Die Zukunft der Gastronomie?
Personalsorgen, Inflation, Bürokratie & Co. – wo liegen derzeit die größten Herausforderungen für die Gastronomie? Welche Konzepte und Strategien versprechen künftig Erfolg? Welche Rahmenbedingungen braucht die Branche? Wo liegen die speziellen Anforderungen für die Spitzengastronomie? Und wie können wir dem Gasthaussterben entgegenwirken? Fragen, die wir mit steirischen Gastronominnen und Gastronomen am Roundtable diskutierten.
TALK IM TURM
TALK IM TURM ist ein Diskussionsformat von SPIRIT of Styria.
Jeden Monat laden wir Expertinnen und Experten zur Diskussion über ein spannendes Wirtschaftsthema an den Runden Tisch in die Redaktion an den Technopark Raaba.
Obmann Fachgruppe Gastronomie,WKO Steiermark
„dean&david“ Österreich sowie „Burgerstudio“
„Bauernwirt“ in Graz-Straßgang
Wirtshaus und Restaurant „Geschwister Rauch“
„genusswerk PUR“ sowie „DAS genusswerk“
Spaziert man abends durch Graz, sieht man überall bummvolle Gastgärten auf Plätzen und Straßen. Keine Spur von Gastro-Krise. Täuscht das Bild?
Das Bild ist sicher nicht repräsentativ für alle Betriebe. Es gibt Lokale, die florieren, und solche, die Probleme haben. Gastronomie ist vielfältig und das Spektrum ist groß: Restaurants in Graz haben etwa ganz andere Herausforderungen als Saisonbetriebe in Schladming. Was alle gemeinsam haben: ein Problem mit den steigenden Kosten, vor allem den Personalkosten, und mit der ausufernden Bürokratie. Dagegen kämpfen wir. Dazu kommen gesellschaftliche Trends, die sich auswirken. Wir bekommen von vielen Betrieben die Rückmeldung, dass das Mittagsgeschäft stark eingebrochen ist – eine Spätfolge von Corona und dem Trend zum Homeoffice.
Das kann ich nur bestätigen. Wir betreiben mit dem „DAS genusswerk“ das Betriebsrestaurant am Technopark in Raaba. Corona hat lange nachgewirkt – heuer ist das erste Jahr, in dem der Kantinenbetrieb bei uns wieder voll läuft und wir das Vor-Corona-Niveau erreichen. Vor allem am Montag und Freitag – die stärksten Homeoffice-Tage – merken wir es bis heute. Das Catering-Geschäft, unser zweites Standbein, hat sich schneller erholt und läuft stabil.
Bei dean&david haben wir in der Corona-Zeit stark in den Delivery-Bereich investiert und zu Beginn sehr profitiert – das hat sich mittlerweile auf einem soliden Niveau eingependelt. Zum Thema „volle Gastgärten in Graz“: Ich denke, da muss man differenzieren. Die vollen Lokale sieht man in den Premium-Lagen wie Schmiedgasse oder Kaiser-Josef-Platz – aber bei den Gastronomiebetrieben in der zweiten Reihe sieht das oft anders aus. Gewisse Herausforderungen, wie angesprochen, haben alle Betriebe in der Branche – aber auch große Chancen, wenn man es richtig macht.
Corona war auch bei uns, beim „Bauernwirt“ in Graz-Straßgang, eine Art Game-Changer. Danach gab es viele Firmen in der Umgebung gar nicht mehr – und auch das Mittagsgeschäft ist heute nicht mehr so ausgeprägt, wie es einmal war. Viele Menschen, vor allem die Jüngeren, sind etwas sparsamer geworden und gehen nicht mehr jeden Tag essen. Wir merken, pro Person wird oft weniger bestellt – zum Beispiel eine kleine Portion statt der großen oder man lässt die Suppe weg. Gleichzeitig hat das À-la-carte-Geschäft bei uns zugenommen – vor allem in der Altersschicht 55plus. Die Kundenschicht hat sich verändert – in Summe sind wir zufrieden. Wir haben auch am Wochenende und feiertags durchgehend offen – das kommt gut an.
Auch wir im High-End-Bereich merken, dass die Leute mittlerweile etwas mehr aufs Geld schauen und genau darauf achten, was sie für ihr Geld tatsächlich bekommen. Das ist auch verständlich. Die Erwartungen sind hoch: Bei einem Menü für 200 Euro sollte schließlich alles perfekt sein. Was mich freut: Wir beobachten, dass auch immer mehr junge Leute bereit sind, für ein kulinarisches Erlebnis Geld auszugeben. Erst unlängst war die Hälfte der Gäste an einem Samstagabend bei uns im Lokal zwischen 20 und 30 Jahre alt. Das hat es früher nicht gegeben.
Die Frage an den Branchenvertreter: Wo sehen Sie derzeit die größte Herausforderung für die Gastronomie?
Da gibt es viele! Die Kostenbelastungen für die Betriebe habe ich angesprochen. Zudem haben wir gerade am Land das Phänomen, dass viele Vereine gut frequentierte Vereinslokale betreiben, die für die Gastronomie einen Mitbewerb darstellen. Die Vereine üben zwar eine gastronomische Tätigkeit aus, unterliegen aber nicht denselben Spielregeln, die für uns gelten. Fairness sieht anders aus. Daher fordern wir von der WKO Fairplay für die Gastronomie. Was mir ebenso Sorge macht: Viele Betriebe – selbst gut gehende – finden häufig keinen Nachfolger. Das Problem wird unterschätzt. Die nächste Generation, oft gut ausgebildet, sieht, wie viel ihre Eltern arbeiten müssen und geht lieber einen anderen Weg.
Ich habe das Privileg, dass ich mit der ORF-Sendung „Kulinarium Steiermark“ viel im Land herumkomme und gemeinsam mit Eveline Wild steirische Gastronomiebetriebe vor den Vorhang holen darf. Wir haben mittlerweile mehr als 160 Betriebe besucht und dabei viele tolle Gastronominnen und Gastronomen kennengelernt. Dabei treffe ich sehr wohl immer wieder auf coole, junge, motivierte Menschen, die innovative Betriebe führen und mutig sind, eigenständige Wege zu gehen. Es gibt also nicht nur ein Gasthaussterben, sondern auch viel Aufbruch. Das finde ich sehr erfreulich.
Diese gibt es zum Glück auch. Aber viele gute Leute arbeiten lieber in Konzernen und gehen ins Ausland. Der Idealfall ist, wenn diese irgendwann zurückkehren und hier vor Ort durchstarten – eine große Chance für die Steiermark.
Beim Thema Gasthaussterben darf man auch den gesellschaftlichen Wandel nicht außer Acht lassen. Denn zur Hochblüte der Gasthäuser waren die klassischen Kunden am Abend ja durchwegs Männer. Die Frauen waren bei den Kindern zuhause – und ihre Männer sind am Stammtisch gesessen, haben getrunken und Karten gespielt. Das gibt es heute in der Form nicht mehr – zum Glück, muss man sagen. Die Rollenbilder haben sich geändert – und damit wurde auch das Wirtshaus von einst zum Auslaufmodell. Ein Betrieb muss mit der Zeit gehen. Wer sich nicht weiterentwickelt, wird nicht überleben.
Das stimmt sicher – dennoch sehe ich bei diesem Thema auch eine gewisse Mitverantwortung bei den Handelsketten und Brauereien. Denn viele Landgasthäuser sind immer noch auf das Schankgeschäft angewiesen – also auf Menschen, die nach der Arbeit vielleicht ein, zwei Bier trinken gehen. Aber wenn man im Lokal für das halbe Bier fünf Euro zahlt – was ja in Ordnung ist – und gleichzeitig kriegt man eine Kiste Bier um 14 Euro im Supermarkt, kann sich das für den Wirt auf Dauer nicht ausgehen.
„Vereinslokale stellen für die Gastronomie gerade am Land einen Mitbewerb dar. Ein Match mit ungleichen Spielregeln. Daher fordern wir Fairplay für die Gastronomie!“
Häufig werden in der Branche Personalsorgen kolportiert. Wie groß ist der Mangel?
Wir haben zum Glück tolle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die auch extrem engagiert sind – und bekommen auch immer wieder Bewerbungen rein. Viele sind schon zehn Jahre und länger bei uns. Was wir aber sehen: Viele junge Leute wollen nicht mehr am Wochenende arbeiten. In unserem Cateringbetrieb haben wir einen Pool von 140 Studierenden. Am Wochenende ist es deutlich schwieriger, jemanden zu bekommen als unter der Woche.
Das erlebe ich anders. Wir machen jährlich eine Befragung in der Berufsschule. Das Ergebnis: Das Wochenende ist nicht das entscheidende Kriterium – viele Jugendliche sagen, sie haben gerne auch am Montag, Dienstag oder Mittwoch frei. Zudem bin ich sicher, dass sich ohnehin die Vier-Tage-Woche durchsetzen wird.
Auch wir hatten noch nie ein Mitarbeiterproblem und bekommen laufend Bewerbungen – wir finden auch immer Mitarbeiter fürs Wochenende. Man darf nicht vergessen, es gibt heute ja verschiedene Lebenssituationen, Partnerschaften mit und ohne Kinder, Fernbeziehungen oder Alleinstehende – die Flexibilität steigt. Unsere Fachkräfte wollen in der Regel auch Vollzeit arbeiten. Sie brauchen das Geld, um ihr Leben bzw. das ihrer Familien zu finanzieren. Nicht jeder hat Haus mit Garten geerbt – hier wird medial oft ein verzerrtes Bild vermittelt. Auch das ganze Gerede von Work-Life-Balance ärgert mich. Denn das betrifft nur eine Minderheit, über die aber ständig in den Medien berichtet wird. Das ist nicht die Lebensrealität jener, mit denen wir täglich zu tun haben.
Auch wir haben viele alleinerziehende Mütter bei uns im Betrieb. Das passt dann oft optimal von den Arbeitszeiten. Sie fangen um sieben in der Früh an, wenn die Kinder in der Schule sind – und sind um zwei fertig. Gerade diese Frauen geben meist alles und sind Gold wert.
Die mediale Berichterstattung über die Gastronomie ist ohnehin ein eigenes Thema – unsere Branche muss regelmäßig als Sündenbock herhalten. Ob als Verursacher der Inflation oder weil wir unsere Mitarbeiter angeblich schlecht behandeln. Es mag hier wenige schwarze Schafe geben, aber kein Grund, alle über einen Kamm zu scheren. Zur Mitarbeiterfrage bei uns: Auch wir haben kein Problem, ausreichend gute Leute zu finden. Wir konnten uns einen sehr guten Ruf als Arbeitgeber erarbeiten und haben eine tolle Mitarbeiterkultur. Gerade hier in Graz machen wir regelmäßig gemeinsame Aktivitäten. Erst unlängst waren wir gemeinsam Billard spielen – rund 40 Mitarbeiter waren dabei. Wir haben sogar eine Warteliste und bekommen andauernd Bewerbungen rein. Das ist in der Systemgastronomie nicht selbstverständlich. Klar, wir sind auch effizienzgetrieben und haben klare Prozesse und Hierarchien. Besonderen Wert lege ich auf meine Filialleiter. Mit ihnen steht und fällt ein Standort.
Menschen bewerben sich überall dort, wo das Arbeitsklima und Image des Hauses passen. Das spricht sich herum. Ich kenne einige Betriebe mit langen Wartelisten für Bewerber. Der gute Umgang mit Mitarbeitern ist heutzutage ein wichtiges Asset für die Betriebe.
Da hat sich zum Glück einiges getan. Der Umgangston früher in der Gastro war schon ein rauer, das muss man ehrlich sagen. Das war auch der Grund, warum ich mich damals selbstständig gemacht habe. Ich wollte es einfach anders machen. Daher habe ich vor 13 Jahren selbst ein Unternehmen gegründet. Die Personalführung liegt mir sehr am Herzen. Ich habe einst das Kolleg in Bad Gleichenberg absolviert und arbeite, seit ich 14 bin, in der Branche. In der Gastronomie gilt das Prinzip: Entweder du liebst es oder du hasst es. Man muss eine Leidenschaft mitbringen – dann gibt es nichts Schöneres.
Ich bin zwar leidenschaftliche Wirtin, stehe aber nicht Tag und Nacht im Betrieb. Ich will nicht ausbrennen und lebe auch meine Hobbys – und meine beiden Söhne, 20 und 22, nehmen das auch wahr. Der eine studiert Bauingenieurswesen und arbeitet geringfügig im Service. Der andere hat Koch gelernt. Ob sie einmal übernehmen werden? Wer weiß! Sie sollen machen, was sie freut. Ich habe zum Beispiel klassischen Gesang studiert. Danach habe ich stets machen können, was ich wollte. Letztlich habe ich mich bewusst für die Gastronomie entschieden.
Auch wir finden stets gute Leute – Gott sei Dank. In unserem Betrieb setzen wir bevorzugt auf Vollzeitkräfte, um beständige Qualität zu sichern. Natürlich arbeiten wir auch mit Teilzeit, gerade am Wochenende. Ich möchte betonen: Die Menschen, die sich für die Gastronomie entscheiden, sind wirklich top. Wir haben ganz tolle Mitarbeiter – ob im Service oder in der Küche. Ich sage immer, eine gute Küche braucht ein gutes Service – und umgekehrt. Es kommen auch immer wieder junge Leute nach, die sich für die Branche interessieren. Für uns Betriebe ist es entscheidend, dass wir die Mitarbeiter ordentlich entlohnen – auch ein ordentliches Trinkgeld ist wichtig. Zum Glück gibt es diese Wertschätzung von Seiten der Kunden – denn eine Servicierung ist ja nicht mehr selbstverständlich.
Ich persönlich liebe es, wenn ein Service-Mitarbeiter auf Zack ist und vielleicht einen guten Schmäh hat – oder ein sympathisches Lächeln. Ein gutes Service ist extrem viel wert und wird vielfach noch immer unterschätzt, finde ich.
Das ist schon ein Erlebnis, wenn man solche Menschen im Service hat. Das fällt auf und erfreut das Herz. Und wird hoffentlich auch mit Trinkgeld belohnt.
Hier kann ich mit einer Erfahrung aufwarten, die Sie vielleicht erstaunen wird. Nämlich: Seit wir bei uns Self-Order-Terminals (SOT) eingeführt haben, wo der Kunde selbst bestellen kann, bekommen unsere Mitarbeiter deutlich mehr Trinkgeld als früher. Wir haben uns selbst gewundert, aber es ist so. Aber die Mitarbeiter sind happy. Die SOT-Einführung hat sich für uns mehrfach ausgezahlt. Denn seither hat sich auch der Durchschnitts-Bon um 25% erhöht.
„Ein Wirt muss sich heute immer mehr zum Betriebswirt entwickeln. Als Chef muss man seine Zahlen komplett im Griff haben und gleichzeitig kreativ im Marketing sein.“
Was braucht es nun, um mit seinem Gastronomiebetrieb erfolgreich zu sein?
Ganz einfach, es braucht Kreativität und gute Ideen. Man muss sich immer wieder Neues einfallen lassen und etwas Besonderes bieten. Zudem muss sich ein Wirt heute immer mehr zum Betriebswirt entwickeln. Das fällt mir nicht schwer – weil ich internationales Management studiert habe. Als Chef muss man kreativ sein und im Marketing neue Wege gehen. Und gleichzeitig muss man die Zahlen komplett im Griff haben. Ich kann jederzeit jede Auswertung auf die zweite Kommastelle genau abrufen. Ich treffe mich regelmäßig mit meinen Filialleitern, um die Einnahmen- und Kostenentwicklung zu diskutieren und gegebenenfalls nachzuschärfen. Ich gehe ja oft essen in Lokalen im In- und Ausland – und denke mir immer wieder: Wie kann sich die Kalkulation bei dem Essen ausgehen?
Meine Devise: Mut zur Kalkulation! Mit ein paar einfachen Kniffen und Maßnahmen kann man den Wareneinsatz für die Gerichte deutlich verringern – und dennoch Qualität auf die Teller bringen.
Meine Prognose: Aufgrund der Sparzwänge wird es zu einer Konsolidierung in der Gastronomie kommen. Ich bin sicher, große Brands mit vielen Betrieben und einer Markenpower werden stärker werden. Dazu zähle ich auch dean&david, da wir mit unseren 230 Restaurants in Deutschland und Österreich ganz andere Einkaufspreise bekommen. Zudem strahlt eine bekannte Brand auch Vertrauen und Verlässlichkeit aus. Oder man schafft es, sich als Wirt bzw. sein Lokal als Marke zu etablieren – wie es die Geschwister Rauch im High-End-Bereich geschafft haben oder auch der Bauernwirt und genusswerk Pur in ihren Segmenten. Als Wirt muss man heutzutage auch ein bisschen Showman sein und sich über Social Media profilieren.
Ein Betrieb braucht einfach einen USP – egal, ob es der besondere Gastgarten ist, das beste Backhendl oder die geniale Dessertauswahl. Es gibt viele Möglichkeiten, man muss stets offen und neugierig bleiben – und darf sich gerne von anderen inspirieren lassen. Es reicht nicht, wenn man als Wirt nur im Betrieb arbeitet, man sollte auch am Betrieb arbeiten.
Oder man ist erfolgreich, weil man mehrere Standbeine bedient, so wie wir das machen. Ich habe am Anfang nur Catering gemacht. Das war eher schwierig, weil man eine tote Zeit hat – von Jänner bis nach Ostern heiratet kaum jemand. Seit wir vor fast zehn Jahren hier in Raaba eingezogen sind, haben wir einen fixen Standort und damit mehr Kontinuität. Das Kantinengeschäft ist zwar ein sogenanntes „Groscherlgeschäft“, das geht nur über die Menge – wir leben von einer Mischkalkulation und stets neuen Ideen. Jeden Tag muss jedes Menü genau durchkalkuliert werden. Ebenso natürlich auch bei jedem Catering und jeder Veranstaltung.
Für mich der entscheidende Faktor: Authentizität und Menschlichkeit. Denn wir verkaufen ja nicht nur Essen und Trinken, sondern auch ein Lebensgefühl. Beim Bauernwirt haben wir einen Gastgarten mit alten Kastanienbäumen, wir dekorieren alles selber und haben stets frische Blumen. Es gibt auch immer wieder Live-Musik, auch ich selbst musiziere und singe regelmäßig. All das vermittelt ein Lebensgefühl und ist ein Mehrwert, der auch in Zukunft gefragt sein wird.
Der wichtigste Erfolgsfaktor? Mutig sein und sich trauen, neue Wege zu gehen. Einfach nur einen wöchentlichen Pizzaabend zu machen oder Sushi-Abende, wie ich es bei vielen Betrieben derzeit oft sehe, ist wenig originell. Denn im Zweifel geht der Gast dann gleich zu seinem Lieblings-Italiener oder -Japaner. Entscheidend ist, dass man eine eigene Identität hat und eine klare Ausrichtung – und dass man mit einer Idee an den Start geht. Nur dann wird man erfolgreich sein. Es war bei uns damals nicht anders.
„Worauf es in der Spitzengastronomie? Beständigkeit in der Qualität! Wir machen keine Sprints sondern absolvieren einen Marathon.“
Warum ist Ihre „Idee“ aufgegangen?
Meine Schwester und ich sind in einem normalen Bauerngasthaus groß geworden – und haben uns dann bewusst entschieden, in den High-End-Bereich zu gehen. Uns war klar: Wenn wir Richtung Haubenlokal gehen, dann kann das Lokal nicht mehr mit Einheimischen allein funktionieren, dann müssen wir auch die Gäste von auswärts adressieren. Spätestens mit der Verleihung der dritten Haube vor 15 Jahren sind wir dann auf ein anderes Level gekommen – vom Außenseiter zu einem Gourmet-Fixpunkt in Österreich. Der wichtigste Erfolgsfaktor aus meiner Sicht: Beständigkeit in der Qualität. Wir machen keine Sprints, sondern absolvieren einen Marathon. Die Besonderheit bei uns sind unsere zwei Küchenlinien – wir bieten zu Mittag österreichische Wirtshausküche und am Abend gibt es Fine Dining. Damit haben unterschiedliche Zielgruppen die Chance, unsere Philosophie – Tradition mit einem gewissen Twist – kennenzulernen: zu Mittag auf eine zugänglichere Art und abends, wenn es etwas mutiger sein darf. Auch wir bleiben nicht stehen und lassen uns immer wieder Neues einfallen. In der Zeit von Mitte November bis März ist es etwas ruhiger in der Region, daher eröffnen wir in der Vorweihnachtszeit in Graz unser Pop-up-Lokal „Funkelburg“ – es findet heuer bereits zum dritten Mal statt.
Auch wir probieren immer wieder Neues aus – so haben wir unlängst in Salzburg ein Sip & Splash gemacht. Eine coole Geschichte! Als Gast bekommt man Leinwand und Farben, dann kann man zu DJ-Vibes essen, trinken und malen. Das ist extrem gut angekommen. Solche Ideen gibt es viele – so wie es insgesamt viele super Gastronominnen und Gastronomen in Österreich gibt. Leider gibt es aber auch viele bürokratische Fesseln, die uns hemmen. Wir haben sehr fleißige Leute – daher sage ich: Lasst uns bitte arbeiten. Mein Wunsch an die Politik: Lasst uns von der Leine!
„Für mich der entscheidende Faktor: Authentizität und Menschlichkeit. Denn wir verkaufen ja nicht nur Essen und Trinken, sondern auch ein Lebensgefühl.“
Ein Beispiel für den Bürokratismus?
Das sogenannte Ersatzkraftverfahren – das ist eine Arbeitsmarktprüfung des AMS. Es wird bei einer ausgeschriebenen Stelle geprüft, ob auch Inländer für den Job verfügbar sind, bevor Arbeitskräfte aus Drittstaaten zum Zug kommen. Eine Maßnahme, die leider auch bei einer Stundenaufstockung angewandt wird. Unlängst erlebt: Ein toller Mitarbeiter aus Syrien, der 20 Stunden bei uns beschäftigt war, wollte mehr arbeiten und die Filialleiterin plante, ihn auf 30 Stunden aufzustufen. Das AMS legte sich quer, der Job musste neu ausgeschrieben werden – daraufhin mussten wir unzählige Nicht-Interessierte, die sich bei uns beworben haben, einladen, ehe wir den syrischen Mitarbeiter, der schon bei uns arbeitet und topmotiviert ist, aufstocken konnten. Auf diese Weise haben wir drei Monate verloren – ein Irrsinn.
Ich habe auch einen Wunsch, um weitere Bürokratie zu verhindern: Bitte keine Einführung der verpflichtenden Herkunftskennzeichnung. Diese wird immer wieder gefordert – aber wir wehren uns vehement dagegen, denn die Betriebe wollen nicht noch mehr Bürokratie. Sollte die verpflichtende Herkunftskennzeichnung wirklich kommen, wären die AMA-Zertifizierung und andere Auszeichnungen und Gütesiegel mit einem Schlag wertlos und viele Betriebe ihres USPs beraubt. Denn wer diese Auszeichnungen in seinem Betrieb heute freiwillig einsetzt, kann sich damit gut positionieren – diese Möglichkeit würde künftig wegfallen.
Ich muss zugeben, ich bin ein großer Fan der Lebensmittelkennzeichnung. Und bin davon überzeugt, dass sie im Sinne der Konsumenten wäre – denn es wird hier viel Schindluder getrieben und der Konsument lässt sich leicht in die Irre führen. Aber klar, ich spreche jetzt für meine Art der Gastronomie. Im Betrieb lösen wir das ganz einfach, indem wir hinten auf der Speisekarte die Bauern und Produzenten anführen, die uns beliefern. Auch für diese eine große Chance: Denn wenn jemand für einen Haubenkoch Lebensmittel liefert, hat das auch für Produzenten einen Werbewert. Wie sehr die Kunden das schätzen, merken wir auch bei unseren Kochkursen in unserer Kochschule in Trautmannsdorf – wir machen rund 40 Kochkurse im Jahr und sehen: Der Gast will ganz genau wissen, wo die Lebensmittel herkommen – fast bis zur Frage, wie die Kuh geheißen hat, deren Fleisch wir verwenden. (lacht)
In aller Kürze: Der Einfluss von Digitalisierung und KI auf die Gastronomie?
Ich behaupte: Unsere Branche ist KI-resistent. Weil das Essen von Menschen für Menschen gemacht wird.
Ich würde auch sagen, dass die menschliche Komponente der große Mehrwert der Gastronomie der Zukunft ist. Diesen kann die KI niemals wegrationalisieren. Obwohl es natürlich auch in der Spitzengastronomie nicht ohne Digitalisierung geht. Von Zeiterfassungssystemen bis zu Reservierungstools – wobei ich auch hier im Zweifel den Griff zum Telefon empfehle, damit unsere Mitarbeiter Rückfragen gleich gezielter beantworten können. Ansonsten versuchen wir, natürlich KI dort einzusetzen, wo es nützlich ist. Etwa im Social-Media-Bereich – denn Social Media ist ein wichtiger Faktor, um Gäste zu gewinnen. Je mehr wir dort Zeit sparen, desto mehr können wir uns persönlich um die Gäste kümmern.
Auch bei uns muss alles „instagrammable“ sein – und wir wollen der „Place to be“ sein. Ich persönlich bin ein großer Fan von Künstlicher Intelligenz und sehe durchaus auch Einsatzmöglichkeiten in der Gastronomie. Meine Vision: Jede Kundin, jeder Kunde bekommt künftig seine eigene Bowl von uns zubereitet. Eine App weiß genau, welches Fitnessprogramm der Kunde heute schon absolviert hat oder noch absolvieren wird – darauf wird dann das Gericht mit seinen Zutaten und Nährstoffen abgestimmt, maximal personalisiert und optimiert. Das wird ein großer Zukunftstrend.
Für mich klingt das nach Optimierungswahn. Alles messen, timen, optimieren – nein, danke! Da setze ich mich viel lieber hin und sage aus vollem Herzen: Heute möchte ich ein Backhendl mit Röstkartoffel und grünem Salat mit Kernöl genießen – vollkommen wurscht, ob das der App passt oder nicht.
Warum nicht beides? Unter der Woche auf eine gesunde, frisch und schnell zubereitete Bowl zu uns und am Wochenende zum Bauernwirt und Wirtshaus-Feeling genießen.
Okay, abgemacht. Du kommst einmal zu uns und ich komme zu euch. (lacht)
Daran sieht man, wie vielfältig und bunt unsere Branche ist – und inwieweit man sich auch ausspinnen kann. Die Möglichkeiten sind unendlich groß – und auch wenn manches fast wie ein Gegensatz wirkt, ist trotzdem alles Gastronomie.
„In der Gastronomie gilt das Prinzip: Entweder du liebst es oder du hasst es. Man muss eine Leidenschaft mitbringen – dann gibt es nichts Schöneres.“
Abschließend: Ihr Wunsch ans Christkind?
Wir sollten insgesamt darüber nachdenken, wie wir unsere Wirtschaft im Land wieder stärken. Wir brauchen Maßnahmen, die unsere Unternehmer entlasten und nicht immer weiter belasten. Denn wenn die Leute keine Arbeit haben oder zu wenig verdienen, dann hat es auch die Gastronomie schwer. Der Staat muss endlich in seine Struktur eingreifen und letztlich dafür sorgen, dass Arbeit günstiger wird. Zuletzt noch kurz eine Werbung in eigener Sache: Wir haben in der Wirtschaftskammer eine eigene App für unsere Mitgliedsbetriebe entwickelt. In dieser App bietet die Fachgruppe Gastronomie viele wichtige Infos und Services für Gastronomen. Bitte einfach runterladen!
Ich habe einen Satz heute sehr treffend gefunden, den ich gerne unterstreiche: Die Politik sollte uns einfach arbeiten lassen! Wir Gastronomen sind in unserem Bereich die Profis und wollen einfach tolle Erlebnisse ermöglichen. Wir alle möchten Zeit mit unseren Gästen verbringen und nicht am Schreibtisch mit Formularen.
Mein Wunsch: Die Lohnnebenkosten endlich spürbar senken!
Ich würde mir mehr Zuversicht und mehr positive Gedanken wünschen. Momentan glaubt man ja, wenn du die Nachrichten anschaust, die Welt stürzt ein. Diese Wahrnehmung wirkt sich auch auf uns unmittelbar aus. Daher ein bisschen mehr Zuversicht und darauf besinnen, was das Menschsein ausmacht – das gesellige Miteinander.
Dem schließe ich mich an: Mutig sein und die Chancen sehen! Durchs Jammern wird es nicht besser! Als Unternehmer bleibt einem ohnehin keine Wahl: Man muss immer nach vorne schauen und weiterdenken.
Fotos: Jürgen Fuchs