Betriebsnachfolge als Balanceakt
Die Übergabe eines Unternehmens ist weit mehr als ein formaler Akt. Sie ist ein Prozess, der wirtschaftliche, rechtliche und emotionale Ebenen miteinander verbindet. Michael Kropiunig, Präsident der Steiermärkischen Rechtsanwaltskammer, erklärt, worauf es dabei ankommt.
Wann ist es ein guter Zeitpunkt, um sich selbst mit dem Thema Betriebsnachfolge auseinanderzusetzen?
Früher, als viele glauben. Nachfolge ist kein Ereignis, sondern ein Prozess. Falls man verkaufen will, sollte man beginnen, sich damit zu befassen, wenn das Unternehmen gut dasteht. Denn wer übergibt, wenn es wirtschaftlich stabil läuft, erzielt bessere Bedingungen und hat mehr Gestaltungsspielraum. Gleichzeitig ist es auch eine persönliche Entscheidung: Viele Unternehmer möchten heute früher übergeben, um die eigene Lebenszeit wieder bewusster zu genießen und zu gestalten.
Was macht die familieninterne Nachfolge besonders speziell?
Sie ist emotional deutlich komplexer. Es geht nicht nur um Zahlen und Verträge, sondern um Beziehungen, Erwartungen und oft auch um ein Lebenswerk. Voraussetzung ist vor allem, dass echtes Interesse beim Nachwuchs vorhanden ist. Unternehmertum bringt eine ganz andere Verantwortung als eine Angestelltenrolle mit sich – das muss man wirklich wollen und auch dafür geeignet sein. Oft gilt es zu klären, ob die nächste Generation tatsächlich übernehmen möchte oder sich nur dazu verpflichtet fühlt. Dabei ist in der Begleitung von anwaltlicher Seite viel Fingerspitzengefühl gefragt.
Welche Fähigkeiten braucht denn die nächste Generation?
Neben fachlichem Know-how braucht es vor allem unternehmerisches Denken. Es geht nicht nur darum, ein Geschäft zu führen, sondern den gesamten Betrieb im Blick zu haben: Mitarbeitende, Immobilien, Verträge, Markt, Investitionen. Diese Weitsicht entwickelt sich oft erst mit der Zeit, deshalb kann ein schrittweises Hineinwachsen sinnvoll sein. Es braucht Expertinnen und Experten, die auf dem Weg beratend zur Seite stehen und Vereinbarungen vertraglich umsetzen – wie Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte.
Wie wichtig ist die Rolle der übergebenden Generation?
Sie ist sehr wichtig und gleichzeitig heikel. In familieninternen Übergaben ist eine Übergangsphase, in der beide Generationen aktiv sind, häufig sinnvoll. Allerdings muss klar sein, was „begleiten“ aus Sicht des Übergebenden bedeutet. Unterstützung ja, aber ohne permanente Einmischung. Wenn jede Entscheidung hinterfragt wird, nimmt man der nächsten Generation die Motivation. Loslassen ist daher eine der größten Herausforderungen.
Worin unterscheidet sich denn eine externe Übergabe von diesem Szenario?
Hier gibt es meist einen schärferen Schnitt. Ist ein Unternehmen verkauft, sollte sich der Übergeber auch mit dem Stichtag der Übergabe wirklich zügig zurückziehen und auf keinen Haftungen für das Unternehmen sitzen bleiben. Anders als in der Familie gibt es keine gewachsene Vertrauensbasis. Deshalb sind solide Verträge und eine saubere Trennung entscheidend.
Welche typischen Fehler treten im Übergangsprozess in der Praxis auf?
Ein häufiger Fehler ist es, Dinge als selbstverständlich hinzunehmen, weil „sie immer schon so waren“. Gerade in Familienbetrieben sind viele Regelungen nicht schriftlich festgehalten. Spätestens bei der Übergabe wird das zum Problem. Deshalb ist es auch die Aufgabe von Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälten, die die Übergabe betreuen und vertraglich gestalten, alle Verträge und alle Nutzungsverhältnisse zu durchleuchten, auf ihren rechtlichen Bestand zu prüfen und kritisch zu hinterfragen, ob das in der Zukunft auch noch so gewollt ist.
Welche Bereiche müssen denn besonders genau betrachtet werden?
Im Grunde geht es um das gesamte Unternehmen: Immobilien, Mietverhältnisse, Mitarbeitende, Maschinen, Kundenbindungen, Lieferantenbeziehungen und finanzielle Verpflichtungen. Der Übernehmer sollte genau wissen, was er übernimmt – inklusive aller Risiken. Umgekehrt sollte der Übergeber möglichst haftungsfrei aussteigen können.
Wie wichtig ist Transparenz dabei?
Absolut zentral. In professionellen Übergaben arbeitet man oft mit Datenräumen, in denen der Übergeber schon vorab alle relevanten Unterlagen einspielen muss. Nur so kann sich ein potenzieller Käufer ein vollständiges Bild vom Unternehmen machen. Man muss aber bedenken: Der Übergebende unterzieht sich damit einem wirtschaftlichen Seelenstriptease. Diskretion und Vertraulichkeit sind entscheidend, gerade bei externen Interessenten muss daher eine Geheimhaltungspflicht mit entsprechenden Pönalen bei Verletzung vereinbart werden.
Gibt es den idealen Weg der Übergabe?
Nein, jede Nachfolge ist individuell. Es gibt Modelle mit längerer Übergangsphase ebenso wie klare Schnitte, auch familienintern. Die Lösung muss zur persönlichen Situation passen – sowohl für den Übergeber als auch für den Übernehmer. Ich selbst habe meine Anwaltskanzlei von meiner Mutter übernommen, wir haben uns in einer Übergangsphase von mehreren Jahren letztendlich zusammengerauft, um die unterschiedlichen Vorstellungen auf einen Nenner zu bringen. Das ist ganz natürlich, denn das Geschäft verändert sich über die Jahre.
Wie wird sich das Thema der Betriebsnachfolge in Zukunft entwickeln?
Die Prozesse werden noch komplexer werden. Gleichzeitig nimmt die Bereitschaft ab, ein Unternehmen um jeden Preis innerhalb der Familie weiterzuführen. Unternehmertum ist fordernd und bedeutet oft eine hohe zeitliche Belastung. Umso wichtiger wird es, realistische Erwartungen zu haben, frühzeitig zu planen und offen über Optionen zu sprechen. Es braucht auch Imagearbeit in der Gesellschaft: Während bei uns bei Erfolg die Neidgesellschaft schnell zur Stelle ist, ist im internationalen Vergleich, etwa in den USA, ein Unternehmer ein super Typ, der für seine Leistungen geschätzt wird.
Foto: Arnold Jaritz
