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Verfahren neu denken

Kathrin Bayer hat sich auf Öffentliches Recht spezialisiert und beschäftigt sich als Rechtsanwältin einerseits mit immer komplexeren Genehmigungsverfahren, als neu berufene Universitätsprofessorin andererseits mit der Frage, wie sich rechtliche Abläufe wieder effizienter gestalten lassen. Sie arbeitet mit dem Anspruch, trotz aller Details das große Ganze im Blick zu behalten.

Den Weg nahm Kathrin Bayer gewissermaßen im Fast-Forward-Modus: Sie studierte Rechtswissenschaften an der Universität Graz, machte im Anschluss einerseits in Jus, andererseits in Sozial- und Wirtschaftswissenschaften an der BOKU Wien zwei Doktorate und schloss beide unter Mindestzeit ab. 2018 wurde sie im Ranking des Magazins Trend als beste Junganwältin Österreichs ausgezeichnet und 2019 in die „30 under 30“-Liste von Forbes DACH in der Kategorie Leadership aufgenommen. Seit 2020 ist sie Kanzleipartnerin bei „Eisenberger Experts in Public & EU Law“, seit diesem Jahr Universitätsprofessorin am Institut für Öffentliches Recht und Politikwissenschaft an der Universität Graz. Die 37-Jährige ist zudem Autorin zahlreicher Fachpublikationen und organisiert nach wie vor die von ihr 2017 ins Leben gerufene Alpenländische Jagdrechtstagung, die den juristischen Austausch zwischen Österreich, Deutschland, Südtirol, Liechtenstein und der Schweiz fördert. Der Schwerpunkt ihrer Tätigkeit liegt heute in der strategischen Betreuung großer Umwelt- und Infrastrukturprojekte. Sie beschäftigt sich insbesondere mit Europarecht und UVP-Recht und berät regelmäßig auch im Jagd-, Forst- und Naturschutzrecht.

Eine Frau mit blonden Haaren, die einen grünen, gerippten Pullover trägt, sitzt an einem Tisch und lächelt.

„Das große Ganze im Blick zu behalten, gehört für mich zu einer der wichtigsten Fähigkeiten.“

Kathrin Bayer
Rechtsanwältin

Was waren entscheidende Weichenstellungen für Ihren heutigen beruflichen Fokus?

Kathrin Bayer: Öffentliches Recht hatte während des Studiums für mich zunächst keine so große Priorität. Das hat sich erst kurz vor Beginn meiner Gerichtspraxis durch ein Praktikum in der Kanzlei Eisenberger & Herzog so entwickelt. Ich habe im Team von Professor Georg Eisenberger gearbeitet, er ist zu einem wichtigen Mentor geworden und ich habe diesen Weg dann weiterverfolgt. Ursprünglich war ich für das Studium der Technischen Physik aus Salzburg nach Graz gekommen, hatte aber nach dem ersten Jahr ins Jus-Studium gewechselt.

Was fasziniert Sie an Öffentlichem Recht?

Die unglaubliche Vielfalt. Öffentliches Recht umfasst so viele unterschiedliche Bereiche – vom Umwelt- und Baurecht über Raumordnung und Wasserrecht bis hin zu Bankenrecht, Politikwissenschaften und vielen weiteren Materien. Man muss nicht nur juristisch denken, sondern auch technische und wirtschaftliche Zusammenhänge verstehen. Genau diese Verbindung macht es für mich so spannend.

ZUR PERSON
Große Umwelt- und Infrastrukturprojekte sind ihr Metier: Rechtsanwältin Kathrin Bayer ist Kanzleipartnerin bei „Eisenberger Experts in Public & EU Law“.

Kathrin Bayer

Mit bereits 27 Jahren startete Kathrin Bayer als Rechtsanwältin bei Eisenberger & Herzog in Graz. 2019 hat sie gemeinsam mit Georg Eisenberger und Alexander Brenneis „Eisenberger Experts in Public & EU Law“, eine Spezialkanzlei für öffentliches Recht, EU-Recht und hochkomplexe Rechtsprobleme mit Standorten in Graz, Wien und Brüssel, gegründet. Die Alpenländische Jagdrechtstagung, die sie noch immer organisiert, rief sie 2017 ins Leben – mit dem Ziel, EU- und jagdrechtliche Themen im Alpenraum zu diskutieren.

Sie vertreten dabei immer Projektwerber. Was macht eine gute juristische Lösung aus, wenn so viele unterschiedliche Interessen aufeinandertreffen?

Bei komplexen Projekten braucht es ein gutes Zusammenspiel zwischen Juristen, Technikern und Projektverantwortlichen. Alle müssen ein gemeinsames Verständnis davon entwickeln, was eigentlich erreicht werden soll. Gleichzeitig muss man Sorgen von anderer Seite ernst nehmen. Es geht darum, zu erkennen, welche Einwände tatsächlich berechtigt sind und wo man mit Maßnahmen etwas verbessern kann. Aber auch das hat Grenzen. Man kann nicht jede Forderung erfüllen.

Sie betonen das große Ganze – welche Bedeutung hat dieser übergeordnete Blick für Ihre Arbeit?

Man kann sich leicht in Details verlieren. Bei einer Projektentwicklung geht es aber nicht nur um eine einzelne Rechtsfrage. Es gibt wirtschaftliche Risiken, technische Voraussetzungen, politische Entwicklungen und natürlich die Interessen verschiedener Beteiligter. Manche Risiken kann man nicht verhindern – man muss lernen, mit ihnen umzugehen. Das große Ganze im Blick zu behalten, ist für mich eine der wichtigsten Fähigkeiten. Rechtslagen können sich ändern, politische Entwicklungen können unerwartete Auswirkungen haben, Zuständigkeiten können sich verschieben. Ein Projekt, das zunächst problemlos begonnen hat, kann plötzlich mit völlig neuen Herausforderungen konfrontiert sein – etwa durch die Ausweisung eines betroffenen Areals als Naturschutzgebiet. Darauf muss man reagieren können. Entscheidend ist, handlungsfähig zu bleiben und neue Lösungen zu finden.

Muss man dafür mitunter auch eigene moralische Standards zurückstellen?

Nein, im Gegenteil. Für mich ist es ganz wesentlich, die eigenen moralischen Maßstäbe nicht aufzugeben. Ich wäre auch keine gute Rechtsanwältin, wenn ich einen Standpunkt vertreten müsste, von dem ich selbst nicht überzeugt bin. Es ist ein wichtiger Grundsatz für uns, hinter den Anliegen unserer Mandantinnen und Mandanten zu stehen und sie mit voller Überzeugung und nach bestem Wissen zu vertreten.

Eine Frau mit blonden Haaren, die einen grünen, gerippten Pullover trägt, sitzt an einem Tisch und lächelt.

„Chancen muss man nutzen. Man muss nicht jeden Schritt bis ins Letzte kennen, um ihn zu gehen.“

Kathrin Bayer
Rechtsanwältin

Verfahren haben zunehmend an Komplexität gewonnen. Wohin führt da der Weg?

Ich sehe das sehr kritisch. Es gibt immer mehr Beteiligte, immer mehr Regelungen und immer mehr parallel laufende Verfahren. Bei einem größeren Projekt können etwa Betriebsanlagen-, Bau-, Wasser- und naturschutzrechtliche Fragen zusammenkommen – jeweils mit eigenen Fristen und Parteien. Dann kann es passieren, dass man in einer Sache noch im Rechtsmittelverfahren ist, während eine andere Bewilligung inzwischen wieder abläuft. Das ist ein enormer Dschungel. Gerade innovative Projekte verlangen nach jemandem, der sie über Jahre hinweg konsequent begleitet. Wenn eine Idee, die man zuvor nur auf dem Papier gesehen hat, plötzlich konkrete Gestalt annimmt und umgesetzt wird, ist das ein unglaubliches Gefühl. Genau das motiviert mich.

Was müsste sich aus Ihrer Sicht gerade in Bezug auf die oft kritisierte Bürokratieflut verändern?

Damit Europa wieder zukunftsfähiger und wettbewerbsfähiger wird, müssen wir uns fragen, welche Regelungen tatsächlich notwendig sind und wo Bewilligungen keinen zusätzlichen Nutzen mehr bringen. Es braucht den Mut, diese Dinge infrage zu stellen. Wenn Behörden gleichzeitig nicht die Kapazitäten haben, sämtliche Vorgaben sinnvoll zu vollziehen, muss man sich fragen, ob wirklich jede einzelne Regelung notwendig ist. Kaum eine Materie ist heute nicht in irgendeiner Form europarechtlich geprägt. Das betrifft längst nicht nur klassische Rechtsgebiete, sondern auch Industrie, Cybersecurity und viele andere Bereiche. Dadurch entsteht zusätzliche Komplexität. Ich habe den Eindruck, dass dabei teilweise sehr stark auf Kontrolle und Regulierung gesetzt wird – zulasten der Unternehmen, die mit zahlreichen Vorlagepflichten und teils empfindlichen, am Umsatz orientierten Strafen konfrontiert sind.

Eine Frau mit blonden Haaren, die einen grünen, gerippten Pullover trägt, sitzt an einem Tisch und lächelt.

„Manche Risiken kann man nicht verhindern – man muss lernen, mit ihnen umzugehen. “

Kathrin Bayer
Rechtsanwältin

Sie wollen diese Themen künftig auch als Universitätsprofessorin stärker bearbeiten. Was möchten Sie der nächsten Generation mitgeben?

Die Verfahren sind mit immer mehr Beteiligten, einer enormen Dichte an Unterlagen und zusätzlichen Anforderungen überladen. Immer mehr NGOs und Bürgerinitiativen fühlen sich berufen, Kontrollaufgaben zu übernehmen, die eigentlich dem Staat vorbehalten bleiben sollten. Die zentrale Frage ist daher, wie diese Verfahren wieder effizienter gestaltet werden können. Schon in der Ausbildung ist es wesentlich, über das rein Juristische hinauszudenken. Ein gutes wirtschaftliches Verständnis wird immer wichtiger, natürlich verändert auch KI den juristischen Beruf. Es reicht künftig nicht mehr, möglichst viel Wissen in einer Prüfung wiederzugeben. Entscheidend wird sein, Zusammenhänge zu verstehen, Informationen einzuordnen und mit KI sinnvoll zu arbeiten.

Ihr Blick auf juristische Fragestellungen bezieht auch das Jagdrecht in besonderem Maße mit ein. Hier wurzelt eine persönliche Leidenschaft?

Mein Großvater war passionierter Jäger. Omnipräsent war das Thema Jagd aber nicht bei uns. Irgendwann habe ich selbst die Jagdprüfung gemacht und mich dann auch aus rechtlicher Sicht immer stärker dafür interessiert. Die Alpenländische Jagdrechtstagung haben wir 2017 ins Leben gerufen – zunächst fast wie ein Start-up-Projekt, um einen länderübergreifenden Austausch zu ermöglichen. Von Anfang an war die Tagung auf den gesamten DACH-Raum ausgerichtet. Sie findet alle zwei Jahre statt, nächstes Jahr ist Luzern als Austragungsort geplant. Fragestellungen, die uns immer wieder beschäftigen, sind die zunehmende Freizeitnutzung und ihre Effekte oder wie sich das verstärkte Auftreten großer Beutegreifer wie Wolf und Bär auf die Wildarten und ihre Lebensräume auswirkt.

Eine lächelnde Frau mit schulterlangen blonden Haaren, die einen grünen Pullover trägt, sitzt an einem Tisch in einem Büro.

Seit diesem Jahr ist die 37-Jährige auch Universitätsprofessorin am Institut für Öffentliches Recht und Politikwissenschaft an der Universität Graz.

Mit welchem Credo gehen Sie selbst in die Zukunft?

Schritt für Schritt Dinge weiterzubringen. Natürlich gibt es Rückschläge, aber ich möchte lieber etwas versucht haben, als irgendwann zurückzublicken und zu denken: Da hätte ich mehr Mut zum Risiko aufbringen müssen. Auch 2019 habe ich mit Georg Eisenberger und Alexander Brenneis bestehende gut eingespielte Kanzleistrukturen einer Großkanzlei verlassen, um mit der Spezialkanzlei einen neuen Weg einzuschlagen. Chancen muss man nutzen. Man muss nicht jeden Schritt bis ins Letzte kennen, um ihn zu gehen.

Fotos: Oliver Wolf