittleren Alters mit graumeliertem Haar, der einen marineblauen Blazer und ein weißes Hemd trägt.

„save! ist ein realer Baustein für die klimaneutrale Stadt von morgen“

Christian Schäfer
Geschäftsführer von LAUFEN Österreich

Düngerfabrik im Keller

„Die größte Herausforderung bestand für uns darin, eine hochentwickelte Trenntechnologie unsichtbar in ein serienreifes, ästhetisches Produkt zu integrieren“, erklärt Christian Schäfer, Geschäftsführer von LAUFEN Österreich. „Die von uns genutzte ‚Urinfalle‘ erfordert höchste Präzision in der Fertigung. Das WC musste optisch und ergonomisch einer herkömmlichen Toilette entsprechen, alle bestehenden Funktions- und Anschlussnormen erfüllen und spülrandlos funktionieren.“ Worin lag die Motivation, eine Lösung im Bereich nachhaltiges Abwassermanagement zu entwickeln? „Als führender Hersteller von Badkeramik sehen wir uns in der Verantwortung, sanitäre Lösungen ganzheitlich neu zu denken“, so Schäfer. „Nährstoffe wie Stickstoff und Phosphor im Abwasser können in Gewässern Eutrophierung verursachen, also ein unkontrolliertes und dadurch schädliches Wachstum von Wasserpflanzen. Als aufbereiteter Dünger sind Stickstoff und Phosphor jedoch extrem wertvoll – dafür muss der Urin eben separiert werden. Unsere Motivation mit save! war es, eine praxisnahe Schnittstelle für die urbane Kreislaufwirtschaft zu schaffen und zu beweisen, dass nachhaltiges Abwassermanagement direkt am Ort des Entstehens – im Badezimmer – beginnen kann“, so Schäfer. Wie sieht er die Marktchancen? „Wir sehen Potenzial überall dort, wo kreislauffähige Haustechnikkonzepte und nachhaltige Stadtentwicklung gefragt sind“, betont Schäfer und verweist auf Leuchtturmprojekte wie das ‚Stadtregal‘ im Wiener Wohnbau, wo save! bereits integriert ist. Ebenso wie im Headquarter der European Space Agency (ESA) in Paris, wo Urin nicht nur gesammelt, sondern daraus mit einem Reaktor auch gleich Dünger produziert wird. „Ähnliches passiert auch in der Eawag, dem Wasserforschungsinstitut der ETH in Zürich“, ergänzt Kristoferitsch. „Auch ein geplantes großes Wohnbauprojekt in Paris wird künftig save!-Toiletten einsetzen.“ „Damit beweisen wir, dass save! den Sprung aus dem Forschungslabor in die industrielle Praxis geschafft hat“, erklärt Schäfer. „Gerade in Neubauprojekten kann die technische Integration der Urintrenntechnologie relativ einfach eingeplant werden. Wir adressieren damit Bauträger, Kommunen und Architekten, die reale Bausteine für die klimaneutrale Stadt von morgen suchen.“

save!
Die erste Urin-Trenn-Toilette, die den neuesten Industriestandards entspricht. Das System trennt Urin passiv von Fäkalien und Spülwasser, sodass dieser anschließend mithilfe von Backend-Systemen effizient und nachhaltig (zu Dünger) weiterverarbeitet werden kann.

EOOS
Internationales Designstudio mit Sitz in Wien, drei Standbeine: Möbeldesign, Produktdesign und „Social Design“, Gewinner von über 250 internationalen Design-Awards

LAUFEN Österreich
Teil der Laufen-Gruppe mit Sitz in Laufen (CH), international tätiger Schweizer Hersteller von Sanitärkeramik, Badmöbeln, Badewannen, Komplettbädern und Bad-Accessoires. Die Unternehmensgruppe gehört seit 1999 zum spanischen Roca-Konzern. Vertriebsniederlassungen in 44 Ländern sowie fünf Produktionsstätten in der Schweiz, in Österreich und in der Tschechischen Republik.

Creative Styria
Die gelungene Kooperation war auch eines der Highlights der diesjährigen Österreichischen Designgespräche auf Schloss Hollenegg for Design, einer Initiative der SFG, Stadt Graz und WKO Steiermark.

Fotos: beigestellt