Mehr als ein Anker
356 Millionen Euro Umsatz pro Jahr: Der Tourismus ist im Thermen- & Vulkanland zum potenten Wirtschaftsfaktor gereift. Tourismusverband-Geschäftsführer Christian Contola über die Identität der Region jenseits von Ankerpunkten, neue Plattformen und das Gebot, an einem Strang zu ziehen.
Eine WIFO-Studie aus dem Jahr 2024 führt die volks- und regionalwirtschaftliche Dimension vor Augen: Die sechs Thermen im Thermen- & Vulkanland sind weit mehr als nur touristische Einzelbetriebe. In den beiden Standortbezirken Hartberg-Fürstenfeld und Südoststeiermark lässt sich die Wirkung demnach mit 104,3 Millionen Euro Wertschöpfung und rund 2.260 Beschäftigungsverhältnissen für das Jahr 2019 beziffern, national mit rund 291,2 Millionen Euro. „Da bewegt sich also schon einiges. Gäbe es den Tourismus nicht, würden die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verflechtungen entfallen“, unterstreicht Christian Contola, Geschäftsführer des Tourismusverbandes Thermen- & Vulkanland. Und: „Wir sprechen bei uns aktuell von rund 2,17 Millionen Nächtigungen und rund 660.000 Ankünften pro Jahr. Unsere Nächtigungs- und Tagesgäste sind ja täglich in der Region unterwegs.“ Die Aufmerksamkeit für etablierte Betriebe zieht konzentrische Kreise – die Wirkung reicht bis ins Handwerk, die Direktvermarktung der Landwirtschaft oder Taxidienste hinein. Aus einem touristischen Anker wird so ein Schaufenster für die gesamte Umgebung: Wer als Thermalgast kommt, der kann eine Vielfalt an Angeboten entdecken. „Man muss die Region nicht auf Thermen allein reduzieren. Wir haben so viele spannende kulinarische und kulturelle Angebote und eine ganze Reihe von Unternehmen, die Interessierten einen Einblick in ihre Arbeit geben. Das ist eine große Stärke, hier wachsen viele Ideen“, so Contola.
„Bei jedem touristischen Projekt gibt es zwei Perspektiven: Was bringt es den Menschen, die hier leben? Und was jenen, die in die Region kommen?“
Hinter den Kulissen
Ein noch relativ junges Beispiel ist die Initiative „Kulinarik der Erfinder:innen“. Seit rund zwei Jahren arbeitet der Tourismusverband dabei mit Produzierenden aus Weinbau, Gastronomie und Manufakturen zusammen. Im Mittelpunkt stehen jene Menschen und Betriebe, die regionale Produkte entwickeln und herstellen. Gäste wie Einheimische können einen Blick hinter die Kulissen werfen und selbst mitmachen – bei Workshops, Masterclasses, Spezialführungen, Verkostungen und exklusiven Dinnerformaten. Wenn Schokolade auf Wollschwein trifft und Wein-Jahrgänge vertikal verkostet werden, weitet sich der Erlebnishorizont ganz automatisch. Die touristische Verbindung von Wellness- und Gesundheitsthemen mit Wandern und Radfahren, Wein und Kulinarik, Schlössern und Burgen, Golfspiel und lokalen Helden von Gölles bis Zotter soll in der kommenden Zeit noch weiter intensiviert werden. „Die Thermen sind ein wichtiger Impulsgeber, die Zukunft liegt aber darin, alle Möglichkeiten und Angebote in der Region miteinander zu verbinden und so auch die Aufenthaltsdauer der Gäste, die aktuell durchschnittlich 3,3 Tage beträgt, zu verlängern.“ Im gesamten Thermen- & Vulkanland werden rund 356 Millionen Euro Umsatz pro Jahr direkt aus dem Tourismus generiert. Mehr als 6.000 Menschen arbeiten in den Tourismusbetrieben der Region. Der Ausbau von Freizeit- und Gesundheitsangeboten sowie die Investitionen in infrastrukturelle Maßnahmen bedeuten Aufträge auch für regionale Unternehmen. Zugleich sind sie ein Beitrag für mehr Lebensqualität für die Menschen vor Ort. „Mobilitätslösungen müssen im Alltag für Gäste und Einheimische funktionieren und gut nutzbar sein. Solche Systeme kosten aber natürlich einiges an Geld“, spricht Contola Aufgaben für Gegenwart und Zukunft an. Fahrrad- wie E-Bike-Routen bringen zusätzliche Frequenz und damit Belebung auch in kleinere Ortskerne, neue Beschilderungssysteme werden gerade ausgearbeitet.
Zwei Perspektiven
Auch die Anpassung an den Klimawandel wird zunehmend zur Aufgabe. Die eigens entwickelte „Klimafit-Bibel“ des Thermen- & Vulkanlandes rückt konkrete klimatische Erfordernisse und Handlungsmöglichkeiten in den Blick – von der Kommunikation darüber, welche Radwege vor allem im schattigen Gelände verlaufen, bis hin zu möglichen Maßnahmen für bestehende Gebäude wie die Bepflanzung von Fassaden. Für Contola steht fest: „Wir müssen den Tourismus gemeinsam mit den Menschen vor Ort gestalten. Einheimische dürfen nicht das Gefühl haben, dass ihre Region nur noch für Gäste entwickelt wird und sie selbst nur eine Nebenrolle spielen. Bei jedem touristischen Projekt gilt es, zwei Perspektiven von Anfang an mitzudenken: Was bringt es den Menschen, die hier leben? Und was jenen, die in die Region kommen? Wir wollen natürlich weiter wachsen, aber entscheidend ist die Qualität dieses Wachstums.“ Das Ziel ist für Contola klar – „eine Region, in der Gäste gerne Urlaub machen, weil die Menschen hier gerne leben.“
Das Thermen- & Vulkanland
- 38 Gemeinden, davon 29 Tourismusgemeinden
- 2.174.086 Nächtigungen, 660.513 Ankünfte im Jahr
- Gesetzliche Einnahmen 2025: rund 4,5 Mio. Euro
- 678 Beherbergungsbetriebe, 16.504 Betten
- Durchschnittliche Aufenthaltsdauer 3,3 Tage
- 6.094 Mitarbeitende im Tourismus
- Umsatz: rund 356 Mio. Euro
Fotos: Oliver Wolf, beigestellt